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No 4

Dunant, Henry

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geboren 8.5.1828 Genf,gestorben 30.10.1910 Heiden, ref., von Genf, 1859 in Frankreich eingebürgert. Sohn des Jean-Jacques, Kaufmanns, und der Anne Antoinette geb. Colladon. Bruder des Pierre-Louis ( -> 6). Ledig. Mit 14 Jahren verliess D. das Gymnasium. 1849 arbeitete er als Lehrling, später im Angestelltenverhältnis bei den Geldwechslern Lullin und Sautter. Aus Mitgefühl mit den Notleidenden engagierte sich D. unter dem Einfluss des Genfer Réveil in philanthrop. und religiösen Bewegungen. 1852 rief er in Genf den Christlichen Verein Junger Männer ins Leben und beteiligte sich 1855 an der Schaffung des Weltbundes der Christlichen Vereine Junger Männer. Als Angestellter der von Lullin und Sautter mitbegründeten Compagnie genevoise des colonies suisses de Sétif war D. ab 1853 in Algerien tätig. Er beschloss, daneben ein eigenes Unternehmen aufzubauen und gründete 1858 die Mühlengesellschaft von Mons-Djémila. D. wollte Napoleon III. seine Projekte in Algerien persönlich vorstellen und folgte ihm nach Italien, wo er 1859 mit Schrecken die Auswirkungen der Schlacht von Solferino zur Kenntnis nehmen musste. Nach Genf zurückgekehrt, schrieb er "Eine Erinnerung an Solferino" (franz. 1862, dt. 1895), worin er dazu aufrief, in allen Ländern Europas Hilfsgesellschaften für Verwundete zu schaffen und "gestützt auf einen vertragsmässig festgelegten und unantastbaren internat. Grundsatz" freiwillige Helfer und militär. Sanitäter zu schützen. Auf Veranlassung von Gustave Moynier, dem Präsidenten der Genfer Gemeinnützigen Gesellschaft, wurde im Febr. 1863 das Comité international de secours aux militaires blessés ( Rotes Kreuz) gegründet, in dem D. Sekretär war. Nach dem Kongress über Statistik in Berlin vom Sept. 1863 forderte D. im Hinblick auf eine im Oktober stattfindende internat. Konferenz in Genf in einem Memorandum einen neutralen Status für Verwundete und Sanitätspersonal in Kriegszeiten. Im März 1864 gründete er das Genfer Rote Kreuz und erwirkte später mit Unterstützung Napoleons III. in Paris die Schaffung der franz. Hilfsgesellschaft für Verwundete. An der im Aug. 1864 vom Bundesrat in Genf einberufenen diplomat. Konferenz wurde, einem weiteren Wunsch D.s entsprechend, die erste Genfer Konvention verabschiedet. D. reiste durch Europa, um für die Ideale des Roten Kreuzes zu werben. Seine Geschäfte in Algerien liefen aber zusehends schlechter und die im April 1867 erfolgte Auflösung des daran beteiligten Crédit genevois, dessen Verwaltungsrat D. angehörte, führte zu einem Skandal. Im Aug. 1867 wurde D. zum Rücktritt aus dem Comité international aufgefordert.

Im März 1867 verliess D. Genf für immer. Er verstärkte seine Aktivitäten, baute seine Beziehungen in Paris und England aus, arbeitete an der Ausweitung der Genfer Konvention auf die Seeleute und gründete eine Gesellschaft zur Verbesserung des Loses der Kriegsgefangenen. Während der Belagerung von Paris 1870-71 half er der Zivilbevölkerung und bemühte sich um Gefangenenbesuche und um die Freilassung von Geiseln. Daneben engagierte er sich u.a. für den Zionismus und für das Bildungswesen (Projekt einer internat. Universalbibliothek). Nach seinem finanziellen Ruin lebte D. in bitterer Not. Dank einer von seinem Onkel bezahlten jährl. Rente konnte er sich 1887 in Heiden niederlassen, zunächst in der Pension Paradis, ab 1892 in der Klinik des Arztes Hermann Altherr. Dort machte ihn 1895 der Journalist Georg Baumberger ausfindig, der mit seinen Artikeln in der schweiz. und in der deutschen Presse eine grosse Welle der Sympathie auslöste, was zahlreiche Besuche, Hilfsangebote und Auszeichnungen zu Folge hatte. 1897 wurde D. vom Bundesrat der Binet-Fendt-Preis verliehen, 1901 erhielt er gemeinsam mit dem franz. Pazifisten Frédéric Passy den Friedensnobelpreis. In seinen letzten Jahren verfasste er einen Friedensappell, der unveröffentlich blieb, sowie eine Geschichte über die Anfänge des Roten Kreuzes. Diese wurde von D.s Freund Rudolf Müller ins Deutsche übersetzt und 1897 publiziert. Als vielschichtige Persönlichkeit wurde D. sowohl geehrt wie auch verschmäht.


Werke
Un souvenir de Solférino, 1862, (zahlreiche Neuaufl., darunter 7 zu D.s Lebzeiten; übersetzt in 21 Sprachen)
Archive
– AEG
– BPUG
Literatur
– A. François, «Un grand humanitaire», in Revue internationale de la Croix-Rouge, März 1928, 203-244
– W. Heudtlass, J. Henry D., Gründer des Roten Kreuzes, Urheber der Genfer Konvention, 1962
– P. Boissier, «Henry D.», in Revue internationale de la Croix-Rouge, Aug. 1974, 443-464
Bulletin de la Société Henry D., 1975-
– J.-D. Candaux, «Pour une nouvelle lecture des "Mémoires" d'Henry D.», in SZG 28, 1978, 72-96
Henri D. e le origini della Croce Rossa, hg. von L. Firpo, 1979
– J. Pous, Henry D., l'Algérien ou le mirage colonial, 1979
– G. Mützenberg, Henry D., le prédestiné, 1984
– A. Durand, «L'évolution de l'idée de paix dans la pensée d'Henry D.», in Collection Henry D., 1988
De l'utopie à la réalité, hg. von R. Durand, 1988
– R. Durand, Henry D. und die Ostschweiz, 1992

Autorin/Autor: Jean de Senarclens / EM