Tobel

Ehem. Munizipal- und Ortsgem. TG, ehem. Komturei und Herrschaft, Bez. Münchwilen, seit 1999 mit Tägerschen Teil der polit. Gem. T.-Tägerschen. T. liegt leicht erhöht am Rand des Lauchetals an der Hauptstrasse Märstetten-Wil. 1228 Tobel. Ehem. Ortsgemeinde 1850 385 Einw.; 1900 412; 1950 558; 1990 739. Zwischen 1226 und 1228 gründeten die Toggenburger Gf. Diethelm II. und Diethelm III. die am Jakobsweg gelegene und mit Gütern reichlich dotierte Johanniterkomturei T., die als Bollwerk gegen das politisch expandierende Kloster St. Gallen entstand. An der neuen Begräbnisstätte der Toggenburger sind für 1263 ein Magister, ein Priester und zwei Brüder, für 1266 ein Konvent und für 1270 ein Komtur belegt; das früheste Kapitelsiegel stammt von 1279. Bis zum Ende des 15. Jh. baute die Komturei durch systemat. Erwerb von Gütern, Zehnt- und Gerichtsrechten die Herrschaft T. auf. Diese umfasste die niederen Gerichte T. (Affeltrangen, Braunau, Buch, Märwil, Tägerschen, T. und Zezikon) sowie Herten bei Frauenfeld. 1228 erwarb die Komturei die Vogtei über T., 1258 Güter in Tägerschen, 1275-86 Rechte an den Pfarrkirchen Affeltrangen und Märwil, 1348 Twing und Bann über halb Zezikon, 1380 Besitz in Herten. Hinzu kam die Expansion ins untere Lauchetal und ins Gebiet der Herren von Bussnang: 1396 erlangte sie den Kirchensatz von Wuppenau, 1401 jenen von Wängi (1402 Inkorporation), 1464 den Kirchensatz und Zehntrechte zu Bussnang sowie Zehntrechte in Ober- und Niederbussnang und Pfründe von Schönholzerswilen. Die Herrschaft T. bestand bis 1798. Nach dem Zusammenbruch des Malteserordens dt. Zunge übernahm der Kt. Thurgau 1807 die Komturei und richtete 1811 im landwirtschaftl. Gutsbetrieb eine Zucht- und Arbeitsanstalt für Männer und Frauen ein. 1973 wurde die kant. Strafanstalt in der ehem. Komturei T. aufgelöst und 1992 der landwirtschaftl. Gutsbetrieb ausgesiedelt. 2006 gingen die leerstehenden Gebäude der Komturei an die neu gegr. Stiftung Komturei T. über.

Kirchlich gehörte T. im MA zur Pfarrei Affeltrangen. Mit der Gründung der Komturei entstand in den Grenzen des Niedergerichts T. die neue Pfarrei T., die Affeltrangen, Braunau, einen Teil von Buch bei Märwil sowie Märwil, Tägerschen, T. und Zezikon umfasste. Die Kirche St. Johann Baptista stand im SpätMA neben der Komturei im Tal und wurde 1706-07 auf der Höhe neu errichtet. Die ganze Pfarrei T. trat 1529 zum neuen Glauben über. 1532 leitete die Komturei die Rekatholisierung ein. Nach der Errichtung eines Hochaltars in der Kirche St. Johann 1535 hörte der ref. Gottesdienst in T. noch vor 1560 auf. In Wuppenau wurde 1560, in Bussnang 1596 die Messe wieder eingeführt. Die ref. Bevölkerung von T. war ab 1569 faktisch nach Affeltrangen kirchgenössig, obwohl dort ab 1664 auch die Messe wieder zugelassen war. 1569 wurde Märwil eine Filiale der ref. Kirche Affeltrangen, das mehrheitlich ref. Wängi 1602 eine Filiale von Aadorf. Auch wenn die Gegenreformation mit der Weihe der Pfarrkirche T. 1642 ihren Abschluss fand, gab es bis ins 18. Jh. zahlreiche Spannungen zwischen den ref. Kirchgemeinden und dem kath. Kollator der Pfarrei T.

Die Gem. erhielt 1441 und 1486 eine Offnung. Im 19. Jh. gingen die Tobler Bauern vom Ackerbau zur Vieh- und Milchwirtschaft und zum Obstbau über; 1885 entstand eine Käserei. Im 18. Jh. fasste die Kattun- und Leinwandweberei in T. Fuss; sie wurde nach der Mitte des 19. Jh. durch die Handstickerei abgelöst. Um 1900 kam die Schifflistickerei auf, die bis in die 1920er Jahre mit der kleinbäuerl. Landwirtschaft die dörfl. Erwerbsstruktur prägte. 1911 erhielt T. Anschluss an die Mittel-Thurgau-Bahn. Grösster Arbeitgeber im Ort ist die 1982 gegr. Santex-Group, die Relaxiertrockner zur Textilveredelung herstellt. Mit dem nach 1960 einsetzenden Bevölkerungswachstum und dem Bau zahlreicher Einfamilienhäuser wurde T. zur ländl. Wohngemeinde.


Literatur
– H. Bühler, Die Stickerei in T., 1963
– B. Meyer, «Wie das Kloster St. Gallen Wil erwarb», in ThBeitr. 114, 1977, 5-29
– H. Bühler, Gesch. der Johanniterkomturei T., 1986
HS IV/7, 474-513

Autorin/Autor: Verena Rothenbühler