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Muri bei Bern

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Polit. Gem. BE, Amtsbez. Bern, bestehend aus den Orten M. und Gümligen, die auf Terrassen am rechten Aareufer liegen. Agglomerationsgemeinde und Villenvorort von Bern. 1180 Mure. 1764 446 Einw.; 1850 1'142; 1900 1'341; 1950 5'845; 1980 12'285; 2000 12'571. Neolith. Funde im Birchiwald, bronzezeitl. Grab bei Lindenhof-Siloah, latènezeitl. Gräber mit Schmuckbeigaben bei Mettlen-Mannenried. Im Raum von Kirche und Schloss wurden Fundamente einer röm. Villa entdeckt. Die Statuetten der kelt. Göttinnen Artio (Bärengöttin) und Naria sowie die Inschrift auf dem Sockel der Letzteren lassen vielleicht auf ein galloröm. Heiligtum der regio Arurensis schliessen. Bei Springhaus stiess man auf ein Gräberfeld des 7. Jh., auf dem Dentenberg auf eine ma. Burgstelle. Ab dem 12. Jh. sind die in Belp und auf Gerenstein sitzenden Frh. von Montenach in M. begütert. 1239-45 verkauften sie dem Kloster Interlaken neben Güterbesitz auch den Kirchensatz von M.; nach 1298 verloren sie M. an die Stadt Bern. Von da an zählte M. als eines der vier Kirchspiele zum erweiterten Stadtbezirk und als bern. Niedergericht bis 1798 zum Stadtgericht.

Die Kirche in M. (1180 erw., Michaelspatrozinium, versch. Vorgängerbauten, u.a. Apsidensaal 11.-12. Jh.) wurde öfters umgestaltet (Chorneubau 16. Jh., Gesamtumbau u.a. 1664, 1967-69, Turmneubau 1881, 1967). Der Kirchensatz kam mit der Reformation 1528 an Bern. Das Kirchspiel mit M., Gümligen und dem Weiler Kräyigen reichte mit Melchenbühl, Wittigkofen, Saali und Brunnadern bis zum Burgernziel der Stadt Bern; dieses westl. Gebiet ging 1817 an die Stadt Bern über. Heute verfügt die Kirchgemeinde M. mit fünf Pfarrämtern über zwei Kirchgemeindehäuser und Kirchen in M. und Gümligen.

Im Umfang der Kirchgemeinde entstand 1831/33 die polit. Gem. M. Diese war bis 1905 bzw. 1921 in die Dorfgemeinden M.-Kräyigen und Gümligen unterteilt, die mit eigenem Gemeindevermögen kommunale Aufgaben erfüllten. Das bäuerl. Dorf M., von der Aare bis auf die zweite Terrasse reichend, bildete mit den "sieben Höfen" eine Zelg- und Allmendgemeinde mit Flurpolizei (Gemeindeordnung 1608) und Schule (1679 erstmals erw.), doch ohne Wirtshaus (Taverne erst 1832). Der Talboden wurde ab dem 16. Jh. im Gemeinwerk mittels Wehrbauten gegen Hochwasser gesichert; die Aarekorrektion (1824-31) enthob von dieser Fron, legte der Gem. aber hohe finanzielle Lasten auf.

Die Nähe zu Bern und die sonnige Wohnlage machten M. vom 16. Jh. an zum begehrten Standort für Landsitze der Patrizier, denen oft Landwirtschaftsbetriebe angegliedert waren. Als die Stadt nach 1890 selbst in Richtung M. wuchs, förderten die Gemeindebehörden die Entstehung von Villenquartieren, wofür die zu den Campagnen gehörigen Gebiete parzelliert wurden. Die Bautätigkeit begann nach der Jahrhundertwende im Thoracker; nach und nach entstanden Quartiere wie Mettlen, Villette, Mannenried, Melchenbühl und Tannacker. Der Bau von Ein- und Zweifamilienvillen und der Zuzug von Beamten und Geschäftsleuten steigerten M.s Steuereinnahmen. Steuer- und Verkehrsgunst - Muri liegt an der alten Landstrasse nach Thun sowie an den Eisenbahnlinien Bern-Thun (1859, mit Station Gümligen), Bern-Langnau-Luzern (1864/75) und Bern-Worb (1898) - waren dem Zuzug förderlich und führten zum heutigen starken Pendlerverkehr. Finanziell gesicherter als andere Vorortsgemeinden, lehnte M. die Eingemeindung in Bern ab (1915, 1920er Jahre). Nach der Gemeindezentralisation (1905 und 1921) wurde die Gem. wegen des starken Bevölkerungswachstums vor grosse Infrastrukturaufgaben (Schulhäuser, Gemeindehaus, Kanalisationen usw.) gestellt. Die sich nach 1900 ungleich entwickelnden Gemeindeteile, der Villenvorort M. und der "Gewerbeort" Gümligen, sind durch die Eisenbahnlinien und seit 1966 durch die Autobahn ins Berner Oberland voneinander getrennt. Das Schloss M. oberhalb der Kirche entstand im 16. Jh. anstelle eines ma. Gutshofs; der heutige Bau mit Eingangshof, Orangerie und Zythüsli inmitten eines Parks ist das Resultat versch. Bauetappen (Um-/Neubau nach 1650, 1758 neuer Haupttrakt, Umbau 1851-54, 1910). Von den vielen, teils einfachen Landsitzen und Wohnstöcken (u.a. Seidenberg, äusseres Melchenbühlgut, Aarwil) blieb einzig das Multengut mit Bauten aus der 1. Hälfte des 18. Jh. weitgehend erhalten. Vom Mettlengut steht nur mehr das um 1780 erbaute Herrenhaus. Ab Ende des 19. Jh. entstanden in bevorzugter Lage "Neolandsitze" (Villa Buchegg, La Clairière, Waldried usw.). Anfang des 21. Jh. zählte M. zu den bern. Gem. mit tiefer Steuerbelastung.


Literatur
– H. Müller et al., M. bei Bern: eine Gem. - zwei Dörfer, 1993

Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler