17/02/2010 | Rückmeldung | PDF | drucken

Aigle (Gemeinde)

Polit. Gem. VD, Hauptort des Bez. A., an der Einmündung des Tals der Grande Eau in die Rhoneebene. 1150-54 Alium, 1153 de Aleo, dt. früher Aelen. 1764 1'431 Einw. (davon 180 deutschspr.); 1850 2'296; 1900 3'897; 1950 4'271; 1960 4'381; 2000 7'955 (ca. 25% Ausländer).

Aus der späten Bronzezeit stammen Gräber und Keramiken, aus röm. Zeit eine Villa, Reste eines Aquädukts und eines Gebäudes mit Mosaiken, aus dem FrühMA ein Gräberfeld. Im 11./12. Jh. erbauten die Adligen d'Aigle eine Burg, die im 14. Jh. von den Savoyern wieder aufgebaut wurde. An ihrer Stelle steht die von den Bernern 1587 errichtete Maison de la dîme (Zehntenscheune). Daneben stand die von den de Saillon nach 1231 errichtete Burg. Die Kapelle Saint-Pierre, Kern des Ortsteils La Chapelle, gehörte von 1177 an dem Hospiz auf dem Gr. St. Bernhard. Im 12. und 13. Jh. stritten die Abteien Saint-Maurice und Ainay um den Besitz des Priorats Saint-Maurice in A., um welches der Ortsteil Le Cloître entstand (ab dem 11. Jh. zur Abtei Saint-Maurice gehörig). 1231 erhob Gf. Thomas I. von Savoyen die Siedlung, die sich um die zur Diözese Sitten gehörende Pfarrkirche Saint-Jacques gebildet hatte, zum Marktort. A. umfasste auch den Ortsteil Les Fontaines sowie die Weiler Fontanney und Vers-Pousaz. 1288 gewährte der Landvogt des Chablais der Gem. A. das Recht, vier Vorsteher bzw. Prokuratoren zu ernennen. 1314 stellte ihr Amadeus V. von Savoyen einen Freiheitsbrief nach dem Vorbild von Villeneuve (VD) aus. Mit Leysin (bis 1702), Yvorne und Corbeyrier bildete A. bis 1831 eine "Grosspfarrei" bzw. Gem., der ein 31-köpfiger Rat vorstand: 13 Mitglieder für den Marktort A., je sechs für die drei Dörfer. Die Gemeindebürger versammelten sich an den Gerichtstagen. Das um 1360 von Aymon de Pontverre gegr. Spital Sainte-Marie wurde 1442 der Bürgerschaft übergeben. 1475 nahmen die mit Bern verburgrechteten Leute des Saanenlandes und des Pays-d'Enhaut die von den de Saillon erbaute Burg A. ein und brannten sie nieder. Gegen Zahlung eines Drittels der Einkünfte übergaben sie das eroberte Gebiet der Stadt Bern. Freiburg, das im Vertrag von Freiburg 1476 Rechte über die Region erhalten hatte, trat diese 1483 ab. Die 1489 von den Bernern wieder aufgebaute Burg A. wurde zum Vogteisitz. Bis 1798 gehörten A. und sein Mandement zum Gouvernement, d.h. zur Vogtei Aigle, und unterstanden der Verwaltung Deutschberns.

Im Nov. 1526 wurde Guillaume Farel Schulmeister in A. Er fand bereits eine Gruppe von Reformierten vor, welcher der bischöfl. Notar Hugues de Loës vorstand. Gegen den Widerstand des Bf. von Sitten begann Farel unverzügl. zu predigen. Die Reformation konnte sich nach der Disputation von Bern 1528 nur schwer durchsetzen. Die Prioratskirche wurde zur Pfarrkirche. Die alte Pfarrkirche Saint-Jacques diente fortan der deutschspr. Gem., von 1836 bis zum Bau der kath. Kirche Saint-Maurice et Saint-Nicolas-de-Flue (1866) wieder dem kath. Kultus. In einem Teil des Klosters war vor der Gründung des Gymnasiums (1869) die nur zeitweise geführte Lateinschule untergebracht. Die Kapelle Saint-Pierre wurde abgetragen. Unter bern. Herrschaft setzte sich der Bürgerrat aus dem Rat der Fünfzig und dem Rat der Zwölf zusammen. Der Rat der Droitures, der aus dem Bürgermeister und den drei Prokuratoren bestand, verwaltete A. zusammen mit dem Spitalherrn, dem Herold und untergeordneten Verwaltern. Vom 14. Jh. an verband ein Burgrecht A. und Sembrancher. Es wurde 1676 erneuert und bewährte sich beim Hochwasser der Grande-Eau 1740, als die Walliser Gem. Hilfe leistete, und 1818, als A. nach der vom Glacier du Giétroz verursachten Überschwemmung half. Das Hochwasser von 1740 zog einen polit. Konflikt nach sich: Die Dorfgenossen von Yvorne und Corbeyrier weigerten sich, ihren Anteil an den Schutzbauten zu bezahlen. Die Entdeckung der Salzvorkommen im Jahr 1554 führte zum Bau der Salzwasserleitung von Panex nach A., dann weiter nach Roche (VD), und im 18. Jh. zur Errichtung der Gradierhäuser; die Saline wurde 1798 nach Les Dévens (Gem. Bex) verlegt. Die Salzproduktion führte zu einem starken Anstieg der deutschspr. Bevölkerung.

Die Helvet. Revolution rief 1798 weder Begeisterung wie in Bex noch Widerstand wie in Les Ormonts hervor. A. schloss sich dem neuen Regime an und beherbergte waadtländ. wie auch franz. Truppen. Im 19. Jh. setzte der industrielle Aufschwung ein: Es entstanden eine Brauerei, eine pharmazeut. Fabrik (Zyma), eine Parkettfabrik, Weinhandlungen (z.B. Badoux), zwei Druckereien und zwei Zeitungen ("Le Messager des Alpes", "Feuille d'Avis d'Aigle"), 1909 eine Essigfabrik (Reitzel) und 1964 ein Metallbau-Unternehmen (Zwahlen et Mayr). Die Eisenbahn begünstigte ab 1858 die Entwicklung des Tourismus: 1901 wurde die Linie A.-Leysin in Betrieb genommen, 1907 die Linie A.-Ollon-Monthey und 1914 A.-Le Sépey-Les Diablerets. 1804 wurde das Spital in das Schloss verlegt, wo der neue Kt. Waadt auch das Gefängnis einrichtete. Als dieses vergrössert werden musste und 1832 auch das Bezirksgericht Räume beanspruchte, wurde das Spital aufgehoben. Das 1867 errichtete Krankenhaus wurde 1932 zum Bezirks-, 1969 zum Regionalspital. Nach der Schliessung des Gefängnisses und der Verlegung des Gerichts (1973) wurde das Schloss A. restauriert und 1976 darin das Rebbau- und Weinmuseum eröffnet, inmitten einer Region mit alter Weinbautradition. A. ist auch Standort eines Eidg. Zeughauses; das Projekt eines Panzerwaffenplatzes wurde indes nach einer kant. Abstimmung 1956 aufgegeben. Die Bevölkerung, die im 19. Jh. zugenommen und dann stagniert hatte, wuchs nach der Eröffnung der Autobahn (1975) und mit dem Bau grosser Wohnsiedlungen in der Ebene stark an.


Literatur
– C. Kraege, «Histoire eccléciastique de la ville et paroisse d'A.», in Revue historique du Chablais vaudois 1, 1978, 5-22
– F. Moreillon, La ville d'A. à la fin de l'époque bernoise, Liz. Lausanne, 1978
– C. Kraege, Histoire de l'hospitalisation à A., Ms., 1992
– C. Kraege, A. et son château, Ms., 1993, (Gem. A.)
– F.-O. Dubuis, A. Lugon, «Les premiers siècles d'un diocèse alpin», in Vallesia 50, 1995, 3-9

Autorin/Autor: Jean-Jacques Bouquet / GG