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Lugano (Gemeinde)

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Polit. Gem. TI, Hauptort des gleichnamigen Bezirks. L. liegt am grössten Arm des Luganersees. Der Hauptsiedlungskern befindet sich am Westufer und bildet einen Halbkreis um die Bucht, ausgedehnte Ausläufer ziehen sich längs des Cassarate nach Norden und Richtung Monte Brè (925 m) nach Osten. L. nimmt eine Fläche von rund 30 km2 ein und umfasst als "Neu-" oder "Grosslugano" neben der Altstadt und dem Stadtgebiet versch. Ortsteile, die auf ehem. Gemeinden zurückgehen: 1972 wurdenBrè-Aldesago und Castagnola, 2004 Breganzona, Cureggia, Davesco-Soragno, Gandria, Pambio-Noranco, Pazzallo, Pregassona und Viganello sowie 2008 Barbengo, Carabbia und Villa Luganese eingemeindet. Dazu kommen die Quartiere Besso, Cassarate, Centro, Loreto und Molino Nuovo. 804 Luanasco, 874 Luano, 1189 Lugano; dt. früher Lowens, Lauis oder Lauwis. 1789-1803 war L. Hauptstadt des gleichnamigen helvet. Kantons und 1814-78, abwechselnd mit Bellinzona und Locarno, alle sechs Jahre Hauptstadt des Kt. Tessin. Zu Beginn des 21. Jh. war die Stadt Zentrum der grössten Agglomeration des Kantons (über 100'000 Einw., was 40% der Gesamtbevölkerung des Kantons entspricht), hatte eine grosse regionale und grenzüberschreitende Ausstrahlung und war Sitz wichtiger Institutionen der Verwaltung, Wirtschaft, des Gesundheitswesens, der Kultur und Kirche (Diözese L.).

Bevölkerung Luganoa
JahrEinwohner
Parrochia
16433 278
16703 402
17694 351
Borgo
17102 320
17833 761

Jahr18501870b18881900191019301950197019902000
Einwohner5 9396 8368 18510 84714 98817 67221 44827 12125 33426 560
Anteil an Kantonsbevölkerung5,0%5,6%6,5%7,8%9,6%11,1%12,3%11,0%9,0%8,7%
Sprache          
Italienisch  7 77310 01113 21513 67317 13221 58319 97320 998
Deutsch  2976651 3883 2643 3583 8632 4211 855
Andere  1151713857359581 6752 9403 707
Religion, Konfession          
Katholischc5 9236 7817 84610 14012 65714 20818 19622 89720 12218 035
Protestantisch161241955091 0562 3412 3452 8331 9991 517
Andere 111441981 2751 1239071 3913 2137 008
davon jüdischen Glaubens  4444171401489250165
davon islamischen Glaubens       19441981
davon ohne Zugehörigkeitd       4651 6142 209
Nationalität          
Schweizer4 7735 5435 6766 1837 57411 82415 97918 17115 79215 809
Ausländer1 1661 3732 5094 6647 4145 8485 4698 9509 54210 751

a Angaben 1850-2000 gemäss Gebietsstand 2000

b Einwohner: Wohnbevölkerung; Religion, Nationalität: ortsanwesende Bevölkerung

c 1888-1930 einschliesslich der Christkatholiken; ab 1950 römisch-katholisch

d zu keiner Konfession oder religiösen Gruppe gehörig

Quellen:Autor; eidg. Volkszählungen

Autorin/Autor: Giuseppe Negro / PTO

1 - Von der Ur- und Frühgeschichte bis zur römischen Zeit

Einige archäolog. Funde belegen, dass seit der Jungsteinzeit Siedlungen um den Luganersee bestanden. Auf dem heutigen Gemeindegebiet, in Breganzona, Castagnola, Davesco und Gandria wurden Schalensteine gefunden und in Aussenquartieren Spuren der Kupfer- (ein subfossiler Holzrest in der Via Maderno) und der Eisenzeit. Stelen mit nordetrusk. Inschriften kamen in Davesco-Soragno (5.-2. Jh. v.Chr.), Pregassona (3.-2. Jh. v.Chr.) und Viganello (3.-2. Jh. v.Chr.) zum Vorschein, Gräber mit Brand- und Körperbestattung in Aldesago, Davesco, Pazzallo und Pregassona sowie kelt. Münzen in Viganello. Weniger zahlreich waren die Funde in der Altstadt: Ausgrabungen im Stadtzentrum (Piazza della Riforma) förderten 1859 einige Münzen, darunter einen mazedon. Stater zutage. Trotz der Spärlichkeit der archäolog. Zeugnisse kann man davon ausgehen, dass das heutige Gebiet von L. von Lepontiern besiedelt war. Von der Römerzeit zeugen einige Inschriften (Beinhaus in der Via Pestalozzi, Kathedrale S. Lorenzo), einige Brand- und Körperbestattungen in L., Körperbestattungen in Castagnola, ein Dutzend gemischter Bestattungen in Brè, ein nicht genauer definiertes Grab in Breganzona (Crespera) und Münzen in Viganello. Die Anwesenheit der Römer rund um den Luganersee ist ab dem 1. Jh. v.Chr. belegt; sie hatten nördlich des Sees in Bioggio zumindest ein wichtiges Zentrum.

Autorin/Autor: Giuseppe Negro / PTO

2 - Mittelalter

Die erste schriftl. Quelle für die Besiedlung von L. ist eine Schenkungsurkunde von zweifelhafter Echtheit, durch die der langobard. König Liutprand 724 versch. Güter in L. der Kirche S. Carpoforo in Como übertrug. In Dokumenten von 804 und 844 wird ein Laco Luanasco genannt; eine auf 984 zurückgehende Urkunde bezeichnet L. als Marktort. Stratigraf. Untersuchungen während den Ausgrabungen in der Kirche S. Rocco in den 1980er Jahren wiesen eine kontinuierl. Besiedlung ab dem 6.-7. Jh. nach. Ähnl. Ergebnisse erbrachten die zeitgleichen Ausgrabungen im Maghetti-Quartier: Man fand wahrscheinlich zu einer Hube (mansus) oder einer ländl. villa gehörende Teile aus dem 5.-6. Jh., die von bis ins 16. Jh. genutzten späteren Siedlungen überlagert waren.

Während des FrühMA teilte L. das polit. Schicksal der umliegenden Regionen: auf die Römer folgten die Ostgoten und anschliessend das Oström. Reich. Zwischen 569 und 572 teilte die langobard. Herrschaft L. und die umliegenden Gebiete der judiciaria (Gerichtsherrschaft) Seprio zu; ein sculdascio (langobard. Amtsperson) regierte den Ort, der als Garnison in die Verteidigungslinie zur Sperre der Alpenpässe eingegliedert wurde. Im Gebiet von L. setzten sich mehrere Personenverbände (farae) fest; diese verfügten über ausgedehnte Ländereien, auf denen halbfreie oder unfreie Arbeitskräfte eingesetzt wurden. Als die Franken 774 das Langobardenreich eroberten, machten sie L. wahrscheinlich zu einem Königshof. Nach der Teilung des karoling. Reichs wurde das Gebiet Ende 9. Jh. in das Reich des Königs Berengar von Italien eingegliedert. In dieser Zeit gingen erste weitreichende Rechte an den Bf. von Como über, der nach dem Erwerb - oder der Usurpation - weiterer Privilegien seine Herrschaft über L. errichtet haben soll. 1055 erhielt er von Kaiser Heinrich III. eine Urkunde (von nicht eindeutiger Auslegung), die seine umfangreichen Machtbefugnisse über die ganze Pieve anerkannte.

Der zehnjährige Krieg (1118-27) und die anschliessenden Kämpfe zwischen Como und Mailand um die Kontrolle der Handelswege zwischen dem Seengebiet und den Alpenpässen betrafen auch L. und sein Tal, in dem ab dem 9. Jh. viele Burgen entstanden waren. Im 12. Jh. versuchte L. mehrmals, die Herrschaft Comos abzuschütteln, und wurde für kurze Zeit selbstständig. 1198 regierten vier Konsuln die Stadt; sie standen den vier Quartieren vor, aus denen sich L. schon damals zusammensetzte. Doch 1222 musste L. einen Podestà aus Como und die Beschneidung seiner Selbstständigkeit akzeptieren. Como gewährte dem Städtchen einige Privilegien, darunter das Recht, versch. Abgaben zu erheben, und die Befreiung von der Strassenunterhaltspflicht ausserhalb des Gemeindegebiets. Diese Vorrechte wurden 1381 und 1391 bestätigt.

Während der Kämpfe zwischen Guelfen und Ghibellinen und den neu aufflammenden Zwistigkeiten zwischen Como und Mailand wurde L. im 14. und 15. Jh. zum Schauplatz von Zusammenstössen zwischen Fam. entgegengesetzter Lager. Nach dem langen Regiment der Rusca (sie beendeten 1286 den Bau der Burg) befreite sich L. von der Herrschaft Comos, das 1335 von den Visconti unterworfen worden war. Gleichzeitig verstärkte sich die Verbindung zwischen dem Städtchen und dem Tal: Urkunden von 1405-06 belegen die comunitas Lugani et vallis, einen von den Comasker Rusca gewollten neuen staatl. Organismus, der die nun von Como völlig unabhängigen vier Pieven von L., Agno, Riva S. Vitale und Capriasca umfasste. 1416 unterwarf der Mailänder Hzg. Filippo Maria Visconti die ganze Region des Luganese und überliess den Rusca Landschaft L. und Tal als Lehen. Ein Jahr später wurden erstmals L.s Freiheiten verbrieft; die Satzungen waren jenen Comos nachgebildet, sicherten aber dem Städtchen vollständige Unabhängigkeit zu.

Zwischen 1433 und 1438 setzte der Hzg. von Mailand Aloisio Sanseverino als Lehensherr über das Luganese ein und entschädigte die Rusca mit dem Besitz von Locarno. Unter der Herrschaft von dessen Erben brachen in den folgenden Jahrzehnten Aufstände und Unruhen aus, die bis zum Einmarsch der Franzosen 1499 andauerten.

Im 15. Jh. bildete sich die polit. und administrative Struktur des Städtchens heraus: Zwei Räten von 24 bzw. acht Mitgliedern (Vertreter der Quartiere) oblag die Verwaltung. 1448 legte die Versammlung der vicini (eingesessene Bürger) fest, dass die Privilegien und Einnahmen des Städtchens nur den Mitgliedern der Versammlung und deren Erben zustanden. 1467 wurde dieser Entscheid z.T. geändert; jetzt wurden auch die nach 1449 Zugewanderten als vicini aufgenommen, gewisse Sondereinkünfte blieben aber den antichi vicini, den alteingesessenen Bürgern, vorbehalten. Den Herzog bzw. dessen Vasallen vertrat ein Landeshauptmann (capitano), dessen Befugnisse in L. und im ganzen Tal sich auf die Verwaltung, das Steuerwesen, das Blutgericht und die manchmal an einen Gerichtsstatthalter delegierte niedere Gerichtsbarkeit erstreckten; gegen seine Entscheide konnte beim Senat in Mailand Berufung eingelegt werden. Seit dem 9. Jh. war L. Marktort, und schon im MA kreuzten sich im Städtchen wichtige Handelswege; ab dem 13. Jh. wurde in L. Tuch hergestellt und ab dem 14. Jh. ist eine Glockengiesserei belegt.

Autorin/Autor: Giuseppe Negro / PTO

3 - Neuzeit

Zu Beginn des 16. Jh. wurde L. in die Kriege zwischen der Eidgenossenschaft, Frankreich und den ital. Staaten verwickelt, in denen es um die Kontrolle der Lombardei ging (Mailänderkriege). Nach einigen fehlgeschlagenen Versuchen besetzten die Eidgenossen ab 1512 L. dauerhaft. Hzg. Massimiliano Sforza anerkannte die Eroberung von Stadt und Tal L. Anfang 1513 verliessen die letzten franz. Kontingente L. Die zwölf Orte bestätigten die Freiheiten und Privilegien, die L. früher erworben hatte. In den drei Jahrhunderten eidg. Herrschaft hatten der Landvogt, der die Hoheitsrechte der zwölf Orte ausübte, und der Scharfrichter (einer für alle Vogteien) in L. ihren Sitz. Jedes Jahr delegierten die zwölf Orte einen Gesandten (Syndikator), der die Amtsführung des Landvogts überprüfte und als Berufungsrichter fungierte. Ab 1589 regierten der Rat von L. oder Rat der 36 (neun Mitglieder für jedes der vier Quartiere Nassa, Canova, Verla und Cioccaro) und der engere Rat der 12 (drei Mitglieder für jedes der vier Quartiere) das Städtchen. Sie wählten zwei der sieben Regenten des Landschaftsrats (ab 1693). Der Einsitz in die Räte war den vicini (alteingesessenen Bürgern) vorbehalten, während die cittadini antichi (die nach 1467 Zugewanderten) und die avventizi (die Zugezogenen) ausgeschlossen blieben. Seine Einnahmen sicherte sich das Städtchen durch die Vermietung von Gemeindegütern, die Verpachtung zahlreicher Steuern und die Erhebung versch. Abgaben.

Die Herrschaft der zwölf Orte brachte L. eine lange Friedenszeit, aber es kam doch immer wieder zu polit. und sozialen Konflikten. Im 17. Jh. protestierten die cittadini antichi und die avventizi mehrmals gegen eine Aufteilung der Steuern, die einzig die vicini begünstigte. 1787 erklärten sich die begüterten Fam. bereit, die Einnahmen von L. gleichmässiger zu verteilen und sie auch den bisher davon ausgeschlossenen ärmeren Fam. zukommen zu lassen.

Zur Zeit der Cisalpinischen Republik 1797 traten von aufklärer. Ideen beeinflusste Luganeser Kreise, die sog. Patrioten, für die Unabhängigkeit der Vogtei und deren Anschluss an die Cisalpin. Republik ein. Als Antwort darauf entstand das Luganeser Freiwilligenkorps, eine von den eidg. Orten unterstützte Bürgerwehr zur Verteidigung des Städtchens. Im Morgengrauen des 15.2.1798 versuchte eine Gruppe von Patrioten, L. zu besetzen, wurde jedoch von den Freiwilligen zurückgeschlagen. Weder dem Landvogt noch den eidg. Abgesandten gelang es aber, den Drang nach Freiheit und Unabhängigkeit der Luganeser zu unterbinden. Die Eingliederung L.s in die Helvet. Republik war unvermeidlich, da es angesichts der Opposition der Landbevölkerung unmöglich war, eine unabhängige Republik zu bilden. Mit dem Inkrafttreten der helvet. Verfassung vom 12.4.1798 wurde das Städtchen zur Hauptstadt des Kt. L., ohne dass damit die inneren Konflikte aufgehört hätten. Erst die Mediationsakte von 1803 setzte den polit. Unruhen, zu denen auch die Zusammenstösse zwischen Unitarieren und Föderalisten beitrugen, ein Ende.

L. war seit langem ein bedeutendes religiöses Zentrum, das bis zur Errichtung der apostol. Administration des Kt. Tessin 1884/88 (ab 1971 Diözese L.) von der Diözese Como abhing. Die Pfarrkirche S. Lorenzo, seit 818 belegt, seit 1078 Kollegiatstift und seit 1888 Kathedrale, wurde 1905-10 tief greifend erneuert. Die Humiliaten gründeten um 1250 das 1848 aufgelöste Frauenkloster S. Caterina sowie Kloster und Kirche S. Antonio Abate; Letztere geht auf die 1. Hälfte des 13. Jh. zurück und wurde 1633-52 neu gebaut. Nach der Aufhebung des Ordens 1571 ging das Kloster an die Somasker über, die darin ein Kollegium einrichteten. Nach der Säkularisierung der höheren Schulen 1852 beherbergte das Gebäude bis 1897 das kant. Gymnasium und wurde dann vom Bund gekauft, der auf dem Areal die neue Hauptpost baute. Gegen Ende des 12. Jh. gründeten die Humiliaten auch die Kirche S. Maria (seit 1628 S. Maria Incoronata) und das angeschlossene Spital; beide wurden 1914-16 abgerissen. Das Kloster S. Francesco mit der angegliederten Kirche wurde 1230 gegründet, 1812 aufgehoben und 1892 abgerissen. Die 1602 geweihte Kirche S. Rocco entstand im Laufe des 16. Jh. auf einem Vorgängerbau (Renovationen ab 1985 und 2001-04). In der ab 1499 errichteten Kirche S. Maria degli Angeli (Renovation 1922-30) befindet sich das berühmteste Renaissancefresko der Schweiz ("Kreuzigung" von Bernardino Luini, 1529).

Im 17. Jh. entstand eine Reihe weiterer religiöser Bauten, darunter das 1646 gegr. Kloster SS. Trinità, das seit 1653 die Kapuziner beherbergt. Die dazugehörige Kirche wurde 1979-83 von Mario Botta umgebaut, ebenso 1976-79 die Bibliothek Salita dei Frati in einem der Klosterflügel. Die neben dem 1747 gegr. Kapuzinerinnenkloster 1758-59 erbaute Kirche S. Giuseppe beherbergte eine Töchterschule, die 1986 geschlossen wurde. 1901 wurde die ref. Kirche eingeweiht.

In der Neuzeit beruhte die Wirtschaft von L. auf einem breiten Spektrum handwerkl. Tätigkeiten, auf Manufakturbetrieben und auf dem lokalen und überregionalen Handel mit der Lombardei und der Deutschschweiz. Besonders wichtig waren die Wollmanufakturen, die von bedeutenden auswärtigen Unternehmerfamilien gegründet und geleitet wurden, darunter die deutschstämmigen Welser und die Fleckenstein aus Luzern. Sie waren in der 1. Hälfte des 16. Jh. tätig und profitierten von den Kriegen um die Kontrolle des Herzogtums Mailand; nach dem Friedensschluss setzte die wiedererstandene lombard. Konkurrenz diesem Wirtschaftszweig ein Ende. Die seit 1644 belegte Seidenproduktion erreichte im 18. Jh. ihre Blüte, als auch die Metallverarbeitung (Kupferschmiede) eine gewisse Bedeutung erlangte; spätestens ab 1749 bestand auch eine Tabakfabrik. Für den Handel spielte der Viehmarkt (im Oktober), den die zwölf Orte 1513 bewilligt hatten, eine grosse Rolle; das angebotene Vieh stammte v.a. aus der Zentral- und Ostschweiz sowie aus Österreich und war für Norditalien bestimmt. Güter wie Getreide, Salz und manchmal Fleisch, über die L. nicht oder nicht in ausreichendem Mass verfügte, wurden aus der Lombardei importiert, während die Stadt ein breites Spektrum von z.T. am Ort produzierten Waren dorthin ausführte. Verbreitet war auch der Schmuggel. Seit dem 17. Jh. hatte der Handel in L. grosses Gewicht, weshalb sich im Städtchen zahlreiche ausländ. Unternehmer, v.a. aus der Lombardei, niederliessen. Diese schätzten auch die mässigen Steuern und die Tatsache, dass das Gebiet von Lugano nicht dem Risiko kriegsbedingter Zerstörungen ausgesetzt war.

Autorin/Autor: Giuseppe Negro / PTO

4 - 19. und 20. Jahrhundert

Nachdem 1803 die polit. Gem. L. geschaffen worden war, mussten die Bedingungen für die Zugehörigkeit zur Bürgergemeinde und die Aufgabenteilung zwischen den beiden Körperschaften (Verträge von 1804 und 1810) festgelegt werden. In der 2. Hälfte des 19. Jh. trat die Bürgergemeinde der polit. Gem. versch. Güter und Einkünfte ab. Francesco Capra, der während der Helvetik das Amt des Regierungsstatthalters ausgeübt hatte, war 1803-13 der erste Stadtpräsident von L. Die Kantonsverfassung von 1814 bestimmte L., abwechselnd mit Bellinzona und Locarno in sechsjährigem Turnus, zur Hauptstadt des Kantons: L. nahm diese Funktion 1827-33, 1845-51 und 1863-69 wahr. Im 19. Jh. war die Stadtregierung immer von der liberalen Partei beherrscht. 1900 wurde der Gemeinderat konstituiert (50, seit 2004 60 Mitglieder), in dem die Liberalen über etwas mehr als die Hälfte der Sitze verfügten, gefolgt, mit grossem Abstand, von den Konservativen und den Sozialisten. Die Stadtregierung hatte anfänglich elf Mitglieder, 1908 wurde deren Zahl auf fünf reduziert und 2004 auf sieben erhöht. Auch im 20. Jh. hielten hier die Liberalen mit wenigen Unterbrechungen die absolute Mehrheit. Daneben gehören der städt. Exekutive die Konservativen, die Sozialisten (1944-48, 1976-80 und seit 2000) sowie die Lega dei ticinesi (seit 1992) an.

1746 - also noch unter eidg. Herrschaft - eröffneten die Brüder Agnelli die erste Druckerei und Buchhandlung. Sie gab die "Nuove di diverse corti e paesi" heraus (ab 1797 "Gazzetta di Lugano"). Die Druckerei Veladini (1805-1924, heute SA Arti Grafiche già Veladini) war lange Zeit die wichtigste Verlegerin des Kantons und publizierte Periodika, Gesetze und Verordnungen sowie Bücher versch. Art. Vom Risorgimento inspirierte Schriften erschienen v.a. in den Luganeser Druckereien Vanelli (1823-27), Ruggia (1823-42) und in der Stamperia della Svizzera Italiana (1842-51). 1830 gründeten Stefano Franscini und Pietro Peri die Zeitung "L'Osservatore del Ceresio".

Von der Mitte des 19. Jh. bis 1970 verzeichnete die Stadt ein ständiges Bevölkerungswachstum, besonders zwischen 1880 und 1910, als die Einwohnerzahl sich mehr als verdoppelte. Dieser Anstieg war teilweise auf die Niederlassung von Ausländern (1870 18,7% der Bevölkerung, 1910 43,6%) und Personen aus anderen Sprachgebieten der Schweiz (1870 1,4% der Bevölkerung, 1910 6,9%) zurückzuführen. In den letzten drei Jahrzehnten des 20. Jh. sank die Einwohnerzahl leicht, trotz der Fusion von 1972 mit den Gem. Castagnola und Bré-Aldesago. Darin zeigt sich der Trend zum Wegzug aus der Stadt in die Agglomerationsgemeinden. Mit der Schaffung von Grosslugano (Nuova L.) 2004 verdoppelte sich die Bevölkerungszahl (2006 52'059, davon über ein Drittel Ausländer).

Seit Beginn des 19. Jh. hat sich das Stadtbild tiefgreifend verändert. Um 1830 begannen neue herrschaftl. Bauten zu entstehen, anschliessend dehnte sich L. auf den umliegenden Hügeln aus, längs des Cassarate, in Richtung Molino Nuovo, Paradiso und Castagnola. 1843-44 wurde anstelle des 1346 errichteten Bischofspalasts das Rathaus gebaut, in dem die Kantonsregierung 1845-51 und 1863-69 ihren Sitz hatte und das seit 1890 die Stadtregierung beherbergt. Die Seepromenade entstand etappenweise: ein erster Teil wurde in den 1870er Jahren, ein zweiter im ersten Jahrzehnt des 20. Jh. abgeschlossen. In den ersten Jahrzehnten des 19. Jh. entstanden die Kantonsstrassen, die L. mit Bellinzona (1808-12), Ponte Tresa (1808-20) und Chiasso (1810-16) verbinden. 1848 begannen auf dem Luganersee die ersten Dampfschiffe zu verkehren, ein ständiger Schiffsbetrieb besteht seit 1856. Der Bau des Seedamms zwischen Melide und Bissone 1844-47 begünstigte die Achse Chiasso-L.-Bellinzona-Gotthard auf Kosten der Nord-Süd-Verbindung auf dem Langensee. Diese Tendenz verstärkte sich weiter mit der Fertigstellung der Gotthard-Bahnlinie 1882. Der 1874-77 errichtete Bahnhof von L. lag nun an einer der Hauptverbindungslinien zwischen Norditalien und Mittel- und Nordeuropa, was massgeblich zum Aufschwung des Tourismus und ganz allgemein des Dienstleistungssektors beitrug.

Der öffentl. Verkehr erlangte nicht nur für Stadt und Region, sondern auch für den Tourismus Bedeutung. Die Standseilbahnen L.-Bahnhof wurde 1886, die des San Salvatore 1890, die des Monte Brè 1912 und die der Angeli 1913 in Betrieb genommen (eingestellt 1987), und 1896 die Tramlinie, 1909 die regionale Eisenbahnlinie nach Tesserete (eingestellt 1967), 1911 die Cadro-Dino-Bahn (eingestellt 1970) und 1912 die Ponte Tresa-Bahn eröffnet. Seit 1864 beliefert das Gaswerk die Stadt; es wurde 1899 kommunalisiert. 1890 entstand die Elektrizitätsversorgung und 1895 die Wasserversorgung.

Die Verbesserung des Verkehrs bewirkte eine starke Zunahme des Tourismus und den Bau zahlreicher Hotels. Das erste Grand Hôtel war das 1855 auf Initiative der Brüder Ciani durch Umwandlung des Klosters S. Maria degli Angeli entstandene Hotel Du Parc (ab 1904 nach Erweiterung und Umbau Grand Hôtel Palace). 1880-1906 verfünffachte sich die Bettenzahl; die Besitzer der Hotels waren überwiegend Deutsche und Deutschschweizer.

Die Seidenverarbeitung erlebte von der Mitte des 19. Jh. bis in die 1880er Jahre einen Boom, verlor dann aber rasch an Bedeutung. Die grösste Produktionsstätte in L. war die Spinnerei Lucchini (1854-98), die bis zu 500 Personen beschäftigte. Von der Mitte des 19. Jh. bis zur Weltwirtschaftskrise war auch die Möbelfabrikation wichtig; eine gewisse Rolle spielten zudem die Schokoladeherstellung (Compagnie suisse pour la fabrication des chocolats et cacaos, dann Tobler 1894-1926; Chocolat Stella, 1922-88) und die Tabakverarbeitung. Seit dem Ende des 19. Jh. wuchs die Bedeutung des Dienstleistungssektors in L. ständig; das erste Bankinstitut war die 1873 gegr. Banca della Svizzera Italiana.

Die massiven Eingriffe in das Stadtbild setzten sich auch im 20. Jh. fort: Das Quartier Cortogna wurde 1910-14 ausgehöhlt, die Quartiere Canova und Cioccaro erlitten tiefgreifende Umgestaltungen und das Quartier Sassello wurde 1939-42 vollständig abgerissen. Beispiele für sozialen Wohnungsbau waren die Arbeiterhäuser von 1903-09 längs des Cassarate und im Maghetti-Quartier, das in den 1980er Jahren zu einem Geschäftsquartier wurde. Um die Wende zum 20. Jh. wurde 1897 der Kursaal eröffnet (seit 2002 Sitz des Casinos von L.), 1899 das ital. Spital und 1903-04 der Palazzo degli studi, der neue Sitz des kant. Gymnasiums, gebaut. 1909 nahm das neue Bürgerspital (heute Sitz der Univ. der ital. Schweiz) anstelle des alten Spitals S. Maria den Betrieb auf. Um den Verkehr zwischen dem höhergelegenen Teil der Stadt und dem Zentrum zu erleichtern, wurde 1926 der Tunnel von Besso gebaut. Das Strandbad von L. (1928) und das Radiostudio der ital. Schweiz (1933, Umzug nach Besso Anfang der 1960er Jahre) entstanden auf dem Areal des Campo Marzio, wo 1933-53 die Messe von L. abgehalten wurde (seit 1963 Herbstmesse Artecasa). Zu den wichtigsten Bauten aus der 1. Hälfte des 20. Jh. zählen der neue, an die Kathedrale S. Lorenzo anschliessende Bischofspalast (1937-38) und die von Rino Tami entworfene Kantonsbibliothek (1940). 1928 fand in L. auch eine Session des Völkerbundes statt.

In der 2. Hälfte des 20. Jh. wandelte sich das Stadtzentrum zu einem Handels-, Dienstleistungs- und Finanzplatz. Dies förderte die Agglomerationsbildung und liess die Pendlerzahl und die Verkehrsströme ansteigen. Die wichtigsten Bauwerke dieser Periode sind das Kongresshaus von 1975 und das neue Bürgerspital von 1978. 1963 erwarb die Stadt das Grundstück für den Flugplatz L.-Agno, von dem seit 1980 Linienflüge starten. Zu Beginn des 21. Jh. nimmt das "Grande L." neue Projekte in Angriff: den Autotunnel Vedeggio-Cassarate, der seit 2005 in Bau ist und die Autobahn A2 mit dem Quartier Cornaredo verbindet, die Schaffung eines neuen Kulturpols auf dem Areal des ehem. Grand Hôtel Palace und eines Kongress- sowie Ausstellungszentrums im Gebiet des Campo Marzio.

Nach dem 2. Weltkrieg, v.a. seit den 1960er Jahren, ist der Banken- und Finanzdienstleistungssektor in L. dank massivem Kapitalzufluss aus Italien explosionsartig gewachsen. Dadurch wurde die Stadt zum drittgrössten Bankenplatz der Schweiz (über 100 Bankinstitute). Handel, Tourismus und Finanz sind die tragenden Säulen der lokalen Wirtschaft. 2000 waren neun Zehntel der Beschäftigten im Dienstleistungssektor tätig, davon waren drei Viertel Zupendler, darunter zahlreiche Grenzgänger (13% der aktiven Bevölkerung); im selben Jahr bezahlten allein die jurist. Personen 104 Mio. Fr. Steuern, wovon 59 Mio. auf die Banken entfielen. Dank seiner Finanzkraft trägt L. massgeblich zum kant. Finanzausgleich bei.

In L. befindet sich auch eine Reihe kultureller Institutionen, darunter das Museo cantonale d'arte (Kant. Kunstmuseum), das Museo civico di belle arti (Städt. Kunstmuseum), das Museo d'arte moderna (Museum für moderne Kunst), die Galleria Gottardo, das Museo cantonale di storia naturale (Kant. naturhist. Museum), das Museo delle culture extraeuropee (Museum der aussereurop. Kulturen), das Schweizer Zollmuseum und die Schweiz. Landesphonothek. In den Sommermonaten finden in L. musikal. Veranstaltungen statt, die ein zahlreiches Publikum anziehen: Estival Jazz (seit 1979) und Blues to Bop (seit 1989). Seit 1996 ist L. (zusammen mit Mendrisio) Sitz der Univ. der ital Schweiz und beherbergt ausserdem die theol. Fakultät sowie das Konservatorium der ital. Schweiz, das seit 2005 der Fachhochschule der ital. Schweiz angegliedert ist. 1990 hat die Stadtregierung überdies die 1976 gekaufte Villa Negroni in Vezia für die Schaffung eines 1990 auf Initiative der Tessiner Bankiervereinigung entstandenen Zentrums für Bankstudien zur Verfügung gestellt.

Quellen und Literatur

Archive
– BiA
– StadtA
Quellen
Codex palaeographicus Helvetiae subalpinae, hg. von L. Moroni Stampa, Bd. 2, 1958
Pagine storiche luganesi, 1-, 1984-
Literatur
– O. Weiss, Die tessin. Landvogteien der XII Orte im 18. Jh., 1914, (Nachdr. 1984)
– Schaefer, Sottocenere
– I. Schneiderfranken, Le industrie nel cantone Ticino, 1937, (dt. Kurzfassung: Die Struktur der Tessiner Industrie, 1938)
– A. Galli, Borgo e Vicinìa di Lugano, 1940, (21991)
– E. Pometta et al., Storia di Lugano, 2 Bde., 31975
– G. Vismara et al., Ticino medievale, 1990
INSA 6, 205-355
Storia della Svizzera italiana dal Cinquecento al Settecento, hg. von R. Ceschi, 2000
– G. Negro, Un borgo prealpino in età moderna, 2006

Autorin/Autor: Giuseppe Negro / PTO