Stabio

Polit. Gem. TI, Bez. Mendrisio, an der ital. Grenze gelegen, mit den Ortsteilen San Pietro und Gaggiolo. 1067 Stabio. 1591 500 Einw.; 1643 660; 1723 827; 1801 1'060; 1850 1'780; 1900 2'255; 1950 1'796; 2000 3'627.

Grabungen im Gebiet von San Pietro belegen eine Siedlungskontinuität von ca. 400 v.Chr. bis ins 7. Jh. Auf die Bestattungen aus der Eisenzeit folgen ein Gräberfeld und herrschaftl. Siedlungsstrukturen aus der Römerzeit, Spuren des Merkurkults und zahlreiche langobard. Gräber. 1999 wurden die reichhaltigen Grabbeigaben eines langobard. Kriegers entdeckt. 1181 trat die Fam. Orelli von Locarno die Zehntrechte in der Region dem Bf. von Como ab. 1275 besassen u.a. die Benediktinerabteien S. Abbondio in Como und S. Ambrogio in Mailand Güter und Rechte in S. Kirchlich gehörte S. zum Vikariat Mendrisio, von dem es sich vor 1575 trennte. Die alte Pfarrkirche SS. Pietro e Lucia, die auf das 7. Jh. zurückgeht, wurde im 12. und 13. Jh. neu gebaut. Die 1275 erw. heutige Pfarrkirche SS. Giacomo e Cristoforo martire wurde Ende des 16. Jh. neu errichtet und im 18. und 20. Jh. erweitert. Haupterwerbszweige waren Ackerbau, Viehzucht und Rebbau. Dazu kam die Auswanderung von Handwerkern und Künstlern, zuerst in die Städte Nord- und Mittelitaliens, später nach Übersee. Am 22.10.1876 ereigneten sich in S. schwere Ausschreitungen zwischen Konservativen und Liberalen, die drei Todesopfer forderten (sog. Schiesserei von S.) und zu einer Eidg. Intervention führten. Der anschliessende Prozess erregte grosses Aufsehen. Im 19. Jh. entwickelten sich die Seidenspinnerei und später die Tabakindustrie. Die erste Fabrik in S. war die 1902 gegr. Hemdenfabrik Realini, die 1976 von der Gruppe Ermenegildo Zegna übernommen wurde (2005 ca. 900 Mitarbeiter). Die um 1850 entdeckten Thermalquellen von S. führten zur Einrichtung einiger Bäder; deren Wasser wurde noch zu Beginn des 21. Jh. zu therapeut. Zwecken genutzt. 1926 wurde die Bahnlinie Stabio-Mendrisio eröffnet, der Betrieb nach nur zwei Jahren aber wieder eingestellt. Seit den 1960er Jahren erlebt die Gem. einen industriellen Aufschwung in den Branchen Lebensmittel, Maschinenbau, Textilien und Bekleidung sowie Elektro- und Hybridfahrzeuge. Stark entwickelt haben sich auch der Wohnungs- und mit dem Zollfreilager sowie den Grenzübergängen Gaggiolo und Clivio der Strassenbau. 2005 entfielen 73% der überwiegend von Grenzgängern besetzten Arbeitsplätze in der Gem. auf den 2. Sektor. Seit 1981 beherbergt S. das Museum der bäuerl. Kultur des Mendrisiotto.


Literatur
ISOS TI 1, 2005, 233-253
– C. Pastore, «Archeologia a S.», in AST 138, 2005, 309-318
S. antica, hg. von R. Cardani Vergani, S. Pescia, 2006

Autorin/Autor: Stefania Bianchi / PTO