16/02/2005 | Rückmeldung | PDF | drucken | 

Bürglen (TG)

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Polit. Gem. TG, Bez. Weinfelden. Die Gem. besteht seit 1995 und umfasst die ehem. Ortsgem. B., Leimbach und Opfershofen der ehem. Munizipalgem. B. sowie Istighofen, ehem. Ortsgem. der ehem. Munizipalgem. Bussnang. Die zuvor ebenfalls zur Munizipalgem. B. zählenden ehem. Ortsgem. Donzhausen und Hessenreuti sowie Uerenbohl gehören seit 1995 zu Sulgen. 1282/84 Burgelon. Polit. Gem.: 2000 3'197 Einw. Ehem. Munizipalgem. B.: 1850 1'049 Einw.; 1900 1'792; 1950 2'428. Ehem. Ortsgem. B.: 1450 ca. 250 Einw.; 1634 153; 1682 435; 1797 420; 1850 442; 1900 1'238; 1950 1'714; 1990 2'323.

Nach 1350 entstand durch Konzentration des Besitzes der 1176 erstmals erwähnten Frh. von B. ein abgerundetes Herrschaftsgebiet, das ab 1408 den Herren von Klingenberg, ab 1443 Marquart Brisacher aus Konstanz und ab 1447 den Frh. von Sax-Hohensax gehörte. Diese hatten in B. seit 1360 versch. Rechte besessen und bauten die Herrschaft um 1500 zu ihrem Machtzentrum aus. 1550 verkauften sie B. den Breitenlandenberg, die es 1579 der Stadt St. Gallen abtraten. Die bis 1798 vom St. Galler Obervogt verwaltete Herrschaft umfasste seit dem SpätMA die niederen Gerichte B., Uerenbohl, Guntershausen (heute Guntershausen bei Berg), Heldswil, Mettlen und Istighofen sowie Teile von Hüttenschwil und Sulgen. Dazu kamen 1580 Mühlebach (heute Mühlebach bei Amriswil), 1647 Bleiken, 1664 Hessenreuti und 1665 Amriswil. Kirchlich gehörte B. zur Pfarrei Sulgen. Ab 1274 ist eine Pfründe, ab 1346 die Burgkapelle belegt. Die 1504 erwähnte St. Leonhardskapelle dürfte älteren Ursprungs sein. Vermutlich bestand sie ebenso wie die ab 1585 belegte und 1695 abgebrannte "Höll"-Kapelle bis ins späte 17. Jh. Nach der Reformation 1529 kehrte der Gerichtsherr zum kath. Glauben zurück, während das Dorf reformiert blieb. Nachdem St. Gallen 1585 vom Stift St. Pelagius in Bischofszell Kollatur und Zehnten erworben hatte, wurde B. von Sulgen, ab 1617 von Neukirch an der Thur und ab 1676 schliesslich von einem Schlossprediger versorgt. 1678 erfolgte die Zuteilung von Andwil, 1714 von Oberandwil, Eggertshusen und Guggenbüel. 1809 wurde die von Sulgen unabhängige ref. Pfarrei B.-Andwil gebildet.

Die um 1300 angelegte befestigte Siedlung konnte sich wegen des Niedergangs der Frh. von B. und der Konkurrenz anderer Orte nicht als Stadt behaupten. Nach dem Dorfbrand 1528 verschuldeten sich die Einwohner für den Wiederaufbau bei der Herrschaft, die 1540 die Rechte am Gemeindeland zugesprochen erhielt. Unter sankt-gall. Herrschaft verlor B. die Autonomie. Die Stadt setzte den Ammann und Vorsitzenden des Niedergerichts ein, förderte die Ansiedlung ihrer Bürger als lokaler Elite und wandelte die Erb- in Schupflehen um. Zwar genossen die sog. Konstanzerbauern eine gewisse Unabhängigkeit, und im 17. Jh. förderte der Ausbau des Schlosses die Ansiedlung neuer Gewerbe. Im 18. Jh. aber führte eine Herrschaftspraxis, die die Bildung tragfähiger dörfl. Strukturen verhinderte, zur allg. Verarmung.

1803-16 gehörte B. zur Munizipalgem. Birwinken, 1816-1994 war B. Munizipalgem. 1810-75 prägten die Häberlin, Besitzer der 1903 durch einen markanten Neubau ersetzten Mühle, die Dorfpolitik. Mitte des 19. Jh. war B. Treffpunkt fortschrittl. Kreise, was sich in der landwirtschaftl. Ausstellung von 1846 sowie in der radikalen Zeitung "Der Volksmann" der Gebrüder Bion 1847-50 widerspiegelte. Ab 1860 erfolgte die Umstellung auf Viehwirtschaft, 1933 die Güterzusammenlegung und Intensivierung des Obstbaus. Die Eröffnung der Kammgarnspinnerei 1874, welche v.a. ital. Arbeiterinnen anwarb und eine eigene Wohnbaupolitik betrieb (Neubürglen), hatte tief greifende Folgen. Während 1870 der Anteil der Ausländer und Katholiken 3% bzw. 2% der Bürgler Bevölkerung betrug, hatte er sich 1910 bereits auf 40% bzw. 45% erhöht, derjenige der Frauen lag bei 57%. Der freisinnig-bäuerl. Mehrheit standen die Demokraten, ab 1930 die SP gegenüber. 1945 begann die polit. Integration der Katholiken, was 1959 zum Bau der kath. St. Josephskirche als Filiale von Sulgen führte. Neben Kammgarnspinnerei, Wollfärberei (1843-1979) und Stickerei waren v.a. die Kieswerke wirtschaftlich von Bedeutung. Seit 1980 beherbergt das Areal der ehemaligen Wollfärberei versch. Kleinunternehmen und Vereine. Um das bereits im 19. Jh. als Schulhaus genutzte Schloss entstand im 20. Jh. ein Schulquartier. Wirtschaftl. und polit. Veränderungen führten dazu, dass sich der muslim. Bevölkerungsanteil durch die Zuwanderung aus der Türkei und aus dem ehemaligen Jugoslawien am Ende des 20. Jh. deutlich erhöht hatte.


Literatur
– E. Menolfi, B., 1996

Autorin/Autor: Gregor Spuhler