Steckborn

Polit. Gem. TG, Bez. Frauenfeld. Die am Untersee gelegene Gem. umfasst die Altstadt, das Areal des ehem. Klosters Feldbach, die Siedlungen Weier, Riet und Wolfskehlen, das ehem. Schloss Glarisegg sowie die in jüngerer Zeit am Hang des Seerückens entstandenen Wohnquartiere. Die Ortsgem. S., Gündelhart-Hörhausen und Salen-Reutenen bildeten bis 1999 die Munizipalgem. S., die Ortsgem. Mammern gehörte bis 1993 dazu. 1209 Stekboren. Ortsgem. bzw. polit. Gem.: 1850 1'509 Einw.; 1900 1'733; 1950 2'846; 2000 3'320. Munizipalgem.: 1850 2'292 Einw.; 1900 2'541; 1950 3'798; 1990 4'466.

1 - Ur- und Frühgeschichte

Von den vermutlich mind. drei neolith. Ufersiedlungen wurden Turgi und Schanz, östlich bzw. westlich des Städtchens, schon im 19. Jh. entdeckt und 1881-82, 1982-83 sowie ab 2002 untersucht. Während in der Schanz vorwiegend Befunde aus der Pfynerkultur mit Dendrodaten von 3766 bis 3576 v.Chr. bekannt wurden, weisen die Daten in der Turgibucht in die Zeit von 3838 bis 2694 v.Chr., also in die Pfyner-, Horgener- und Schnurkeramikkultur. Beide Pfahlfelder sind stark von Erosion betroffen und lieferten ausserordentlich viele und wichtige Einzelfunde aus allen drei genannten Epochen. Bekannt sind die beiden Friedhöfe aus dem FrühMA im Chilestigli und beim Obertor, auch hier wurden reiche Grabinventare des 7. Jh. geborgen. Von besonderer Bedeutung ist auch der kurz vor 800 östlich von S. versteckte und 1830 aufgefundene Hort von ungefähr 40 Münzen, der bis auf einen Denar Karls des Grossen ausschliesslich arab. Dirhems aus Nordafrika enthielt.

Autorin/Autor: Hansjörg Brem

2 - Mittelalter

Um 850 bestand bereits eine Kirche. Zu dieser Zeit soll ein gewisser Selbo seine Güter in S. dem Kloster Reichenau geschenkt haben. Das Kloster besass schon frühe Kirchenrechte und Grundbesitz; zur Verwaltung dieser Güter richtete es einen Kehlhof ein, der bei der Kirche lag. Im 13. Jh. hatten die reichenauischen Ministerialen von S. die Vogtei S. inne. 1271 machte das Kloster Reichenau S. zum Zentrum seiner Besitzungen im Thurgau. Ein klösterl. Ammann übte das Niedergericht aus. 1290 ist erstmals von einer Stadt die Rede, der bereits bestehende Markt wurde 1313 von Kg. Heinrich VII. bestätigt. Das auf einem Bachdelta angelegte Siedlungsdreieck wurde im frühen 14. Jh. mit Mauern, Türmen und einem äbt. Turmhof befestigt, wobei ein Balken des Turms von 1280 auf frühere Befestigungsanlagen hindeutet. Im 14. und 15. Jh. erhielt S. mit Kl. und Gr. Rat, eigenem Gericht (jeweils unter dem Vorsitz des äbt. Ammanns) sowie diversen Privilegien zunehmend städt. Charakter, obwohl es weiterhin als Flecken galt. Die Bürgerschaft versuchte, sich von der Abtei zu emanzipieren. 1385 schloss sie mit der Stadt Konstanz einen Burgrechtsvertrag ab, ab 1431 wählte sie einen Bürgermeister. Die Abtei verfügte jedoch mit dem Turmhof noch bis zu dessen Verkauf 1458 über einen eigenen Rechtsbezirk innerhalb der Stadtmauern. 1490 besass sie neben dem Kehlhof drei Mühlen, zehn Häuser, 72 Grundstücke, das Kirchengut und das Fährlehen über den See. So bewahrte Reichenau seinen Einfluss in S. bis zur Reformation. Nach der Inkorporation der Abtei in das Hochstift Konstanz 1540 gehörte das Niedergericht S. inklusive Feldbach und Glarisegg als sog. neustiftische Herrschaft bis 1798 dem Bf. von Konstanz, während die im Thurgau ab 1460 regierenden Eidgenossen die Hochgerichtsbarkeit innehatten.

Die ma. Pfarrei S. umfasste auch Salen-Reutenen und Berlingen (um 1524), das 1253/54 gegr. Zisterzienserinnenkloster Feldbach war kirchlich unabhängig. Die im 12./13. Jh. erweiterte St. Jakobskirche wurde 1344 der Abtei Reichenau inkorporiert.

Autorin/Autor: Gregor Spuhler

3 - Neuzeit und Gegenwart

1525 trat die ganze Pfarrei S. zur Reformation über, doch setzte die Abtei Reichenau 1534 die Wiedereinführung des kath. Gottesdienstes in der fortan parität. Pfarrei durch. 1540 übernahm der Bf. von Konstanz neben der Gerichtsherrschaft auch die Kollatur für beide Konfessionen. Religiöse Konflikte zwischen ref. Mehrheit und kath. Minderheit waren häufig. Die 1766-68 von Franz Anton Bagnato erbaute Kirche stand bis 1963 im Simultangebrauch. Dann wurde das Paritätsverhältnis angesichts der starken kath. Zuwanderung aufgelöst und eine kath. Kirche erstellt. 1649 bildete S. eine eigene militär. Hauptmannschaft. 1658 wurde ein Zeughaus und 1667 ein neues Rathaus gebaut. Im 17. und 18. Jh. fanden das lokale Zinn- und Kannengiesserhandwerk sowie die Steckborner Hafnerei und Ofenmalerei weitherum Beachtung. 1711 wurde die Allmend aufgeteilt. 1756 erwarb die Stadt Mühlen, Wasserrechte und sämtl. Ehaften. Mit 600 Jucharten Wald war die wohlhabende Gem. Ende des 18. Jh. eine der grössten Forstbesitzerinnen im Kt. Thurgau.

1798 wurde S. Bezirkshauptort (bis 2010) und Munizipalgemeinde. 1812 kamen das Kloster Feldbach und das Schloss Glarisegg zur Ortsgem. S. hinzu. Der Ausbau der Seestrasse 1823 und der Strasse nach Frauenfeld 1841-47, der Dampfschifffahrtsbetrieb auf dem Untersee ab 1825 sowie der 1874 fertig gestellte Bahnanschluss verbesserten die Verkehrsverbindungen. Im Turmhof wurde 1836 eine Armenanstalt eingerichtet, seit 1937 beherbergt er das Heimatmuseum. Auf dem Areal des 1848 von der Gem. erworbenen Klosters Feldbach produzierte 1925-74 die Borvisk Kunstseidefabrik AG, die 1929 über 1'100 Arbeitsplätze bot. Die 1893 gegr. Nähmaschinenfirma Fritz Gegauf AG (heute Bernina) beschäftigte 1995 800 Personen, 2010 noch 350. Nach 1970 erfolgten Arbeitsplatz- und Bevölkerungsverluste, die die Gem. am See mit Tourismusförderung wettzumachen suchte. 2005 stellte der Dienstleistungssektor weit über die Hälfte der Arbeitsplätze.

Autorin/Autor: Gregor Spuhler

Quellen und Literatur

Literatur
– F. Isler, «Altes und Neues aus S.», in Thurgauer Jb. 12, 1936, 13-24
– O. Feger, Die reichenauische Herrschaft im Thurgau, 1956
Bote vom Untersee, 30.8.1963 (Beil.)
Kdm TG 6, 2001, 321-419
Archäologie im Thurgau, 2010, 334-338