Intragna

Ehemalige politische Gemeinde TI, Bezirk Locarno, seit 2009 mit Borgnone und Palagnedra Teil der neuen Gemeinde Centovalli. Das Strassendorf I. auf dem Geländesporn beim Zusammenfluss von Isorno und Melezza umfasste die Fraktionen Golino, Verdasio, Pila, Vosa, Cremaso, Calezzo, Costa, Corcapolo und ab 1972 Rasa, das sich 1864 von Palagnedra abgetrennt hatte. Während I. und Golino geografisch und wirtschaftlich mit dem Pedemonte (Tegna, Verscio, Cavigliano) verbunden sind, liegt der grösste Teil des Gebiets von Intragna in der Gebirgs- und Alpwirtschaftszone des Centovalli. 1272 Intranea. 1653 604 Einw.; 1764 über 1'000; 1801 936; 1850 1'428; 1900 1'240; 1950 957; 1970 841; 2000 915.

Die 1897 in I. zu Tage getretenen vorröm. Gräber belegen die Besiedlung der Gegend schon für das 1. Jt. v.Chr. Im MA gehörten die Bf. von Como und die Capitanei von Locarno zu den Grundherren. Zusammen mit Golino und Verdasio bildete I. eine Vicinanza (Nachbarschaft), deren erste Statuten von 1365 stammen (revidiert 1469). Sie besass das Recht, einen Vertreter an den Rat der Pieve von Locarno zu delegieren. Der Ortsvorsteher (console) wurde abwechselnd während fünf Jahren von I., dann während je einem von Golini und Verdasio gestellt. Vom 16. bis ins 18. Jh. war I. Teil der Landvogtei Locarno. Die zwölf eidg. Orte lehnten 1531 das Gesuch von I., Ascona, Centovalli und Onsernone zur Bildung eines von Locarno unabhängigen Gemeinwesens ab. Ebenso scheiterten im 18. und 19. Jh. die konfliktreichen Versuche Golinos, eine selbstständige Gemeinde zu werden.

Ursprüngliches kirchl. Zentrum der Nachbarschaft war Golino mit seiner 1297 erw. Kirche S. Giorgio. Die 1474 geweihte Kapelle S. Gottardo in I. trennte sich 1653 von der im 16. Jh. entstandenen Pfarrei Golino und wurde 1747 zu einer Propstei erhoben. Die heutige Kirche S. Nome di Maria wurde 1722-38 errichtet; der 1765-75 hinzugefügte Glockenturm ist mit 65 m Höhe der höchste im Kt. Tessin. Von der im 12. Jh. errichteten Pfarrei Palagnedra spalteten sich 1622 Verdasio, 1644 Rasa ab. Letzteres ist seit 2000 ein Rektorat. Die Kirche S. Anna in Rasa wurde 1753 fertiggestellt, jene von Verdasio (SS. Giacomo e Cristoforo) um 1800 erbaut.

Während Jahrhunderten waren Ackerbau und Viehzucht, die jedoch ab 1950 stark an Bedeutung verloren, die Hauptverdienstquellen der Gemeinde. Ab dem 16. Jh. kamen Einkünfte aus saisonaler Auswanderung (v.a. Kaminfeger in die Lombardei und ins Piemont) hinzu. 1631-1847 besassen die Einwohner von Rasa (zusammen mit Ronco, Losone und Terre di Pedemonte) das Monopol für Verladearbeiten am Zoll von Livorno. In der 2. Hälfte des 19. Jh. erfolgte eine starke Auswanderung nach Übersee (Amerika, Australien). Die gewerbl.-industrielle Produktion in der Uhrenfabrik, dem Steinbruch, der Schreinerei sowie die Fabrikation von Peduli (Stoffschuhe mit Hanfsohlen vom Beginn des 20. Jh. bis 1962) kamen in den 1960er Jahren zum Erliegen. 1889-93 wurde die Kantonsstrasse errichtet, 1923 der Bahnhof an der Bahnlinie Locarno-Domodossola. Pila und Costa (seit 1953) sowie Rasa (seit 1958) sind nur mit der Luftseilbahn erreichbar. 1929 wurde das heutige Alters- und Pflegeheim S. Donato eröffnet. I. ist Sitz des 1989 eröffneten Regionalmuseums für das Centovalli und die Terre di Pedemonte. Während die Bevölkerungszahl in den höher gelegenen Siedlungen stark zurückgegangen ist (Rasa: 200 Einwohner zu Beginn des 16. Jh. gegenüber 11 1970), sind I. und Golino dank ihrer Nähe zu Locarno seit 1970 gewachsen. 2000 arbeiteten zwei Drittel der Erwerbstätigen im Dienstleistungssektor, in der gleichen Grösse bewegte sich der Wegpendleranteil (v.a. in die Agglomeration Locarno).


Literatur
– L. Maggetti, «Memorie storiche del Comune e delle Terre d'I., Golino e Verdasio», in BSSI, 1886-87
– G.M. Wähli, Centovalli und Pedemonte, 1967
– O Silacci et al., Centovalli e Terre di Pedemonte, 1988

Autorin/Autor: Rodolfo Huber / CS