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Kyburg [Kiburg], von

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Das Grafengeschlecht gliedert sich in zwei Fam., wobei das Haus Neu-K. durch eine Fortführung des Geschlechts der K. in der Frauenlinie begründet wurde.

1 - Die Familie von Kyburg

Grafengeschlecht des 12.-13. Jh., deren Besitz sich von der Ostschweiz (Zürich und Thurgau) bis in die heutigen Kt. Aargau, Bern und Freiburg erstreckte. 1180 lösten sich die K. als selbstständiger Zweig von den sich ab 1111 nach ihrer östlich von Ulm an der Donau gelegenen Burg nennenden Gf. von Dillingen. Diese werden ihrerseits aufgrund ihrer Leitnamen mit Bf. Ulrich von Augsburg (890-973) und der Sippe der Hupaldinger verknüpft. Obwohl vielleicht schon ihre Vorfahren in der heutigen Nordschweiz begütert waren, fassten die Gf. von Dillingen hier erst um 1065/70 Fuss. Über die Ehe Hartmanns von Dillingen (gestorben 1121) mit Adelheid erhielt die Fam. umfangreichen Besitz im alten Thurgau und zumindest Ansprüche auf solchen in der Umgebung von Winterthur und der Burg K. Die Herkunft Adelheids und ihre Besitzansprüche sind allerdings umstritten. Die ältere Historiografie (Carl Brun und v.a. Paul Kläui) sah in ihr eine Nachfahrin der Gf. von Gröningen-Winterthur. Der von ihr eingebrachte Besitz sei einst Teil eines riesigen, von den Herren von Winterthur verwalteten Besitzes gewesen, den der Kaiser um 1030 konfisziert und an die Gf. von Ebersberg verliehen habe. Von dort sei dieser über die Herren von Achalm an die Gf. von Gröningen-Winterthur gelangt, die ihn dann an die verwandte Adelheid weitervererbt hätten. Die neuere Historiografie (Erwin Eugster) identifiziert Adelheid dagegen als Nachfahrin einer Sippe, die ihren Besitz im Raum Winterthur-K. um 1050 an die von Nellenburg, einen sich fortan nach Winterthur nennenden Zweig der Udalrichinger, verlor. Die Gf. von Dillingen-K. hätten sich nach dieser These unter Berufung auf die Ansprüche von Adelheids Verwandten nach dem Aussterben der Nellenburger um 1100 bis Mitte des 12. Jh. in den Besitz eines Anteils am Erbe gesetzt und sich damit gegen andere Erben wie Adalbert von Mörsburg, die Gf. von Veringen oder den Bf. von Konstanz durchgesetzt.

Unter den Enkeln Hartmanns von Dillingen wurde der Besitz der Fam. geteilt: Adalbert (gestorben 1170) übernahm den Anteil in Schwaben, Hartmann III. ( -> 1) denjenigen in der Nordschweiz. Ab Mitte des 12. Jh. bewegten sich die K. im Umfeld der Staufer. So liegt der Ehe Hartmanns III. mit Richenza, der Erbtochter Arnolds von Baden-Lenzburg, wohl weniger eine geschickte Heiratspolitik zu Grunde, als vielmehr die Tatsache, dass die Fam. auf diesem Weg in die staufer. Klientel eingebunden werden sollte. Nach dem Abgang der Lenzburger 1172/73 erhielten neben den Staufern und Zähringern auch die Gf. von K. einen Erbanteil. Worin dieser bestand, ist allerdings unklar. Als einigermassen gesichert gelten Anteile an den Allodien Arnolds von Lenzburg im Raum Walensee-Gaster und in der Umgebung von Baden. Weitere Güter und Rechte wie die Vogtei über Schänis und das Stift Beromünster gelangten wahrscheinlich vorerst an die Staufer und wurden erst später von den K. übernommen. Im Zusammenhang mit dem Lenzburger Erbe blieb offensichtlich vieles umstritten. So wurden Lenzburg und versch. Güter in der Ostschweiz noch 1254 von Elisabeth von Chalon beansprucht und an ihren Gatten Hartmann V. ( -> 3), genannt der Jüngere, übertragen - ein bei den Gf. von K. neben und z.T. kombiniert mit der Vergabung von Klöstern immer wieder zu beobachtender Weg, um umstrittene Besitzverhältnisse zu bereinigen.

Einen weiteren wesentl. Besitzzuwachs erfuhren die K. als Erben der 1218 abgegangenen Zähringer. Wohl um seinen Einfluss in der Ostschweiz zu erweitern, hatte Berchtold V. von Zähringen, der Letzte seines Geschlechts, seine Tochter Anna mit Ulrich III. ( -> 5), Sohn Hartmanns III., verheiratet. Nach dem Tod Berchtolds V. konnte sich Ulrich III. zusammen mit Egeno von Urach, ebenfalls einem Schwiegersohn, gegenüber zahlreichen Konkurrenten als Haupterbe der zähring. Eigengüter behaupten. Auf diesem Weg gelangten die K. zu den linksrhein. Besitzungen im Burgund mit den Städten Freiburg, Thun und Burgdorf, im Aargau und im heutigen Kt. Zürich. Die Reichsvogtei Zürich konnten sie sich wegen der mangelnden Unterstützung der Staufer allerdings nicht sichern, ebenso wenig 1226 die Reichsvogtei über das Kloster St. Gallen. In der Folge wandten sie sich zunehmend von den Staufern ab und wurden bis 1243 zu einer der Hauptstützen der päpstl., antistaufer. Partei.

Erste Versuche zur Verdichtung der Herrschaft unternahm die Fam. um 1180 (Grafschaft Kyburg). In dieser Zeit gründeten die Gf. von K. die Städte Diessenhofen und Winterthur und begannen in ihrem Kerngebiet mit dem Aufbau eines eigenen Ministerialenadels, den sie mit ehem. Gefolgsleuten der Lenzburger und nach 1218 auch der Zähringer ergänzten. Gleichzeitig bemühten sich die K., das Erbe abgegangener hochfreier Fam. im Raum wie etwa dasjenige der Herren von Weisslingen und von Rossberg an sich zu bringen, indem sie sich auf ein übergeordnetes Heimfallrecht beriefen. Nicht zuletzt wegen der staufer. Präsenz geriet diese Politik nach 1220 ins Stocken. Deshalb stand fortan die Sicherung oder Neutralisation umstrittener Güter und Rechte im Vordergrund. So gründete die Fam. 1225 im Zentrum des Besitzes der ehemaligen Frh. von Weisslingen bei Winterthur als Grablege das Chorherrenstift Heiligberg sowie 1233 das westlich der Stadt Winterthur gelegene Kloster Töss, das sie ebenfalls mit okkupierten Weisslinger und Rossberger Gütern ausstatteten und mit dem sie offenbar ihr Territorium gegenüber ihren regionalen Konkurrenten, den Gf. von Rapperswil, abgrenzten.

Die Abgrenzung und den Ausgleich gegenüber den Rivalen suchten die K. in dieser Zeit auch mit ihrer Heiratspolitik zu vollziehen: Hartmann V., ein Enkel Ulrichs III., verlobte sich um 1227 mit Anna von Rapperswil, sein Onkel Hartmann IV. ( -> 2), genannt der Ältere, heiratete Margaretha von Savoyen aus der Fam. der kyburg. Konkurrenten im Westen und dessen Schwester Heilwig, die spätere Königsmutter von Rudolf I. von Habsburg, Albrecht von Habsburg. Nach dem Wegfall der staufer. Bedrohung 1245 konnten die Gf. von K. ihren Rückstand im Bereich der Territorialisierung nicht mehr aufholen, obschon sie um 1230 die Städte Zug und Baden, danach Frauenfeld, Aarau, Mellingen und Lenzburg sowie um 1250 Sursee, Weesen, die Burgstädte Laupen und K. und die später abgegangenen Städte Richensee und Huttwil gegründet hatten. Die Fam. suchte die Verwaltung zu straffen, indem sie an ihrem Hof einen hochgebildeten, v.a. aus Klerikern bestehenden Beraterstab einsetzte, in den Städten einen neuen Dienstadel ansiedelte (z.B. die Truchsessen von Diessenhofen) und mit dem Aufbau einer vermehrt auf der Schriftlichkeit basierenden Ämterverwaltung begann, die von nichtadeligen Beamten getragen wurde.

1250/51 übergab der kinderlose Hartmann IV. den Westteil des Besitzes mit Burgdorf als Zentrum seinem Neffen Hartmann V. In der Folge stiess Hartmann V., der sich an Habsburg anlehnte, im Westen immer wieder mit dem aufstrebenden Bern und dessen Stadtherrn Peter II. von Savoyen zusammen, während sein Onkel mit Zürich oder den von Regensberg eher den Ausgleich suchte und oft als Schiedsrichter amtierte. Als Hartmann V. 1263 starb, übernahm Gf. Rudolf von Habsburg als Vormund von dessen Tochter Anna die Verwaltung des Westteils, nach dem Tod Hartmanns IV. nur ein Jahr später auch bis 1273 diejenige der übrigen Teile der kyburg. Herrschaft, und setzte sich damit gegen die Ansprüche der Witwe Margaretha von Savoyen und deren Fam. durch.

Autorin/Autor: Martin Leonhard

2 - Die Familie von Neu-Kyburg (auch von Kyburg-Burgdorf genannt)

Grafengeschlecht im Oberaargau (gestorben 1418), aus dem Hause Habsburg-Laufenburg, Landgrafen in Burgund ab 1314 als habsburg. Lehensträger. Begründet wurde das Haus K.-Burgdorf auf einem Teil des kyburg. Westbesitzes durch die Fortführung des Geschlechts K. in der Frauenlinie dank Anna, Tochter Hartmanns V. Sie heiratete um 1273 Eberhard I. von Habsburg-Laufenburg. Bei der Eheschliessung handelte es sich um ein Werk habsburg.-österr. Territorial- und Familienpolitik zur Sicherstellung der habsburg. Interessen am kyburg. Erbe gegenüber den Ansprüchen der Gf. von Savoyen.

Die Herrschaft Neu-K. umfasste nur den westl. Teil des alten kyburg. Herrschaftsgebiets, nämlich den Oberaargau mit den Zentren Burgdorf, Wangen an der Aare und Landshut sowie Burg und Stadt Thun samt Äusserem Amt Thun. Die Genealogie ist über fünf Generationen ziemlich gut belegt. Es bestanden Heiratsbeziehungen zu Habsburg-Laufenburg, den Gf. von Neuenburg-Nidau, den Frh. von Signau, den Gf. Werdenberg-Heiligenberg sowie den Elsässer Gf. von Rappoltstein. Politisch hatten sich die Gf. von Neu-K. mit den Gf. von Habsburg-Österreich und den Gf. von Savoyen sowie nach dem Ausscheiden der Savoyer aus dem polit. Kräftespiel mit der Stadt Bern auseinanderzusetzen. Die wirtschaftl. Schwäche der Fam. Neu-K., die durch die bereits unter den letzten Gf. von K.-Dillingen einsetzende Verschuldung verursacht worden war, sowie die Territorialisierungsbestrebungen der östl. und westl. Nachbarn führten zu einer ständig schwankenden Haltung mit wechselnden Bündnissen gegenüber der habsburg.-österr. Landesherrschaft auf der einen und der immer stärker um sich greifenden Stadt Bern auf der anderen Seite.

1313 traten die Brüder Hartmann II. und Eberhard II., Enkel Eberhards I., in die Lehnsabhängigkeit von Habsburg-Österreich unter Aufgabe der östl. Teile der alten Herrschaft K. (u.a. Zürich- und Thurgau). Das Gesamthand-Erbrecht der Fam. erklärt die durchwegs häufige Unterbringung überzähliger Nachkommen in klerikalen Laufbahnen, v.a. in den Stiften von Strassburg und Basel. Der Konflikt um die ungeteilte Übernahme der Herrschaft zwischen Hartmann II. und Eberhard II. führte 1322 zu dem in der Historiografie bekannten "Brudermord auf dem Schloss Thun", durch den der in ein geistl. Amt abgeschobene Eberhard II. in den Besitz der Herrschaft kam. Zur Abwehr habsburg. Sühneeingriffe verständigte er sich mit Bern, geriet dadurch aber endgültig unter dessen Zugriff: 1323 erfolgte der Verkauf von Stadt, Burg und Äusserem Amt Thun an Bern, das die Stadt wieder an Eberhard II. verlieh. Nachdem die Neu-K. bereits ab Mitte des 14. Jh. v.a. bei Berner Bürgern stark verschuldet waren, mehrten sich von den 1370er Jahren an die Verkäufe. Die 1363 von Hartmann III. von K.-Burgdorf, Sohn des Eberhard II., vorgenommenen Pfandverkäufe von Burgdorf, Thun und Oltigen an Österreich verstärkten auch diese Abhängigkeit wieder. Die Erbschaft eines Teils der Herrschaft Neuenburg-Nidau nach 1375 durch seinen Sohn Rudolf II. brachte keine Erleichterung der finanziellen Lage mit sich, da diese Hinterlassenschaft z.T. stark verschuldet war; ein Teil wurde 1379 an Österreich verpfändet. Der endgültige Zerfall der Herrschaft begann nach 1382 im Gefolge des Burgdorferkrieges, der nach einem missglückten Anschlag Rudolfs II. auf Solothurn ausgebrochen war. Die militär. Auseinandersetzung mit Bern und Solothurn endete 1384 mit dem Verkauf von Thun - dessen Mitherr Bern ab 1375 war - und Burgdorf an Bern. Der Tod Berchtolds I., Onkels von Rudolf II., im Jahr 1417 bedeutete das physische Ende der Dynastie Neu-K. und den Endpunkt eines über hundert Jahre anhaltenden wirtschaftl. und sozialen Abstiegs.

Autorin/Autor: Franziska Hälg-Steffen

Quellen und Literatur

Literatur
GHS 1, 21-25
– C. Brun, Gesch. der Gf. von K. bis 1264, 1913
– M. Dürr-Baumgartner, Der Ausgang der Herrschaft K., 1921
– M. Feldmann, Die Herrschaft der Gf. von K. im Aaregebiet 1218-1264, 1926
– B. Meyer, «Studien zum habsburg. Hausrecht, Tl. 4: Das Ende des Hauses K.», in ZSG 27, 1947, 273-323
– B. Meyer, «Der Bruderstreit auf dem Schloss Thun», in ZSG 29, 1949, 449-493
– P. Kläui, Hochma. Adelsherrschaften im Zürichgau, 1960
Die Gf. von K., 1981
– E. Rieger, Das Urkundenwesen der Gf. von Kiburg und Habsburg, 2. Teilbde., 1986
– E. Eugster, Adlige Territorialpolitik in der Ostschweiz, 1991
GKZ 1, 182-188
– A.-M. Dubler, «Berns Herrschaft über den Oberaargau», in Jb. des Oberaargaus 42, 1999, 69-94