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Locarno (Gemeinde)

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Polit. Gem. TI, Hauptort des gleichnamigen Kreises und Bezirks. L. liegt am Ufer des Langensees, linksseitig der Maggia; in der urbanen Topografie lassen sich die Altstadt (hist. Siedlungskern), die Neustadt (quartiere Nuovo) zum See hin und das Landquartier (quartiere Campagna) Richtung Solduno unterscheiden. Das Gemeindegebiet erstreckt sich vom Seeufer (auf 209 m) bis zum Bergzug über der Stadt (Monti della SS. Trinità, Brè, Cardada und Cimetta, höchster Punkt auf 1474 m) und umfasst auch einen grossen Teil der Magadinoebene rechtsseitig des Tessins, von den Bolle di Magadino bis zur Monda di Contone. 1920 verzichtete L. zugunsten von Gerra (Verzasca), Gordola und Lavertezzo auf das zusammengewürfelte Gebiet der Terricciole promiscue (am Bergfuss, zwischen Gordola und Cugnasco), das es zuvor zusammen mit Mergoscia und Minusio verwaltet hatte. 1928 erfolgte der Zusammenschluss mit Solduno. 807 Leocarni; alte dt. Namen Luggarus, Lucarius, Lucaris.

Bevölkerung Locarnoa
JahrEinwohner
Pfarrei
15913 725
15973 029
17193 515
17691 751
17951 471
Gemeinde
18011 308
18241 463
18361 572

Jahr18501870b18881900191019301950197019902000
Einwohner2 9442 8853 4303 9815 4866 5757 76714 14313 79614 561
Anteil an Kantonsbevölkerung2,5%2,4%2,7%2,9%3,5%4,1%4,4%5,8%4,9%4,7%
Sprache          
Italienisch  3 3753 8255 1175 5706 42811 40810 81711 153
Deutsch  371072788831 0902 0001 6041 528
Andere  1849911222497351 3751 880
Religion, Konfession          
Katholischc2 9382 9033 3993 8935 1775 8466 88712 49111 10810 179
Protestantisch6122591785667511 3871 3101 072
Andere 179291311631292651 3783 310
davon jüdischen Glaubens  138932715
davon islamischen Glaubens       8129200
davon ohne Zugehörigkeitd       1397281 167
Nationalität          
Schweizer2 4252 3182 6642 5133 1044 4645 9809 6039 4409 430
Ausländer5196037661 4682 3822 1111 7874 5404 3565 131

a Angaben 1850-2000 gemäss Gebietsstand 2000; vor 1930 inkl. die Terricciole promiscue.

b Einwohner: Wohnbevölkerung; Religion, Nationalität: ortsanwesende Bevölkerung

c 1888-1930 einschliesslich der Christkatholiken; ab 1950 römisch-katholisch

d zu keiner Konfession oder religiösen Gruppe gehörig

Quellen:Autor; eidg. Volkszählungen

1 - Urgeschichte

1934 wurde in der Nähe der heutigen Via S. Jorio eine Nekropole mit 14 Urnengräbern aus der jüngeren Bronzezeit (ca. 14. Jh. v.Chr.) gefunden. Die Urnen, die direkt oder in einigen Fällen in Kisten aus unbehauenem Stein in der Erde lagen, enthielten ausser verbrannten Knochen auch bronzene Schmuckgegenstände, die teilweise Feuerbeschädigungen aufwiesen: nicht geschlossene Armspangen, Haarnadeln mit kegelförmigem Kopfteil und leicht verdicktem Hals, Ringe und Messer. Eine typologisch ähnl. Urne wurde im Stadtteil S. Antonio entdeckt, wo wahrscheinlich auch ein kleines Gräberfeld bestand. Die gefundenen Keramik- und Bronzegegenstände stammen aus der Canegrate-Kultur, so benannt nach einer grossen Nekropole in der Provinz Mailand. Es wurden jedoch keine Spuren einer entsprechenden Besiedlung entdeckt.

An eine archäolog. Lücke von fast tausend Jahren schliesst die seit 1935 mehrmals erforschte Nekropole von Solduno an. Ihre über 200 Gräber wurden von der Latènezeit bis ins 3. Jh. n.Chr. angelegt. Unter den latènezeitl. Grabbeigaben (besonders 3.-1. Jh. v.Chr.) treten v.a. Fibeln kelt. Machart hervor, die einen kulturellen Einfluss aus Regionen der Alpennordseite belegen. Die Keramik hingegen steht in der einheim. Tradition und weist auf die im Tessin und in der Westlombardei verbreitete Golaseccakultur hin.

Autorin/Autor: Rosanna Janke / PTO

2 - Von der Römerzeit bis zur frühen Neuzeit

1946-49 wurden in der Altstadt einige Gräber entdeckt, die wohl zu einer auf der Terrasse zwischen den Kirchen S. Maria in Selva und S. Giovanni Battista in Solduno gelegenen Nekropole gehörten. Das römische L. lag demnach zwischen dem Vicus von Muralto und der genannten Nekropole; intensive Bautätigkeit und landwirtschaftl. Nutzung des Gebietes haben aber zahlreiche Spuren ausgelöscht. 1995 und 1997 fand man in der Via Vallemaggia 57 Gräber, davon 19 aus der Römerzeit; sie bestätigen, dass noch im 3. Jh. Brand- und Körperbestattungen nebeneinander praktiziert wurden. Zu den bedeutenden Funden gehören auch Glasgegenstände. Die röm. Nekropole schloss an jene aus der ausgehenden Latènezeit an und wurde von der Zeitenwende bis in die Mitte des 3. Jh. n.Chr. genutzt. Die Romanisierung des Locarnese hat die lokale Kultur weder ausgelöscht noch ersetzt, aber mit röm. Elementen angereichert. Es scheint auch keine röm. Führungsschicht, welche die ansässige Bevölkerung dominiert hätte, gegeben zu haben. Neben der röm. Tradition sind einheim. Bestattungsbräuche und die Verwendung einheim. Materialien für die z.T. reichen Grabbeigaben bezeugt.

In den schriftl. Quellen wird L. erstmals in einem privaten Vertrag von 807 erwähnt. Vermutlich existierte ab der Römerzeit im Gebiet des Hafens ein Markt. Er war eine günstige Voraussetzung für die Entstehung eines königl. Hofes, der 866 urkundlich belegt ist. Er wurde von einem Gastalden verwaltet, der Güter an versch. Orten der Region besass. Zur Zeit der Langobarden (nach 569) hing L. von der Grafschaft Stazzona und später von der Mark Lombardei ab, die Guido da Spoleto geschaffen hatte. Ab dem MA bildeten L. und Ascona eine Gemeinschaft; sie bestand aus Nachbarschaften, die gemeinsame Güter (Alpen, Weiden, Wälder, Kirchen) verwalteten und über eigene Beamte mit steuerl. und polizeil. Kompetenzen verfügten. Im 10. Jh. vereinte der Ebf. von Mailand auf Kosten der kaiserl. Ansprüche immer mehr Macht auf sich; dieser Ausdehnung Mailands trat Ks. Heinrich II. entgegen, indem er 1002/04 L. mit seinem Umland der Diözese Como einverleibte.

Friedrich Barbarossa gewährte L. 1164 ein neues Marktrecht und 1186 die Reichsunmittelbarkeit. Dank diesem Privileg konnten sich kommunale Organe bei weitgehender lokaler Autonomie herausbilden. Im Flecken (borgo) entwickelte sich eine dualist. Struktur. Der Adel (nobili) verlor immer mehr Rechte an die Bürgerschaft (borghesi), die sich 1224 eine eigene Verwaltung gab und versch. Privilegien ausübte: Marktrechte, das Recht auf eigene Gewichte, Unterhalt von Mühlen und Weidenutzung in den Saleggi, in Colmanicchio (Alp Vignasca) sowie in der Ebene bei Magadino und Quartino. L. war das Verwaltungszentrum der Pieve L. Der Podestà residierte in der Casa della Gallinazza, die 1260 in den Zusammenstössen zwischen Guelfen und Ghibellinen in Flammen aufging. In diesen Kämpfen spielten einige Locarneser Adelsfamilien eine entscheidende Rolle (Capitanei di Locarno, Simone da Orello). 1342 eroberten Luchino und Giovanni Visconti das Gebiet, das so wieder in den Machtbereich Mailands gelangte; 1439 wurde L. dem Gf. Franchino Rusca als Lehen vergeben.

Die Herrschaft der Rusca endete 1503, als die Eidgenossen das Locarnese besetzten, ohne jedoch das Visconti-Schloss einnehmen zu können. Nach der Schlacht von Novara 1513 übergab der franz. Kg. Ludwig XII. den Eidgenossen das Schloss; im Frieden von Freiburg 1516 erhielten sie das ganze Locarnese. Die Zwölf Orte regierten durch einen Landvogt (ital. auch commissario genannt), den sie im Turnus ernannten. Er übte die Zivil- und Strafgerichtsbarkeit aus; nur in Malefizprozessen standen ihm ab 1578 sieben vom Flecken gewählte Richter zur Seite. Bei Amtsantritt versicherte der Landvogt unter Eid, die Satzungen von L. zu befolgen. Der Landvogt wurde von einem einheim. Statthalter unterstützt; die Strafsachen und das Eintreiben der Bussen waren einem gewöhnlich ebenfalls ortsansässigen Fiskal übertragen. Der Übergang zur Herrschaft der Zwölf Orte wirkte sich auch auf die sozialen und polit. Beziehungen aus. Neben dem Adel (Vertreter der drei alten Adelsfam. Orelli, Muralto und Magoria) und der Bürgerschaft (Fam. die aus L. stammten) konnten auch die Landsassen (terrieri), eine Gruppe von Einwohnern, die schon lange Zeit in L. wohnten, eine eigene Korporation bilden. Diese drei Korporationen waren im Rat (Magnifico Consiglio) vertreten, der L. damals regierte. Die Dominanz des Städtchens über die Dörfer in der Region zeigte sich bis 1798 auch in der Vertretung im Rat: Die drei Korporationen stellten zwölf Ratsherren (sechs Adlige, vier Bürger und zwei Landsassen), während die Landgemeinden nur acht Vertreter hatten.

Das ma. L. lag rund um die Kreuzung der Via Cittadella und Via S. Antonio und dehnte sich bis zum Abhang des Berges und hinter dem Schloss aus. Einige Häuser säumten das Seeufer; oberhalb der Contrada Borghese befand sich ein kleines, von einfachen Leuten bewohntes Quartier, dessen baul. Anlage den ländl. Dörfern der Umgebung glich. Die Herrschafts- und Bürgerhäuser mit ihren grossen Höfen und Gärten waren typisch für das Zentrum L.s; die Angehörigen der Oberschicht besassen kleine Landhäuser in den Weinbergen, die sich die Hügel um L. hinaufzogen, sowie im bäuerl. Solduno und bis nach Cugnasco. Adlige Besitzungen scheinen auch das spätma. L. geprägt zu haben, v.a. in der sog. Cittadella. Die Bauten des 17. und 18. Jh., darunter die Casa Simona (16. bis 18. Jh.), die Casa Rusca aus der 1. Hälfte des 18. Jh. (heute Sitz der städt. Gemäldegalerie) und die Casa del Negromante, veränderten die in früheren Zeiten gewachsene baul. Struktur nicht tief greifend; L. dehnte sich aber in Richtung des Wildbaches Ramogna nach Muralto aus.

Im MA war die Wirtschaft L.s und der ganzen Region eng mit den Privilegien der Adligen verknüpft, die Markt-, Fischerei-, Alp- und Weiderechte besassen und den Zehnten einnahmen; ab dem 13. Jh. ging ein Teil dieser Privilegien an die Bürgerschaft über. In den Hügelgebieten wurde Weinbau betrieben, in der Ebene herrschte Korn vor und in L. selbst pflanzte man Gemüse und Früchte an; im Innenbereich des Fleckens waren Handwerker und die Geschäfte konzentriert. Die immer wieder überschwemmten Uferzonen und die Alpen wurden als Weiden genutzt. In der frühen Neuzeit entwickelte sich L. zu einem blühenden Handelszentrum an einem wichtigen Verkehrsweg, der die Lombardei mit bedeutenden Städten der Deutschschweiz und Deutschlands verband. Aus der Lombardei und dem Piemont gelangten v.a. Getreide und Salz nach L. und in die Region; in die umgekehrte Richtung lieferten L. und sein Hinterland (besonders das Maggiatal) über die Wasserstrasse des Langensees grosse Mengen von Holz und Vieh nach Italien.

Im 16. Jh. erlebte L. als Folge des Exodus der Reformierten und v.a. der Pestepidemien 1576-77 einen starken Bevölkerungsschwund. Nach einer Erholung im 17. Jh. sank die Einwohnerzahl im 18. Jh. wiederum beträchtlich.

In L. sind mehrere Burgen aus dem FrühMA belegt; eine wurde von den Mailändern 1156 zerstört. Eine andere, die 1210 erw. Burg der Orelli, wurde nach 1342 von den Visconti eingenommen und vergrössert (heute Schloss L. oder präziser Visconti-Schloss genannt). 1531 schleiften die Eidgenossen die Anlage; nur der zentrale Kern blieb erhalten: Dort residierte der Landvogt, aber in den folgenden Jahrhunderten zerfiel auch dieser Teil. Von 1804 bis 1909 war die Burg Sitz des Regierungsstatthalters und des Bezirksgerichts; danach gelangte sie in den Besitz der Stadt und wurde 1921-28 renoviert. Seit 1920 beherbergt sie das Stadt- und Archäologiemuseum. Neue Studien schreiben den Entwurf für die 1507 zum Schutze des Burgeingangs errichtete Verteidigungsbastion, das sog. Ravelin, Leonardo da Vinci zu. Im Nordosten des Schlosses erhebt sich der Palazzo Casorella (Casa degli Orelli) aus dem 16. Jh.

Autorin/Autor: Rodolfo Huber / PTO

3 - Das religiöse Leben

Die Pfarrkirche von L. trägt das Patrozinium des hl. Antonius des Grossen, deren Kollatur lag bei der Korporation der Bürger. Diese besass auch die Patronatsrechte von S. Maria in Selva (1424 geweiht, seit 1884 bestehen nur noch Chor und Glockenturm) und SS. Trinità dei Monti (1621 geweiht). Neben dem ersten, 1353-54 geweihten und später abgerissenen Bau begann man 1664 mit der Errichtung einer neuen, grösseren Pfarrkirche (1692 geweiht). Deren Ausschmückung finanzierten v.a. die Kornhändler, die Ende des 17. Jh. die Bruderschaft vom Tod gründeten (in der Totenkapelle Fresken von Giuseppe Antonio Felice Orelli um 1742). 1816 gingen die Sonderrechte und Titel der alten Mutterkirche S. Vittore in Muralto auf S. Antonio über. Die Verlegung von Stiftskirche und Kapitel in die Grenzen L.s und damit auch unter dessen Rechtshoheit ist bezeichnend für den polit. Anspruch der Stadt, ihre Vormacht in der Region auch im institutionellen Kontext des 19. Jh. zur Geltung zu bringen. 1863 brachte der Schnee das Gewölbe der Pfarrkirche über einem Joch zum Einsturz (über 40 Todesopfer); der Bürgerschaft fehlten die Mittel für den Wiederaufbau, weshalb sie 1866 die Kirchen S. Antonio und S. Maria in Selva der Stadt überliess. Aus finanziellen Gründen konnte das eingestürzte Gotteshaus nicht vollständig wiederhergestellt werden. Man beschränkte sich auf die Fassade sowie die mittleren Gewölbe und erweiterte den Chor.

1863-74 musste L. für die Gottesdienste die Kirche S. Francesco benutzen, die zusammen mit dem angrenzenden Kloster zu Beginn des 13. Jh. erbaut worden war (erste Weihe wahrscheinlich um 1230). Die Weihe der Kirche ist 1316 urkundlich belegt; zwischen 1538 und 1675 wurde sie umgebaut und vergrössert, wobei Baumaterial aus dem Visconti-Schloss Verwendung fand. In S. Francesco fanden die Versammlungen des Adels und der Bürgerschaft statt; ab dem 16. Jh. legte der von den zwölf regierenden Orten ernannte Landvogt dort seinen Eid ab und nach 1798 wurden in der Kirche die Versammlungen der Nachbarschaft, der Stadt und des Kreises abgehalten. 1814 mussten die Franziskaner das Gotteshaus räumen; 1821-27 diente ihr Kloster als Sitz der Kantonsregierung. 1848-63 war die Kirche für den Gottesdienst geschlossen, ebenso ab 1874, nachdem man sie zu einer Kaserne und einem Salzlager umfunktioniert hatte. 1924 wurde sie wieder ihrem ursprüngl. Zweck zugeführt und den Benediktinern für kath. Gottesdienste in dt. Sprache übergeben; 1947-92 übernahmen die Jesuiten diese Aufgabe. Das Kloster wurde 1848 säkularisiert; nach der Renovierung 1893-94 beherbergte es zuerst das Gymnasium und ab 1930 das kant. Lehrerseminar.

1291 erwähnen die Quellen erstmals das Humiliatenkloster; die an das Klostergebäude angebaute, wie der Konvent der hl. Katharina geweihte Kirche geht wahrscheinlich auf die Mitte des 14. Jh. zurück. Im 16. Jh. wurde der Humiliatenorden aufgehoben. Die drei Korporationen von L. wandelten Kirche und Kloster in das Spital S. Carlo um, das 1854 aus finanziellen Gründen geschlossen wurde. Zu Beginn des 17. Jh. erfolgte der Neubau der Kirche (1616 geweiht), die zusammen mit dem Kloster den Augustinerinnen übergeben wurde.

Nach 1535 entstand in L. eine ref. Gemeinschaft mit dem Namen christiana locarnensis ecclesia. Sie verdankte ihr Entstehen dem Wirken von Giovanni Beccaria, mehreren Notabeln des Ortes (darunter Taddeo Duni) und Glaubensflüchtlingen aus Mailand und dem Piemont. Um den Spannungen entgegenzuwirken, trafen sich am 5.8.1549 die evang. Gemeinschaft und der kath. Klerus zu einem Streitgespräch. Am Ende der Disputation wurde Beccaria eingekerkert, aber aufgrund von Protesten gegen seine Verhaftung gleich wieder freigelassen. 1550 erklärte sich L. als katholisch, doch eine grosse Gruppe praktizierte weiterhin den ref. Glauben und verbreitete prot. Schriften. 1554 stellte die Tagsatzung von Baden den Reformierten das Ultimatum, entweder dem neuen Glauben abzuschwören oder ins Exil zu gehen. Am 3.3.1555 verliessen über 100 Locarneser die Stadt, um nach Zürich auszuwandern.

Im Zuge von Gegenreformation und Barock wurden im 17. Jh. viele Sakralbauten in L. erneuert oder neu gebaut. Dazu zählen die 1604 geweihte Kirche SS. Rocco e Sebastiano mit dem Kapuzinerkloster (1852 aufgehoben) und die Kirche S. Maria Assunta oder Chiesa Nuova (geweiht 1636).

Autorin/Autor: Rodolfo Huber / PTO

4 - 19. und 20. Jahrhundert

In der Helvetik (1798-1803) gehörten L. und sein Bezirk zum Kt. Lugano. Die 1803 entstandene polit. Gem. war zwar selbstständig und unterschied sich klar von den Bürgergemeinden (patriziati), die aus den drei Korporationen hervorgegangen waren, doch bis über die Mitte des 19. Jh. hinaus wirkten in L. Institutionen, die den Grundsätzen des Ancien Régime verhaftet blieben. Die Gemeinschaft von L. und Ascona wurde 1805 per Gesetz aufgelöst. Dessen ungeachtet verwaltete ein "Ausschuss der Abgeordneten der ehemals die Gemeinschaft von L. bildenden Gemeinden" noch mehrere Jahrzehnte lang die schon 1667 eingerichtete Armenarztstelle, das Spital S. Carlo und die angegliederten Schulen. Doch allmählich verminderte sich die polit. und wirtschaftl. Bedeutung der Ortsbürger. 1859 beschlossen die Landsassen ihre Korporation aufzuheben; die Korporation der Adligen verteilte 1866-67 ihr Vermögen an die Mitglieder und löste das Archiv auf, behielt aber bis gegen 1920 das Fischereirecht. Nur die Bürgerschaft hat bis heute den Status einer Bürgergemeinde bewahrt.

Die Verfassung von 1814 bestimmte L. zusammen mit Bellinzona und Lugano zu einer der drei Hauptstädte des Kantons: Im Turnus von sechs Jahren war L. 1821-27, 1839-45, 1857-63 und 1875-81 Hauptstadt. 1838-39 wurde auf Initiative einer Gruppe von Notabeln das Regierungsgebäude errichtet (1893 an Private verkauft, dann Sitz des Credito Ticinese und seit 1917 der Elektrizitätsgesellschaft des Sopraceneri). L. war mehrmals Schauplatz von polit. Zusammenstössen, wie sie sich im Kanton immer wieder ereigneten: 1839 und 1841 brachen Aufstände gegen die Regierung aus; 1855 lieferte ein Mord in einem Kaffee der Stadt den Vorwand für einen Staatsstreich der Radikalen (Pronunciamento). Der Tessiner Putsch von 1890 änderte nichts am Kräfteverhältnis zwischen den Parteien in der Stadt: Nach einem liberalen Bürgermeister (1865-80) regierten in L. über 35 Jahre ununterbrochen konservative Bürgermeister (1880-1916). Um die konservative Hegemonie zu brechen, verbündeten sich die Sozialdemokraten, seit 1903 mit einer Sektion in der Stadt präsent, in den Wahlen 1916 mit den Liberalen. Den Radikalen gelang es, die Mehrheit in der Stadtregierung (die damals aus neun Mitgliedern bestand und 1987 auf sieben beschränkt wurde) zu gewinnen. Sie behielten in den folgenden Jahrzehnten die Mehrzahl der Sitze nicht nur in der städt. Exekutive, sondern auch im Gemeindeparlament, das 1908 die Gemeindeversammlung abgelöst hatte. Die Sozialdemokraten gelangten erst 1924 in die Stadtregierung. Die Lega ist seit 1992 in ihr vertreten. 1935-92 wurde in L. das "L'Eco di Locarno" gedruckt, das dreimal in der Woche herauskam; 1992 schloss es sich mit dem offiziellen Organ der freisinnigen Partei "Il Dovere" zusammen, um die Tageszeitung La" "Regione zu begründen; seit 1987 erscheint dreimal wöchentlich die "Tessiner Zeitung" (Fortsetzung der "Südschweiz") als einziges deutschsprachiges Blatt der ital. Schweiz.

Im 19. Jh. wuchs die Bevölkerung in L. markanter als in den angrenzenden Gemeinden. Schon 1836 betrug die eingewanderte Bevölkerung über 16% der Einwohner. 1860-80 sank die Einwohnerzahl leicht, auch in L. hauptsächlich wegen der Auswanderung nach Kalifornien. In den folgenden Jahrzehnten lagen die Zuwachsraten L.s unter denen anderer Zentren des Kantons, die von ihrer Lage direkt an der Gotthardbahn profitierten konnten.

Nach dem Auszug der Protestanten nach Zürich 1555 blieben die Reformierten in L. lange zahlenmässig unbedeutend. Erst gegen Ende des 19. Jh. begann sich der Protestantismus auch in L. zu verbreiten, einerseits unter dem Einfluss einer Evangelisierungskampagne, die v.a. von der Basler Bibelgesellschaft ausging, andererseits wegen des Zustroms zahlreicher Arbeiter für den Eisenbahnbau. In den folgenden Jahrzehnten stieg die Zahl der Reformierten in der Stadt parallel zu derjenigen der Einwohner dt. Muttersprache. 1900 waren in L. weniger als 2% der städt. Bevölkerung ref., 1930 betrug ihre Zahl 8,7% (im selben Jahr machten sie in Minusio 17,8% und in Orselina 43% aus), 1950 rund 9,7% und 2000 rund 7,4%. Ref. Gottesdienste in ital. Sprache stiessen in den ersten Jahrzehnten des 20. Jh. auf wachsende Schwierigkeiten und wurden 1932 eingestellt; erst in den 1960er Jahren konnten in L. erneut Predigtgottesdienste auf Italienisch angeboten werden.

Nachdem 1515 die Torrettabrücke über den Tessin in Bellinzona zerstört worden war, blieb L. mehrere Jahrhunderte lang für den Landverkehr schlecht erschlossen. Der Wiederaufbau der Brücke 1813-15 trug dazu bei, L. wieder besser an die wichtige Verkehrsachse der Alpen anzubinden und verlieh dadurch auch der demograf. und urbanist. Entwicklung Auftrieb. Wichtig waren auch die 1805-25 gebaute Kantonsstrasse von Bellinzona nach L., die 1815-16 errichtete Brücke über die Maggia (wenige Jahre später durch eine Überschwemmung teilweise zerstört und 1887 wieder aufgebaut), der Beginn der Dampfschifffahrt auf dem Langensee 1826 und später die Eröffnung der Eisenbahnlinie L.-Bellinzona 1874 (mit einem Bahnhof in Muralto) sowie des Gotthardtunnels 1882. Die wichtigsten Veränderungen in der Stadt waren die Umgestaltung des Hauptplatzes (Piazza Grande), der 1825-26 eine Kopfsteinpflästerung erhielt und durch einen Kanal (Naviglio) mit dem See verbunden wurde, sowie der Bau eines neuen Hafens nach der Überschwemmung von 1868, der 1911-14 durch eine Schiffstation ersetzt wurde.

1870-80 begannen sich in L. und in der Region die Hotellerie (Grand Hôtel Locarno in Muralto 1874-76) und der Tourismus zu entwickeln, da die Verbindungen in den Norden sowie in die Lombardei und das Piemont besser geworden waren. Anfang des 20. Jh. entstanden auf den Monti della SS. Trinità auch die ersten privaten Ferienhäuser, die v.a. Deutschen gehörten. Eine private Gesellschaft führte 1875 das Gas für Beleuchtung und Heizung ein; sie wurde 1905 kommunalisiert. Das 1899 erstellte Wasserwerk kaufte die Stadt 1904, im selben Jahr wurde das Wasserkraftwerk in Ponte Brolla gebaut. 1906 nahm die Standseilbahn Madonna del Sasso (Gem. Orselina) den Betrieb auf, 1907 die Maggiatalbahn L.-Ponte Brolla-Bignasco und 1908 das städt. Tram, das in den 1970er Jahren durch Busse ersetzt wurde. Die Centovallibahn L.-Domodossola, die Gotthard- und Simplonlinie verbindet, wurde 1923 eröffnet. 1925 fand in L. eine internat. Friedenskonferenz statt; sie endete mit der Anerkennung der im Versailler Vertrag festgelegten Grenzen zwischen Frankreich und Deutschland. Deutschland wurde dafür in den Völkerbund aufgenommen und in Europa begann eine Zeit der Entspannung, der Hitler 1936 durch die Verletzung des Vertrags von L. ein Ende setzte.

1891-1907 erfolgte die Kanalisierung der Maggia. 1898 wurde der Bebauungsplan für die Neustadt auf dem Delta des Flusses gutgeheissen; die schachbrettartige Anlage entsprach einem rationalist.-wissenschaftl. Ideal, das schon in mehreren europ. Städten umgesetzt worden war. Die Überbauung des Quartiers setzte allerdings erst nach 1918 ein. Neben Ferienhäusern, die später grösseren Wohnkomplexen wichen, siedelten sich Handwerk und Industrie an, darunter die 1911 gegr. Uhrensteinfabrik Swiss Jewel & Co., die viele Jahre lang das grösste Unternehmen im Locarnese war und 1990 nach Tenero umzog. 1916 wurde eine Hutfabrik (später abgerissen), 1920 eine Sprudelfabrik eröffnet. Die Übergangszone zwischen dem Neustadtquartier und der Piazza Grande erfuhr radikale Umgestaltungen, um dem wachsenden Verkehrsaufkommen zu genügen: In den 1970er Jahren wurde eine Brücke gebaut, die Ascona mit L. verbindet, 1996 folgte der Tunnel Mappo-Morettina und 1997-2000 der Kreisel von Piazza Castello. Die Bevölkerungsentwicklung und die Verstädterung L.s im 20. Jh., insbesondere in der 2. Hälfte, wirkten sich auch auf die Beschäftigungsstruktur aus. 2000 waren knapp zwei Drittel der Erwerbstätigen in L. Zupendler aus den angrenzenden Gem. und der weiteren Region. 2005 stellte der Dienstleistungssektor drei Viertel der Arbeitsplätze in der Stadt, der Industrie- und Gewerbesektor ein Viertel, während der Landwirtschaftssektor praktisch verschwunden war.

Das Gemeindegebiet in der Magadinoebene, das grösstenteils der Bürgerschaft gehört, wurde bis über die Mitte des 19. Jh. hinaus als Winterweide genutzt; ebenso wie die Neustadt und die Piazza Grande ist es häufigen Überflutungen ausgesetzt. Urkundlich belegt sind die Verwüstungen, die der Wildbach Ramogna 1556 und 1558 anrichtete, in neuerer Zeit kam es 1868, 1907, 1978 zu verheerenden Überschwemmungen, auch 1992 und 2000 trat der See über das Ufer. Die Flut von 1868 hinterliess zahlreiche tote Flussarme und Sümpfe, die ein neues Aufflammen der Malaria zur Folge hatten. 1885 erfolgten die Korrektion des Tessins und die Melioration der Magadinoebene, wo in den 1920er Jahren ein Netz von Landwirtschaftsstrassen entstand und Pflanzungen angelegt wurden. Seit 1939 besteht in der Ebene auch ein Flugplatz. Eine Idee von Ende des 19. Jh. wiederaufnehmend, wurde 1930-60 ein Freihafen projektiert (Endstation eines Wasserweges Venedig-L.), in dessen Nähe eine grosse Industriezone entstehen sollte. Dieses Projekt wurde zwar aufgegeben, trotzdem siedelten sich seit Beginn der 1980er Jahre in der Ebene zahlreiche Industriekomplexe an. Das Feuchtbiotop der Bolle di Magadino steht seit 1982 unter internat. Schutz (im Rahmen der Ramsar-Konvention).

Als Zentralort verfügt L. über Infrastrukturen im Bildungs- und Gesundheitswesen sowie in der Kultur, die auch von den umliegenden Gem. und Regionen genutzt werden. Private eröffneten 1846 den ersten Kindergarten in L.; 1854 wurde die erste Höhere Töchterschule des Kantons im Regierungsgebäude ins Leben gerufen. 1878 folgte das Lehrerseminar für Knaben im ehem. Kloster S. Francesco und 1881 zog das Lehrerinnenseminar von Pollegio nach L. um; die beiden Institute verschmolzen 1930 zum kant. Lehrerseminar, das sich 2002 mit dem Kant. Institut für das Lehramt zur Pädagog. Hochschule vereinte. 1973 wurde das kant. Lyzeum eröffnet. Das Regionalspital La Carità, das die Gem. L. 1872 nach dem Konkurs und der Schliessung des Spitals S. Carlo gegründet hatte, wurde 1972 in das kant. Spitalwesen eingegliedert. 1902 nahm das Theater seinen Betrieb auf; es wurde 1908 vergrössert und funktioniert seit 1910 als Kursaal und Casino (seit 2003 Grand Casinò Locarno). 1946 fand das erste internat. Filmfestival von L. statt. Diese Veranstaltung, die seit 1971 die Piazza Grande in ein grosses Freiluftkino verwandelt, ist das bedeutendste kulturelle und tourist. Ereignis der Stadt.

Autorin/Autor: Rodolfo Huber / PTO

Quellen und Literatur

Archive
– ASTI
– StadtA Locarno
Literatur

Autorin/Autor: Rodolfo Huber / PTO