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Biel (BE, Gemeinde)

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Polit. Gem. BE, Amtsbez. B. Regionalzentrum am Jurasüdfuss, am östl. Ende des Bielersees mit den eingemeindeten Orten Vingelz (1900), Bözingen (1917), Madretsch und Mett (beide 1920). 1142 erw. als apud Belnam. Franz. Bienne, ital. Bienne oder Bienna. Die älteste Stadtanlage liegt auf einem Felsvorsprung des Jurasüdhangs zwischen dem Bielersee und dem Taubenloch, der Klus der Schüss (franz. Suze). Die jüngeren Stadterweiterungen erstrecken sich in der 1833 kanalisierten Schwemmebene der Schüss. Seit der Mitte des 19. Jh. Industriezentrum (Uhren und Mikromechanik), heute auch Dienstleistungs- und Schulstandort. Amtssprachen Deutsch und Französisch. Seit 1832 Hauptort des Amtsbezirks.

JahrEinwohner
17701'698
18183'589

Bevölkerunga
Jahr 18501880b19101930195019701990c
Einwohner 5'60916'57932'13637'72648'34264'33351'893
SpracheDeutsch 13'25322'01724'94632'18836'35427'510
 Französisch 3'2079'20911'67314'59817'39615'906
 Italienisch 987289491'2828'3223'927
 Andere 241821582742'2614'550
KonfessionProtestantisch 14'62026'36630'75038'31440'03226'123
 Katholischd 1'6754'8406'0318'65922'74517'857
 Christkatholisch    572282116
 Israelitisch 24041331026817869
 Andere und konfessionslos775176355291'0967'728
 davon konfessionslos      3'959
NationalitätSchweizer5'26815'32328'72335'58846'23252'14840'576
 Ausländer3411'2893'4132'3382'11012'18511'317

a Die Zahlen umfassen bereits ab 1770 auch die später eingemeindeten Orte.

b Einwohner und Nationalität: Wohnbevölkerung; Sprache und Konfession: ortsanwesende Bevölkerung

c Einwohner 2000 48'655; bei Redaktionsschluss erst Gesamtzahlen verfügbar

d 1880-1930 inklusive christkatholisch

Quellen:BFS, Statist. Amt der Stadt Biel

1 - Von der Urgeschichte bis ins Hochmittelalter

1.1 - Neolithikum und Römerzeit

Das Gebiet um die drei Seen am Jurasüdfuss ist seit der Jungsteinzeit eine bevorzugte Siedlungszone; dies bezeugen die Seeufersiedlungen in Nidau und Lattrigen, das kelt. Zentrum La Tène, die Oppida auf dem Mont Vully oder dem Jensberg, die röm. Vici Petinesca (Gem. Studen) sowie Salodurum und zahlreiche Villen. Auf dem heutigen Stadtgebiet B.s fehlen Siedlungsspuren aus vorröm. Zeit. Der ma. Siedlungskern entstand auf einem dem Jurasüdhang vorgelagerten, von der Brunn- oder Römerquelle gebildeten Kalksinterkegel. Durch einen 1846 in dieser Quelle entdeckten Münzfund aus der Zeit vom l. Jh. v. bis zum 4. Jh. n.Chr. ist eine galloröm. Kultstätte bezeugt. Für die Annahmen, dass es sich dabei um ein Heiligtum des kelt. Quellgotts Belenus handle und sich von dessen Namen auch der Ortsname B. ableite, fehlen die Beweise. Auch die These, die erste Stadtanlage gehe auf ein spätröm. Kastell zurück, ist nicht belegt. Teile röm. Gebäude wurden östlich der ma. Stadt freigelegt.

Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler

1.2 - Früh- und Hochmittelalter

Im FrühMA lag das Seeland am Rand des burgund. Königreichs. Nach der vielleicht im späten 6., wahrscheinlich erst im 7. Jh. einsetzenden Einwanderung der Alemannen bildete sich in der Gegend von B. eine rom.-alemann. Mischzone; erst ab dem 8. Jh. dominierte das germ. Kulturelement. Im HochMA herrschte kleinflächiger, verstreuter Grundbesitz des lokalen Ministerialadels und der umliegenden Klöster am Bielersee und am Jurasüdfuss vor; so treten z.B. die Abtei Bellelay 1142 sowie 1148 und das Kloster Moutier-Grandval 1179 in Urkunden als Grundbesitzer in B. auf. Nachdem Kg. Rudolf III. von Burgund Letzteres 999 dem Bf. Adalbero II. von Basel geschenkt hatte, bauten die Basler Fürstbischöfe ihre Herrschaft im Jura weiter aus; dabei stiessen sie auf die Konkurrenz der Gf. von Neuenburg aus dem Hause der Fenis bzw. deren späteren Seitenzweigs Neuenburg-Nidau. Der Einflussbereich dieser Dynastie erstreckte sich von beiden Seeufern und den Jurahöhen bis nach Grenchen und Büren an der Aare und umfasste wohl im 12. und frühen 13. Jh. auch noch die um 1140 erbaute Burg Nidau, die vielleicht später an die Bf. von Basel fiel (in einer Urkunde von 1329 werden Burg und Stadt Nidau als Lehen des Bf. von Basel bezeichnet).

Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler

2 - Vom Spätmittelalter bis ins Ancien Régime

2.1 - Gründung und Entwicklung der Stadt

Wahrscheinlich gründete der Bf. von Basel, Heinrich II. von Thun, zwischen 1225 (domum de Bilne) und 1230 (in urbe mea de Beuna) auf eigenem Boden die Stadt B. als Stützpunkt gegenüber der älteren Bastion Nidau. Die bischöfl. Burg B. an der südwestl. Flanke der ersten Stadtanlage entstand entweder vor oder kurz nach der Stadtgründung.

Die Stadtentwicklung stand von Anfang an im Spannungsfeld versch. Kräfte: B. war einerseits Verwaltungszentrum des südl. Teils des Fürstbistums Basel und Sitz des obersten bischöfl. Beamten, des Meiers (villicus, 1229 erw.); anderseits emanzipierte sich die Stadtgemeinde im Lauf des 13. Jh. von der bischöfl. Herrschaft und verfolgte zunehmend eigene polit. Ziele. In den zahlreichen Konflikten mit ihrem geistl. Stadtherrn stützte sich die Stadt anfangs auf adlige, grundbesitzende Bürger (cives), darunter auch die Herren von B. Von dieser bedeutenden Fam., die im 13. Jh. das bischöfl. Meieramt besetzte, übernahm die Stadt später das Wappen. Zugezogene Händler und Handwerker beteiligten sich an der Verwaltung und am Wacht- und Wehrdienst; die wichtigen Ämter blieben jedoch vorerst dem Adel vorbehalten. Schon früh strebte der 1252 erw. Rat eine Stärkung der Rechtsstellung der Stadt an. 1275 verlieh Kg. Rudolf von Habsburg B. das Basler Stadtrecht. 1296 übergab Bf. Peter Reich von Reichenstein der Stadt eine auf beiderseitiger Übereinkunft beruhende Handfeste, die, 1352 erweitert, bis 1798 in Kraft blieb.

Obwohl die Stadt in weltl. Hinsicht dem Fürstbischof unterstand, schloss sie schon im 13. Jh. selbstständig Burgrechtsverträge mit den geistl. Herrschaften (u.a. Stift Saint-Imier, Stift Moutier-Grandval, Abtei Trub), Grafenhäusern (u.a. Neuenburg, Neuenburg-Nidau) und v.a. mit Städten (1279 Bern, 1311 Freiburg, 1334 Solothurn, 1342 Murten, 1395 La Neuveville). Das Bündnis mit Bern, seit 1352 ein "ewiger Bund", führte B. in Berns Burgundische Eidgenossenschaft. Aus den widersprüchl. Verpflichtungen gegenüber dem Basler Bischof und Bern erwuchs 1367 ein Krieg, der im Stadtbrand und der Zerstörung der bischöfl. Burg endete. Nach dem Aussterben der Gf. von Neuenburg-Nidau (1375) verlor der Fürstbischof 1388 Burg und Stadt Nidau, die verkehrstechnisch besser gelegen waren, an das aufstrebende Bern. Als bischöfl. Grenzstadt lavierte B. in den folgenden 400 Jahren zwischen dem Stadtherrn und der Aarestadt. Die Lage zwischen diesen beiden mächtigen Territorialherren verhinderte den Aufbau eines eigenen Herrschaftsgebiets.

Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler

2.2 - Meiertum und Stadt

Das Meiertum und die Stadt B. bildeten zwei versch. Rechtskreise, die sich jedoch in rechtl. wie in territorialer Hinsicht überlagerten. Der Amtsbereich des Meiers von B. umfasste anfänglich den Jura südlich der Pierre Pertuis, das Erguel, die Herrschaft Orvin, den Tessenberg sowie den Jurasüdfuss von La Neuveville bis Reiben (Gem. Büren an der Aare); darin war die Stadt B. samt Umland eingeschlossen. Im ganzen Meiertum, einschliesslich B.s, galt die vom Reich verliehene hohe und niedere Gerichtsbarkeit der Fürstbischöfe. Später wurde das Gebiet des Meiertums B. reduziert: 1368 wurde La Neuveville als eigenes Meiertum abgetrennt und 1606 - als Nachspiel zum Bieler Tauschhandel - auch das Erguel; in Courtelary residierte ab 1606 ein bischöfl. Landvogt. Episode blieb im 18. Jh. (bis 1731) die Abtrennung des Tessenbergs und der Herrschaft Orvin vom Meiertum B.

Der 1300 erstmals umschriebene städt. Rechtskreis umfasste dagegen die ummauerte Stadt und ihre "Äusseren Ziele" - die Dörfer Vingelz, Leubringen (Evilard) und Bözingen -, das Gebiet längs der Schüss und der Madretsch-Schüss bis zum Ausfluss der Zihl aus dem Bielersee, ferner einige Häuser von Mett auf der Bieler Seite der Schüss sowie das um 1400 abgegangene Dorf Brittenach im heutigen Ried (1313 de Brittennacho). In der Stadt und den Äusseren Zielen richtete der Rat im Namen des Bischofs unter Vorsitz des Meiers über Hoch- und Niedergerichtsfälle; ab 1468 erhielt die Stadt hier Anteil an den Hochgerichtsbussen. Im selben Bezirk hatte allerdings Bern als Nachfolger der Gf. von Nidau das alleinige Recht auf Aburteilung der Diebe. Die Verwaltung der Dörfer war Stadtsache und unterstand Bieler Amtleuten, in Bözingen und Vingelz dem Ammann und Statthalter, in Leubringen dem Ammann. Der Rat erliess Gesetze und Ordnungen für Stadt- und Landgebiete.

Das 1296 erw. Banner- oder Mannschaftsrecht, das Truppenaufgebot, Militärgerichtsbarkeit und -gesetzgebung umfasste, hatte B. nicht nur in der Stadt und den Äusseren Zielen, sondern in einem Gebiet inne, das in etwa demjenigen des Meiertums entsprach. Diese Herrschaftsrechte waren in den polit. Wirren von 1368-95 grösstenteils an das Meiertum von La Neuveville gefallen, wurden aber vom 15. Jh. an wieder durch die Bieler Stadtbehörden, nahezu unabhängig vom Fürstbischof, ausgeübt. B. verdankte dem Bannerrecht weitgehend seine Autonomie; mit den ihm unterstellten Mannschaften konnte es seine Bündnispflichten gegenüber Bern und den Eidgenossen erfüllen. Die Bieler geboten über das nach Zünften geordnete Aufgebot der Stadt, über die Truppen der Äusseren Ziele und des Erguels und ab 1551 auch über die halben Mannschaften von Ligerz, Twann, Tüscherz und Alfermée. Für den ersten Auszug stellte B. laut dem Eidg. Defensionale von 1668 200 Mann, etwa gleich viel wie die Stadt St. Gallen.

Wie andere Städte versuchte B. ein Untertanengebiet zu erwerben. In der Talschaft Erguel sicherte es sich schon im 14. Jh. Mitspracherechte im Chorherrenstift von Saint-Imier und bei der Besetzung der dortigen Gerichte. Nach der Reformation 1528 baute es seine Stellung mit Hilfe des neuen Kirchenregiments aus. Die vollständige Aneignung der Talschaft misslang jedoch. Zwar konnte B. vom Basler Domkapitel 1554 Orvin und Erguel pfandweise erwerben, doch bereits 1556 löste Fürstbf. Melchior von Lichtenfels die Pfänder wieder aus. 1610 drängte der Fürstbischof im Badener Vertrag den Einfluss B.s auf das Erguel weiter zurück. 1409 erwarb B. die halbe Herrschaft Ligerz, deren ehemalige Eigenleute bereits seine Erbbürger waren, samt den Gerichten. Wohl unter Druck verkaufte B. 1551 seine Hälfte wieder an Bern, das die Hohen Gerichte über die ganze Herrschaft und ab 1469 auch die andere Herrschaftshälfte besass, behielt aber auch weiterhin das halbe Mannschaftsrecht.

Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler

2.3 - Stadtverfassung und Verwaltung

Basis der Bieler Verfassung waren bis 1798 die Handfeste von 1352 sowie das Privileg, das 1380 durch Bf. Johann von Vienne erteilt und 1388 erneuert worden war. B. war demnach eine Landstadt; in den angeführten Rechtsinstrumenten wurde die übergeordnete Stellung des Landesherrn betont. Handfeste und Privileg mussten von der Stadtgemeinde unter Anerkennung der fürstbischöfl. Herrschaft bis 1798 jährlich beschworen werden. Das Gemeindeleben wurde seit dem 14. Jh. durch Ratserlasse geregelt. Eine erste Sammlung dieser Erlasse aus dem frühen 15. Jh. wurde 1614 durch die grosse systemat. Stadtsatzung abgelöst.

B.s Stadtverfassung wurde bis ins 17. Jh. wiederholt abgeändert. Viele Änderungen der Ämterstruktur sind, da die entsprechenden Belege fehlen, nicht genau zu datieren. An der Spitze der städt. Behörden stand der vom Fürstbischof ernannte Meier, der zugleich auch die Verwaltung im Meiertum leitete. Er führte im Bieler Rat und im Gericht ohne eigenes Stimmrecht den Vorsitz. Das Meieramt war bis ins 15. Jh. bischöfl. Edelleuten vorbehalten und nur ausnahmsweise von Kleinräten besetzt.

Der städt. oder der Kl. Rat bestand im SpätMA aus zwei Kollegien, dem alten und dem neuen Rat mit je zwölf Mitgliedern, die sich jährlich in der Regierung abwechselten. 1491-1525 lenkte der alte Rat, der damals ein grösseres Ansehen genoss, die Stadt allein. Nach mehreren Verfassungsänderungen regierten ab 1545 die "Räte gemeinlich", d.h. alter und neuer Rat bildeten zusammen den Kl. Rat, dem max. 24 Mitglieder angehörten (tatsächlich waren es meist weniger). Der Kl. Rat ergänzte sich selbst unter Mitwirkung von Wahlherren aus den Zünften; daneben wählte er die Mitglieder des Gr. Rats sowie die städt. Amtsträger ausser den Vennern. Der Gr. Rat, der seit der Mitte des 15. Jh. bestand, ersetzte sukzessive die ältere Gemeindeversammlung, die zuletzt praktisch nur noch für die Vennerwahl zuständig war. Die Zahl seiner proportional den Zünften entnommenen Mitglieder lag zwischen 21 und 50, meist zwischen 30 bis 40. Einberufen durch den Meier und den Kl. Rat, war der Gr. Rat nur zusammen mit dem Kl. Rat als "Rät und Burger" handlungsfähig.

Der Kl. Rat setzte die meisten städt. Beamten und Kommissionen ein, darunter auch die beiden Bürgermeister an der Spitze der städt. Ämterhierarchie. Diese wachten über das Finanzwesen, über die Stadtbefestigungen, Masse und Gewichte, das Stadtsiegel (1255 erw.) und die Torschlüssel. Die Aufteilung der Kompetenzen, die sich dabei allmählich eingespielt hatte, führte 1542 zur Schaffung zweier neuer Ämter mit unterschiedl. Funktionen: Der Säckelmeister war ab jetzt für die Finanzen, der alleinige Bürgermeister für Siegel und Schlüssel verantwortlich. Auf Lebenszeit gewählt, stieg Letzterer allmählich zum ersten Magistraten auf und übernahm auch Aufgaben des Meiers wie z.B. den Vorsitz im Kl. Rat. Der ebenfalls auf Lebenszeit gewählte Venner war ursprünglich Befehlshaber des gesamten Aufgebots der Stadt; im 16. Jh. wurde er nach und nach zum Sprecher der Gemeinde gegenüber dem Rat. In der frühen Neuzeit erhielt das Venneramt den Charakter einer Ehrenstelle. Der Venner entwickelte sich zum zweiten Oberhaupt der Stadt neben dem Bürgermeister, während die militär. Führung an vom Rat eigens ernannte Offiziere überging.

Weitere Änderungen der städt. Verwaltungsorganisation brachten eine Vermehrung der untergeordneten Dienststellen. Am Ende des Ancien Régime unterschied man dann zwischen dem "Regiment" (Kl. und Gr. Rat, Bürgermeister), den "Ämtern" (über 30 Amtleute, darunter Säckelmeister, Stadtschreiber, Gross- und Kleinweibel, Verwalter städt. Einrichtungen wie des Spitals) und den "Diensten" (mehr als 25 untere Chargen, z.B. Werkmeister, Zöllner, Wächter). Vom Stadtschreiber, der meist ein Notar war, verlangte man mit Blick auf den Amtsverkehr mit dem welschen Erguel Zweisprachigkeit. Die "Regimentsbesatzung" (Wahl und Kooptation der Räte) und die Bestellung der städt. Ämter fanden jährlich im Januar statt und endeten mit den Schwörtagen in der Stadtkirche, an denen die Mitglieder der beiden Räte, der Meier und die Bürger ihre Eide ablegten.

Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler

2.4 - Fürstbischöfliche Landstadt und zugewandter Ort der Eidgenossenschaft

Im 15. Jh. war die Stellung der Stadt gefestigt: Sie genoss weitgehende Selbstverwaltung, gebot über die Nachbardörfer und schloss Bündnisse ab. B. wollte jetzt auch souveräner Ort der Eidgenossenschaft werden und setzte das Bannerrecht, das ihm die Teilnahme an den eidg. Kriegen ermöglichte und die Wertschätzung der Eidgenossen eintrug, für dieses Ziel ein. Die Stadt erlangte als Verbündete von Bern, Freiburg und Solothurn zwar allmählich den Status eines zugewandten Orts, blieb aber ohne Bundesvertrag, wie ihn 1454 die Stadt St. Gallen erhielt. Demzufolge belegte B. an den eidg. Tagsatzungen in der offiziellen Rangordnung der Orte den letzten Platz. Die von der Stadt nach den Burgunderkriegen unternommenen Anstrengungen, in den Rang eines vollberechtigten eidg. Orts aufzusteigen, blieben ebenso erfolglos wie viele spätere Vorstösse. Umso mehr legte B. Wert darauf, in die Allianzen mit Frankreich und in die europ. Friedensverträge als zugewandter Ort miteinbezogen zu werden.

Damit demonstrierte B. bereits ein hohes Mass an Emanzipation von seinem Stadtherrn; der Übertritt zur Reformation 1528 und die Aufnahme ins Christl. Burgrecht 1529 stärkten die Selbstständigkeit der Stadt. Zwar lehnte sich B. bei der kirchl. Neugestaltung an Bern an, handhabte aber als "christl. Oberkeit" ein eigenes Kirchenregiment, bis 1610 auch im Erguel. Die Stadt lavierte in polit. Fragen bis 1798 zwischen dem Bündnispartner Bern und dem fürstbischöfl. Landesherrn, teils mit Hilfe seiner Verbündeten Freiburg und Solothurn. Der Bieler Tauschhandel 1599 bewog B., sich von Bern abzuwenden. Nach dessen Scheitern regelte schliesslich 1610 der Badener Vertrag, von der Tagsatzung vermittelt, das Verhältnis B.s zum Fürstbischof neu. Das Erguel, in dem die Stadt alle polit. und kirchl. Rechte verlor, wurde vom Meiertum abgetrennt, B.s Bündnisfreiheit eingeengt und Rat und Gericht wieder dem Meier unterstellt. B. hatte sich allerdings den Status eines zugewandten Orts erhalten; zudem lag die fürstbischöfl. Landstadt B. weit ab vom Sitz des Landesherrn in Pruntrut, der seine Hoheit nur mehr nominell ausübte.

Die Entwicklung B.s verlief im 17. und 18. Jh. ähnlich wie jene anderer Kleinstädte. Die Stadt nahm im 17. Jh. zwar prot. Emigranten aus Frankreich auf, begrenzte aber sonst die Aufnahme von Neubürgern zusehends. Gleichzeitig errangen im Zuge der Aristokratisierung einzelne Familien, v.a. die Thellung, Wildermeth und Scholl, Vorrechte im Regiment, etwa bei der Besetzung der Stellen im Kl. Rat (Ballottenwahl 1757) oder sonstiger lukrativer Ämter. Um 1770 war B. mit 1'698 Einwohnern grösser als die meisten vergleichbaren deutschsprachigen Landstädte, einzig Aarau wies eine etwa gleich grosse Bevölkerung auf (1764: 1'719 Einwohner). Trotz vieler interner Querelen, in denen die Bürger jeweils teils für Bern, teils für den Fürstbischof Partei nahmen, stand B. in einem vergleichsweise hohen Ansehen.

Mit der Franz. Revolution trat für B. eine neue Situation ein. Frankreich wurde nach der Annektion der Reichsgebiete des Fürstbistums Basel 1793 sowie des Münstertals und des Erguel 1797 unmittelbarer Nachbar. Am 6. Febr. 1798 erfolgte der Einmarsch der franz. Truppen durch das offene Obertor, von der Stadtbevölkerung vorerst gefeiert. B. und seine Nachbargemeinden wurden als "Canton de Bienne" Frankreich einverleibt. Der Kanton gehörte zunächst dem Département du Mont-Terrible, 1800-13 dann dem Département du Haut-Rhin an. Unter dem Maire Sigmund Wildermeth (1765-1847) setzte ein strenges Regiment nach dem Diktat von Paris ein.

Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler

2.5 - Stadtwirtschaft

Die wirtschaftl. Grundlage B.s waren der Rebbau am Jurahang und in geringerem Masse die Fischerei. Ackerbau dagegen war in der von Hochwassern bedrohten Schüssebene nur bedingt möglich und die Viehhaltung mangels Weiden weitgehend auf Kleinvieh beschränkt. B. lag auch abseits der Handelswege zu Wasser und zu Land; der Umschlag von den Transportkähnen auf die Fuhrwerke erfolgte im bern. Nidau. Von den Fürstbischöfen erhielt B. im Lauf des 14. Jh. Regalien und Fiskalrechte zum Ausbau seiner Stadtwirtschaft, u.a. Jagd- und Fischereirechte, Ohmgeld und Zoll sowie 1327 das Recht zur Durchführung zweier Jahrmärkte. Wohl unter dem Einfluss der frühen Basler Zünfte entstanden in B. ab Mitte des 13. Jh. acht Handwerkerzünfte, die sich infolge von Zusammenschlüssen später auf fünf reduzierten: die Waldleute (Bau-, Kunsthandwerker, Schmiede), die Rebleute (mit Fischern, Küfern), die Schuhmacher (mit Sattlern), die Pfister (mit Müllern) und die Metzger (mit Gerbern). Die ursprüngliche Herrenstube zum Pfauen öffnete sich auch andern Bürgern.

Die Aufbruchstimmung des 16. Jh. bewirkte einen wirtschaftl. Aufschwung, der sich in einer Blüte des Bauwesens und des Kunsthandwerks (Goldschmiede, Glasmaler, Glocken-, Zinngiesser) manifestierte. Die Beteiligung B.s an den eidg. Soldverträgen öffnete seinen Bürgern Militärkarrieren in fremden Diensten und Einkommen aus den Pensionen. Die prot. Emigranten stimulierten im 17. Jh. den Handel. Im Handwerk führten dagegen die zunftwirtschaftl. Beschränkungen - Zwang zum Kleinbetrieb, Ausschaltung des Wettbewerbs, Widerstand gegen die Ansiedlung neuer Handwerke, rigide Produktionsvorschriften usw. - zu einer kleindimensionierten, kapitalarmen Stadtwirtschaft. Die Zunftordnungen verhinderten auch die Niederlassung franz. Unternehmer, welche Seiden- und Wollwebereien oder andere Textilbetriebe eröffnen wollten. Nur Unternehmen, die sich ausserhalb der Zünfte etablierten, war Erfolg vergönnt. Dazu gehörten eine Drahtmühle, die als bischöfl. Lehen in Bözingen 1634 eingerichtet wurde, und die 1747 von den Ratsherren Bendicht Rother und Alexander Jakob Wildermeth gegründete Indiennedruckerei. Diese entwickelte sich nach anfängl. Schwierigkeiten unter der Leitung François Verdans gegen Ende des 18. Jh. zu einem blühenden Unternehmen.

Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler

2.6 - Stadtanlage

Die befestigte Stadtanlage auf der Hügelkuppe erfuhr noch vor 1295 eine erste Erweiterung gegen Nordosten (Ober- und Untergasse) und um 1350 eine zweite gegen Süden in die Ebene (äussere Neuenstadt), die den bebauten Raum fast verdoppelten. Nach dem Brand 1367 wurde die Stadt im früheren Umfang wieder aufgebaut, den sie dann bis Mitte des 19. Jh. beibehielt. Nach teilweiser Abtragung der Burgruine 1405 wurde ab 1489 das ursprünglich abgetrennte Burggelände sukzessiv in die Stadtanlage einbezogen; zu den in diesem Bereich erstellten Neubauten zählten das neue Rathaus (1530-34), das Zeughaus (1589-91), das heute das Theater beherbergt, der städt. Werkhof, die Badestube und die Tuchlaube. An der Stelle des ältesten Rathauses wurde 1578-82 das städt. Gasthaus Krone errichtet. Am ältesten Gerichts- und Marktplatz, am Ring, entstanden die Zunfthäuser. Seit dem 14. oder 15. Jh. förderte der Rat durch finanzielle Anreize den Ersatz der brandgefährdeten Holz- durch Steinhäuser. In der 1. Hälfte des 17. Jh. vergrössert und modernisiert, wurden die Stadthäuser um die Wende vom 18. zum 19. Jh. stockweise unterteilt. Aus dieser Zeit stammen auch ihre heutigen Fassaden. Die Bautypen entsprechen denen der Jurasüdfussregion, zeigen aber auch stadtbern. Einfluss.

Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler

2.7 - Kirche, Schulen und Kultur

Kirchlich gehörte B. nicht zum Bistum Basel, sondern mit dem Erguel zur Diözese Lausanne (Dekanat Saint-Imier oder Solothurn). Die Stadtkirche (Benedikt-Patrozinium) wird 1228 erwähnt. Die heutige Kirche wurde 1451-70 errichtet und gilt nach dem Berner Münster als der bedeutendste spätgot. Bau im Kt. Bern. 1364 erwarb die Stadt den Kirchensatz von den Gf. von Thierstein; durch Stadtbrand und Wiederaufbau geschwächt, verkaufte sie ihn 1376 der Abtei St. Johannsen. Der Rückkauf von Bern, in dessen Hände der Kirchensatz in der Reformation geraten war, erfolgte 1540. Hausschenkungen der Bürgerschaft führten 1454 zur Gründung einer kleinen Johanniterkomturei mit einer 1460-66 erbauten Kirche. Die 1528 aufgehobene Komturei - mit einer Freistätte für Verfolgte, dem sog. Freihof - diente 1741-1818 als Spital. Die 1477 erw. Siechenkapelle am Weg nach Bözingen wurde im 17. Jh. für den franz. Gottesdienst eingerichtet. Eine weitere, später abgegangene Marienkapelle stand in Falbringen (vielleicht war diese identisch mit der in Quellen genannten Kapelle der Wüstung Brittenach).

Unter Führung des Leutpriesters Thomas Wyttenbach bekannte sich B. bereits 1525 zur Reformation. Die Durchführung erfolgte wie in Bern 1528. Der Rat übernahm das Kirchenregiment und richtete 1535 nach bern. Vorbild das Chor- oder Ehegericht ein, das bis 1610 auch für das Erguel zuständig war. Kirchen-, Spital- und Siechenvermögen fielen an die Stadt.

Eine Stadtschule wurde 1458 erwähnt. Im 15. Jh. wohl nur mit Unterbrüchen geführt, wurde sie ab 1528 zur städt. Lateinschule unter Leitung des Helfers an der Stadtkirche. Der Rat genehmigte ihren Lehrplan erstmals 1625. An ihr wirkte zwischen 1621 und 1651 der Mathematiker Jakob Rosius. Daneben etablierten sich im 16. Jh. die Deutsche Schule und spätestens ab 1621 die Mädchenschule. Im 18. Jh. wurde die Knabenschule als Elementar-, Untere und Obere Realschule mehrklassig geführt; Letztere, aus der ehemaligen Lateinschule hervorgegangen, hatte seit 1747 mit einem breiten Fächerangebot gymnasialen Charakter. Man unterrichtete dort auch Französisch, das in der städt. Oberschicht ohnehin zur zweiten Umgangs- und Bildungssprache geworden war. 1761 wurde die Ökonom. Gesellschaft, 1765 die Burgerbibliothek gegründet.

Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler

3 - 19. und 20. Jahrhundert

3.1 - Gesellschaft und Politik

3.1.1 - Die Vereinigung mit Bern

Nach der Niederlage Napoleons wurde B. 1814 zusammen mit den Gebieten des ehemaligen Fürstbistums Basel von Frankreich abgetrennt und dem alliierten Generalgouvernement unter Frh. Konrad Karl Friedrich von Andlau unterstellt. Die Hoffnung auf einen eigenen eidg. Kanton lebte neu auf. Der von der Stadt an den Wiener Kongress entsandte Georg Friedrich Heilmann konnte indes nicht verhindern, dass B. zusammen mit den meisten Gebieten des ehemaligen Fürstbistums dem Kt. Bern zugeteilt wurde. Die widerstrebende provisorische Bieler Regierung konnte aber Bern den Fortbestand einiger alter Sonderrechte und andere Konzessionen abringen, als B. schliesslich 1815 dem Kt. Bern als Teil des Oberamts Nidau angegliedert wurde.

Die Vereinigungsurkunde zwischen B. und Bern gestand der Stadt B. weiterhin Ohmgeld, Zölle und Hintersassengeld zu. Auch durfte der Bieler Magistrat ohne Vermittlung des Oberamtmanns direkt mit der Berner Regierung korrespondieren. Hingegen blieb der Wunsch der Bieler, ihre Stadt zum Hauptort eines Amtsbezirks zu machen, vorerst unerfüllt. Die Skepsis gegenüber Bern blieb bestehen. Ein Teil der Bieler Bürger schloss sich aus den verschiedensten Motiven der liberalen Opposition gegen das Berner Regime an und suchte den Kontakt mit den Burgdorfer Liberalen Johann und Karl Schnell. Nach dem Sieg der Liberalen im Kt. Bern 1831 sass in der Regierung auch der Bieler Charles Neuhaus. 1832 wurde B. Hauptort des gleichnamigen, neu geschaffenen Amtsbezirks. Erst mit der einsetzenden Demokratisierung während der Regenerationszeit begannen die Bieler, sich mit dem Staat Bern zu identifizieren.

Autorin/Autor: Tobias Kästli

3.1.2 - Burgergemeinde und Einwohnergemeinde

Das kant. Gemeindegesetz von 1833 sah neben der Burgergemeinde eine Einwohnergemeinde vor. Die Bieler hatten schon vorher ihre Gemeindeorganisation dem veränderten Verhältnis zwischen Burgern und Einsassen (1779: 1'119 zu 579; 1833: 1'007 zu 1'601) angepasst. Die Burgergemeinde mit dem Burgerrat wurde zur Privatkorporation, die mit ihrem Vermögen das Armen- und Vormundschaftswesen besorgte. Die Einwohnergemeinde nahm die öffentl. Geschäfte wahr.

Zwischen Burger- und Einwohnergemeinde kam es in der Folge zu langwierigen Auseinandersetzungen um Vermögen und Kompetenzen. In den 1840er Jahren stieg die Zahl der Zuzüger stark an; viele französischsprachige Uhrmacher siedelten sich in der ursprünglich deutschsprachigen Stadt an. Damit wuchs der Druck auf die Burgergemeinde. Aufgrund des kant. Gemeindegesetzes von 1852 wurde eine weitere Ausscheidung von Burgergütern zugunsten der Einwohnergemeinde vorgenommen. Der Ausscheidungsvertrag wies ihr die Einkünfte aus Ohmgeld, Zoll, Hintersassengeld, Entschädigungen für den Salzhandel, der auf den Staat Bern übergegangen war, die Pintenrechte sowie die öffentl. Strassen und Plätze zu, während namentlich die Wälder und die sieben Bielberge, aber auch einige Gebäude wie z.B. das Rathaus und das Kanzleigebäude der Burgergemeinde verblieben.

Autorin/Autor: Tobias Kästli

3.1.3 - Politische Institutionen

In der Zeit der Restauration wurde B. von einem Gr. Rat (30-50 Räte) und einem Kl. Rat (15-20 Räte) regiert. Von 1832 an bildete ein 25 Mann starker Gemeinderat die Exekutive, während die Einwohnergemeindeversammlung, die zweimal jährlich tagte, die legislativen Funktionen wahrnahm. 1835 wurde die Zahl der Gemeinderäte auf 14 gesenkt. Eine weitere Umgestaltung der Exekutive erfolgte 1855; jetzt wählte die Gemeindeversammlung zwölf Gemeinderäte für eine Amtsdauer von sechs Jahren, ausserdem noch den Gemeindepräsidenten, seinen Stellvertreter, den Gemeinde- und Gemeinderatsschreiber sowie den Gemeindeweibel.

In den 1870er Jahren überschritt B. die Schwelle von 10'000 Einwohnern. Das deswegen geänderte Gemeindereglement von 1874 sah einen Stadtrat (Parlament) mit 40 Mitgliedern, einen fünfköpfigen Gemeinderat mit einem hauptamtl. Stadtpräsidenten und die Gemeindeversammlung vor. 1882 erhöhte man die Zahl der Gemeinderäte wieder auf neun. 1893 wurde die Gemeindeversammlung endgültig abgeschafft und die Urnenabstimmung eingeführt, gleichzeitig die Zahl der Stadträte auf 60 erhöht. Auch die "Welschbieler", etwa ein Drittel der Einwohner, nahmen jetzt vermehrt Anteil an der Gemeindepolitik. Die Majorzwahlen begünstigten die deutschfreisinnige Mehrheitspartei. Diese räumte aber der Partei der Französischsprachigen (Cercle Démocratique Romand) und dem Grütliverein freiwillig eine Vertretung in den polit. Gremien ein.

Die Zahl der Gemeinderäte wurde im 20. Jh. nicht mehr geändert: 1909 erhielten aber drei Gemeinderäte ein vollamtl. Pensum, 1920 vier und 1946 fünf.

Autorin/Autor: Tobias Kästli

3.1.4 - Politische Entwicklung im 20. Jahrhundert

Der Bauarbeiterstreik von 1902 zeugte von den wachsenden Gegensätzen zwischen Unternehmern und Arbeiterschaft. Eine anarchosyndikalist. Strömung, die Streik und Sabotage als legitime Kampfmittel verstand, beeinflusste die Bieler Arbeiterbewegung. In versch. Branchen kam es zu teilweise erbittert geführten Arbeitskämpfen. Höhepunkt war der Streik der Bieler Schreinergesellen 1907, der beinahe ein Jahr dauerte. 1907 wurde Arbeitersekretär Gottfried Reimann Stadtpräsident; zum ersten Mal in der Schweiz war ein Sozialdemokrat in ein solches Amt gewählt worden. 1909 wurde für die Gemeindewahlen der Proporz eingeführt. Die Arbeiterunion (ab 1912 SP) gewann an polit. Einfluss. Der Freisinn blieb aber dominierende Kraft.

Der 1. Weltkrieg bedeutete für die Arbeiterbewegung einen Rückschlag. Die Löhne waren bei Kriegsausbruch stark gekürzt worden; sie erreichten bis Kriegsende nicht mehr die reale Kaufkraft der Vorkriegszeit. Die Teuerung und die schlechte Lebensmittelversorgung verstärkten die Unzufriedenheit in der Arbeiterschaft. Im Gefolge einer Hungerdemonstration kam es im Juli 1918 zu Strassenkrawallen, die erst ein militär. Aufgebot beendete. Dem Aufruf zum Landesstreik im Nov. 1918 folgte die Bieler Arbeiterschaft fast geschlossen. 1919 wurde in B. eine kommunist. Partei gegründet, die aber unbedeutend blieb.

1921 errangen die Sozialdemokraten in Stadt- und Gemeinderat eine knappe Mehrheit. Unter Führung des sozialdemokrat. Stadtpräsidenten Guido Müller begann ein gemeindesozialist. Experiment. Das "rote Biel" profilierte sich in den 1930er Jahren v.a. auf städtebaulichem Gebiet, insbesondere im Bahnhofquartier. Das Volkshaus, das unter der Leitung von Eduard Lanz 1928-32 errichtet wurde, ist nicht nur ein vorzügl. Beispiel des "Neuen Bauens", sondern auch ein Symbol für die sozialdemokrat. Ära der Stadt.

In den Jahren des 2. Weltkriegs näherten sich die linken und bürgerl. Parteien stark an. 1940 war erstmals der Landesring der Unabhängigen (LdU) im Stadtparlament vertreten; die alten Parteiverhältnisse wurden nun langsam aufgebrochen. Als im letzten Kriegsjahr die Partei der Arbeit (PdA) mit neun Vertretern in den Stadtrat einzog, wuchsen die Widersprüche innerhalb der Linken. Nach dem Rücktritt des Stadtpräsidenten Müller 1947 stellten zunächst der Freisinn und ab 1976 dann erneut die Sozialdemokratie das Stadtoberhaupt. Im Stadtparlament spielten die Freien Bieler Bürger (franz.: Entente biennoise) 1972-84 eine Vermittlerrolle zwischen linken und rechten Positionen. Auch die extreme Linke (POCH) und die extreme Rechte (Freiheits-Partei) verfügten zeitweise über Sitze in der städt. Legislative, Letztere auch in der Exekutive.

Autorin/Autor: Tobias Kästli

3.2 - Stadtentwicklung seit 1850

1850-70 stieg die Einwohnerzahl B.s von 5'609 auf 11'666 an. Die Stadt sprengte ihre alten Grenzen, die alten Stadtmauern wurden zwischen 1829 und 1875 nach und nach abgebrochen. In der Ebene südl. der Altstadt entstanden ab ca. 1855 das Neuquartier und ab ca. 1865 das Neumarktquartier. Der provisorische Bahnhof von 1857 wurde 1864 verschoben, um der Stadterweiterung Platz zu machen. Um 1885 war die Überbauung der Ebene südl. und westl. des Stadtkerns schon weit fortgeschritten. Ab 1873 wuchs die Stadt auch Richtung Osten: Gegen Bözingen entstand das Juraquartier. Von ca. 1870 an wurden die ersten Gebäude am Jurasüdhang erstellt; 1890 setzte eine rege Bautätigkeit auf der ganzen Breite des Hanges ein. Nach 1900 entwickelte sich dessen unterster Bereich immer mehr zu einer Art Monumentalzone; die Gebäude dort bestimmten die Silhouette der Stadt.

Die überbaute Fläche hatte sich zwischen 1850 und 1900 ungefähr verzehnfacht; um die Jahrhundertwende zählte die Agglomeration B. 30'000 Einwohner. Die Stadt wuchs jetzt mit ihren Nachbardörfern zusammen. Die Eingemeindungen von Vingelz (1900), Bözingen (1917), Madretsch und Mett (beide 1920) trugen der Siedlungsentwicklung in polit. Hinsicht Rechnung.

In der Zwischenkriegszeit erhielt die Stadt ein neues Zentrum, indem der Schüssübergang zwischen Altstadt und dem 1923 eingeweihten neuen bzw. dritten Bahnhof - dieser war gegenüber der Vorgängeranlage weiter nach Südwesten verlegt worden - als Zentralplatz gestaltet wurde. Die äussere Bahnhofstrasse, das Hotel Elite und das Volkshaus, das 1981 durch eine Volksinitiative in den Besitz der Stadt überführt und saniert wurde, stellen ein auch heute noch bemerkenswertes städtebauliches Ensemble dar.

Die Hochkonjunktur, die nach dem 2. Weltkrieg einsetzte und bis in die 1970er Jahre anhielt, führte zu einem neuen wirtschaftl. Boom der Stadt. In den 1960er und 70er Jahren gehörte B. zu den zehn grössten Städten der Schweiz. Mit dem Kongresshaus, errichtet von Max Schlup 1961-66, erhielt B. ein neues Wahrzeichen. In diese Zeit fiel auch die letzte Ausdehnungsphase der Stadt, deren Hauptstossrichtungen von Mett Richtung Orpund-Büttenberg und vom Mühlefeldquartier nach Süden gingen, wo B. mit den Neuquartieren Nidaus zusammenwuchs.

In die 1960er Jahre fiel aber auch ein Wendepunkt der Entwicklung: Die Krise der Kernstädte, ein Phänomen des späten 20. Jh., erfasste auch B. Die Einwohnerzahl der Stadt erreichte 1964 mit 64'848 ihren Höchststand, danach nahm sie kontinuierlich ab. Die Gründe für diese Entwicklung lagen einmal in der allg. Bevölkerungsentwicklung (Pillenknick) wie auch in der Stadtflucht. Bis 1990 verlor B. ca. 20% seiner Bevölkerung; in der gleichen Zeit nahmen die Pendlerströme erheblich zu. Da viele der mehrheitlich jüngeren Abwanderer zu den gut verdienenden Gruppen gehörten, ging die Steuerkraft der Stadt zurück, während u.a. infolge der Überalterung oder des Anstiegs des motorisierten Privatverkehrs gleichzeitig die Ausgaben im sozialen Bereich und für die Infrastruktur massiv stiegen - die Frage nach einer Abgeltung der Zentrumslasten wurde auch in B. zu einem Dauerbrenner der polit. Diskussion. Erst in den späten 1990er Jahren wurden die ersten Anzeichen sichtbar, die auf eine Verzögerung dieser Entwicklung oder sogar auf eine Trendumkehr hindeuteten.

Autorin/Autor: Tobias Kästli

3.3 - Wirtschaftliche Entwicklung

Die Schüss, die vom Taubenloch in den Bielersee fliesst, lieferte die Wasserkraft für die Gewerbe- und Industriebetriebe von B.; ihre Kanalisierung 1825-29 erlaubte die Besiedlung der zuvor regelmässig überschwemmten Ebene und die Entsumpfung der südl. der Stadt gelegenen Gebiete. Innerhalb der Stadtmauern wurden in der 1. Hälfte des 19. Jh. noch die alten Zunfthandwerke betrieben, ausserhalb entwickelten sich von der 2. Hälfte des 18. Jh. an die Textil- und Drahtindustrie, später auch die Uhrenindustrie. Draht- und Uhrenindustrie bestehen in veränderter Form bis heute, während die Textilindustrie aus B. verschwunden ist.

Die 1770/71 gegründete Indiennedruckerei im Pasquart war in der Zeit der franz. Herrschaft (1798-1813) durch François Verdan und dessen Schwiegersohn Johann Rudolf Neuhaus zu einem Grossbetrieb mit etwa 1'000 Beschäftigten ausgebaut worden. 1808 wurde der Betrieb mechanisiert; aus eigenen Mitteln wurden sog. Rouleauxdruckmaschinen gekauft. Um 1820 beschäftigte das Unternehmen noch etwa 200 Arbeitskräfte. Nach seinem Austritt aus der Geschäftsleitung gründete Neuhaus 1824 mit seinem Schwager eine Baumwollspinnerei in der Bieler Champagne, die ebenfalls die Wasserkraft der Schüss nutzte. 1828 beschäftigte der Betrieb 83 Frauen und 122 Kinder. 1830 wurde eine moderne mechan. Weberei angegliedert, welche die Indiennedruckerei mit Baumwolltüchern belieferte. Diese veraltete aber zusehends, und die Gebr. Verdan konnten sich nicht zu den notwendigen Neuinvestitionen entschliessen. 1842 liessen sie den Betrieb eingehen; dies war ein kräftiger Rückschlag für die industrielle Entwicklung der Stadt. 1879 wurde auch die unrentabel gewordene Baumwollspinnerei und -weberei liquidiert.

Um neuen Verdienst nach B. zu bringen, beschloss der Stadtrat 1842 auf Antrag des eingebürgerten dt. Emigranten Ernst Schüler, Uhrenarbeiter aus dem Jura unter Erlass des Einsassengelds in die Stadt aufzunehmen. 1844-59 wanderten über 1'700 Uhrmacher in B. ein; die meisten waren franz. Muttersprache, so dass das bis dahin vorwiegend deutschsprachige B. zu einer zweisprachigen Stadt wurde. Die Einwohnerzahl verdoppelte sich in der gleichen Zeitspanne. Anfänglich errichtete man Uhrmacherateliers in ausgebauten Dachstöcken sowohl in der Altstadt wie auch in den neuen Wohnquartieren, denn im Gegensatz zu anderen Industrien verursachte die in kleinen Ateliers organisierte Uhrenproduktion keine störenden Immissionen. Die von der vorindustriellen Zeit her gewohnte Einheit der Wohn- und Produktionsstätte blieb somit noch erhalten. 1873 wurde in B. eine Uhrmacherschule gegründet. Allmählich entstanden aus einigen der kleineren Ateliers grössere Manufakturen und die ersten modernen Fabriken. So entwickelte sich aus dem 1848 in La Chaux-de-Fonds eröffneten Atelier Louis Brandts zunächst eine grössere Firma und aus dieser wiederum die spätere Omega-Gruppe. Der 1878 gegründete Betrieb Jean Aegler war der Kern der späteren Rolex SA. In den letzten beiden Jahrzehnten des 19. Jh. erfuhr die Uhrenindustrie einen starken Modernisierungsschub hin zum zentralisierten Grossbetrieb nach amerikan. Vorbild. Elektrisch betriebene Automaten ersetzten zunehmend feinmechan. Handarbeit.

Obwohl sich in B. neben der Uhrenindustrie auch andere Unternehmen ansiedelten, wie z.B. 1882 eine Giesserei und Maschinenfabrik, 1900 eine Ketten- und eine Büroartikelfabrik oder 1914 eine Werkzeugmaschinenfabrik, blieb die Stadt in der 2. Hälfte des 19. Jh. von der Uhrenherstellung abhängig. Dies hatte auch negative Seiten: In den periodisch wiederkehrenden Wirtschaftsdepressionen hatten die Uhrenfabriken als exportorientierte Luxusindustrie jeweils grosse Absatzschwierigkeiten.

1884 liess Fritz Blösch, der Direktor der Drahtmühle, im Taubenloch ein kleines Elektrokraftwerk bauen; es war nach dem Kraftwerk Meiringen die zweite solche Anlage im Kt. Bern. Bei Hagneck, wo seit der Juragewässerkorrektion von 1878 die Aare in den Bielersee fliesst, entstand unter Eduard Wills Federführung das Hagneckwerk, das ab 1900 Strom lieferte und die Keimzelle der späteren Bern. Kraftwerke AG (BKW) war. Die an der Hagneck AG finanziell beteiligte Stadt B. bezog den Strom für ihre Verteilerstation aus Hagneck und übernahm ausserdem das kleine Kraftwerk im Taubenloch. So entstand das Elektrizitätswerk B. (EWB). Einer seiner ersten Grosskunden war Jules Schneider-Montandon, Besitzer der 1852 im Brühl gegründeten Drahtfabrik B., der mit seinem modernen Werk der Drahtmühle in Bözingen Konkurrenz machte. 1914 fusionierten beide Unternehmen zur Vereinigten Drahtwerke AG. 1863 nahm ein privates Gaswerk den Betrieb auf; es wurde 1882 von der Stadt übernommen und lieferte Leucht- und Kochgas.

Nach dem 1. Weltkrieg war die Uhrenindustrie zunächst von der Exportkrise stark betroffen, erholte sich dann rasch. Trotzdem begannen die Bieler Behörden, sich mit der einseitigen Abhängigkeit der Stadt vom Uhrenexport auseinanderzusetzen. Aber erst in den 1930er Jahren, nachdem B. infolge der grossen Depression über Jahre hinweg hohe Arbeitslosenquoten aufgewiesen hatte, wurden ernsthafte Anstrengungen zur Ansiedlung neuer Industriezweige gemacht. Dem Bieler Stadtpräsidenten Guido Müller gelang es, die amerikan. Automobilfabrik General Motors (GM) zur Errichtung eines Montagewerks in B. mit 300 Beschäftigten zu bewegen. 1935 wurde GM Schweiz mit Sitz in B. gegründet.

Im 2. Weltkrieg stagnierte die Bieler Industrie, um in der Hochkonjunktur der Nachkriegszeit umso stärker zu expandieren. Bis Ende der 1960er Jahre dominierte weiterhin die Uhrenindustrie. Die Rezession in den 70er Jahren deckte dann schonungslos die strukturellen Schwächen dieser Branche auf, die jahrzehntelang durch protektionist. Massnahmen abgeschottet worden war. Sie war sowohl technisch-organisatorisch wie auch hinsichtl. des Marketings nicht mehr auf dem neusten Stand und wies zudem viele Arbeitsplätze mit sehr geringen Qualifikationsanforderungen auf, die häufig von Ausländern besetzt waren. Der zunehmende Konkurrenzdruck durch ausländ. Produkte, v.a. elektron. Uhren aus Japan, führte zu einer Absatzkrise. Da 1975 auch das GM-Montagewerk geschlossen wurde, stieg die Arbeitslosigkeit trotz Abwanderung von ausländ. Arbeitskräften stark an. Zu einem wachstumshemmenden Faktor wurde auch der Mangel an Land für Industrie und Gewerbe, der ab den 1970er Jahren zunehmend spürbar wurde.

In den folgenden Jahren machte die Bieler Uhrenindustrie einen harten Restrukturierungsprozess durch: Mit Hilfe der Banken schloss der Unternehmensberater Nicolas Hayek die Bieler Uhrenholding Asuag (gegr. 1931) und die Genfer SSIH (gegr. 1930) zur Société suisse de Microélectronique et d'Horlogerie (SMH) mit Sitz in B. zusammen (Swatch Group). Mit der Billiguhr Swatch lancierte die SMH ein neues Erfolgsprodukt. Die meisten Arbeitsplätze wurden nach Grenchen verlegt, wo die Uhrenproduktion zentralisiert wurde; in B. blieben nur Management und Marketing.

Im Lauf der 1980er Jahre verlor die Uhrenindustrie die dominante Stellung, die sie seit dem 19. Jh. in der Bieler Wirtschaft eingenommen hatte, während die Maschinenindustrie an Bedeutung gewann. Gesamthaft betrachtet beschleunigte die Rezession den Wandel B.s von einer Industrie- zu einer Dienstleistungsstadt. In den 1950er und 60er Jahren war B. die einzige wirkl. Industriestadt im Kt. Bern; 65-70% der Arbeitsplätze entfielen damals auf den 2., und nur gerade 30%-35% auf den 3. Sektor. Anfang der 1990er Jahre dagegen arbeiteten 65% der Beschäftigten in Dienstleistungsunternehmen und nurmehr 35% in industriellen Unternehmungen. Dies führte auch zu strukturellen Umschichtungen auf dem Arbeitsmarkt: Während die traditionelle Industrie viele Arbeitsplätze für un- und angelernte Kräfte, v.a. auch für Frauen, angeboten hatte, verlangten die Arbeitsplätze in der rationalisierten Industrie und im Dienstleistungsgewerbe höhere Qualifikationen.

Autorin/Autor: Tobias Kästli

3.4 - Verkehr

Über Bielersee, Zihl und Aare wurden traditionell Güter (Wein, Holz, Salz) und Personen transportiert. Regelmässig verkehrten Schiffe zwischen Solothurn, Nidau und Yverdon. B. profitierte von dieser Wasserstrasse lange Zeit nur wenig, denn der Hafen lag im bern. Nidau. Die ersten Dampfschiffe fuhren in den späten 1820er Jahren auf den Juraseen, und in den 30er Jahren wurden solche Schiffe - aber offenbar zunächst primär auf dem Neuenburgersee - auch für den Güter- und Personentransport eingesetzt. Ab 1854 verkehrten täglich zwei Dampfschiffe zwischen Solothurn und Nidau bzw. Nidau und Yverdon. Diese Kurse verloren wegen des Baus von Eisenbahnlinien von den 1860er Jahren an ihre Bedeutung für den Personen- und Güterverkehr. Im 20. Jh. diente die Bielersee-Schifffahrt nur mehr tourist. Zwecken.

Die grosse Ost-West-Achse durch die Schweiz, die von Murten über Aarberg und Büren an der Aare nach Solothurn führte, zog sich knappe 10 km südöstl. der Stadt dahin; B. konnte also aus dem Durchgangsverkehr keine Einkünfte ziehen. Hingegen war die Strasse von B. über Bellelay nach Pruntrut bereits 1745 verbessert und 1752 durch die Klusen neu gebaut worden. Nach der Vereinigung des Juras mit Bern wurde auch der Ausbau der Strasse von B. über Aarberg nach Bern vorangetrieben. 1835 entstand die Strasse am Nordufer des Bielersees.

Lag B. bis ca. 1850 abseits der grösseren Verkehrswege, so änderte sich dies in den nächsten zwei Jahrzehnten mit dem Einbezug in das neu entstehende schweiz. Eisenbahnnetz, der eine wesentl. Voraussetzung für den Aufstieg B.s zur Industriestadt darstellte. 1857 eröffnete die Schweiz. Centralbahn die Linie von Herzogenbuchsee über Solothurn nach B. 1860 folgte die Strecke der Ost-West-Bahn von B. nach La Neuveville, 1864 die Linie der Bern. Staatsbahnen von B. nach Zollikofen, die dort in die schon bestehende Linie Olten-Bern einmündete. Pläne für den Bau einer Linie in den Jura wurden bereits in den 1860er Jahren ausgearbeitet, der Streckenbau ging aber mangels Kapital nur langsam voran. Erst nach der Niederlage Frankreichs 1871 beschleunigten sich die Arbeiten: Frankreich, das Elsass-Lothringen an das Dt. Reich abtreten musste, führte seine Hauptlinie jetzt neu über Delle und subventionierte deshalb auch den Bau der weiterführenden Strecken durch den schweiz. Jura, die ihm den Anschluss an die Südachsen nach Italien sichern sollten. 1874 nahm die Linie der Bern. Jurabahnen von B. über Sonceboz nach Tavannes den Betrieb auf. B. zog aus dem internat. Durchgangsverkehr Profit, bis 1919 das Elsass wieder an Frankreich angegliedert und die Strecke durch den Jura zu einer Nebenlinie wurde.

1877 baute eine private Gesellschaft eine Pferdebahn von Nidau und von Bözingen zum Bahnhof B. 1901 wurden die Ortslinien von der Stadt übernommen, 1902/03 erfolgte deren Elektrifizierung. Eine Besonderheit sind die Standseilbahnen nach Magglingen und Evilard, die seit 1887 bzw. 1898 verkehren.

Der Anschluss B.s an das schweiz. Autobahnnetz verzögerte sich, weil einerseits die geplanten Routenvarianten im Umkreis der Stadt auf Widerstand stiessen und andererseits seit den 1980er Jahren grosse Teile der Bevölkerung einem weiteren Ausbau der Nationalstrassen ablehnend gegenüberstanden. Die T6 verbindet als teils vier- und teils zweispurige Schnellstrasse seit 1987 B. mit Schönbühl bzw. der dort durchführenden A1. Die Autobahn A5 entlang des Jurasüdfusses, die von Solothurn via B. nach Neuenburg führt, war im Jahr 2002 noch im Bau, ebenso die Transjurane von B. nach Moutier und Pruntrut (A16).

Autorin/Autor: Tobias Kästli

3.5 - Schulen und Kultur

Unter franz. Herrschaft von privaten Genossenschaften getragen, gingen Kirche und Schule 1813 wieder an die Stadt B. über. Nach der Vereinigung mit Bern wurde die Rückwandlung der Privatschule in eine Burgerschule definitiv. Neben der burgerl. Knabenschule bestand eine burgerl. Mädchenschule, vorerst eine blosse Handarbeitsschule im Stil des 18. Jh. Einzelne Frauen setzten sich mit Erfolg für die Verbesserung der Mädchenbildung ein. Auf Betreiben der Berner Regierung entstand 1819 auch eine Einsassenschule, die vorerst nur einfachsten Bedürfnissen genügte und dementsprechend als Trivialschule bezeichnet wurde. Aus dieser entstand 1825 die zunächst zweiteilige Primarschule. Die erste franz. Lehranstalt wurde 1845 für die Kinder der eingewanderten Uhrenarbeiter eröffnet; sie war anfänglich eine Privatschule und wurde erst 1850 von der Gemeinde übernommen.

Ein 1817 eröffnetes Gymnasium, das den Absolventen der Burgerschule offen stand, wurde 1836 wieder aufgehoben. An seine Stelle trat eine Sekundarschule mit Progymnasium, dessen Erweiterung zum Gymnasium vom bern. Regierungsrat 1902 bewilligt wurde unter dem Vorbehalt, keine französischsprachigen Parallelklassen zu führen. Dieses sog. zweite Gymnasium bezog 1910 ein neues Schulgebäude an der Alpenstrasse. Erst 1955 wurde auch ein französischsprachiges Gymnasium eröffnet. Zwischen 1975 und 1980 wurde ein neuer Schulkomplex mit grossen Sportanlagen auf dem Strandboden erstellt, der sowohl das dt. wie auch das franz. Gymnasium aufnahm.

Die 1873 gegr. Uhrmacherschule wurde 1890 in das Westschweiz. Technikum umgewandelt und mit einer Abteilung für Elektrotechnik und Kleinmechanik erweitert. 1920 übernahm der Kt. Bern die Institution und führte sie als Kant. Technikum weiter. 1930 erfolgte die Eingliederung einer Automobiltechn. Abteilung und 1952 diejenige einer Holzfachschule; diese löste sich 1959 wieder vom Technikum; heute lautet ihre Bezeichnung Schweiz. Hochschule für die Holzwirtschaft. Das 1977 in Ingenieurschule B. umbenannte Kant. Technikum heisst seit 1997 Berner Fachhochschule für Technik und Architektur B.-Bienne. Auch das Schweiz. Ausbildungszentrum für Marketing, Werbung und Kommunikation (SAWI) hat in B. seinen Sitz.

Unter den kulturellen Einrichtungen sind v.a. das Museum Schwab (Ur- und Frühgeschichte), das Museum Neuhaus (Kunst und Geschichte), das Centre PasquArt (Kunsthaus, Photoforum) sowie das Uhrenmuseum der Firma Omega zu erwähnen. Das Städtebundtheater wird seit 1927 von B. und Solothurn gemeinsam getragen. Das Theater ist im ehemaligen Zeughaus untergebracht, das 1842 für diesen Zweck umgebaut wurde.

Autorin/Autor: Tobias Kästli

Quellen und Literatur

Archive
– AAEB
– StABE
– StadtA B.
– Museum Neuhaus, B. (FamA Neuhaus und Verdan)
– Archives départementales du Haut-Rhin, Colmar (F)
Quellen
– J. Trouillat, Monuments de l'histoire de l'ancien Évêché de Bâle, 5 vol., 1852-67
FRB 1-10
SSRQ BE I/13
Literatur
– C.A. Bloesch, Gesch. der Stadt B. und ihres Panner-Gebietes, 3 Bde., 1855-56
– G. Blösch, Chronik von B. von den ältesten Zeiten bis 1873, 1875, Nachträge 1880 und 1883, weitergeführt als Bieler Chronik im Bieler Jb., 1908-
Bieler Njbl. 1908-11
– F. Schwab, Die industrielle Entwicklung der Stadt B., 1918
– J. Wyss, Das Bieler Schulwesen, 2 Bde., 1919-26
Bieler Jb., 1927-35
– W. Häberli, B. unter Frankreichs Herrschaft, 1948
– R. Roth, Das Volkshaus B. und das Werden der Arbeiterbewegung, 1959
– G. Müller, B. in Vergangenheit und Gegenwart, 1961
Neues Bieler Jb., 1962-81
– E. Lanz, H. Berchtold, 500 Jahre Bieler Stadtkirche, 1963
– G. Grosjean, «Der Bieler Stadtbrand von 1367», in Neues Bieler Jb., 1967, 5-24
– E.A. Bloesch, Verfassungsgesch. der Stadt B. von der Frühzeit bis zum Sturz des Familienregiments im Jahre 1798, 21977 (1925)
– «Die Region Biel-Seeland», in Jb. der Geogr. Ges. von Bern 53, 1977-79
Bieler Jb., 1982-
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– P. Amstutz et al., «Les partis à la barre!», in Bieler Jb., 1985, 34-46
– I. Ehrensperger, «Altstadthäuser wuchsen in drei Schüben, Stadtkernforschung B.», in Bieler Jb., 1987, 61-92
– R. Dahler, «Die Bieler Indienneindustrie von den Anfängen bis zum Ende der franz. Zeit», in Bieler Jb., 1988, 68-133
– T. Kästli, Das Rote B. 1919-1939, 1988
– T. Kästli, Die Vergangenheit der Zukunftsstadt, 1989
– C. Zürcher, «Vom Landstädtchen zum Regionalzentrum», in Bieler Jb., 1992, 28-53
– T.R. Frêne, Journal de ma vie 5, hg. von A. Bandelier et al., 1993, 7-99
– M. Sauvain, Bienne et la crise nationale, 1914-18, Liz. Neuenburg, 1998
– W. und M. Bourquin B., stadtgeschichtl. Lex., 1999
– M. Wick-Werder, Spuren einer Stadt, 2000