Greyerz, von (FR)

Die G. waren vom 11. bis ins 16. Jh. eines der bedeutendsten Adelsgeschlechter im Gebiet der Westschweiz. Ihre Stellung beruhte auf einer eigentl. Rodungsherrschaft, auf der Urbarisierung der grossen Forste im voralpinen oberen Saanetal, auf Burgenbau, Beanspruchung gräfl. Rechte und Klosterstiftungen, später auch auf Stadtgründungen. Durch Heirat verbanden sie sich mit anderen edelfreien Fam. der Waadt. Ihre geistl. Vertreter erreichten den Rang von Domherren oder Äbten, nicht aber von Bischöfen. Die G. waren während des ganzen MA von keiner Erbteilung betroffen. Sie konnten ihr Herrschaftsgebiet durch geschickte Familienpolitik und Erbregelung zusammenhalten.

Ob das Geschlecht von Gf. Turimbert abstammt, einem der Grossen des Königreichs Hochburgund, der um 900 im pagus Ausicensis (Ogo, Ogoz) begütert war, ist nicht gesichert. Die ersten bekannten Angehörigen des Geschlechts - Gf. Wilerius, seine Gattin Agatha und ihre drei Söhne Wilhelm (der 1115 als Graf bezeichnet wurde), Raymund und Ulrich, Domherr von Lausanne, - traten zwischen 1073 und 1085 als Stifter des Cluniazenserpriorats Rougemont auf. Ulrich nahm mit seinem Neffen Hugo am 1. Kreuzzug teil. In der Stiftungsurkunde von Rougemont (Pancharta von 1115) wird das Geschlecht noch nicht nach einem Stammsitz benannt, nur die Anwesenheit von Gefolgsleuten mit Herkunftsbezeichnung erlaubt die Situierung seines Herrschaftszentrums im oberen Saanetal um Château-d'Œx. Das Hauskloster Rougemont wurde zum ersten Bestattungsort der G. Ob deren Herrschaft und der gräfl. Titel auf alten Regalien oder auf Usurpation beruhen, ist nicht geklärt.

Erstmals unter dem Namen ihrer vielleicht inzwischen errichteten Stammburg G. erscheint die Fam. mit Wilhelm, comes de Grueria (1136/44), und dessen Bruder Raboldus, Wohltäter des Prämonstratenserklosters Humilimont. Rudolf I. (1145/54-95/96), auch noch als comes de Ogo (Ogga) bezeichnet, trat durch die Heirat mit Agnes de Glâne ein bedeutendes polit. Erbe an. Er war Wohltäter der Zisterzienserabteien Hauterive und Hautcrêt. Die Ehe Peters I. (um 1162-1200, 1197 Graf) mit Clementia (von Estavayer?) blieb ohne Nachkommen. Deshalb teilte Peter 1200 den Grafentitel mit seinem jüngeren Bruder Rudolf II. (um 1170-1224). Dieser war zunächst Kleriker (1173), trat in den Laienstand über, heiratete um 1197 Gertrud (von Montagny?) und leitete ab 1200 die Grafschaft. Von den Söhnen Rudolfs II. trat Rudolf III. der Jüngere (1200-69/70, ab 1226 Graf) die Nachfolge an, während Peter Abt von Hauterive (1251-57) wurde. Diesem Kloster verlieh Rudolf III. 1234 das Nutzungsrecht in seinen Wäldern im ganzen Gebiet von Ogoz, von der Burg Pont bis zum Bach La Tine. Rudolf III. gehörte zu den Adligen der Waadt, die früh mit Savoyen in Verbindung traten: Nach einer ersten Lehensübergabe an Peter II. von Savoyen 1236 begab er sich 1244 unter savoy. Lehenshoheit. Unter der bis 1536 dauernden savoy. Oberherrschaft konnten die Gf. von G. eine grosse Selbstständigkeit bewahren. Zwischen 1221 und 1254 erweiterte Rudolf III. in Konkurrenz zu Bulle, das dem Bf. von Lausanne unterstand, die wohl schon unter Rudolf I. vor 1195 angelegte Stadt Greyerz. Die hier 1254 errichtete Pfarrkirche St. Theodul wurde zur Hauskirche der Grafen.

Die Beziehungen zur Kirche werden in der nächsten Generation, jener Peters II. (1224-1302/07, 1270 Graf), besonders eng. Peters Bruder Wilhelm (vor 1227-72) war ab 1233 Domherr von Lausanne, ab 1242 Kantor und bischöfl. Kanzler sowie 1255 Prior des Benediktinerpriorats Broc. Die Schwester von Peter II. und Wilhelm, Agnes ( -> 2), gründete das Zisterzienserinnenkloster Bellevaux bei Lausanne, dem sie als erste Priorin vorstand. Grossen Einfluss auf die Geschicke des Grafenhauses übte Willelmeta von Grandson aus, die Gattin Peters des Jüngeren (vor 1267-83). Sie regierte als Witwe ab 1290/91 anstelle des greisen Peter II. die Grafschaft und stiftete 1307 zusammen mit ihrem Sohn Peter III. (1279-1342, ab 1307 Graf) die Kartause La Part-Dieu. Die Kartause trat als Grablege der G. an die Stelle des Priorats Rougemont, bis sie ihrerseits im 15. Jh. von der Michaelskapelle in der Pfarrkirche St. Theodul in G. abgelöst wurde. Peter III. gründete zwischen 1310 und 1328 die Stadt La Tour-de-Trême an der nördl. Grenze der Grafschaft. Er erlitt in Kriegen auf Seiten der Gegner Berns mehrere Niederlagen. Peter IV. (Perrodus, 1307-65/66, ab 1342 Graf), regierte gemeinsam mit seinem Bruder Johann I. von Montsalvens (1307-69/73, ab 1342 Graf). Unter ihrer Regierung wurde die Grafschaft durch den verlustreichen Grüningenkrieg 1349-50 gegen Freiburg und Bern, durch die Pest und den allgemeinen wirtschaftl. Niedergang des Adels geschwächt. Mittels einer geschickten Heiratspolitik gelang es Rudolf IV. (1350-1403/04, ab 1366 Graf), sein Fürstentum beträchtlich zu erweitern. In erster Ehe verheiratet mit Margaretha von Aubonne-Alamandi, in zweiter Ehe mit Margaretha von Grandson-Billens, erlangte er die Herrschaften von Palézieux-Billens (1381), Oron-Attalens (1388), Aubonne und Coppet (beide 1393). 1401 trat Rudolf IV. in das Burgrecht von Bern ein, 1396 erhielt er von Kg. Wenzel das Münzrecht. Mit dem Verkauf von Freiheits- und Steuerrechten an die Gem. suchte er seine finanzielle Lage zu verbessern. Sein Bruder Peter war Prior von Rougemont (1361/65-68). Rudolf der Jüngere (gestorben 1400/01) wurde am Hof Amadeus' VI. von Savoyen erzogen und nahm später mit seinem Onkel Johann II. von Montsalvens (gestorben nach 1381) am Hundertjährigen Krieg teil.

Um die Herrschaftsnachfolge zu sichern, liess Anton (um 1395-1433/34, ab 1404 Graf) 1433 von Ks. Sigismund zwei der drei unehelichen Söhne legitimieren, nämlich Franz I. ( -> 4) und Johann (gestorben nach 1464), Herr von Montsalvens. Der dritte Sohn Anton wurde zum Stammvater der Nebenlinie G.-Aigremont. Franz I. regierte als Graf ab 1434 die Hauptlinie. Sein Sohn Ludwig (1475-93 Graf) folgte ihm nach und setzte die zwischen Savoyen und den Eidgenossen vermittelnde Politik seines Vaters fort. Ludwigs Sohn Franz II. (1493-98 Graf) und zuletzt der jüngere Sohn von Franz I., Franz III. (1499/1500 Graf), waren seine Nachfolger. Ein weiterer illegitimer Sohn von Franz I., Mamert ( -> 8), war Prior von Broc und begründete hier mit seinen illegitimen Söhnen Adrian und Hieronymus, die nacheinander ebenfalls Prior wurden (1529/30-38, 1548), eine Art von geistl. Dynastie. Mit Franz III. starb die Hauptlinie im Mannesstamm aus.

Mit Johann I. (1455-1514, ab 1500 Graf) und Johann II. (vor 1504-39, ab 1514 Graf) übernahm der Seitenzweig von Montsalvens die Regierung. Bastianne, illegitime Tochter Johanns II., wurde Priorin des Dominikanerinnenklosters von Estavayer (1542-51/52). Letzer Graf war Bastiannes Halbbruder Michael ( -> 9). Nach seinem Bankrott 1554 musste er das Land verlassen. Sein Onkel Peter ( -> 11), illegitimer Sohn Gf. Johanns I., überlebte ihn um zwei Jahre und führte während der Abwesenheit seines Neffen in den Jahren vor dem Untergang die Regierung der Grafschaft. Mit Michaels Tod 1575 erlosch das Geschlecht.


Quellen
– P. Aebischer, «La pancarte de Rougemont de 1115», in RHV 28, 1920, 2-16
Literatur
– J.-J. Hisely, Histoire du comté de Gruyère, 3 Bde., 1851-57
Monuments de l'histoire du comté de Gruyère et d'autres fiefs de la maison souveraine de ce nom, hg. von J. Gremaud, 2 Bde., 1867-69
GHS 1, 83-98, 407, (mit Stammtaf.)
– H. de Vevey, «Les armoiries des comtes de Gruyère», in SAHer 36, 1922, 73-84; 37, 1923, 22-28, 49-57
– M. Despond, Les comtes de Gruyère et les guerres de Bourgogne, 1925
– B. de Vevey, Châteaux et maisons fortes du canton de Fribourg, 1978, 170-179
GeschFR 1
HS I/4; III/1-3; IV/5
– G. Castelnuovo, L'aristocrazia del Vaud fino alla conquista sabauda, 1990
– N. Morard, «Les comtes de Gruyère», in Les pays romands au Moyen Age, hg. von A. Paravicini Bagliani et al., 1997, 199-210
– A. Boschetti, «"Pro remedio anime nostre". Die Seelgeräte der Gf. von G. von 1307 bis 1433», in FGB 76, 1999, 7-51

Autorin/Autor: Ernst Tremp