Gerolde [Udalriche]

Bedeutende Adelssippe in Alemannien, nach dem zweiten Leitnamen auch Udalriche (Udalrichinger, Ulriche) genannt. Als Stammvater gilt Gf. Gerold (I.) aus dem Mittelrheingebiet, der sich vor 757 mit Imma aus dem Geschlecht der altalemann. Herzöge vermählte. Im Auftrag des Königtums trug er neben anderen Franken zur Integration des Landes ins Karolingerreich bei, förderte dabei aber zugleich den Wiederaufstieg seiner angeheirateten Verwandten. Immas Bruder Ruadbert (I.) konnte schon um 770 wieder in Überlingen agieren, einer Residenz der unterworfenen Herzöge, und war zwischen 778 und ca. 800 Gf. im Hegau, Linz- und Argengau. Am Nordufer des Bodensees hatte die Sippe dann bis zum Ende der Karolingerzeit ihre wichtigste Basis. Die Herrschaftsbildung der G. erfolgte zweifellos mit Billigung Karls des Grossen, der 771 Gerolds (I.) und Immas Tochter Hildegard heiratete. Unter den Geschwistern der Königin profitierte besonders Gf. Udalrich (I.) von der Gunst des Herrschers. Udalrich, der auch im Elsass Besitzungen hatte, ist als Graf in Alemannien seit 780 bezeugt, u.a. im Thurgau. Schon er selbst dürfte den für die G. typ. Versuch unternommen haben, eine den Bodensee umgreifende Herrschaft aufzubauen. Neben Udalrich (I.) amtierte sein Bruder, Gf. Gerold (II.), im Bereich der Bertoldsbaar am Neckar. Er hat sich als Förderer der Bodenseeklöster hervorgetan und wurde 799 in Reichenau bestattet. Die Geschichte der Sippe setzten in Alemannien die Söhne Udalrichs (I.) fort. Bedeutender als Udalrich (II.) war dessen Bruder Ruadbert (II.), der zwischen 806 und 813/814 als Graf belegt ist, u.a. 806 wiederum im Thurgau. Vielleicht hat dieser Ruadbert vom Argen- bzw. Nibelgau aus versucht, seine Herrschaft nach Churrätien auszudehnen. "Ruodpertus, Vasall Ks. Ludwigs" des Frommen, soll dabei allerdings am Widerstand des Hunfridingers Adalbert gescheitert und zu Tode gekommen sein. Mit diesen Vorgängen bzw. mit dem Aufstand Bernhards von Italien gegen den Kaiser könnte in Zusammenhang gestanden haben, dass die G. seit 817 in den Hintergrund traten.

Ungewiss ist, ob Gerold (III.), Gerold (IV.) und Udalrich (III.), die zwischen 826 und 868 im Zürich- bzw. Thurgau als Grafen amtierten, aus der Sippe der G. hervorgegangen sind. Erst die Gf. Udalrich (IV.) und Udalrich (V.) können wieder mit ausreichenden Gründen als G. betrachtet werden. Udalrich (V.) versuchte an versch. Plätzen eine moderne adlige Herrschaftsbildung: Er errichtete vor 886 im thurg. Aadorf ein Eigenkloster unter der Leitung seiner Töchter, das als Grablege der Fam. ausersehen war. Von Kg. Arnulf liess er sich sogar den Hof Lustenau (südlich von Bregenz) zum Geschenk machen. Als er sich aber 890 am Aufstand Bernhards, des Sohnes Ks. Karls III., gegen Arnulf beteiligte, brachen mit der Rebellion auch die Ansätze zentralisierender Adelsherrschaft zusammen. An den späteren Kämpfen der alemann. Grossen um die Errichtung eines eigenen Herzogtums konnten sich die G. offenbar nicht mehr tatkräftig beteiligen. Ein Gf. Udalrich (VI.), der am Beginn des 10. Jh. im Zürichgau und im Argengau belegt ist, war wohl kein G., sondern ein Burchardinger. Nach späterer chronikal. Überlieferung soll ein Gf. Udalrich "aus dem Stamme Karls" d.Gr. Wendilgard, eine Verwandte Kg. Heinrichs (I.), geheiratet haben. Es handelt sich wohl um Angehörige der G., auch wenn Udalrich nicht sicher mit einem der urkundlich bezeugten Gf. Udalrich (III.-V.) identifiziert werden kann. Von Udalrich und Wendilgard stammen u.a. Abt Burchard von St. Gallen (resigniert 971) sowie vermutlich die hochma. Gf. von Bregenz und von Buchhorn ab.


Literatur
– B. Bilgeri, Gesch. Vorarlbergs 1, 21976
– M. Borgolte, Gesch. der Grafschaften Alemanniens in fränk. Zeit, 1984
– M. Borgolte, Die Gf. Alemanniens in merowing. und karoling. Zeit, 1986
– E. Hlawitschka, Unters. zu den Thronwechseln der ersten Hälfte des 11. Jh. und zur Adelsgesch. Süddeutschlands, 1987, 69-75
– M. Borgolte, «Buchhorn und die Welfen», in Zs.f. Württemberg. Landesgesch. 47, 1988, 39-69
– K. Schmid, «Adelssitze und Adelsgeschlechter rund um den Bodensee», in Zs.f. Württemberg. Landesgesch. 47, 1988, 9-37
– G. Althoff, Amicitiae und Pacta, 1992, 325-328

Autorin/Autor: Michael Borgolte