• <b>Villeneuve (VD)</b><br>Die Gegend von Roche, Ausschnitt aus einer Karte von  Cäsar Steiger,   Anfang des 18. Jahrhunderts (Burgerbibliothek Bern, GR.D.32). Mit wenigen Strichen ist der östlichste Teil des Genfersees dargestellt. Die sumpfige Rhoneebene liegt zwischen den Orten Noville und Rennaz und dem Fluss Eau-Froide, der in Villeneuve in den Genfersee mündet. Die zahlreichen Schiffe verweisen auf die Bedeutung des Hafens im Ancien Régime.

Villeneuve (VD)

Polit. Gem. VD, Bez. Aigle. Das weitläufige Gemeindegebiet umfasst die Stadt V. am Ufer des Genfersees und zahlreiche Weiler im Tal der Tinière. Der höchste Punkt liegt auf den Rochers-de-Naye 2041 m. Um 280 Penne Locos, 1005 in villa Compendiaco, 1217 Villanova, 1254 in Villa nova Chillionis, dt. früher Neustadt. Um 1395 170 Feuerstätten; 1407 113; 1803 862 Einw.; 1850 1'161; 1900 1'751; 1950 1'989; 1970 3'705 ; 2000 4'180.

Prähist. Funde in mehreren Höhlen am Fuss des Scex du Châtelard belegen eine frühe Besiedlung der Seeufer durch Jäger des Magdalénien am Ende der Eiszeit (Rentierknochen von ca. 13'000 v.Chr. und Werkzeuge aus Silex). Überreste aus dem Neolithikum, der Bronzezeit sowie eine eichene Figur aus der jüngeren Eisenzeit kamen ebenfalls auf dem Gebiet von V. zutage. Das auf antiken Itinerarien erw. Pennolucos, ein röm. Marktflecken kelt. Ursprungs, erstreckte sich sicherlich entlang der Römerstrasse, die durch einen Meilenstein aus dem 4. Jh. neben dem Schuttkegel der Tinière bezeugt ist. In La Muraz und Le Clos du Moulin wurden zwei röm. Siedlungen entdeckt. Ein röm. Gräberfeld, das nicht genau lokalisierbar ist, lag vermutlich über dem See am Hang von Valleyres.

Die "ville neuve de Chillon", die erste Gründung der Savoyer in der Gegend, wurde um 1214 von Gf. Thomas I. mit einem Stadtrecht ausgestattet. Auf einem für Zähringerstädte typischen und noch heute erkennbaren Axialgrundriss aufgebaut, wurde sie am Ort des früheren, 1005 belegten ma. Dorfs Compengie errichtet, um den Markt- und Zollort Chillon zu ersetzen, der wegen der Nähe zum Schloss an Platznot litt. Dank seiner günstigen Verkehrslage am Weg von Frankreich nach Italien über den Gr. St. Bernhard erlebte V. eine wirtschaftl. Blütezeit. Sein Hafen war ein obligater Umschlagplatz für den Warenverkehr, er diente auch als Militärbasis und besass eine Werft, auf der die Gf. von Savoyen im 13. und 14. Jh. ihre Schiffe bauen liessen. Die Rechnungsbücher, ein aussergewöhnl. Zeugnis des Wohlstands der Stadt, reichen bis 1283 zurück. Sie gehören zu den ältesten europ. Büchern aus der Epoche ma. Städte. Um 1236 gründete Aymon von Savoyen das Spital Notre-Dame für Arme, Pilger und Kranke. Davon ist nur die Kapelle erhalten, die 1876 zum Rathaus umgebaut wurde. Als die transportierten Warenmengen auf der Transitachse Gr. St. Bernhard-Col de Jougne zwischen der Lombardei und den Messen der Champagne abnahmen, setzte ab dem 2. Viertel des 14. Jh. der Niedergang von V. ein. Die Stadt, die am Ende des 13. Jh. nahezu tausend Einwohner zählte, erfuhr ab dem Ende des 14. Jh. einen kontinuierl. Bevölkerungsschwund. Die Zahl der Magistrate ging zwischen dem Ende des 13. Jh. und dem Beginn des 14. Jh. von vier auf einen einzigen Syndic und vier Adjunkte zurück.

<b>Villeneuve (VD)</b><br>Die Gegend von Roche, Ausschnitt aus einer Karte von  Cäsar Steiger,   Anfang des 18. Jahrhunderts (Burgerbibliothek Bern, GR.D.32).<BR/>Mit wenigen Strichen ist der östlichste Teil des Genfersees dargestellt. Die sumpfige Rhoneebene liegt zwischen den Orten Noville und Rennaz und dem Fluss Eau-Froide, der in Villeneuve in den Genfersee mündet. Die zahlreichen Schiffe verweisen auf die Bedeutung des Hafens im Ancien Régime.<BR/>
Die Gegend von Roche, Ausschnitt aus einer Karte von Cäsar Steiger, Anfang des 18. Jahrhunderts (Burgerbibliothek Bern, GR.D.32).
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1476 verlor V. durch die bern. Eroberung und die Bildung des Gouvernements Aigle, dessen Grenzen dem Verlauf des Flüsschens Eau Froide folgten, den linksufrigen Teil seines Gebiets. Bis 1536 gehörte die Stadt zur savoy. Vogtei Chablais und wurde dann der bern. Landvogtei Chillon bzw. Vevey angegliedert. 1536-1798 wurde die Gem. durch einen Zwölfer- und einen Dreissigerrat verwaltet. Sie lebte von der Alpwirtschaft und dem Weinbau. 1798 wurde sie dem Distrikt Aigle zugeteilt und bildete mit Noville, Roche, Chessel und Rennaz den Kreis V. Zwischen 1799 und 1815 gab sich die Stadt einen Stadtrat und einen Gemeinderat.

Kirchlich bildete V. immer eine eigene Pfarrei, in savoy. Zeit zusammen mit Noville und Rennaz. Die 1166 erstmals erw. Kirche von Compengie wurde durch die heutige Kirche ersetzt, die, obwohl sie älter aussieht, wahrscheinlich während der Stadtgründungszeit ab 1214 entstand. 1228 als Pfarreikirche belegt und ab 1303 unter dem Paulus-Patrozinium bekannt, wurde sie 1536 in eine ref. Kirche umgewandelt. 1911 entstand für die vielen ital. Gastarbeiter die kath. Kirche Sacré-Cœur.

Der Abbau des lokalen Kalksteins ist seit dem 14. Jh. belegt, in Form von Gips oder Gipsstein in Valleyres und ab dem 15. Jh. als Baustein in den Steinbrüchen an den Hängen der Monts d'Arvel. Im 19. Jh. kamen neue Abbaustellen hinzu. Mit dem Bau zweier Kalk- und Zementfabriken im 3. Viertel des 19. Jh. nahm die Förderung an den beiden Standorten Crêt und der Tinière-Mündung besonders stark zu. Die erste wurde 1918 abgerissen, die zweite ab 1930 für die Produktion von Baustoffen umgenutzt. Zu Beginn des 21. Jh. war nur noch die Firma Carrières d'Arvel SA (1905) in Betrieb. Ab dem 20. Jh. begannen sich vielfältige Industrien zu entwickeln, namentlich entlang der 1892 gebauten Eisenbahnlinie zwischen dem Bahnhof von V. und den Steinbrüchen der Monts d'Arvel, darunter das auf Eisenprodukte spezialisierte Unternehmen Miauton (1907), die Sägerei in Les Grands Vergers (1917), die Schokoladefabrik Schmidlin & Co. (1927), die Savonnerie de V. (1931), die Ateliers de constructions mécaniques de Vevey (1947, ab 1989 Vevey Technologies, seit 1998 Bombardier Transport), die Constructions métalliques Mottier Frères (1952), die Schreinereifabrik Guyot (1957, ab 1967 Usines Ego SA). In der 1915-20 entsumpften Eau-Froide-Ebene wurde Gemüse angebaut. Die Güterzusammenlegung in einem Teil des Rebbergs 1931-34 ermöglichte die Entstehung der Villenquartiere Longefan, Cheseaux und Tortiguet. Um 1840 setzte mit dem Bau des Hotels Byron und einiger Gasthäuser am Seeufer der Tourismus ein, der zwischen 1950 und 1967 eine Blütezeit erlebte. Ab 1828 bedienten regelmässige Schiffskurse V. Die Eisenbahn verband die Stadt 1857 mit Bex, 1861 mit Lausanne. 1903 wurde zwischen V. und Chillon eine Strassenbahn eröffnet, die 1913 mit der VMC (Vevey-Montreux-Chillon) zur VMCV fusionierte; die Strassenbahn zwischen V. und Montreux wurde 1952 durch eine Buslinie ersetzt. Seit der Mitte des 20. Jh. ist die Bedeutung der Landwirtschaft zugunsten des Rebbaus und der Industrie zurückgegangen. Die 1966-70 erstellte Autobahn A9 mit Ausfahrt in V. hat das demograf. und wirtschaftl. Wachstum der Gem. gefördert, sie aber auch zunehmend zur Wohngemeinde gemacht. 2005 waren 60% der Einwohner Wegpendler.


Literatur
– M. Grandjean, M. Grote, V., 1985
V., promenade dans son histoire, 1991
– C. Thévenaz, Ecrire pour gérer, 1999
Premiers hommes dans les Alpes, Ausstellungskat. Sion, 2002, 141-143
– A. Bissegger, Une paroisse raconte ses morts, 2003
– M. Grote, «V.», in Panorama des Archives communales vaudoises, 1401-2003, hg. von G. Coutaz et al., 2003, 416-425
– M. Grote, B. Streiff, Les carrières d'Arvel, 2005
– M. Grote, «Industrie et commerce à V. de 1850 à 1960», in SICOV 50e anniversaire, 2011, 6-18

Autorin/Autor: Michèle Grote / AHB