Tarasp, von

Nobiles des 11. und 12. Jh. mit Besitz in der näheren Umgebung ihrer wohl gegen Ende des 11. Jh. gegr. Burg Tarasp im Unterengadin sowie im Paznaun, Inntal, Oberhalbstein, Veltlin und Südtirol. Die nach der chronikal. Überlieferung des 14. Jh. (Goswin von Marienberg) angeblich von Rom und Mailand ins Unterengadin zugewanderte Fam. dürfte aufgrund ihrer Besitzverteilung aus der Umgebung von Como in den rät. Raum gelangt sein, wo sie u.a. auch bei der Besiedlung der rechten Talseite des Unterengadins eine wichtige Rolle spielte. Erster Namensträger ist Ulrich ( -> 1), der 1079 Bischofsanwärter der päpstl. Partei war, diesen Anspruch aber erst nach dem Tod seines kaiserl. Gegenspielers 1088 durchsetzen konnte. 1095-96 stiftete er mit seinen Brüdern Eberhard, Gebhard und Egino das für das Selbstverständnis der Fam. wichtige Benediktinerkloster Scuol. Von Egino als Verwalter des Vinschgauer Besitzes ging vermutlich Mitte des 12. Jh. der Zweig der Matsch und Venosta aus. Im 12. Jh. war die Fam. eng mit den im welf. Gefolge stehenden Ronsberg-Ursin, Schirmvögte des bayr. Klosters Ottobeuren verbunden. 1118-26 stifteten die beiden Fam. gemeinsam Güter ans bayr.-welf. Chorherrenstift Rottenbuch. Bekräftigt wurde die Verbindung mit der Ehe von Uta ( -> 2) und Ulrich (belegt 1146-77), der mit ihrem Bruder Albert, Abt von Scuol, das Familienkloster 1146 von Scuol nach St. Stephan und 1150 nach Marienberg, beide oberhalb Burgeis im Vinschgau verlegte. 1160 begann die Fam. mit der Liquidation des Besitzes. Nutzniesser waren das auch unter ihrer Mitwirkung in ein Frauenstift umgewandelte Müstair, dann Marienberg, das sie als Begräbnisort auch künstlerisch reich ausstatteten, und schliesslich insbesondere der Bf. von Chur, dem Ulrich seinen Anteil am Kernbesitz mit der Burg T. übertrug. Wohl unterstützt von den Gf. von Tirol wehrte sich sein Neffe und Mitbesitzer Gebhard (belegt 1163-70) erfolglos dagegen. 1164-67 wurde als Kompromiss auch sein Burganteil in ein bischöfl. Lehen überführt, wofür er die ursprünglich dem Zweig der Matsch versprochene Vogtei über Marienberg erhielt. Nach dem gewaltsamen Tod Gebhards 1170 starb Ulrich 1177 als letzter männl. Träger des Namens. Während die Vogtei über Marienberg direkt an die von Matsch fiel, gelangte die Burg T. mit den zugehörigen Rechten über den Bf. von Chur vor 1200 an die Reichenberger, nach deren Aussterben 1212 ebenfalls an die von Matsch und von diesen an die Gf. von Tirol.


Literatur
– I. Müller, Die Herren von T., 1980
– O.P. Clavadetscher, W. Meyer, Das Burgenbuch von Graubünden, 1984, 199-207
– I. Müller, «Neue Tarasper-Studien», in BM, 1985, 145-163
HS III/1, 856-859
HbGR 1, 147, 156, 183-185, 188

Autorin/Autor: Martin Leonhard