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Grasset, Eugène

geboren 25.5.1845 Lausanne, gestorben 23.10.1917 Sceaux (Ile-de-France), ref., von L'Abergement, ab 1891 Franzose. Sohn des Samuel Joseph, Kunsttischlers und Bildhauers, und der Jeanne Louise Marguerite geb. Burnens. Ledig. Mittelschule in Lausanne (1857, Schüler von François Bocion), 1861-63 abgebrochenes Architekturstud. am Eidg. Polytechnikum Zürich (Schüler von Gottfried Semper). 1863-65 Praktikum beim Architekten und Bauunternehmer Félix Wanner in Lausanne. Nach einer Ägyptenreise 1866-67 arbeitete G. als Bildhauer und Maler in Lausanne. Seine ersten Illustrationen waren geprägt von Gustave Doré und einer wissenschaftl. Neugier an Natur und der Welt des MA (Kostüme, Architektur). 1869-70 schuf er die Innen- und Aussendekoration des Lausanner Theaters. 1871 zog er nach Paris und gab die Malerei zugunsten der angewandten Kunst auf. Seine Arbeiten waren international erfolgreich, namentlich in den USA. Zu seinen Auftraggebern zählten u.a. Künstler (Sarah Bernhardt), Theater, Kaufleute, Fabrikanten, Eisenbahnunternehmen, Kunstgalerien sowie Gesellschaften. G. widmete sich allen Bereichen von Kunsthandwerk und Grafik. Er schuf unter anderem ein historisierendes Möbel für den Buchdrucker Charles Gillot (1879), führte Kunstschmiede- und Schlosserarbeiten für das Kabarett Chat-Noir aus, gestaltete Stoffe, Tapeten, Keramiken, Glasfenster, Mosaiken sowie Schmuck für Henri Vever und Partituren für Jules Massenet. Er zeichnete typograf. Ornamente und schuf einen neuen Schrifttypus, der nach ihm benannt wurde. Geprägt vom Symbolismus, den Präraffaeliten und dem Japanismus folgten seine Plakate dem Leitmotiv Weiblichkeit-Natur-Kunst. G. arbeitete für den Verlag Larousse (1890 gestaltete er die berühmte Säerin im Verlagslogo), die franz. und die Schweizer Post (Briefmarken), grosse Einkaufszentren wie La Belle Jardinière und Au Bon Marché (Kataloge, Kalender), für franz. Zeitschriften ("L'Estampe et l'affiche", "Art et Décoration") und amerikan. Magazine ("Harper's"). In seinen Illustrationen zu Erzählungen ("Le Petit Nab" 1882), zum Mittelalterepos "L'Histoire des quatre fils Aymon" (1883), zu "Balthasar" von Antole France (1909) machen sich der kelt. Einfluss, die Prägung durch Viollet-le-Duc, die Liebe zum Detail, zur Anekdote, zum Orient und zur kühnen Seitengestaltung bemerkbar. Die Synthesen seiner theoret. Überlegungen zu Geometrie und Zeichenkunst, "La Plante et ses applications ornementales" (1896) und "Méthode de composition ornementale" (1905), sind Muster- und Modellsammlungen. 1891-1903 wirkte G. als Lehrer für Industriedesign und dekorative Gestaltung an der Ecole Guérin und 1904-13 an der Académie de la Grande Chaumière, 1917 für Schriftkunde und -zeichnung an der Ecole Estienne (alle in Paris). G. unterrichtete u.a. Augusto Giacometti, Otto Ernst, Maurice Pillard Verneuil und Paul Berthon. Er beeinflusste Alphonse Mucha, Louis John Rhead und Le Corbusier wesentlich und korrespondierte mit Edouard Rod sowie Auguste Baud-Bovy. 1895 Ritter, 1911 Offizier der Ehrenlegion. G. setzte als Erster in Frankreich den Appell William Morris' nach einer Kultivierung des Alltags konkret um und wurde zu einem Vorreiter des Jugendstils.


Literatur
– A. Murray-Robertson-Bovard, G.: pionnier de l'Art nouveau, 1981
BLSK, 427-429
Eugène G.: une certaine image de la femme, Ausstellungskat. Gingins, 1998
– M.-E. Scheurer, Eugène G. (1845-1917), enseignant et théoricien, Diss. Neuenburg und Sorbonne, 2004

Autorin/Autor: Anne Murray-Robertson-Bovard / AL