24/11/2009 | Rückmeldung | PDF | drucken

Mendrisio (Gemeinde)

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Polit. Gem. TI, Hauptort des gleichnamigen Kreises und Bez., am Abhang des Monte Generoso gelegen, umfasst seit 2004 Salorino, seit 2009 auch Arzo, Capolago, Genestrerio, Rancate und Tremona. 793 Mendrici, dt. früher Mendris). 1591 962 Einw.; 1643 862; 1696 1'051; 1801 1'290; 1850 1'972; 1900 3'338; 1950 4'602; 2000 6'146.

Rund dreissig Gräber, Sarkophage und Grabsteine, Münzen aus der Republiks- und Kaiserzeit sowie Überreste einer Villa bei der Kirche S. Maria zeugen von einer Besiedlung des Ortes in röm. Zeit. Mächtige, hier ansässige langobard. Familien machten M. auf Kosten Balernas, des alten Sitzes der Pieve, zur bedeutenden Ortschaft. 1140 wurde M. selbstständige Gem. in der Grafschaft Seprio. Auf die Herrschaft der Stadt Como (1170-1335) folgte, nach deren Unterwerfung durch Mailand, die der Visconti, welche die Verwaltung von M. bis 1402 weiterhin Como überliessen. Im 15. Jh. traten sie M. als Lehensgebiet an die Fam. Rusca und Sanseverino ab. Im MA entstanden zwischen der Porta S. Giovanni und dem Fluss Moree mehrere Profanbauten, darunter einige massive Türme. Der Hügel auf der anderen Seite des Flusses wurde durch das im SpätMA zerstörte Schloss der Fam. Torriani dominiert. Unter der (ab 1521 anerkannten) Herrschaft der Eidgenossen wurde M. Hauptort der gleichnamigen Vogtei; ab dem 17. Jh. residierte der Landvogt im Palazzo Rusca. Im polit. Leben der Gem. besassen die Bürger (nobili und borghesi) bis zum Ende der alten Dorfgenossenschaft (vicinia) 1798 eine klare Vormachtstellung gegenüber den Divisi.

Wohl schon vor 1000 bildete die Kirche von M. eine von der Mutterkirche Balerna nahezu unabhängigen Kirchenbezirk. Im 15. Jh. löste sie sich vollständig von ihr. Im Ort selbst gab es die beiden Pfarreien SS. Cosma e Damiano und S. Sisinio. Die heutige Pfarrkirche SS. Cosma e Damiano wurde 1863-75 in klassizist. Stil etwas oberhalb des barocken Vorgängerbaus von 1672 errichtet. Die Kirche S. Sisino steht im Ortsteil La Torre. Etwas ausserhalb befinden sich die Kirchen S. Martino, bei welcher der Jahrmarkt stattfindet, und S. Nicolao. Der Orden der Humiliaten betrieb das Hospiz S. Giovanni und unterhielt im Ortsteil Ferrera zudem ein Kloster (1268). Der Orden der Serviten war 1477 von La Torre nach S. Giovanni verlegt worden, wo er die Pilger zu versorgen und ab 1644 die Knaben zu unterrichten hatte; diese Schule (mit Sitz im Kloster S. Giovanni, heute Museum) wurde 1852 kant. Gymnasium. Im 17. Jh. liessen sich die Ursulinen in Caslaccio und die Kapuziner im Süden des Orts nieder. Die Klöster all dieser in der frühen Neuzeit tätigen Orden wurden im 19. Jh. säkularisiert.

In der Neuzeit wuchs der Ortskern über die Moreebrücke hinaus in die Gebiete um bedeutende Gebäude wie den Palazzo Pollini sowie einige Bauernhöfe wie den sog. Matagh. Dem Fluss entlang entstanden Papierfabriken, Mühlen, Bierbrauereien und 1873 die grosse Spinnerei Torriani-Bolzani, die Ende des 19. Jh. 350 Arbeiter (v.a. Frauen und Kinder) beschäftigte. Die grössten demograf. und baul. Veränderungen brachte die 2. Hälfte des 19. Jh. Die Bevölkerung verdoppelte sich binnen gut 60 Jahren. Der Ort wuchs in der Verlängerung seiner Hauptachse: nach Süden mit prächtigen Villen und dem Spital Beata Vergine (1860), nach Norden in Richtung der Cantine. Während die in Halbpacht betriebene Landwirtschaft in eine Krise geriet, führte der Bau der Eisenbahn zur Entstehung eines (nach den Manufakturbetrieben am Moree) zweiten diversifizierten Industriezentrums unterhalb der Bahnlinie. Nach dem 2. Weltkrieg dehnte sich diese Industriezone, in der v.a. Grenzgänger beschäftigt wurden, über die Prati di S. Martino aus. Im Süden M.s baute der Kanton wichtige öffentl. Gebäude: 1898 die neuropsychiatr. Klinik, 1944 die Markthalle sowie Schulen, darunter 1996 die Architekturfakultät der Università della Svizzera italiana. Zwischen dem Bahnhof und dem alten Ortskern entstanden neben Wohnbauten zahlreiche Betriebe des Dienstleistungssektors, der 2000 mehr als drei Viertel der Arbeitsplätze anbot. Im selben Jahr war mehr als die Hälfte der in M. Wohnhaften Wegpendler, während die Zupendler zwei Drittel der Erwerbstätigen in M. ausmachten; zwei Fünftel der Beschäftigten waren Grenzgänger.


Literatur
– G. Martinola, «I conventi di M.», in BSSI, 1945, 1-17, 50--73
– Martinola, Inventario 1, 221-319; 2, 163-228
– M. Medici, Storia di M., 3 Bde., 1980-2006
HS II/1, 51-65; V/2, 851-860

Autorin/Autor: Renato Simoni / CN