• <b>Büren an der Aare</b><br>Kirche und Pfarrhaus 1824. Kolorierte Aquatinta von Samuel Weibel (Schweizerische Nationalbibliothek, Sammlung Gugelmann).
  • <b>Büren an der Aare</b><br>Das Städtchen Mitte des 18. Jahrhunderts. Radierung aus  David Herrlibergers  Werk "Neue und vollständige Topographie der Eydgnoßschaft", 1754 (Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung und Fotoarchiv).

Büren an der Aare

Polit. Gem. BE, Amtsbez. Büren. Die Gem. umfasst das Städtchen Büren am rechten Aareufer, die ehemals bäuerl. Vorstadtquartiere Scheuren, Gummen und Oberbüren, die Neuquartiere Rütifeld, Ziegelei (Gewerbezone) sowie Einzelhöfe, ferner links der Aare das 1911 eingemeindete Reiben. 1185 Buirro, 1236 Buron. Bezirkshauptort, Marktort und ehemaliger Umschlagplatz an der alten Landstrasse mit der einzigen hist. Aarebrücke zwischen Aarberg und Solothurn. Anlegestelle für die Aareschifffahrt. Der Nidau-Büren-Kanal durchzieht die Gem. von West nach Ost und schneidet eine Schleife der Alten Aare mit dem Naturreservat Häftli gegen Süden ab. 1764 579 Einw.; 1850 1'419; 1900 1'963; 1950 2'171; 2000 3'077.

Einzelfunde stammen aus dem Neolithikum (Witmatt, Kanal) und der Latènezeit (Kanal, Grab an der Solothurnstrasse). Röm. Funde an der Strasse Aventicum-Salodurum: Strassenstück, Meilenstein im Bürenmoos, Wasserleitung am Burgweg, vermutlich Gutshof auf Kirchmatt. Auf dem Schlosshubel stand die hochma. Burg Strassberg der Frh. von Strassberg. Die Siedlung B. unterhalb der Burg, im Engpass zwischen Städtiberg und Aare, erhielt unter Berchtold I. von Strassberg 1260 das Stadtrecht, 1288 bestätigt als Handfeste nach Freiburger Vorbild (nur dt. Übersetzung von 1375 überliefert). Als Mittelpunkt der Herrschaft Strassberg machte B. im 13.-14. Jh. nach dem Aussterben der Freiherren die Wechselfälle unter den Gf. von Neuenburg (Linien Nidau und Strassberg) mit. Geldnöte zwangen Imer von Strassberg 1345 zu Verpfändungen, u.a. an Solothurn, das 1369 auch den Zoll in B. erwarb. 1375 belagerte Enguerrand de Coucy die Stadt, die nach Imers Tod an die Gf. von Kyburg übergegangen war. 1381 an Österreich verkauft, wurde B. von Bern im Sempacherkrieg erstmals belagert, 1388 erobert und einer bern.-solothurn. Verwaltung unterstellt. Nach Aufteilung der Interessen kam B. 1393 an Bern und wurde Hauptort der Landvogtei Büren mit dem 1620-25 an der Hauptgasse erbauten Schloss als Amtssitz (heute Regierungsstatthalteramt).

<b>Büren an der Aare</b><br>Kirche und Pfarrhaus 1824. Kolorierte Aquatinta von Samuel Weibel (Schweizerische Nationalbibliothek, Sammlung Gugelmann).<BR/>
Kirche und Pfarrhaus 1824. Kolorierte Aquatinta von Samuel Weibel (Schweizerische Nationalbibliothek, Sammlung Gugelmann).
(...)

Die vom 3. Viertel des 13. Jh. (Chor) bis ins 15. Jh. erbaute und um 1500 erneuerte Kirche St. Katharina in B. war eine Stiftung der Herrschaft Strassberg und eine Filiale der Kirche Oberwil bei Büren. Sie wurde vermutlich im Lauf des 14. Jh., jedenfalls vor 1375 (Regelung der Leutpriesterwahl in der Handfeste ohne Nennung Oberwils) selbstständig. Ihr Kirchensatz kam an Bern. Die im 15. Jh. bekannte, 1302 erstmals erwähnte Wallfahrtskapelle Oberbüren (Marienpatrozinium) gehörte dem Kloster Erlach und wurde von dessen Mönchen betreut. Nach der Reformation wurde sie abgebrochen. Zur städt. Infrastruktur gehörten das im 15.-16. Jh. erbaute Rathaus (heute Gemeindeverwaltung) mit einer Markthalle im Erdgeschoss, das aus dem 16. Jh. stammende Spital und die Stadtschule. Dem Stadtrat stand ein 1254 erstmals erwähnter Schultheiss vor; unter Bern bekleidete der amtierende Landvogt dieses Amt. Das älteste Stadtsiegel datiert von 1273. Der Markt, in der Handfeste erwähnt, gehörte 1478 zu den privilegierten bern. Märkten mit Salz-, Eisen-, Stahl-, Woll- und Leinwandhandel. Umschlagplatz und Schiffsanlegestelle beschäftigten Fuhr-, Schiff- und Gastgewerbe. Neben die vier Jahrmärkte trat 1481 ein Wochenmarkt. 1493 übergab Bern der Stadt den 1284 erstmals erwähnten Aarezoll zum Unterhalt der Brücke. Die Stadtwirtschaft basierte auf Handwerk und Landwirtschaft (Ackerbau, Viehwirtschaft). Die Allmend im Schwemmgebiet der Aare und die Hölzer am Städtiberg und im Eichwald gehörten der Herrschaft, die Gemeinde hatte verbriefte Nutzungsrechte. Erst im 19.-20. Jh. wurden sie Eigentum der Gemeinde bzw. der Burgergemeinde (1862). Vom 15. Jh. an betrieb B. die Alpen mit Käserei auf dem Bürenberg (La Vallière/Falleren und La Calmutte, Gem. Romont BE) als Lehen des Fürstbf. von Basel, seit dem 19. Jh. im Besitz der Burgergemeinde. Die heute stillgelegte Ziegelei ist 1630 erstmals erwähnt. Die Stadtbevölkerung mit einem üblichen Hintersassenanteil von 17% (1764) war vergleichsweise begütert. 1798 litt B. unter dem Franzoseneinfall und wurde Hauptort des helvet. Distrikts (1803 Oberamt) Büren.

<b>Büren an der Aare</b><br>Das Städtchen Mitte des 18. Jahrhunderts. Radierung aus  David Herrlibergers  Werk "Neue und vollständige Topographie der Eydgnoßschaft", 1754 (Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung und Fotoarchiv).<BR/>
Das Städtchen Mitte des 18. Jahrhunderts. Radierung aus David Herrlibergers Werk "Neue und vollständige Topographie der Eydgnoßschaft", 1754 (Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung und Fotoarchiv).
(...)

Im 19. Jh. büsste die Stadt ihre gute Verkehrslage ein: Keine wichtige Eisenbahnlinie (Basel-Biel-Bern, Olten-Biel) tangiert sie; der Schiffstransport hat an Bedeutung verloren. Erst 1876 verband eine regionale Linie B. mit Lyss und Solothurn. Deshalb blieb die industrielle Entwicklung der kleingewerblich geprägten Stadt bescheiden: Uhrenfabriken wurden inzwischen aufgegeben; neben eine Zahnrad- und Apparatefabrik (1946) und eine Grossmetzgerei (1945) sind neu ein Eloxierwerk und Elektronikunternehmen getreten. Die Ersparniskasse (1833) und die Spar- und Leihkasse (1858) fusionierten 1913 (seit 1998 Teil der UBS). Der Nidau-Büren-Kanal, 1868-75 erstellt, befreite B. von der schweren Last der Flusswehr im Kampf gegen die periodischen Aareüberschwemmungen. Ackerbau, seit den 1940er Jahren v.a. der Anbau von Zuckerrüben, und Viehwirtschaft (1856 Käsereigründung) sind wichtig geblieben. Im 2. Weltkrieg war B. Standort des grössten Flüchtlingslagers der Schweiz. Seit den 1950er Jahren nimmt der Wohnungsbau in den Aussenquartieren zu. Neuerdings gewinnt der Schiffstourismus an Bedeutung. Die Holzbrücke von 1821 wurde nach einem Brand 1991 erneuert. An regionalen Aufgaben obliegen B. heute ausser der Bezirksverwaltung das Forstamt, die Sekundarschule und die Fürsorge (Altersheim, ambulante Krankenpflege).


Literatur
– G. Wenger, Die Wälder der Burgergem. Büren, 1944
– J. Schmucki, Die Stadtkirche von B., 1970
– M. Moser et al., Die Stadt Büren und ihre Wappen, 1973
– M. Gribi, B., 1988
– H. Kocher-Aeschbacher, Die Gesch. der Uhrmacherei in Büren, 1991
– M. Stampfli, Das Janusgesicht der Agrarmodernisierung, 1991
– J. Stadelmann, S. Krause, "Concentrationslager" Büren an der Aare 1940-46, 1999

Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler