Flüe, von

Altes Landleutegeschlecht in Obwalden, Bürger von Sachseln, Kerns und Sarnen (hier ausgestorben). Der Geschlechtsname wurde vom Stammsitz, dem heutigen Flüeli am Sachsler Berg, übernommen. Bereits der 1437 als erster F. in den Quellen genannte Heini und sein Sohn Niklaus ( -> 13, später Bruder Klaus genannt) gehörten als freie Bauern auf zinsfreiem Eigengut zu den wirtschaftlich besser gestellten Sachslern. Hans ( -> 3), ältester Sohn von Niklaus, gelang 1483 der soziale und polit. Aufstieg in die Obwaldner Führungsschicht. Er hatte in die alte Landammännerfamilie der von Einwil eingeheiratet und profitierte zweifellos auch vom Ansehen seines Vaters als "lebendiger Heiliger". Aus dem Landammannamt konnten er und sein Bruder Walter ( -> 18), der Hans nach dessen Tod im Amt unmittelbar nachfolgte, auch ökonom. Vorteil (z.B. ausländ. Pensionen) ziehen. Jeweils nicht in direkter Nachfolge und erst in fortgeschrittenem Alter erreichten auch Walters Sohn Niklaus ( -> 14) und sein Enkel Niklaus ( -> 15) das Landammannamt. Der Sohn des Letzteren, Melchior (1572-1656), wurde 1644 zwar Landeshauptmann, aber nicht mehr Landammann. In der Sachsler Kirchgenossengemeinde und im Landrat blieben die F. bestimmend: Ab der 2. Hälfte des 16. Jh. hatten sie mit einem kleinen Unterbruch zwischen 1692 und 1698 bis 1798 den ersten und/oder den zweiten Ratsplatz inne, erstmals mit Konrad (gestorben spätestens 1605), dem jüngeren Sohn Walters. Um 1750 zählten die F. in Sachseln etwa 30 Familien mit rund 80 Kindern; 1802 waren von 441 stimmberechtigten Sachsler Männern 60 F. Dabei lassen sich eine grössere, eher arme Gruppe von Bauern und Handwerkern und eine kleinere, zur Obwaldner Führungsschicht zählende Gruppe unterscheiden, die sich auf Konrad zurückführen lässt. Reichtum und Einfluss basierten auf Grundbesitz, franz. Solddienst und Pensionsgeldern sowie auf einer eigenen Kompanie in franz. Diensten (ab 1743). Die aristokrat. Linie, die im 18. Jh. zu den führenden Geschlechtern Obwaldens gehörte, stellte zwischen 1704 und 1798 mit sechs Landammännern aus vier Generationen während total 30 Jahren den regierenden Landammann und lenkte während des ganzen 18. Jh. die Politik Obwaldens in franz. Sinne. Johann Wolfgang ( -> 7) baute 1750 das Haus in der Brunnenmatt, Johann Peter ( -> 6) nach 1754 im Zuhn ein vornehmes Bürgerhaus. 1830 war mit Michael ( -> 12) zum letzten Mal ein F. regierender Landammann von Obwalden. 1874-82 amtete Nikodem (1819-86) als bisher einziger Obwaldner Regierungsrat des Namens. Von 22 Sachsler F., die Geistliche wurden, lebten 18 zwischen 1672 und 1836. Acht stammten aus der Konrad-Linie, 13 besetzten Pfründen in Flüeli und/oder Sachseln.

Die Kernser und Sarner F. blieben wirtschaftlich und politisch viel unbedeutender als die Sachsler F. In Kerns sind seit Ende des 15. Jh. zahlreiche F. zu finden, deren Verwandtschaft mit den Sachsler F. vermutet wird (neuerdings über Landammann Hans). Aus dieser Kernser Familie F. stammten in der frühen Neuzeit einige Ratsherren, drei Geistliche und Landammann Josef Simon ( -> 8). In Sarnen kaufte Wolfgang, Sohn von Landammann Niklaus (1504-97) und Gatte von Katharina Wirz, der Tochter von Landammann Johann, 1596 das Freiteilrecht. Sein Enkel Wolfgang bzw. Pater Niklaus ( -> 16) war 1641-49 Abt von Wettingen. Die Sarner F. starben im 18. Jh. aus.


Literatur
– A. Küchler, Gesch. von Sachseln, 1901, 89-151
– K. Müller, Die von F., 1953
– N. von Flüe, Peter Ignaz von F., 1998

Autorin/Autor: Roland Sigrist