• <b>Orelli</b><br>Stammbaum der Familie, Öl auf Leinwand, 1753 (Schweizerisches Nationalmuseum). Die Stadtansicht von Locarno (unten links) erinnert an die Vertreibung der Familie im Jahr 1555. Der Ankunft der Orelli in Zürich ist die zweite Vedute (unten rechts) gewidmet: Zwei mit Glaubensflüchtlingen besetzte Schiffe treffen in der Limmatstadt ein.

Orelli [Orell, de Orello, da Locarno]

Adelsgeschlecht, das in Locarno seit dem 12. Jh. nachweisbar ist. Die O. stammen wahrscheinlich von der langobard. Adelsfamilie Da Besozzo aus der Grafschaft Seprio ab, die um 1000 das Locarnese als Lehen erhielt. Im 16. Jh. unterstützten versch. Mitglieder der Familie die Reformation, mussten 1555 auswandern und begründeten den Zürcher Zweig der O.

1 - Tessiner Linie

Die O. waren die bedeutendste Familie der Capitanei di Locarno und spielten im MA und in der frühen Neuzeit eine wichtige polit. Rolle, v.a. am oberen Langensee und in den drei Ambrosian. Tälern. In der Pieve Locarno besassen sie einige Burgen und Schlösser (einen Teil der Burg SS. Abbondio e Biagio, die Burg in Gordola und das Kastell in Ascona) und Güter im Onsernonetal, Centovalli, Vallemaggia und in Gambarogno. Mit dem Erwerb von Besitz südlich des Monte Ceneri (z.B. 1186 Burg und Zollrechte von Taverne) versuchte die Familie die Hauptverkehrswege zu kontrollieren. In der Pieve Locarno stand ihr nach den Satzungen von 1365 das Recht zu, 15, ab Mitte des 16. Jh. 12 der 21 Mitglieder des Rats zu wählen. 1342-1798 stellten die O. von Locarno den Podestà von Brissago. Zwei eng verwandte Zweige der O. erhielten im 12. Jh. vom Mailänder Domkapitel die Hoheitsrechte im Bleniotal und in Biasca, stellten dort den Podestà (Rektor) und den Kastvogt und verfügten darüber bis ins 15. Jh. wie über einen Erbbesitz. Im Bleniotal gehörten der Familie zudem einige Burgen wie Castro und Serravalle. Ende des 13. Jh. dehnten die O. ihre Herrschaft für eine kurze Zeit in die Leventina aus. Als Anhänger der Ghibellinen waren sie in die bedeutendsten Konflikte der Zeit involviert, v.a. mit Simone ( -> 28), der mit wechselndem Glück daran teilnahm.

<b>Orelli</b><br>Stammbaum der Familie, Öl auf Leinwand, 1753 (Schweizerisches Nationalmuseum).<BR/>Die Stadtansicht von Locarno (unten links) erinnert an die Vertreibung der Familie im Jahr 1555. Der Ankunft der Orelli in Zürich ist die zweite Vedute (unten rechts) gewidmet: Zwei mit Glaubensflüchtlingen besetzte Schiffe treffen in der Limmatstadt ein.<BR/>
Stammbaum der Familie, Öl auf Leinwand, 1753 (Schweizerisches Nationalmuseum).
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Autorin/Autor: Rodolfo Huber / STS

2 - Zürcher Linie

Stammvater der Zürcher Linie, die sich auch Orell nannte, war Aloisio ( -> 1). Seine Söhne Franz und Johann Melchior Aloys( -> 23) exportierten Zwirn, Woll- und Baumwolltuch nach Oberitalien. Beide wurden 1592 bedingt ins Zürcher Bürgerrecht aufgenommen. Johann Melchior Aloys und dessen Nachkommen gründeten im 17. Jh. die nach ihren Stammhäusern benannten Seidenhandelsfirmen zum Mohrenkopf, im Tiefenhof, zum Spiegel, zur Sonne, zur Stelze und zum Gemsberg. Nach der Exportzollstatistik von 1700 standen die Unternehmen an der Spitze der Zürcher Kaufmannschaft, Mitte des 18. Jh. noch an dritter und 1797 an neunter Stelle. Als Folge der Tendenz zur Abschliessung des Bürgerrechts in der frühen Neuzeit wurden die Begehren der O. um das Bürgerrecht mit Wählbarkeit in die polit. Ämter 1606, 1639 und 1673 abgelehnt. Erst 1679 gewährte der Gr. Rat allen Familienzweigen das volle Bürgerrecht, nachdem die O. eine Verlegung ihrer Firmen nach Bern in Betracht gezogen hatten. Bei der Abstimmung mussten 124 von 212 Ratsmitgliedern in den Ausstand treten, weil sie bis zum dritten Grad mit den O. verschwägert waren, da die O. im 17. Jh. in mehrere regimentsfähige Familien eingeheiratet hatten. Bis 1798 gelangten sechs Mitglieder der O. in den Kl. Rat (u.a. Felix -> 10 und Hans Conrad -> 17), 1778-85 war Hans Heinrich ( -> 20) Bürgermeister von Zürich. Hans Conrad ( -> 17) übernahm 1735 eine Druckerei (heute Orell Füssli). Sechs Mitglieder der Familie ergriffen im 18. Jh. den Pfarrberuf, drei weitere gelangten zu Chorherren- und Professorenwürden. Andere Vertreter der Familie traten als Offiziere in franz. oder holländ. Dienste (u.a. Felix -> 10). Im 19. Jh. betätigten sich die O. häufig in akadem. Berufen ( -> 2, -> 18, -> 22), im Bankwesen (Paul Carl Eduard -> 26) und im Staatsdienst ( -> 5, -> 19, -> 21). 1681 wurden die Zürcher O. als Mitglieder der Adelskorporation von Locarno anerkannt und erlangten 1936 wieder das dortige Bürgerrecht. Ab 1784 nannte sich die Familie mit Berufung auf die adlige Herkunft von O.

Autorin/Autor: Martin Illi

Quellen und Literatur

Archive
– StadtA Zürich, FamA
– ZBZ, FamA
Literatur
Schweiz. Geschlechterbuch 1, 362-367; 5, 477-481; 9, 163-306
– Meyer, Blenio
– H. Schulthess, Die von O. von Locarno und Zürich, 1941
– R. Huber, «Gli archivi dei Muralto, degli O. e della Corporazione dei Nobili di Locarno», in Bolletino della Società storica Locarnese, 2005, 49-58