Bodio (TI)

Polit. Gem. TI, Bez. Leventina. Das Dorf (321 m) liegt auf der linken Seite in der unteren Leventina. 1227 Boidi. 1354 32 Feuerstätten, 1567 50; 1602 201 Einw., 1745 323; 1850 362; 1880 420; 1900 356; 1950 935; 1980 1'477; 2000 1'058. Zusammen mit den oberhalb gelegenen, im MA bewohnten Siedlungen von Simbra (oder Saimola) bildete B. eine Degagna der ehemaligen Nachbarschaft Giornico. Während der Herrschaft des Domkapitels Mailand über die drei ambrosian. Täler wurden im Mai und November in B. die sog. placita der Leventina abgehalten, Versammlungen, die dazu dienten, Recht zu sprechen und einige Abgaben einzufordern. Bis ins 16. Jh. gehörte das Dorf zur Pfarrei Giornico. Eine eigene Pfarrei B. ist ab 1567 belegt, bis 1602 gehörte auch Pollegio dazu. Die Kirche S. Stefano, 1227 erw., wurde wohl zusammen mit einem grossen Teil des Dorfes im 15. Jh. durch einen Erdrutsch zerstört. Die heutige Pfarrkirche stammt aus dem 19. Jh., der Glockenturm von 1779. Die Überschwemmungen von 1817, 1829, 1834 und 1839 richteten in B. grosse Schäden an; eine weitere Überschwemmung des Ticino forderte 1868 18 Todesopfer und zerstörte einzelne Wohnhäuser. Die Gemeinde war Grenzort für den Holztransport auf dem Ticino: Hier endete das freie Schwemmen der Baumstämme auf dem Wildwasser und es begann die eigentl. Flösserei. Im sog. fosso, einem Sammel- und Bereitstellungsbecken, wurden die Stämme zu kleinen Flossen zusammengebunden, um so beim weiteren Transport keine Schäden an den Flussdämmen anzurichten. Die Auswanderer aus der Gemeinde hatten bis zur Mitte des 19. Jh. v.a. Italien zum Ziel, mit Ausnahme der Glaser und Ofensetzer, die eher nach Frankreich zogen. 1876 lebte ein Fünftel der ehemaligen Bevölkerung (damals 400 Einwohner) in den Vereinigten Staaten, v.a. in Kalifornien und Nevada.

Die Wandlung der Gemeinde vom Bauerndorf zum Industriezentrum ist einerseits verknüpft mit dem Bau der Gotthardbahn am Ende des 19. Jh., anderseits mit der Nutzung der Wasserkraft des Ticino, die 1911 mit der Inbetriebnahme der Biaschina-Zentrale begann. Die Möglichkeit, grosse Energiemengen zu tiefem Preis beziehen zu können, und das Vorhandensein einer wichtigen Transportverbindung (der Eisenbahn) bewogen versch. Industriebetriebe, sich in der Region niederzulassen, und trugen dazu bei, aus B. das wichtigste und modernste Industriezentrum des Kt. Tessin zu machen. Um 1910 eröffneten schweizer. und dt. Unternehmen in der Gemeinde die Diamant (Fabrik für Schleifmaterialien), die Gotthardwerke (Fabrik für Metalllegierungen), die Chemiefabrik Nitrum (Produktion von Stickstoffderivaten) und zwei Karbidfabriken; diese Industriebetriebe, die mehr als 1'000 Arbeiter (v.a. Italiener) beschäftigten, florierten dank der Produktion von Sprengstoffmaterialien auch während des 1. Weltkriegs. Ihr Niedergang wurde bei Kriegsende durch die Umstellung der Produktion und die negativen Auswirkungen der hohen Eisenbahntarife eingeleitet; unter Letzteren hatte bereits die Granitindustrie mit einst 150 Beschäftigten gelitten. Dazu kam die Explosion vom 21.7.1921, die 15 Todesopfer forderte, die Nitrum-Fabrik zerstörte und deren Nachbargebäude beschädigte. Die Industrie- und Arbeiterkonzentration in B. führten auch zur Gründung und Entwicklung von Gewerkschaften - 1917 wurde in der Gemeinde die erste Kantonalsektion der Metallarbeitergewerkschaft (Smuv) gegründet - sowie zur Eröffnung von versch. Berufsschulabteilungen in den 1930er Jahren. 1917 ging das Biaschina-Kraftwerk von der Motor AG (später Motor-Columbus) an die Tessiner Elektrizitätswerke (Ofelti) mit Sitz in B. über. 1936, nach dem Bau der Gotthard-Fernleitung, wurde die Aare-Tessin AG für Elektrizität (Atel) mit Hauptsitz in Olten und Zweigstelle in B. gegründet. 1924 wurden die Gotthardwerke von der Lonza in Basel übernommen. Das neue Unternehmen, 1995 in Timcal umbenannt, wurde weltweit führender Betrieb in der Produktion von synthet. Graphit und von Schmiermitteln für hohe Temperaturen. Der bekannteste der in B. ansässigen Industriebetriebe bleibt die Monteforno (auf dem Gebiet von Giornico gelegen, aber mit Sitz in B.). Sie wurde 1946 gegründet und am 31.1.1995 definitiv geschlossen. Auf Gemeindegebiet gibt es keinen Landwirtschaftsbetrieb mehr, aber 4 ha Weinreben, die einen Merlot-Wein von anerkannter Qualität hervorbringen.


Quellen
MDT, Ser. 1
Literatur
– P. D'Alessandri, Atti di S. Carlo riguardanti la Svizzera e i suoi territori, 1909
– R. Ceschi, Ottocento ticinese, 1986
– G. Vismara et al., Ticino medievale, 1990
B., dal villaggio rurale al comune industriale, hg. von M. Poncioni, 1997

Autorin/Autor: Mario Fransioli / CN