• <b>Tscharner</b><br>Titelseite der von  Beat Rudolf Tscharner  verfassten und 1765 in Bern veröffentlichten "Historie der Stadt Bern" (Schweizerische Nationalbibliothek). Beat Rudolf Tscharner (1733–99), Sohn von Emanuel und Maria Magdalena Tscharner und Bruder von Vinzenz Bernhard und Niklaus Emanuel, war Schultheiss des Äusseren Stands und Vogt von Nidau. 1790 wurde er zum Direktor der Salinen von Bex ernannt. Seine zweibändige Geschichte Berns enthält zwei unveröffentlichte Auszüge von Schweizer und Berner Chroniken, die er mit Kommentaren versah.

Tscharner [von]

Zu Beginn des 21. Jh. noch bestehende Bündner und Berner Familie. In Graubünden brachten es die Churer T. zu grossem Ansehen.

1 - Bündner Zweig

Der ursprünglich aus dem Domleschg stammenden Fam. gehörten sowohl freie Bauern als auch Leibeigene an. Im 16. Jh. stieg sie zu einem führenden Ratsherrengeschlecht in der Stadt Chur auf. Während 1471 Matthäus und Wilhelm als Inhaber von Mühlen und 1472 Martin, Diebold und Jakob Wilhelm als freie Bauern in Feldis erwähnt werden, unterstand daselbst 1501 Wilhelm als leibeigener Bauer dem Gf. Jörg von Werdenberg. Zwischen 1471 und 1483 werden Symon, Caspar und Peter als Churer Bürger erwähnt. Symon war vermutlich der Vater des Luzius (ca. 1481-1562), der um 1500 in Wien studierte, 1529 Ratsherr und 1530 Säckelmeister in Chur war und kurz darauf nach Bern übersiedelte, wo er die Berner Linie begründete.

Aus Luzius' erster Ehe stammt Hans ( -> 9), der zu den höchsten polit. Ämtern der Stadt Chur aufstieg. Von seinen drei Söhnen war Simeon 1575 Hauptmann auf der Fürstenburg und 1576 bischöfl. Hofmeister, Hans Oberst und Churer Seckelmeister und Johann Baptista Stadtschreiber und häufiger Gesandter der Drei Bünde, u.a. nach Venedig, Mailand und Paris. Ein Sohn des Letzteren, Johann ( -> 10), leitete die Stadt Chur nach den Bündner Wirren. Auch seine Nachfahren gleichen Namens, Johann Baptista ( -> 11) und Johann Baptista ( -> 12) bekleideten höchste Ämter. Eine hervorragende Gestalt war Johann Baptista ( -> 13), der sich gegen Ende des Ancien Régime zum Kreise der Patrioten bekannte und für umfassende Reformen im Dreibündestaat eintrat. Ab dem 18. Jh. kamen die T. häufig vom Säckelmeisteramt in die höchsten Ämter der Stadt und des Bundes und wurden durch den Speditionshandel und den fremden Kriegsdienst vermögende Grundbesitzer. In dieser Tradition standen diverse Vertreter des 19. Jh. wie Johann Baptista ( -> 14), Johann Friedrich ( -> 16) und Peter Conradin ( -> 24), während Johann Baptista ( -> 15) 1857-58 liberaler Ständerat war. Im 19. Jh. betätigten sich zahlreiche T. als Ingenieure, Architekten, Bankdirektoren oder Berufsoffiziere.

Autorin/Autor: Martin Bundi

2 - Berner Zweig

Die Berner Linie der Fam. T., seit 1844 von T., geht auf den Churer Säckelmeister Luzius zurück. Dieser heiratete in zweiter Ehe Margaretha von Wattenwyl (gestorben 1568), Tochter des Jakob, und wurde 1530 ins Berner Burgerrecht sowie in die Gesellschaft zu Pfistern aufgenommen. Bereits Luzius' Sohn David (1536-1611) gelangte 1564 in den Gr. Rat und 1583 in den Kl. Rat. Die T. gehörten zur zweiten Klasse der "edelvesten" Geschlechter und im 18. Jh. zu den fünf im Gr. Rat zahlenmässig am stärksten vertretenen Familien. Sie stellten bis zum Ende des Ancien Régime sieben Kleinräte, von denen Niklaus ( -> 22), Beat Jakob ( -> 3) und Johann Rudolf ( -> 17) zum Venner und Niklaus Emanuel ( -> 23) zum Deutschsäckelmeister aufstiegen. Niklaus und Samuel ( -> 25) durchliefen militär. Karrieren. Nachdem sich schon im 18. Jh. Niklaus Emanuel und Vinzenz Bernhard ( -> 27) als aufklärer. Reformer hervorgetan hatten, brachten die T. während der Regeneration mit Carl Friedrich ( -> 5) und Albrecht Friedrich ( -> 1) zwei Berner Regierungsräte hervor. Der konservative Karl Ludwig ( -> 21) wurde als Mitglied der Siebnerkommission zu einer Haftstrafe verurteilt. Ausser Reichenbach (ab 1530) besassen die T. keine Herrschaften, verfügten aber ab dem 18. Jh. über mehrere Landsitze, so über Brunnadern bei Bern, über das Rothaus in Bolligen sowie in Kehrsatz über den Blumenhof, den von Beat Emanuel (1753-1825) errichteten Sitz Lohn und das Schloss. Im 19. Jh. kamen das von Beat Ludwig (1801-73) neugotisch renovierte ehem. Priorat Amsoldingen, das Schloss Rümligen sowie die Landgüter Burier in La Tour-de-Peilz und Morillon in Wabern dazu. Auf ein ehem. Landgut der Fam. verweist auch die Berner Grossraumsiedlung Tscharnergut. In Bern liess Beat Jakob am Münsterplatz das repräsentative Tscharnerhaus errichten. Seit dem 19. Jh. wandten sich die T. als Juristen, Ingenieure und Mediziner bürgerl. Berufen zu und engagierten sich allmählich auch in Handel und Industrie; vereinzelt widmeten sie sich der Kunst, so etwa der Bildhauer Karl Emanuel ( -> 19). Gleichzeitig erweiterte sich ihr Heiratskreis - im Ausland (Norwegen, USA) auf Adels- und reiche Kaufmannsfamilien und in der Schweiz zuerst auf bürgerl. Aufsteiger, dann auf breitere soziale Schichten.

<b>Tscharner</b><br>Titelseite der von  Beat Rudolf Tscharner  verfassten und 1765 in Bern veröffentlichten "Historie der Stadt Bern" (Schweizerische Nationalbibliothek).<BR/>Beat Rudolf Tscharner (1733–99), Sohn von Emanuel und Maria Magdalena Tscharner und Bruder von Vinzenz Bernhard und Niklaus Emanuel, war Schultheiss des Äusseren Stands und Vogt von Nidau. 1790 wurde er zum Direktor der Salinen von Bex ernannt. Seine zweibändige Geschichte Berns enthält zwei unveröffentlichte Auszüge von Schweizer und Berner Chroniken, die er mit Kommentaren versah.<BR/>
Titelseite der von Beat Rudolf Tscharner verfassten und 1765 in Bern veröffentlichten "Historie der Stadt Bern" (Schweizerische Nationalbibliothek).
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Autorin/Autor: Hans Braun

Quellen und Literatur

Archive
– BBB, FamA
– StAGR
Literatur
  • Bündner Zweig

    Schweiz. Geschlechterbuch 1, 616-618; 2, 707-709; 4, 617-640; 6, 724-735; 7, 614-618
    – P.E. Grimm, Die Anfänge der Bündner Aristokratie im 15. und 16. Jh., 1981
  • Berner Zweig

    Schweiz. Geschlechterbuch 1, 619-628
    – N. Lieber et al., Les T. de Berne, 2003