Latour, de [vom Turm, de Turre]

Als Stammvater muss Ludwig, der 1473 als Bewohner des Meierturms Marmarola in Breil/Brigels belegt ist, bezeichnet werden. Die auswärtigen Namensträger (Surcasti) sind historisch unbedeutend. Die Brigelser Linien entwickelten sich zu Politiker- und Offiziersdynastien. Ihre ökonom. Basis bildeten der grosse Grundbesitz sowie die Einkünfte aus Pensionen, polit. und militär. Ämtern. 1596 stellten die L. mit Ludwig ihren ersten Landammann der Cadi, 1654 mit dessen Enkel Ludwig ( -> 6) ihren ersten Landrichter des Grauen Bundes. Damals verschwägerten sie sich mit den Fam. Castelberg, Montalt und Mont. Als Folge des massiven Machtverlusts nach 1714 (Caspar Deodat -> 4) wichen sie aufs Militär aus. Ludwig Adalbert, Neffe von Adalbert Ludwig ( -> 1), erwarb 1734 eine halbe Kompanie im Bündner Regiment Travers in franz. Diensten, in dem zahlreiche L. bis 1792 als Offiziere bis zum Grad eines Obersten dienten. Die militär. Tradition fand im päpstl. General Caspar Theodosius ( -> 5), Enkel von Ludwig Adalbert, ihren Höhepunkt, mit dessen Söhnen Caspar ( -> 3) und Heinrich Adalbert (gestorben 1878), Major, ihren Abschluss. Mit Peter Anton ( -> 7), Bruder des Generals, kehrten die L. um 1800 wieder auf die polit. Bühne zurück. Im 19. Jh. bildete er mit seinen Neffen Alois ( -> 2) und dem erw. Caspar eine der einflussreichsten polit. Dynastien im Kt. Graubünden, mit der nicht nur die liberal-kath. (u.a. Steinhauser), sondern auch die kath.-konservative polit. Elite (Peterelli, Decurtins) verwandt und verschwägert war. Nach dem Tod von Alois verloren die L. ihre polit. Bedeutung. Sie weisen im Hochgericht der Cadi die meisten Nominationen zum Landammann auf (34), zuletzt 1915. Männl. Vertreter des Geschlechts leben nur mehr ausserhalb Graubündens in den Kt. Aargau, Bern und Luzern.


Archive
– L.-Archiv, Breil/Brigels
Literatur
Schweiz. Geschlechterbuch 5, 345-350
– A. Collenberg, Die Fam. L. von Brigels, Liz. Freiburg, 1973, (mit Stammtaf.)
– V. Theus, Die Portrait-Slg. der Fam. de L. im L.-Archiv in Breil/Brigels, 1978
– A. Collenberg, Die de L. von Brigels in der Bündner Politik des 19. Jh., 1982
– A. Färber, «Eine Patrizierfam. im Bauerndorf: Das L.-Archiv in Breil/Brigels», in Terra Grischuna, 2005, Nr. 6, 72-75

Autorin/Autor: Adolf Collenberg