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Bellinzona (Gemeinde)

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Polit. Gem. TI, Hauptort des Kt. Tessin sowie des Bez. und des Kreises B., südl. der Eingänge zu Leventina und Misox im Tal des Flusses Tessin gelegen. In literar. Quellen ist B. bereits im FrühMA bei Gregor von Tours (ad Bilitionem) und Paulus Diaconus bezeugt. 1218 Bilizone, dt. Bellenz, franz. Bellinzone, rätorom. früher Blizuna. 1798-1803 Hauptort des helvet. Kt. B., 1803-14 Hauptort des neu gegr. Kt. Tessin. In der Folge lösten sich die drei grössten Zentren des Kt. - B., Lugano und Locarno - im sechsjährigen Turnus in dieser Funktion ab, bis B. 1878 definitiv Kantonshauptort wurde. Zur Gem. gehören die Fraktionen Artore, Carasso, Daro und Ravecchia; die drei Letzteren sind ehemalige polit. Gem., die 1907 mit B. fusionierten.

Bevölkerung
JahrEinwohner
1591ca.    200a
1781ca. 1'100
1808      1'260

a Haushalte

Jahr 18501880a19101930195019701990b
Einwohner 3'2094'03610'40610'70612'06016'97916'849
SpracheDeutsch  1401'028 831 8071'040 681
 Französisch      6   74 127 162 179 209
 Italienisch 3'8879'2669'71211'05315'57414'948
 Andere      3   38   36   38 1861'011
KonfessionProtestantisch    43 632 550 577 844 626
 Katholisch 3'9858'9479'57711'19615'81714'592
 Andere und konfessionslos     8 827 579 287 3181'631
 davon konfessionslos       879
NationalitätSchweizer2'7423'2606'9368'75510'42712'84811'924
 Ausländer 467 7763'4701'9511'6334'1314'925

a Einwohner und Nationalität: Wohnbevölkerung; Sprache und Konfession: ortsanwesende Bevölkerung

b Einwohner 2000 16'463; erst Gesamtzahlen verfügbar

Quellen:ASTI, BFS

1 - Ur- und Frühgeschichte

B. liegt in einer Schlüsselstellung zwischen den Alpenpässen Nufenen, St. Gotthard, Lukmanier sowie S. Bernardino und der Poebene. Wichtig ist auch die Ostverbindung über den Passo di S. Jorio. Kristallisationspunkt ist der weit ins Tessintal hinausreichende Gneisrücken des Castel Grande, Talsperre und sichere Wohnstätte zugleich. Er ist der älteste Siedlungsort im Kt. Tessin und zeigt eine Belegung bis in hist. Zeiten; die ersten Spuren menschl. Besiedlung finden sich auf seiner Kuppe, einem kleinen Lössplateau. Ausgrabungen wurden 1967-68 durch Werner Meyer und 1984-85 durch die kant. Denkmalpflege durchgeführt. Aus dem Frühneolithikum (ca. 5300-5000 v.Chr.) stammen Siedlungsreste mit rechteckigen Bauten. Die dazugehörige Keramik legt nahe, dass die bäuerliche neolith. Kultur des Tessins von Oberitalien aus beeinflusst war. Im Mittelneolithikum (ca. 4500-4000 v.Chr.) standen rundovale Hütten auf dem Hügel. Typisch für die Keramik sind Gefässe mit quadrat. Mündung, die Verbindungen zur Poebene zeigen (Bocca-Quadrata-Kultur). Im Spät- und Jungneolithikum (4. und 3. Jt. v.Chr.) bildeten sich lokale Besonderheiten und engere Beziehungen zum inneralpinen Gebiet heraus. Die Nutzung des alpinen Raums im gesamten Neolithikum wird auch durch die gehäufte Verwendung von Bergkristall als Rohmaterial für Werkzeuge deutlich. Der Anbau von Gerste und Erbse ist nachgewiesen. Die Bronzezeit ist ebenfalls gut belegt. Aus dem Bereich der mittelbronzezeitl. Siedlung (1500-1300 v.Chr.) stammt ein Töpferofen. Lavezgussformen bezeugen den Betrieb einer Bronzegiesserei. Die Eisenzeit ist zwar in Funden nachgewiesen, doch fehlen wegen ausgedehnter Planierungsarbeiten die Baureste. Das Tessintal um B. war damals stark besiedelt, wie die Gräberfelder von Arbedo-Castione, Giubiasco und Gudo belegen. In dieser Epoche oder in röm. Zeit wurde die Siedlungsfläche über das kleine Plateau hinaus stark nach Süden erweitert. Eisenzeitl. Grabfunde stammen weiter vom Kastell Sasso Corbaro, von Daro, Dragonato, Galbisio und S. Paolo. Aus B. soll ein Schatzfund mit Nachprägungen von massiliotischen Drachmen aus dem 2. Jh. v.Chr. stammen.

Autorin/Autor: Martin Peter Schindler

2 - Römische Zeit

Röm. Siedlungsspuren auf dem Castel Grande gehören in das späte 1. Jh. v.Chr. und das 1. Jh. n.Chr. Aus dem 4. Jh. n.Chr. stammt eine mächtige Wehrmauer mit Tor, die das Hügelplateau nach Süden abschloss. Sie gehörte wohl zu einem spätröm. Kastell. Zahlreiche Reparaturen und Anbauten belegen ihre Benutzung bis ins 10. Jh.

Autorin/Autor: Martin Peter Schindler

3 - Mittelalter

Die Geschichte B.s spielte sich während eines grossen Teils des MA in der engeren Umgebung des Castel Grande ab. Die spärlichen archäolog. Funde auf dem Gebiet der heutigen Stadt und die im Lauf der Geschichte immer wieder vorgenommenen baulichen Eingriffe erlauben es nicht, die Entstehung der Wohnsiedlung am Hügelfuss genau zu rekonstruieren. Aus den schriftl. Quellen ist sie erst vom 13. Jh. an bekannt. Vermutlich bereits in spätantiker Zeit führte jedoch eine Strasse von Süden her zwischen dem Castel Grande und dem Hügel Montebello hindurch, vorbei an den frühma. Landkirchen S. Biagio in Ravecchia und S. Paolo in Arbedo. Es ist anzunehmen, dass an dieser Verkehrsader, unterhalb des röm. Kastells, der erste Siedlungskern entstanden ist. Nach dem Zerfall des Röm. Reichs hinterliessen weder die got. noch die byzantin. Herrschaft Spuren. Die Präsenz der Langobarden in der Festung ist hingegen eindeutig bezeugt: Gregor von Tours berichtet, dass 590 über die Alpen eindringende Franken in der Nähe des Kastells auf heftige Gegenwehr der Langobarden stiessen. Dies ist die erste Nennung des Castel Grande (ad Bilitionem), es war nach Gregor ein castrum der Stadt Mailand auf den Campi Canini (457 Schauplatz einer Schlacht zwischen Römern und Alemannen). In dieser Zeit kontrollierte vom Kastell aus eine langobard. Besatzung den Zugang zu den Alpentälern sowie den Personen- und Warenverkehr auf dem wichtigen Verbindungsweg von Castel Seprio (Varese) über Ponte Tresa, den Monte Ceneri, Biasca und den Lukmanierpass nach Chur. Einige Wissenschaftler vermuten, dass B. damals Zentrum eines auch die oberen Tessiner Alpentäler umfassenden Bezirks gewesen sei.

Vom Beginn der fränk. Herrschaft (774) an wurde der Kern des Castel Grande verändert: Innerhalb der Mauern wurden Gebäude errichtet (Gebetshäuser, Wohnungen, Türme und Lagerhäuser), die, zusammen mit den Umbauten aus otton. Zeit, dem Hügel das Aussehen einer Zitadelle verliehen. Mit der Abtretung von B. an den Bf. von Como (zwischen 1002 und 1004) verlor Mailand die Vormacht im Sopraceneri. Auf dem Kastellhügel setzte die Bautätigkeit wieder ein; möglicherweise wurde die Bischofsresidenz dort errichtet, wo der frühere Königspalast gestanden hatte. Vermutlich erlebte die Siedlung im Zuge der kommunalen Entwicklung in Oberitalien im 11. und 12. Jh. einen vom Handel ausgelösten Aufschwung, der zu Beginn des 13. Jh., als der Gotthardweg eröffnet wurde, neue Impulse erhielt. Festung und Siedlung wurden 1242 von Mailand erobert, kehrten aber bereits 1249 unter die Herrschaft Comos zurück und wurden so ins Ränkespiel der Mächte um die Vorherrschaft im voralpinen Gebiet hineingezogen. In diesen Kämpfen taten sich besonders die Rusca hervor, Ghibellinen, die Como treu ergeben waren. Sie erbauten wohl gegen Ende des 13. Jh. ein zweites Kastell auf dem Hügel östlich von B., das Castel Piccolo oder Montebello. Die Verlegung der Chorherrenhäuser im späten 13. Jh. vom Castel Grande in die zu dessen Füssen liegende Siedlung und der Bau einer neuen Kirche lassen vermuten, dass der 1218 erstmals urkundlich erw. Ort B. damals sein charakterist. Aussehen erhielt: Die Namen der wichtigsten Stadtviertel entlang der Strasse sind seither belegt (Codeborgo, Nosetto, Camminata), ebenso der Platz vor dem Rathaus. In den folgenden Jahrzehnten erwähnen die Dokumente drei Tore in dem mit Türmen, Gräben und Zugbrücken versehenen Mauerring.

Die Rückeroberung durch Mailand 1340 zur Zurückbindung der Machtansprüche der nach B. geflüchteten Rusca beeinflusste die Geschichte des Orts und seiner Festungen. Von dieser Zeit an wurden die Stadt B. - zu deren Territorium auch die Fraktionen Ravecchia, Prada, Montecarasso, Daro, Artore und Pedemonte zählten - wie auch die Vogtei oder Grafschaft B. von Beamten der neuen mailänd. Herren regiert. Die politischen, nicht aber die kirchlichen Bindungen an Como lockerten sich. Die terra murata von B. mit ihren zwei Festungen unterstand direkt den Visconti. Die sich periodisch ablösenden mailänd. Beamten - Bürgermeister (podestà), Hauptleute (capitani), Amtleute (commissari) und Burgvögte (castellani) - hatten zivile wie militär. Aufgaben und umfangreiche Kompetenzen. Sie erfüllten vorwiegend polit., administrative und jurist. Aufgaben und überwachten die Tätigkeit der lokalen Regierung, des städt. Rats.

Unter der Herrschaft der Visconti wurde B. Hauptort der alpinen Territorien Mailands. Die Beamten wachten über die örtl. Amtspersonen in den Gemeinden der Leventina, des Bleniotals und der Riviera (Ambrosianische Täler). Die beiden Kastelle wurden in staatl. Festungen umgewandelt und von bewährten, treuen und mit genau umschriebenen Kompetenzen ausgestatteten Beamten verwaltet, den Burgvögten (castellani). Die Bauten wurden laufend den Verteidigungsbedürfnissen angepasst. In der 2. Hälfte des 14. Jh. wurde eine lange Mauer errichtet, die sog. Murata, mit der das gesamte Tal des Tessins gesperrt, die Verteidigung wirksamer gemacht und der Handel (in B. wurde der grosse Wegzoll der Stadt Como erhoben) besser kontrolliert werden konnten. Gleichzeitig versuchte man den Salz- und Lebensmittelschmuggel, der die Einkünfte des mailänd. Staats schädigte, zu unterbinden. Mit der mailänd. Eroberung hatte für B. eine Zeit der Stabilität begonnen, die bis zum Tod von Gian Galeazzo Visconti (1402), seit 1395 Hzg. von Mailand, dauerte. Danach brachen schwere Unruhen aus, und tief greifende Umwälzungen folgten. 1403 wurde B. von den Sax, den Herren des nahen Misox, besetzt, während sich im Norden die Bedrohung durch Uri und Obwalden, die neuen Herren der Leventina, abzuzeichnen begann. 1419 wurde B. an die beiden eidg. Orte abgetreten. Im April 1422 eroberte Mailand die Stadt und die Kastelle zurück und verteidigte sie am 30.6.1422 in der Schlacht bei Arbedo erfolgreich gegen den Angriff eidg. Truppen. Mit dem Friedensschluss 1426 wurde die Grenze des Herzogtums Mailand erneut an den Alpenkamm zurückverlegt. 1439 erfolgte ein neuer Einfall der Urner Truppen, die B. bedrohten und die Visconti zwangen, ihnen 1441 die Leventina bis Pollegio als Pfand zu überlassen. Beim Tod des Hzg. Filippo Maria Visconti (1447) stand B. im Zentrum der Eroberungsabsichten von Franchino Rusca, Herrn von Locarno, und Heinrich von Sax mit seinen Urner Verbündeten. Die Schlacht bei Castione im Juli 1449 kennzeichnet diese Zeit der Wirren, die erst mit dem siegreichen Einzug des Condottiere Francesco Sforza in Mailand endete. B. huldigte ihm im Frühjahr 1450. Seine Herrschaft und die guten nachbarschaftl. Beziehungen zwischen Mailand und den Eidgenossen brachten B. fünfzehn Jahre Sicherheit und Stabilität.

Francesco Sforzas Tod (1466) folgte wiederum eine Zeit der Spannungen, trotz des neuen Kapitulats, das sein Sohn Galeazzo Maria Sforza und dessen Mutter Bianca Maria Visconti 1467 unterzeichnet hatten. Die Krise verschärfte sich nach dem Tod Galeazzo Marias (1476) und dem Sieg der Eidgenossen über Karl den Kühnen von Burgund. Die Belagerung B.s durch die Eidgenossen im Dez. 1478 beeinträchtigte die wirtschaftl. und finanzielle Stärke der Stadt und schwächte die Widerstandskraft ihrer Bevölkerung. Mailand war gezwungen, die Verteidigungsanlagen umfassend zu verstärken. Ab 1479 wurden in aller Eile das dritte Kastell, Sasso Corbaro, erbaut, die Stadtmauer gänzlich erneuert und verstärkt und die Brücke über den Tessin errichtet, die Ludovico Sforza (il Moro) 1487 einweihte. Der Einmarsch des franz. Kg. Karl VIII. 1494 löste im Herzogtum Mailand eine schwere Krise aus, die sich bis zur Flucht Ludovico Sforzas 1499 aus Mailand hinzog. Damit war B. fremden Mächten preisgegeben. Die Besetzung durch franz. Truppen dauerte bis in die ersten Monate des Jahres 1500, als sie durch einen bewaffneten Bürgeraufstand in die Flucht geschlagen wurden. Die Gefangennahme Ludovico Sforzas am 10.4.1500 bewog die Bevölkerung, dem Beispiel der Leventina, des Bleniotals und der Riviera zu folgen und sich am 14.4.1500 der Eidgenossenschaft zu unterwerfen.

Autorin/Autor: Giuseppe Chiesi / GG

4 - 16. bis 20. Jahrhundert

Mit dem Friedensvertrag von Arona gelangten 1503 die Stadt und die Vogtei B. unter die direkte Herrschaft der eidg. Orte Uri, Schwyz und Nidwalden. Die neuen Herrscher anerkannten und bestätigten die alten Stadtrechte von B., das so eine gewisse Selbstständigkeit beibehalten konnte. Die neue polit. Ordnung in der Region wirkte sich auch auf die Wirtschaft aus. Ein Teil der aus dem Transithandel stammenden Steuereinnahmen (Zoll, Fuhrleite) und die Gerichtsabgaben flossen nicht mehr in die Kassen der Stadtgemeinden, sondern gingen direkt an die drei regierenden Orte bzw. an deren Kommissare (Landvögte), die sich im zweijährigen Turnus ablösten. Die geschwundenen Steuereinnahmen der Stadtgemeinden fanden keine Entsprechung in einem Rückgang der Ausgaben: So war B. z.B. für den Unterhalt der Verbindungsstrassen zuständig, was allein einen Grossteil der laufenden Ausgaben ausmachte. Mit der Ausdehnung der eidg. Herrschaft über das gesamte Gebiet des heutigen Kt. Tessin verschlechterte sich die wirtschaftl. Situation B.s weiter. Der sinkende Preis für die Zollpacht ist ein deutl. Indiz für den Niedergang B.s als Zollzentrum. Eine wichtige Rolle spielte der Ort jedoch weiterhin als regionaler Marktort für Agrarprodukte; ab 1420 wurde der bedeutende St.-Bartholomäus-Markt (24.8.) abgehalten. Überdies war B. dank seiner speziellen geogr. Lage ein vorgegebener Durchgangsort für den Warentransit zwischen Italien und dem nordalpinen Europa: Transport und Handel, v.a. mit Stoffen, Getreide, Vieh und Wein, waren daher die hauptsächlichen wirtschaftl. Aktivitäten der städt. Bevölkerung. Einige Patrizierfamilien hatten ein Handelsmonopol inne; manche von ihnen besassen Landgüter ausserhalb der Mauern, die sie von Pächtern bewirtschaften liessen. Viele Bauern widmeten sich der Seidenraupenzucht; die daraus gewonnene Rohseide wurde auf die internat. Märkte gebracht.

Es ist nicht bekannt, dass in B. jemals richtige Zünfte bestanden hätten. Als einziger Berufsstand scheinen sich die Getreidehändler organisiert zu haben, die das Monopol im Kornhandel innehatten und zu denen einige der wichtigsten Patrizierfamilien B.s zählten. Offenbar hatte diese Gruppe grossen Einfluss auf das lokale öffentl. Leben, denn die wichtigsten öffentl. Ämter wurden normalerweise an ihre Mitglieder vergeben. Ihrem Schutzheiligen, dem hl. Fulgentius, liessen die Kornhändler auf eigene Kosten in der 2. Hälfte des 18. Jh. einen Altar errichten, dessen Patronatsrecht sie besassen.

Die Anfänge der im alten Quartier ad la Mottam stehenden Kollegiatskirche SS. Pietro e Stefano sind nicht ganz geklärt. Sie wurde wahrscheinlich bereits im 13. Jh. erbaut und ist 1421 als Kollegiatskirche erwähnt. Im späten 14. und frühen 15. Jh. sowie erneut 1733-64 wurde sie umgebaut und erweitert, wobei die Renaissancefassade barocke Züge erhielt. Die im späten 15. Jh. erbaute Kirche S. Maria delle Grazie, die mit Renaissancefresken von höchster Qualität ausgestattet ist, erlitt am 31.12.1996 durch einen Brand schwere Schäden. Sie gehörte zu einem um 1480 gegr. Franziskanerkloster, das 1848 säkularisiert wurde und dessen Gebäude seit 1919 als Altersheim dienen. Vermutlich auf die Mitte des 14. Jh. zurück geht die Kirche S. Maria del Ponte, die im 16. Jh. den Namen der Bruderschaft S. Rocco annahm, deren Oratorium sie 1583 wurde. Zum 1743 errichteten Ursulinenkloster (1848 aufgehoben und bis 1851 zum Sitz der Kantonsregierung umgebaut) gehörte die im 16. Jh. erbaute und 1892 abgerissene Kirche S. Maria di Loreto.

Bis zum Beginn des 19. Jh. hatten sich die regionalen wirtschaftl. Strukturen und Bedingungen kaum verändert: B. war einer der wichtigsten Verkehrsknotenpunkte der gesamten Eidgenossenschaft und erlebte als solcher in den ersten Jahrzehnten des Jahrhunderts sogar eine Zunahme des Handelsverkehrs. Dieser Aufschwung, der durch die Verbesserung des Strassennetzes zwischen Chiasso und dem Gotthardpass (1804-30) sowie durch den Bau der Dammbrücke von Melide (1847) begünstigt wurde, hatte jedoch noch weniger einschneidende Auswirkungen auf die Sozial-, Wirtschafts- und Siedlungsstrukturen B.s als der Bau der Gotthardbahn, die 1882 ihren Betrieb aufnahm. Von diesem Moment an war das wirtschaftl. Leben der Stadt gekennzeichnet durch ein rasches Bevölkerungswachstum, die Niederlassung erster Industriebetriebe und das wachsende Gewicht des Dienstleistungssektors.

Die Ankunft der Eisenbahn machte B. zwar zu einem wichtigen Angelpunkt im Bahnverkehr, gleichzeitig aber sank seine Bedeutung als internat. Speditionszentrum zugunsten Chiassos und Luganos. Dieser Rückgang wurde teilweise und zum Voraus kompensiert durch die Ernennung B.s zur festen Kantonshauptstadt (1878) und durch den Bau der Reparaturwerkstätte der Gotthardbahn (1884); in dieser waren 1882 140 Arbeiter angestellt, 1909 bereits 757. Der Ausbau des Strassennetzes und die Eisenbahn begünstigten sowohl die Ansiedlung neuer Industriezweige, z.B. der Brauerei Bonzanigo (1878, später Birreria Bellinzona), als auch den Aufschwung der bereits bestehenden. Die um 1830 gegr. Spinnerei Paganini, vor dem Bahnbau der einzige Industriebetrieb in B., verzeichnete z.B. in diesen Jahren eine Produktionszunahme. Diese war jedoch nur von kurzer Dauer, und schon 1884-86 musste die Produktion wegen der ausländ. Konkurrenz deutlich eingeschränkt, 1890 gar eingestellt werden. Zur Seidenindustrie gesellten sich später Hutfabriken, Druckereien sowie chem. und pharmazeut. Industriebetriebe. Auch die ersten Versicherungsagenturen und Banken tauchten auf, und zu Beginn des 20. Jh. gab es in B. drei Kreditinstitute. Die Stadt, bereits Sitz des 11. Post- und Telefonkreises, wurde ein wichtiges Zentrum im Telegrafennetz. Zwischen 1880 und 1910 wurde eine deutl. Bevölkerungszunahme registriert: Teilweise verursacht durch die Eingemeindung von Ravecchia, Daro und Carasso, aber v.a. durch Zuzüger aus dem Ausland und der übrigen Schweiz, führte sie zu einer tief greifenden Veränderung der sozialen Strukturen. Hatten in der Vergangenheit einige Patrizierfamilien den grössten Nutzen aus der privilegierten Lage B.s gezogen und den Transithandel sowie einen Teil der landwirtschaftl. Produktion kontrolliert, so kam mit dem Bau der Eisenbahn und der massiven Einwanderung eine neue Unternehmerklasse, oft bescheidener Herkunft, auf, welche das alte städt. Bürgertum allmählich in dessen wirtschaftl. und sozialer Vorrangstellung bedrängte.

Die Veränderungen des ausgehenden 19. und frühen 20. Jh. beeinflussten auch die Strukturen von Politik und Verwaltung. Mit dem Tessiner Putsch begann 1890 eine Zeit freisinniger Vorherrschaft in der kommunalen Politik. Bis ins ausgehende 20. Jh. ist die Freisinnig-Demokrat. Partei die stärkste polit. Kraft in B. geblieben, obwohl neuere Parteien an Einfluss gewonnen haben und traditionelle Alternativen wie die Sozialisten und Konservativen ihre relative Stärke halten konnten. In B. wurde 1878-1992 auch das offizielle Organ des Freisinns gedruckt, "Il Dovere" (La Regione). Wichtigste städt. Behörden sind der Stadtrat (municipalità) mit ursprünglich elf, ab 1952 fünf und seit 1992 sieben Mitgliedern sowie der Gemeinderat, der 1907 nach der Eingemeindung von Carasso, Daro und Ravecchia gebildet worden ist und 50 Mitglieder umfasst. Um die Wende des 19./20. Jh. entstanden in B. auch erste Gewerkschaften und andere Organisationen der Arbeiterbewegung: 1899 beschloss ein Arbeiterkongress in B. die Gründung der Federazione dei sindacati professionali, die sich 1902 zur Camera del Lavoro, 1995 zur Unione Sindacale della Svizzera Italiana (kant. Gewerkschaftsbund) umwandelte. 1917 wurde B. Sitz des kant. Sekretariats des Schweiz. Eisenbahn- und Verkehrspersonalverbands (SEV).

Die wirtschaftl. und demograf. Entwicklung B.s in den letzten Jahrzehnten des 19. Jh. war begleitet vom raschen Wandel des zuvor seit dem MA nur wenig veränderten Stadtbildes. Zu Beginn des 19. Jh. war B. noch weitgehend durch die Stadtmauern, das Castel Grande und Montebello begrenzt; die Wohnbautätigkeit hatte sich auf dieses Gebiet und die wenigen darin bestehenden Grünflächen konzentriert. Zu Beginn des Jahrhunderts war zudem das innere Strassennetz noch äusserst einfach. Der Ort wurde von einer Hauptstrasse durchquert, die durch die Porta Lugano im Süden und die Porta Tedesca im Norden begrenzt war. Eine zweite Strasse, welche auf der Höhe des Rathauses von der Hauptstrasse abzweigte, führte durch die Porta Locarno nach Westen. Bauten ausserhalb der Mauern waren selten, v.a. im Norden, während im Süden, zwischen der Porta Locarno (heutiges Orico-Quartier) und der Porta Milano (Piazza Indipendenza), verschiedene landwirtschaftl. Gebäude standen. Die ersten Veränderungen im Siedlungsbild fielen in die Zeit des Ausbaus des kant. Strassennetzes und der Zunahme des Transitverkehrs, wobei die Kastellmauern und die imposante Murata zunächst noch Grenzen setzten. Bis Ende der 1860er Jahre wurden weite Teile der Schutzmauern sowie die Eingangstore der Stadt niedergerissen. Ausserhalb der Mauern, um das Regierungsgebäude herum (ehemaliges Ursulinenkloster), entstanden neue Verwaltungsgebäude. Auch zum Tessin hin dehnte sich das Siedlungsgebiet aus, v.a. im Zusammenhang mit dem Bau der Torrettabrücke über den Fluss 1813-15. Die grösste Ausdehnung erfuhr die Stadt jedoch gegen Norden, im Gebiet von Daro. Dort wurden 1874 der Bahnhof und die Reparaturwerkstätte der Gotthardbahn erbaut. Darum herum entstand das erste Industriequartier von B., das Quartier S. Giovanni. Das Stadtzentrum wurde 1873-75 mit dem Bahnhof durch eine grosse Allee verbunden, welcher u.a. ein wichtiger Mauerabschnitt zum Opfer fiel und der entlang Hotels, Banken und Geschäfte entstanden. Auch der alte Stadtkern wurde umgestaltet, um Platz für neue Bauten zu schaffen. Die Strassen wurden verbreitert, um den Personen- und Fahrzeugverkehr zu erleichtern. Im Zuge dieser aussergewöhnlich raschen Stadtentwicklung modernisierte die Gemeinde die bestehenden Infrastrukturen oder schuf neue. Dazu gehört das 1847 eingeweihte Teatro Sociale, schweizweit bekanntestes Beispiel eines Logentheaters im ital. Stil, das 1971 schloss und 1997 nach aufwendiger Restauration wieder eröffnet wurde. 1891 nahm die erste Elektrizitätsgesellschaft im Kt. Tessin den Betrieb auf. Zudem wurden das seit 1869 bestehende Trinkwassernetz ausgebaut und der Wildbach Dragonato eingedämmt, der zuvor immer wieder Überschwemmungen verursacht hatte. Pläne für eine neue Abwasserkanalisierung entstanden in den ersten Jahren des 20. Jh. und bezogen auch das Gelände des alten, im 14. Jh. gegr. Spitals S. Giovanni mit ein, das 1901-03 ein erstes Mal ausgebaut und 1935-40 vollständig erneuert wurde. 1855 wurde der erste Kindergarten eröffnet, 1852 das erste Progymnasium. Die 1895 eingeweihte kant. Handelsschule gewann im 20. Jh. erheblich an Bedeutung und wurde später durch eine Gewerbeschule und ein Gymnasium ergänzt. Die Bevölkerungszunahme zwang die Gemeindebehörden, neues Bauland zu suchen. In diesem Zusammenhang ist die 1907 vollzogene Eingemeindung der drei Nachbarorte Daro, Ravecchia und Carasso zu sehen. Auch die in den ersten Jahrzehnten des 20. Jh. abgeschlossene Gewässerkorrektion des Tessins führte zu einem Landgewinn in der Ebene gegen Carasso hin. Während die Bevölkerungszahl 1914-45 stagnierte, nahm die Zahl der Wohnüberbauungen in den Quartieren um den Bahnhof herum und in der Ebene des Tessins weiter zu.

Die Nachkriegszeit brachte ein Bevölkerungswachstum, das erst durch die Wirtschaftskrise der 1970er Jahre beendet wurde (1970 16'979 Einw.; 1980 16'849). Um 1950 begann sich zudem die Agglomeration B. zu bilden (B., Arbedo-Castione, Camorino, Giubiasco, Gorduno, Lumino, Monte Carasso, Sementina), ein Urbanisierungsprozess, der durch eine Zunahme der Bevölkerungsdichte in den Agglomerationsgemeinden und eine wachsende Zahl von Arbeitsplätzen in B. gekennzeichnet ist. Die stärkere Trennung zwischen Arbeits- und Wohnort führte zu vermehrtem Pendelverkehr der Erwerbstätigen und Schüler. V.a. die umliegende Region, die neben dem Bez. B. auch die benachbarten Bez. Riviera und Moesa (GR) umfasst, wurde mit der Zeit zu einem wichtigen Arbeitskräftereservoir, was die Bedeutung B.s als Entwicklungszentrum der Region verstärkte. Die Konzentration von Arbeitsplätzen im Stadtzentrum war verknüpft mit Veränderungen der Produktions- und Beschäftigungsstruktur, welche die wirtschaftl. Entwicklung des Kt. Tessin in der 2. Hälfte des 20. Jh. mitprägten. War bis in die 1940er Jahre der Rückgang in der Landwirtschaft und in anderen Gebieten des 1. Sektors gekoppelt mit einer Zunahme im Industriesektor, so gewann nach dem 2. Weltkrieg der Dienstleistungssektor stetig an Bedeutung, was B. vorwiegend zu einer Stadt der kant. Beamten und Angestellten gemacht hat. Die Dienstleistungsbetriebe liegen fast alle im Stadtzentrum, die Handwerks- und Industriebetriebe dagegen in der Agglomeration und in der Region.

Die drei Burganlagen von B. gehören zu den wichtigsten und am besten erhaltenen Bollwerken der Schweiz. Zusammen mit der eindrückl. Murata, welche das ganze Tal absperrte, bildeten sie einen fast uneinnehmbaren Verteidigungskomplex. Nach der Übernahme B.s durch die drei Waldstätte verloren sie jedoch ihre strateg. Bedeutung. Während der drei Jahrhunderte dauernden eidg. Herrschaft wurden die Burgen - mit Besatzungen von kaum mehr als einer Handvoll Soldaten der drei Orte - nur unwesentlich ausgebaut. Auch nach der Gründung des Kt. Tessin veränderte sich die Situation kaum. In den ersten Jahren des 19. Jh. wurde Castel Grande zum Zeughaus und Gefängnis. Erst um 1850 erhielten die Burgen für kurze Zeit ihre urspr. Funktion wieder: Besorgt über die unsichere internat. Lage, setzte sich General Guillaume-Henri Dufour für eine Verstärkung der Mauern ein. Nach der 1853 gegen den Kt. Tessin verhängten österr. Grenzsperre wurde ein Teil der zahlreichen Arbeitslosen im Kanton beim Ausbau der Befestigungsanlagen und beim Bau der 1857 fertig gestellten Kaserne beschäftigt, dank welcher B. 1879 eidg. Waffenplatz wurde. Von den drei Burgen wurde das Castel Grande (auch Burg S. Michele, gemäss Grossratsbeschluss von 1818) im Lauf des 19. Jh. am meisten verändert. Das um 1820 im Innern erbaute Zeughaus, dem das Gefängnis angegliedert war, wurde erstmals zwischen 1850 und 1860 ausgebaut. 1873 wurden die Gefangenen in die neue Strafanstalt von Lugano verlegt. Weitere Ausbauarbeiten folgten 1884 und 1910. Zu Beginn des 20. Jh. kam neues Interesse an der Erhaltung der Burg auf, führte jedoch vorerst nicht zu greifbaren Resultaten. Ein erstes Projekt wurde 1939 vorgelegt, aber nie realisiert. 1953, anlässlich 150-Jahr-Feier der Kantonsgründung, wurden versch. Abbruch- und Wiederaufbau-Arbeiten ausgeführt. Der letzte und wichtigste Umbau, der ein Jahrzehnt dauerte und 1992 abgeschlossen wurde, stand unter der Leitung des Tessiner Architekten Aurelio Galfetti. Dieser nahm die alte Struktur auf und liess sie in einem völlig veränderten Umfeld wieder aufleben, in welchem z.B. das Burgareal zu einem Park, Säle zu Museumsräumen wurden. Die in der 2. Hälfte des 14. Jh. in die Stadtummauerung integrierte Burg Montebello (bzw. S. Martino) kam 1798 in Privatbesitz der Fam. Ghiringhelli. Zu Beginn des 20. Jh. wurde sie vom Kanton erworben und 1902-10 restauriert. Seither beherbergt sie das Museo Civico, das u.a. eine bedeutende archäolog. Sammlung führt. 1871 bildete sich eine Bürgervereinigung, welche die Burg Sasso Corbaro (bzw. S. Barbara) in ein Hotel umwandeln wollte. Das Projekt wurde nicht umgesetzt, bis 1897 eine Restauration unumgänglich wurde. In den folgenden Jahren wurde im Burginnern ein Restaurant eingerichtet. 1919 stellte die Gem. B. die Anlage unter Schutz, nachdem sie das Gesuch um Umbau zu einem Luxusrestaurant abgewiesen hatte. In der 1930-35 restaurierten Burg war 1964-97 das Museo delle arti e delle tradizioni popolari ticinesi untergebracht.

Autorin/Autor: Pablo Crivelli, Chiara Orelli / CN

Quellen und Literatur

Archive
– StadtA B. im ASTI
Literatur