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Brissago

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Polit. Gem. TI, Bez. Locarno. Die Gem. umfasst die Ortsteile Caccio, Cadogno, Cartogna, Gadero, Incella, Madonna di Ponte, Nevedone, Noveledo, Piazza, Piodina, Porta, Rossorino, Tecetto und die zwei Inseln Isola Grande e Sant'Apollinare. Sie liegt am Langensee, wird durch das Valmara und das Valle di Creda begrenzt und besteht aus drei gebirgigen Uferzonen, die durch die Valli di Ponte und den Sacro Monte unterteilt werden. B. befindet sich an der (seit 1863 bestehenden) Strasse von Ascona an die ital. Grenze. Die versch. Ansiedlungen liegen sowohl am Ufer wie auch in den Hügeln, Berg- und Alpgebieten. 1289 Brixago, dt. früher Brisa. 1578 1'675 Einw.; 1801 1'330; 1850 1'266; 1860 1'136; 1900 1'639; 1930 1'577; 1950 1'931; 1970 2'120; 1990 1'909; 2000 1'833.

Eine Axt und Keramikstücke aus dem Neolithikum, andere Funde und röm. Münzen, die 1846 in Brenscino entdeckt wurden, belegen menschl. Ansiedlungen schon in früher Zeit. 1863 kamen beim Bau der Kantonsstrasse auch einige Gräber zum Vorschein. Fragmente einer Grabstele mit Inschrift wurden in die (heute zerstörte) Kirche S. Pancrazio auf der Isola Grande eingemauert. Im MA waren die Geschicke des Ortes eng mit denjenigen der Pieve und des Königshofs Cannobio in der Grafschaft Stazzona verbunden. Nach deren Aufsplitterung im 11.-12. Jh. wurde B. dank seiner relativ isolierten Lage (am Rande der Einflussbereiche Mailands und Comos) eine direkt vom Reich abhängige Gemeinde mit grosser Autonomie. Um die Mitte des 13. Jh. bekam B. ein eigenes Dorfrecht (die erste Fassung stammt von 1289). Die Gemeinde bestand aus den drei Dorfgenossenschaften (vicinie) Costa di Piodina, Costa di Mezzo und Costa di Dentro, die wohl ihrerseits in Degagne aufgeteilt waren. Die Gemeindeversammlung wählte drei Gemeindevorsteher (consoli), für jede vicinia einen, die von Ratsherren und einigen niedrigeren Beamten unterstützt wurden. Der Gemeinde stand ein Podestà vor; dieser wurde vorerst von den Mailänder Visconti ernannt und rekrutierte sich von 1342 bis zum Ende der eidg. Herrschaft 1798 aus den Reihen der Locarneser Adelsfam. Orelli. 1342 gliederten die Visconti B. der Capitaneria des Langensees ein. 1439-1520 musste die Gemeinde, die trotz Beibehaltung einer gewissen Autonomie unter der Schutzherrschaft der Gf. Rusca stand, die Ausgaben zur Verteidigung Locarnos mitfinanzieren. Das 16. Jh. war geprägt von Fehden zwischen den Fam. Rainaldi und Baciocchi. Nach der Ausrufung zur unabhängigen Republik 1520 unterwarf sich B. schon 1521 der Herrschaft der zwölf eidg. Orte und wurde der Vogtei Locarno angegliedert, blieb aber ein besonderer Gerichtsbezirk mit eigenem Podestà. In der Helvetik kam B. zum Bez. Locarno, 1803 wurde es polit. Gemeinde des neu gegr. Kt. Tessin. Im Risorgimento war B. Zufluchtsstätte und Zentrum des Waffenschmuggels und der Untergrundliteratur für die lombard. Flüchtlinge.

Kirchlich unterstand der Ort der dem Bistum Mailand zugehörigen alten Grosspfarrei Cannobio, weshalb in B. der ambrosian. Ritus galt. Die schon im 13. Jh. erw. Kirche SS. Pietro e Paolo (bestehender Bau aus dem 16.-17. Jh., 1961 restauriert), wurde 1335 Pfarrkirche. 1865 erhielt sie den Titel einer Propsteikirche. Auch die Insel Sant'Apollinare war der ambrosian. Kirchengewalt unterstellt, während auf der Isola Grande (S. Pancrazio), die der Pieve Locarno und dem Territorium Asconas zugehörte, der röm. Ritus galt. Auf dieser Insel wurde im 13. Jh. ein Humiliatenkloster gegründet, dessen Güter nach der Auflösung des Ordens 1571 an das Spital Locarno übergingen. 1885 erwarb die Baronin Antonietta de Saint-Léger die beiden Inseln, liess auf der Isola Grande einen botan. Garten mit Villa errichten und machte daraus ein kulturelles Begegnungszentrum. 1927 ging der Besitz an Max Emden aus Hamburg über, der einen neuen Palast erbaute. 1949 wurden die Inseln schliesslich von einer Miteigentümergemeinschaft erworben: dem Kt. Tessin, den Gemeinden B., Ascona, Ronco sopra Ascona, dem Schweizer Heimatschutz und dem Schweiz. Bund für Naturschutz. Seit 1950 besteht auf der Isola Grande ein öffentlicher botan. Garten.

Im MA war die Mehrheit der Bevölkerung in Ackerbau und Viehzucht tätig. Die Ufer- und Hügelbewohner betrieben auch Fischfang und etwas Handel und Handwerk. Schon im 13. Jh. wurden Mühlen, Hammerschmieden und Sägewerke, später auch Kalköfen erwähnt. Die Emigration nach Mailand und in die Toskana nahm vom 15. Jh. an bedeutende Ausmasse an. Die späteren Auswanderer aus B. waren traditionellerweise Köche und Hoteliers, die sich v.a. in der Lombardei niederliessen. Paläste aus dem 17. Jh. sind Zeugnis für das Aufkommen einer Notabelnschicht. Im 18. Jh. gingen einige Fam. nach Locarno und Ascona, wo sie sich ein gewisses Ansehen erwarben. Die Eröffnung einer Spinnerei 1854, die zwei Jahre später in eine Tabakfabrik umgewandelt wurde, veränderte schrittweise die sozioökonom. Struktur des Ortes. 1888 wurde eine neue Fabrik erbaut, und in den ersten Jahrzehnten des 20. Jh. erreichte die industrielle Tätigkeit ihren Höhepunkt: Mehr als 600 Personen, meist Frauen, waren in der Tabakverarbeitung beschäftigt. In dieser Zeit begann B. auch, sich zum Ferienort mit Zweitwohnungen und Hotelgewerbe zu entwickeln, v.a. nach dem Bau des Grande Albergo 1907 (1993 abgerissen). Nach 1970 wurde der Tertiärsektor zum wichtigsten wirtschaftl. Bereich. Die Bauentwicklung in den Jahren 1960-70 hat die Ufer- und die Hügelzone zu einem zusammenhängenden Wohngebiet wachsen lassen.


Archive
– ASTI, Fonds Fam. Branca
Literatur
– G. Mondada, Le isole di B., 21990
– V. Gilardoni, «Gli statuti medievali di B. nelle volgarizzazioni del Sei e del Settecento», in AST, Nr. 73-74, 1978, 1-204
Kdm TI 2, 1979, 278-424
– V. Gilardoni, «Aggiunte a "Gli statuti medievali di B."», in AST, Nr. 84, 1980, 491-510
– P. Frigerio, P.G. Pisoni, B. medievale nei suoi statuti, 1984
– «Documenti per la storia di B.», in AST, Nr. 107-108, 1986, 129-174

Autorin/Autor: Rodolfo Huber / CN