No 16

Stadler, Josef Anton

geboren 9.2.1661 Rothenthurm, gestorben 17.9.1708 Schwyz, kath., Landmann von Schwyz. Sohn des Mathias, Ratsherrn und Wirts, und der Eva Maria Belmont. Bruder des Chrysostomos ( -> 5). ∞ 1) Marianna Elisabetha Egger genannt Schwyzer, 2) Maria Anna Schuler. 1678 Novize im Kloster St. Gallen. 1686 wurde S. Lehenvogt am Hof des Abts von St. Gallen, verlor aber 1688 diese Stelle wegen Beteiligung an einer Entführungsgeschichte. S. übernahm anschliessend das väterl. Wirtshaus in Rothenthurm und wurde 1689 Schwyzer Ratsherr. 1694 zum Landvogt in Uznach gewählt, trieb er dort mehrere Hexenprozesse voran. Er setzte sich 1700 für den Bau einer neuen Kirche in Rothenthurm ein. Im sog. Toggenburgerhandel machte er sich zum Fürsprecher der sich der fürstäbt. Herrschaft widersetzenden Toggenburger, denen viele Schwyzer Landleute Sympathien entgegenbrachten, und gleichzeitig zum Wortführer der schwyz. Opposition gegen das eigene aristokrat. Regime, das in der Toggenburger Frage eher auf der Seite des Fürstabts stand. Seine Verratsklagen gegen die sog. Klosterpartei führten zur Bestrafung des Landammanns Johann Dominik Betschart, dem die Regimentsfähigkeit aberkannt wurde, und des Landschreibers. Die angespannte Lage seiner Privatfinanzen zwang S. dann zur Annahme der Landvogteistelle im Rheintal, die er 1704-06 innehatte; während seiner langen Abwesenheiten entglitt ihm die Meinungsführungschaft bezüglich der Toggenburgergeschäfte in Schwyz. Nachdem sich das ref. Zürich der Toggenburger angenommen - auch dabei soll S. mitgewirkt haben - und das konfessionelle Moment des Konflikts damit an Bedeutung gewonnen hatte, wandte sich die Stimmung unter den Landsleuten gegen die sog. Stadlerpartei. An den Landsgemeinden vom 15.1. und 26.3.1708 erhob die wiedererstarkte aristokrat. Partei schwere Vorwürfe gegen S. Der Verstoss gegen das am 10.6.1708 erlassene Verbot, mit den abtrünnigen Toggenburgern in Kontakt zu treten, führte schliesslich zu S.s Untergang: Auf dem Rückweg von einer Reise in die Ostschweiz wurde S. in Lachen verhaftet und aus dem Schwyzer Landrat ausgestossen. In der Gerichtsverhandlung am 17. Sept. wurde er wegen Störung des allg. Friedens, Fälschung von Landsprotokollen und Treulosigkeit als Abgesandter angeklagt und zum Tod verurteilt; das Urteil wurde noch am gleichen Tag durch Enthauptung vollzogen. Eine Eskalation der darauf ausbrechenden Unruhen konnten die Behörden verhindern, die mit einer Flut von Prozessen die Führer der Stadlerpartei verfolgten. Dass es sich bei der Verurteilung S.s um einen Justizmord handelte, war schon damals offensichtlich; jede Kritik am obrigkeitl. Urteil blieb jedoch untersagt.


Archive
– StASZ, Personalakten S.
Literatur
– K. Michel, «Volkspartei wider die führenden Fam.: der Stadlerhandel von 1708», in Schwyzer H. 90, 2007, 39-43
– F. Brändle, «Der demokrat. Bodin. Joseph Anton S.: Wirt, Demokrat, Hexenjäger», in SZG 58, 2008, 127-146
– F. Brändle, «"Es seye ja grad gleich, die Toggenburger singen die psalmen oder sye bettens, sye bettens oder sye blärents". Macht, Konfessionalismus, Opposition und Toleranz in Schwyz 1650 bis 1712», in SZRKG 104, 2010, 307-334

Autorin/Autor: Franz Auf der Maur, Kaspar Michel