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Bolligen

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Polit. Gem. BE, Amtsbez. Bern. Die Agglomerationsgem. Berns umfasst das Dorf B. (1180 Bollingin) und die Weiler Bantigen, Ferenberg, Flugbrunnen, Geristein und Habstetten. Sie entstand 1980-83 nach der Verselbstständigung der kleinflächigen, aber bevölkerungsreichen Viertelsgem. Ittigen und Ostermundigen. 1850 3'277; 1900 5'104; 1910 1'709 Einw.; 1950 1'959; 1990 6'340; 2000 5'893 (inkl. Ittigen und Ostermundigen 1910 6'115 Einw.; 1950 9'841; 1980 32'312).

Neolith. Siedlungsspuren wurden im Burech, Erdwerke ob Flugbrunnen entdeckt, ma. Erdwerke im Grauholz und auf dem Bantiger. B., Habstetten, Ferenberg, Bantigen und Flugbrunnen waren Zelgdörfer. Der Hof Geristein unterhalb der Burg Gerenstein wuchs im 17. Jh. durch Rodung zum Weiler. B. gehörte mit Muri bei Bern, Stettlen und Vechigen zum frühesten Einflussbereich Berns ausserhalb des Stadtgebiets. Im Dorf B., das an der Strasse nach Burgdorf lag, fanden im 13. und 14. Jh. Verhandlungen zwischen Bern und den Gf. von Kyburg statt. Nach dem Aussterben der Ritter von Gerenstein gelangte ihr Grundbesitz an versch. Herren- und Stadtberner Burgergeschlechter (u.a. von Affoltern, vom Stein, Belp-Montenach) sowie an Klöster (u.a. Interlaken, Thorberg). Bern erwarb sukzessive Rechte, so 1345 Habstetten von Berchtold von Thorberg, im Gefolge der Reformation (1528) das Niedergericht B. aus dem Besitz der aufgehobenen Kartause Thorberg und die Kirche B. vom Kloster Interlaken. B. wurde als Teil des Stadtgerichts von Bern aus vom Venner zu Metzgern verwaltet, dem ein einheim. Ammann unterstand.

Die 1180 erw. Kirche B. (Niklauspatrozinium, Bau des 12.-13. und 15. Jh., Umbau 1792-95) war vermutlich Eigenkirche der Gerenstein. 1274 schenkte Ulrich vom Stein den Kirchensatz dem Kloster Interlaken. Nach dessen Säkularisation (1528) fiel er an Bern, das nun den Ort Habstetten der Kirche B. zuteilte. Das Dorf B. war während Jahrhunderten Zentrum eines grossen Kirchspiels mit an die 30 Dörfern, Weilern und Hofgruppen (1764 1'771 Einw.). Die Kirchgemeinde B. ist in diesem Umfang bis heute erhalten geblieben. Die Gemeindebildung begann zwar in den selbstständigen Gütergemeinden der Zelgdörfer, doch entschieden nach der Reformation die Kirchgemeinde bzw. ihre Viertel über Armen-, Niederlassungs- und Schulwesen. Aus der umfangreichen Kirchgemeinde entstand 1834 die Einwohnergemeinde B. mit den vier, ab 1937 (Integration der Viertelsgemeinde Ferenberg in B.) drei Viertelsgemeinden B., Ittigen und Ostermundigen. Ihr oblagen Aufgaben wie Finanz-, Steuerwesen und höhere Schulen, alles andere den einzelnen Viertelsgemeinden. Langjährige Diskussionen um Zentralisation (1930, 1945, 1963), Eingemeindung in Bern (1913, 1919) oder Dezentralisation (1956, 1962, 1972) endeten 1978 mit der Zustimmung der Einwohner zur Dezentralisation.

Neben den vorherrschenden Kornbau trat im 18. Jh. Grasbau, da sich Heu winters an Küher verkaufen liess. Zum Handwerk kam im 18. Jh. Grossgewerbe: die Steinbrüche in Stockeren (1708-1918/49), 1787 die Papiermühle in der Wegmühle, 1855 zur Getreidemühle umgebaut. Das grosse Waldgebiet Grauholz-Sädelbach gehörte ab 1345 der Stadt Bern und fiel 1799 ihrer Burgergemeinde zu. Im 17. und 18. Jh. entstanden Sommersitze des Berner Patriziates: um 1600/69 die Wegmühle, um 1670 das Hubelgut in Habstetten, um 1720 die Lindenburg. Der bäuerl. Siedlungscharakter erhielt sich in Ferenberg, Bantigen und Flugbrunnen. Die Entwicklung zur Agglomerationsgemeinde seit den 1950er Jahren ging in der übrigen Gemeinde auf Kosten der Landwirtschaft. Sie brachte ein grosses Dienstleistungsangebot (1990 65% in B. Erwerbstätige), jedoch wenig Industrie. Der Wegpendleranteil war 1990 mit 78% hoch. Der Bau neuer Wohnquartiere, v.a. im Raum der Dörfer B. und Habstetten, sowie der Ausbau der Infrastruktur (u.a. Einkaufszentrum) führten teilweise zur Verstädterung. Primarschulen befinden sich in B., Ferenberg und Geristein, in B. auch eine Sekundarschule und ein Untergymnasium. Seit 1913 hat B. Anschluss an die Worblental-Bahn.


Literatur
– M. Beusch, Die Infrastrukturausrüstung in der Gemeindegruppe B., 1974
– K.L. Schmalz, B., 1982
– K.L. Schmalz, Heimatkundl. Führer B., 1985
– K.L. Schmalz, Unser B., 1989

Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler