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Stettlen

Polit. Gem. BE, Amtsbez. Bern, Verwaltungskreis Bern-Mittelland. Die zur Agglomeration Bern zählende, zwischen Bantiger und Dentenberg im Worblental gelegene Gem. umfasst das Dorf S., die Industriesiedlung Deisswil und den Weiler Utzlenberg. 1146 Stetelon. 1764 415 Einw.; 1810 606; 1850 651; 1900 683; 1950 947; 1980 2'234; 2000 2'833.

Latènezeitl. Skelettgräber mit Schmuckbeigaben (Bleichestrasse), röm. Siedlungsspuren (Deisswil), Reste einer urkundlich unbekannten hochma. Burganlage auf dem Schwandiholz. Als kleinstes der vier Kirchspiele der Stadt Bern gehörte S. ab 1300 zum erweiterten Stadtbezirk und bis 1798 zum Stadtgericht. Der Kirchensatz der St.-Blasius-Kirche (Fundamentreste von Vorgängerbauten aus dem 9. sowie dem 12. Jh. und aus der Zeit um 1400, heutige Kirche 1729-30 errichtet) lag im 13. und 14. Jh. als kyburg. Lehen in der Hand bern. Burger (u.a. Münzer, von Krauchtal, von Blankenburg); 1316 bzw. 1349 kaufte ihn das Niedere Spital Bern, das seine Rechte bis 1839 ausübte. Die bäuerl.-kleingewerbl. Gemeinde zählte Höfe im Dorf (295 Einw. um 1810) und im Weiler Deisswil (88 Einw.) sowie Einzelhöfe (223 Einw.), u.a. auf dem Utzlenberg. Das untere Deisswilgut (Bau um 1700-20) war ein bernburgerl. Landsitz mit Mühle und Pinte. Im oberen Deisswilgut entstanden ab 1757 die Bleicherei, Walkerei und Färberei an der Worblen. Die Anlagen dienten ab 1846 der eidg. Zündkapselfabrik und ab 1876 der Kartonfabrik des Unternehmers Ulrich Jörg. Die Produktion von Pappe geschah anfänglich mit Wasserkraft, danach mit Dampf und wurde bereits um 1900 elektrifiziert. Verkehrsgünstig gelegen, ab 1913 mit Gleisanschluss an die Bern-Worb-Bahn, entwickelte sich die Karton Deisswil AG zur grössten schweiz. Kartonfabrik (1944 352; 1984 über 400; 2009 270 Angestellte). Die österr. Mayr-Melnhof-Gruppe, die den Betrieb 1990 übernommen hatte, stiess ihn 2010 an die Investorengruppe Berner Industrie AG ab, welche die Belegschaft vorderhand übernahm, langfristig aber die Errichtung eines Industrieparks anstrebt. Nach 1950 wandelte sich S. dank guter Wohnlage, S-Bahnverbindung nach Bern (Stationen S. und Deisswil) und tiefem Steuersatz zur typ. Vorortsgemeinde. Einfamilienhaus- und Blocküberbauungen, u.a. auf der Bleichematte, beim Bahnhof S. und am Flurweg, verdrängten sukzessive die Bauernhöfe am Sonnenhang und im Tal (1949 45 Höfe; 2003 11). S. unterhält zwei Schulhäuser (Bauten von 1930 und 1968) für die Primarschule und die Oberstufe.


Literatur
– W. Kuhn, Das Worblental, [1949]
Unser S., 1984
– O. Born, Aus der Gesch. der Kirche und des alten Kirchspiels S., 1991
Karton Deisswil 1876-2001, [2001]
– C. Kessler Loertscher, Bauinventar der Gem. S., 2004

Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler