29/10/2004 | Rückmeldung | PDF | drucken

Ermatingen

Polit. Gem. TG, Bez. Kreuzlingen. Die am Untersee gegenüber der Insel Reichenau gelegene Gem. entstand 1975 durch Vereinigung der ehem. Munizipalgem. E. mit deren ehem. Ortsgem. E. und Triboltingen. 724 Erfmotingas. Ehem. Munizipalgem. E: 1850 1'708 Einw.; 1900 1'728; 1970 2'089. Ehem. Ortsgem. E.: 1850 1'363 Einw.; 1900 1'414; 1970 1'787. Polit. Gem. E.: 1980 1'992; 2000 2'427. Die steinzeitl. Ufersiedlungen Westerfeld und Büge wurden 1861 erstmals und 1981-83 umfassend untersucht, wobei Funde aus der Pfyner-, Horgener- und Schnurkeramik-Kultur (4000-2500 v.Chr.) zum Vorschein kamen. Die frühma. Besiedlung ist durch ein alemann. Gräberfeld belegt. E. gehörte zur Grundausstattung des Klosters Reichenau, dessen Abt Kollator, Grundherr und Gerichtsherr war. Zur Ausübung der Niedergerichtsbarkeit wurde ein Klostermeier (später Ammann) eingesetzt. Das Meieramt (Vogtei) war oft verpfändet, u.a. bis 1446 den Herren von Klingenberg. Im 13. Jh. sowie 1518 sind Offnungen belegt. Im Schwabenkrieg 1499 wurde das Dorf zerstört. Spätestens seit dem 16. Jh. hatte E. nach städt. Vorbild einen Kl. und Gr. Rat, ein eigenes Gericht (jeweils unter dem Vorsitz des Ammanns) und versch. Privilegien. 1660 erhielt der Ort das Marktrecht. Nach der Inkorporation der Abtei Reichenau ins Hochstift Konstanz 1540 gehörte das Niedergericht E. bis 1798 als sog. neustiftische Herrschaft dem Bischof (Obervogtei Reichenau). Die Pfarrei E. reichte ursprünglich vom See bis über den Seerücken, im HochMA entstanden die Kaplaneien Mannenbach und Triboltingen. 1359 wurde die Kirche E. der Abtei Reichenau inkorporiert. Um 1528 wandte sich E. der Reformation zu, wobei die Abtei (ab 1540 der Bf. von Konstanz) in der mehrheitlich ref. Pfarrei bis 1804 die Kollatur behielt. Seit 1546 herrscht das Simultanverhältnis. 1723/24 trennte sich Wäldi von der ref. Kirchgem. E. ab, 1949 gingen auch Gunterswil und Hohrain an Wäldi über.

1756 erwarb die Gemeinde sämtl. Ehaften, abgesehen von Mühlen und Wasserrechten, 1763 entstand die Meisterzunft der Schuster. Ende 18. Jh. besass E. u.a. Zölle und Schifffahrtsrechte. Im 19. Jh. bildeten Fischerei (Gangfischerei), Getreide-, Obst-, Hanf- und Rebbau (Weinhandel) die Grundlage der dörfl. Wirtschaft. Mit dem Ausbau der Seestrasse (1823), dem Dampfschifffahrtsbetrieb auf dem Untersee (ab 1825) und dem Bahnanschluss (1875) verbesserte sich die verkehrstechn. Lage, worauf nach 1870 der Fremdenverkehr einsetzte. Am Ende des 19. Jh. fassten in E. mechan. Stickereien und Schifflistickereien Fuss. 1848 liessen sich mit einer Schreinerei (ab 1936 Jacques Goldinger AG) und 1875 mit der nachmaligen Blechdosen- und Aluminiumwarenfabrik (Louis Sauter AG) weitere Firmen in E. nieder, die im 20. Jh. die Landwirtschaft zunehmend verdrängten. Obwohl eine Fischbrutanstalt und die traditionelle "Groppenfasnacht" an die gewerbl. Fischerei erinnern, ist E. heute mit dem UBS-Ausbildungszentrum Schloss Wolfsberg (seit 1975) und dem Unternehmerforum Lilienberg (seit 1989) v.a. als Ausbildungsort bekannt (2000 fast zwei Drittel der Arbeitsplätze im 3. Sektor).


Literatur
– A. Mayer, «Gesch. von E.», in ThBeitr. 26, 1886, 1-43; 31, 1891, 4-28; 38, 1898, 5-71
– O. Feger, Die reichenau. Herrschaft im Thurgau, 1956
– A. Bosshard et al., E. und Triboltingen, 1988

Autorin/Autor: Verena Rothenbühler