24/04/2008 | Rückmeldung | PDF | drucken

Claro

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Polit. Gem. TI, Bez. Riviera. Dorf, das aus mehreren verstreuten Ortsteilen auf einem weiten Schuttkegel an der linken Talseite besteht. 1120 locus Clari. 1567 800 Einw.; 1801 829; 1850 962; 1900 920; 1950 934; 2000 2'159. Der schon in prähist. Zeit besiedelte Ort liegt in der Riviera, einem Durchgangsgebiet, in welches mehrere Alpentäler münden; die Anwesenheit von Fam. aus dem Locarneser Adel und die hohe Anzahl herrschaftl. und kirchl. Gebäude belegen die strateg. Bedeutung des Dorfes insbesondere im MA.

Während der langobard. Epoche war C. wahrscheinlich ein Militär- und Verwaltungszentrum von mittlerer Bedeutung; zu Beginn des 12. Jh. gehörte der Ort zum Besitz einer Valvassorenfamilie (Vasallen niederen Ranges) des Erzbischofs von Mailand. 1120 wurden diese Güter ans Domkapitel abgetreten. Wahrscheinlich verstärkte darauf der Locarneser Adel, der sich schon im nahen Schloss von Gnosca niedergelassen hatte, seine Präsenz im Dorf. Gegen 1200 wurde das Gebäude von Cortauro erbaut, vermutlich als Sitz eines Steuerbezirks des Mailänder Kapitels, der sog. Castaldia, der Zehnten, Zinsen und Abgaben aus Ortschaften des Bellinzonese und der oberen Täler zuflossen. Im 14. Jh. ging die Castaldia an Private über, im 15. Jh. an die Vicinanza von C. Das sog. Schloss der Magoria, das die Capitanei aus Locarno in Scubiago erbauen liessen (auch sie hatten in der Region Zehntrechte), geht vermutlich auf das Ende des 13. Jh. zurück. In der Mitte des 15. Jh. erbten die Magoria in Bellinzona den Besitz von C. Mit dem Anbruch der Mailänder Herrschaft bekam C. wohl ein Autonomiestatut, das demjenigen der anderen Gemeinden der Riviera entsprach; zudem wurde es, zusammen mit Cresciano und Osogna, einem Statthalter des Herzogs unterstellt. 1466 wurden die Dorfrechte bestätigt. 1499-1798 gehörte C. zur Landvogtei Riviera, einer gemeinen Herrschaft von Uri, Schwyz und Nidwalden.

Auf dem Gebiet von C. gibt es viele Kirchen: die beiden Pfarrkirchen SS. Nazaro e Celso im Ortsteil Scubiago (im 13. Jh. erw.) und SS. Sebastiano e Rocco (1567), die Kirchen S. Lorenzo in Cassero (im 13. Jh. erw.), S. Ambrogio in Brogo (1404 erw.) und SS. Maria e Satiro (1504 erw.). Über dem Dorf erhob sich eine Marienkirche (ab dem 13. Jh. belegt), der das 1490 gegründete, S. Maria Assunta geweihte Benediktinerinnenkloster angegliedert wurde (heute 15-20 Ordensschwestern). Gründerin war die aus dem Mailänder Kloster S. Quirico (genannt Bocchetto) stammende Nonne Scolastica de Vincemalis. Das Kloster wurde bald zu einer Abtei erhoben und widmete sich dann der Erziehung junger Mädchen (die älteste Liste der weibl. Zöglinge datiert aus den Jahren 1560/61). Im Lauf des 17. Jh. wurde das Gebäude erweitert; in der Seitenkapelle der Kirche befindet sich eine holzgeschnitzte Pietà aus dem 15. Jh. 1559 wurden durch ein päpstl. Dekret einige der Ordensschwestern damit beauftragt, das heruntergekommene Kloster in Seedorf (UR) neu zu organisieren.

Seit dem 14. Jh. war der Ortsteil Torrazza Lagerort für den Warentransport. Während Jahrhunderten lebte C. vorwiegend von der Landwirtschaft; als Ergänzung dienten die Einkünfte aus der saisonalen Auswanderung. Ab dem Ende des 19. Jh. gab es Granitsteinbrüche im Dorf; Zeugnis der beständigen Anwesenheit von Arbeitern ist ein bescheidenes Volkshaus (Casa del popolo). Die Eisenbahnstation wurde 1874 erbaut. In den letzten Jahrzehnten erlebte das Gebiet enorme Veränderungen; auf dem immer weniger genutzten Landwirtschaftsland entstanden zahlreiche Wohnhäuser. Diese Entwicklung ist u.a. auf die günstige geogr. Lage von C. (in der Nähe der städt. Agglomeration Bellinzona) zurückzuführen. In der Ebene entstanden kleine Industrieansiedlungen. Vor dem Bau der Autobahn A2 wurde das Dorf vom Nord-Süd-Verkehr durchfahren; deshalb gab es bis in die frühen 1980er Jahre einen bescheidenen Durchgangstourismus mit entsprechender Infrastruktur (zwei Motels).


Archive
– ASTI, Sammlung Pometta
Quellen
MDT, Serie 2
Literatur
– V. Gilardoni, Il Romanico, 1967, 301 f.
– W. Meyer Burgen der Schweiz 2, 1982, 27 f.
HS III/1, 1679-1712

Autorin/Autor: Giuseppe Chiesi / CN