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Frauenfeld

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Polit. Gem. TG, Kantonshauptort und Hauptort des gleichnamigen Bezirks, beidseits einer Doppelschleife der Murg an der Verkehrsachse Zürich-Konstanz gelegen. Die polit. Gem. F. umfasst die Altstadt, die Ergaten-Vorstadt im Westen, die Obere Vorstadt im Osten, seit 1919 die früheren Ortsgem. Langdorf, Kurzdorf, Huben, Herten und Horgenbach sowie seit 1998 die frühere Ortsgem. Gerlikon und die von der früheren Ortsgem. Oberwil abgetrennten Ortsteile Zelgli und Schönenhof. 1246 Vrowinvelt.

Bevölkerung Frauenfeld
JahrEinwohner
im MA 80-120 Hofstätten
1443113 steuerpflichtige Haushalte

Jahr18501870a18881900191019301950197019902000
Einwohner3 4445 1225 9967 7618 4598 79511 11417 57620 20421 954
Sprache          
Deutsch  5 9377 4708 0458 52310 53514 29116 37718 295
Italienisch  322103271824052 4821 5201 036
Andere  278187901748032 3072 623
Religion, Konfession          
Protestantisch2 8454 0304 4425 5635 9796 2647 5479 6899 9159 729
Katholischb5991 0791 5192 1882 3792 4753 4727 5588 3928 239
Andere 29351010156953291 8973 986
davon jüdischen Glaubens  56711121326118
davon islamischen Glaubens       815141 043
davon ohne Zugehörigkeitc       748021 585
Nationalität          
Schweizer3 2844 7815 3956 5567 1287 94110 37813 76515 64416 616
Ausländer1603576011 2051 3318547363 8114 5605 338

a Einwohner: Wohnbevölkerung; Religion, Nationalität: ortsanwesende Bevölkerung

b 1888-1930 einschliesslich der Christkatholiken; ab 1950 römisch-katholisch

c zu keiner Konfession oder religiösen Gruppe gehörig

Quellen:Autoren; eidg. Volkszählungen

1 - Von der Frühgeschichte bis zum Ende des Ancien Régime

Die Gräber östlich von Langdorf als älteste Siedlungszeugnisse stammen aus der Latènezeit. Die Römerstrasse von Oberwinterthur nach Pfyn verlief im Gebiet der heutigen Allmend, zwei röm. Villen standen in Thalbach und Oberkirch. Die Villa in Oberkirch scheint zum Kristallisationspunkt der späteren Besiedlung geworden zu sein. Auf ihren Überresten wurden ein frühma. Friedhof angelegt und vermutlich spätestens im 9. Jh. die Kirche Oberkirch errichtet. Vielleicht infolge einer königl. Schenkung des 9. Jh., sicher aber im 13. Jh. gehörte die Umgebung des späteren F. als Teil des Dinghofs Erchingen (heute Lang- und Kurzdorf) zur umfangreichen Reichenauer Grundherrschaft zwischen Eschikofen und Gachnang. Mit dem Haupthof, über zwölf Hufen, mindestens einer Mühle und wohl auch der Kirche in Oberkirch bildete Erchingen einen auch im 13. Jh. noch vergleichsweise geschlossenen Meierhofkomplex. Dieser wurde von den 1270er Jahren an von den Habsburgern bevogtet.

Im Gebiet des Dinghofs fand ab dem späten 12. Jh. eine Herrschaftsverdichtung statt: In Kurzdorf entstand eine Oberkirch unterstellte Kirche. Spätestens gegen Ende der 1220er Jahre begann im Gebiet der späteren Stadt F. der Bau des noch erhaltenen (Schloss-)Turms, der wahrscheinlich mit der Schlossmühle und einer Burgkapelle einen weiteren Herrschaftskern bildete. Auf Reichenauer Grund und in unmittelbarer Nähe zur Burg entwickelte sich vermutlich ab dem 2. Drittel des 13. Jh. allmählich die Siedlung F. Besiedelt wurde das spätere Stadtgebiet zur Hauptsache von Reichenauer Hörigen und einigen nach Reichenau und zunehmend auch nach den Häusern Kyburg bzw. Habsburg orientierten ritterl. Geschlechtern. 1246 bezeichnete sich ein Ritter mit Beziehungen zum Kyburger Umfeld erstmals nach F. In den nächsten drei Jahrzehnten sind mehrere Ritter aus dem Kyburger Umfeld belegt, die sich nach F. benannten. Unklar ist, ob es sich jeweils um die Bewohner der Burg F., um adlige Besitzer von Häusern in der Siedlung F. oder um die Verwalter der Vogtei F. handelte.

1286 ist F. erstmals als Stadt bezeugt, die spätestens zu diesem Zeitpunkt in die habsburg. Landesherrschaft integriert war. Der Turm befand sich danach für längere Zeit in den Händen der Ritter von F.-Wiesendangen. Die politischen, sozialen und wirtschaftl. Hintergründe der Stadtwerdung vor 1286 sind unklar: Beziehungen der frühen Vögte von F. zu Kyburg bzw. Habsburg sind nicht nachgewiesen. Ebenso wenig sind Kyburger Herrschaftsrechte über F. bezeugt. Es ist deshalb unsicher, ob die Stadt wirklich von den Kyburgern unter stillschweigender Zustimmung Reichenaus gegründet worden ist, wie dies die ältere Literatur vermutet. Es ist ebenso gut denkbar, dass die Burg und vielleicht eine kleinere Vorburgsiedlung von dritter Seite (auf einer älteren Herrschaftsanlage?) erbaut wurden, etwa von Adligen aus dem Umfeld der Toggenburger, den von Murkart oder von Hagenbuch. Als diese in den 1220er Jahren ihren Einfluss im unteren Murgtal verloren, gelang es den Kyburgern und später den Habsburgern allmählich, die Kontrolle über die Reichenauer Vogteirechte und die Bewohner der Burg zu erlangen. Die Förderung der Stadtwerdung F.s ab den 1250er Jahren diente in diesem Zusammenhang der herrschaftl. Verdichtung und der adligen Gefolgschaftsbildung. Die Stadt war im 14. Jh. in das habsburg. Amt Kyburg integriert, von wo aus das Amt F. verwaltet wurde. Die Burg F. übernahm erst gegen Ende des 14. Jh. vorübergehend die Funktionen einer landesherrl. Zentralburg, als Kyburg verpfändet war, die Habsburger ihre Position im Thurgau zu konsolidieren suchten und die Burg F. an eines der bedeutendsten Geschlechter des habsburg. Landadels im Thurgau, die Landenberger, überging (bis 1534). Nachdem F. 1415-42 unter der Schirmherrschaft eines Reichslandvogtes gestanden hatte, fiel die Stadt vorübergehend nochmals an Österreich und 1460 definitiv an die sieben eidg. Orte. Unter diesen entwickelte sie sich in Anlehnung an die österr. Verhältnisse und vielleicht auch aufgrund gewisser Eigenheiten des thurg. Militäraufgebots allmählich zum Zentrum, von welchem aus die Eidgenossen den Thurgau verwalteten. Bis 1500/15 und wieder ab 1712 war sie Tagsatzungs-, ab 1499 Landgerichtsort. Von 1504 an residierte der thurg. Landvogt in F. (ab 1532 auf dem Schloss). Er hatte F. zu beschirmen, das im Übrigen den sieben eidg. Orten direkt unterstellt war.

Im Rahmen dieses herrschaftl. Wandels hatte sich die einstige Burgvorstadt bereits im 13. Jh. zur vorerst nur schwach befestigten Landstadt entwickelt. Durch Mauer und Graben von der Burg getrennt, gruppierten sich die Holzhäuser um die zwei Längs- und drei Quergassen. Ein dominierender Platz fehlte. Nach aussen prägten neben der Burg das Niedertor und der Strasshof die Südwestecke, Kirche und Oberturm die Nordwestecke, der sog. Gachnanger Stock die Nordost- und der Spiegelhof mit dem Holdertor die Südostecke. Im 15. Jh. dürfte die Stadt allmählich befestigt worden sein, wobei aber noch 1460 die Häuserreihen der äussersten Zeilen nicht geschlossen waren. Im 16. Jh. wurden dann die meisten Häuser der Stadt aus Stein gebaut. Die beiden Stadtbrände von 1771 und 1788 zerstörten fast alle Häuser, so dass das heutige Gesicht der Altstadt am Ende des 18. Jh. geprägt wurde.

F. konnte über seine Bedeutung als Sitz der Landvögte hinaus im MA nur wenige zentralörtl. Funktionen übernehmen: Das erstmals 1296 erwähnte Stadtgericht vermochte bis 1368 seine ursprünglich niedergerichtl. Kompetenzen auf Frevel- und Blutgerichtsfälle auszudehnen. Im 15. Jh. erwarb F. neben einzelnen Vogteien mehrere umliegende Höfe und insbesondere Waldungen und erweiterte das Hoheitsgebiet über seine Vorstädte hinaus nach Kurzdorf, Felben, Strass, Gerlikon, Nieder- und Oberwil. Ab 1508 ist ein Spital, nach 1540/43 ein Siechenhaus belegt. Auch in kirchl. Hinsicht war F. nicht besonders bedeutend: Die Investitur der Kleriker an der seit 1286 belegten Stadtkirche blieb formell bis zur Reformation Kompetenz Reichenaus. Bis 1595 (Kapuzinerkloster) wurde in der Stadt keine religiöse Gemeinschaft sesshaft.

Die Gemeindebildung F.s wird im späten 13. Jh. in den Quellen fassbar. Ab 1312 wurde F. nachweisbar von einem durch die Landesherrschaft eingesetzten Vogt und einem aus drei Mitgliedern bestehenden Rat regiert. Parallel zur sinkenden Bedeutung des landesherrl. Vogtes und mit der Zunahme von Dienst- und Verwaltungsfunktionen der Einwohner F.s für den thurg. Landvogt verselbstständigte sich der Rat. Spätestens vom 2. Viertel des 15. Jh. an wählte die Bürgerschaft unter der Leitung des Stadtvogts einen Dreierrat, bestehend aus dem Schultheissen und zwei Räten. Dieser ergänzte sich mit 8-9 Männern zum Kl. Rat, der dem Dreierrat Gehorsam schuldete. 1513 wurde ein neues Rathaus gebaut, und seit 1534 sind Ratsprotokolle überliefert. Diese gewähren Einblick in die Tätigkeit der Stadtbehörden: Der wöchentlich tagende Kl. Rat als oberstes Polizei- und Verwaltungsorgan konnte bei schwierigen Rechtsfällen, z.B. bei eingreifenden Veränderungen der Gemeindegüter, den Gr. Rat einberufen, der sich aus dem Kl. Rat und 18 von diesem ausgewählten Männern zusammensetzte. Eigentl. Leitungsorgan blieb aber der Dreierrat, dem zugleich Exekutiv- und Judikativkompetenzen zustanden. 1712 wurde die konfessionelle Parität im Zwölferrat durch ein Verhältnis von acht Reformierten und vier Katholiken ersetzt. Im Gefolge dieser Umwandlungen zogen sich die Katholiken bis 1720 aus allen städt. Ämtern zurück.

Die Reformation erschwerte im Falle F.s den weiteren Gemeindebildungsprozess. Obwohl 1531 nur noch etwa 70 Altgläubige in der Stadt lebten, setzten die katholischen unter den regierenden eidg. Orten durch, dass der kath. Anteil in den Frauenfelder Behörden nie unter 33% sank und die beiden Konfessionen alternierend den Schultheissen stellen durften. Für Kirchenbelange bestanden je ein evangelischer und ein katholischer Gr. und Kl. Rat, welche auch die Aufsicht über die beiden Schulen der Stadt wahrnahmen. Die Stadtkirche und die Kirche in Oberkirch waren vorerst paritätisch, wobei die Evangelischen von 1537 an ihren Pfarrer selbst wählten. Erst 1645 entstand die neue evang. Stadtkirche.

Die Zusammensetzung der Stadtbevölkerung war bis ins 15. Jh. raschen Veränderungen unterworfen: Innerhalb von 30 Jahren tauchen in den Steuerlisten des 15. Jh. 50% neue Geschlechter auf; ab 1460 sind adlige, geistl. und nichtadlige Ausbürger belegt. Im MA und auch in der frühen Neuzeit war F. eine ländlich anmutende Stadt, deren Einwohner zum überwiegenden Teil von der Landwirtschaft lebten. Spätestens nach etwa 1340 galt dies auch für die Oberschicht, als sich diese allmählich von den habsburg. Verwaltungsdiensten löste und vermehrt Einkünfte (Rentenpacht?) aus Reichenauer Lehen erwarb. Vor 1440 gründete dieses Stadtpatriziat die Konstablergesellschaft. 1424 schlossen sich auch die übrigen Bürger zu einer Gesellschaft mit Trinkstube zusammen. Ein einflussreiches, zünftisch organisiertes Handwerk vermochte sich im MA nicht herauszubilden. Dazu fehlten entscheidende Voraussetzungen wie Marktrechte (erst 1492 belegt, 1568 folgte das Recht auf den Neumarkt) und Zollprivilegien (ab 1538 vorhanden und nie sehr lukrativ). Die Lage an der Verbindung Zürich-Konstanz scheint F. ebenfalls keine nennenswerten wirtschaftl. Impulse gegeben zu haben. Indiz dafür ist auch die späte Erwähnung der Brücke über die Murg im frühen 16. Jh.

In der frühen Neuzeit schlossen sich das Verwaltungspatriziat neuen Zuschnitts, das im Dienst der eidg. Landvögte mannigfaltige Karrieremöglichkeiten fand, und insbesondere die Stadtbürgerschaft als Ganzes nach aussen ab. Die Mitglieder der Oberschicht richteten sich nun stark auf Verwaltungsdienste der sieben eidg. Orte aus und kamen teilweise zu päpstl. oder kaiserl. Adelsbriefen. Anfang des 16. Jh. begann die Stadtbürgerschaft Einzugsgelder zu erheben. Ab 1580 erschwerte sie den Erwerb des Ausbürgerstatus. 1606 wurde das offenbar früher ausgesprochene Einbürgerungsverbot erneuert. Ansassen belastete ein sog. ewiges Zugrecht (Vorkaufsrecht der Stadtbürger) und das Verbot, gewisse Gewerbe zu ergreifen, welche schon von Bürgern ausgeübt wurden. 1642 schlossen sich die Trinkstuben der Konstabler und der Bürger zur neuen Konstablergesellschaft zusammen, die nun auch Aufgaben im Bereich der Handwerkerlehre übernahm. Ab 1685 entstanden schliesslich 16 Zünfte, deren Zielsetzung primär die Ausschaltung auswärtiger Konkurrenten war. Diese Abschliessung behinderte im 18. Jh. die frühe Industrialisierung im Stadtgebiet stark und beschränkte sie auf einige in den Vorstädten domizilierte Seidenindustrie-Betriebe.

Autorin/Autor: Erwin Eugster

2 - Vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart

Im 18. Jh. war F. häufig Sitz der Tagsatzung. Die helvet. Verfassung von 1798 bestimmte F. zum Hauptort des aus der Gemeinen Herrschaft der acht alten Orte entlassenen Kt. Thurgau. Der Führungsanspruch des nahe der Grenze zum Kt. Zürich gelegenen ehemaligen Landvogteisitzes war jedoch umstritten: Neben Winterthur und Konstanz, die sich um 1800 gerne an der Spitze des neuen Kantons gesehen hätten, erwuchs F. in Weinfelden, das im geogr. Zentrum des Kantons liegt und an der Spitze der thurg. Freiheitsbewegung stand, eine heftige, bis heute spürbare Konkurrenz, weshalb z.B. das Kantonsparlament seit 1832 im halbjährl. Wechsel in F. und in Weinfelden tagt. Mit dem polit. Umbruch um 1800 öffnete sich die Stadt: 1807 erfolgte die Öffnung des Bürgerrechts, 1808-34 der Abbruch der Stadttore, 1807 wurde die Casinogesellschaft gegründet, 1808 die Ökonom. Gesellschaft und 1810 wurde die 1798 aufgelöste Konstablergesellschaft neu gegründet. 1798 erschien das "Wochenblatt für den Kanton Thurgau" (seit 1809 "Thurgauer Zeitung"). 1813-16 liess Bernhard Greuter, der ab 1805 in F. eine Filiale seiner Islikoner Textilfärberei betrieb, den Stadtgraben auffüllen und die Promenade anlegen - ein Symbol für die Etablierung einer bürgerl. Öffentlichkeit in der Kleinstadt, die während der Helvetik von militär. Besetzung, Requisitionen und 1799 einer Schlacht betroffen gewesen war.

Die definitive Einteilung der Munizipalgemeinde F. und der sechs dazugehörigen Ortsgemeinden F., Langdorf, Kurzdorf, Herten, Horgenbach und Huben erfolgte 1812. Trägerin des polit. Lebens in der Stadt blieb vorerst die Bürgergemeinde. Ab den 1830er Jahren erhielt sie durch die Ansassenversammlung bzw. die Ortsgemeinde wachsende Konkurrenz. 1849 wurden der Stadt die Weiler Aumühle und Schönenhof zugeschlagen. 1854 gab sich die Ortsgemeinde erstmals Statuten, 1859 regelte sie gemeinsam mit der Bürgergemeinde das gegenseitige Verhältnis, und 1871 trat sie definitiv die polit. Rechtsnachfolge der Bürgergemeinde an. Letztere konnte bei der Ausscheidung der Gemeindegüter ihr Vermögen und ihren Besitz grösstenteils bewahren - u.a. das 1793 von Joseph Purtscher erbaute, 1900-06 und 1980-83 umfassend restaurierte Rathaus. Aufgrund ihres Vermögens und ihrer Institutionen (z.B. dem 1957 eröffneten Altersheim Stadtgarten) sowie als Organisation der einheim. Elite geniesst die Bürgergemeinde, eine öffentlich-rechtl. Korporation, bis in die Gegenwart beachtl. Einfluss.

1919 wurden die Munizipalgemeinde und die sechs Ortsgemeinden zur sog. Einheitsgemeinde vereinigt. "Gross-F." wurde nun von einem im Majorzverfahren gewählten Gemeinderat mit 19 Mitgliedern bzw. der vorberatenden gemeinderätl. Kommission mit fünf Mitgliedern regiert; 1922 löste die Urnenabstimmung die Gemeindeversammlung ab. Die Gemeindeordnung von 1946 schuf als Legislative den Gemeinderat mit 40 im Proporzverfahren gewählten Mitgliedern und als Exekutive den fünfköpfigen Stadtrat; 1979 und 1995 wurde die Gemeindeordnung revidiert.

An den Gewerbekanälen der Murg entstanden im 19. Jh. zwei grössere Industrieareale. 1835 erwarben Bernhard Greuters Söhne das rechtsufrige Schlossmühleareal, verlegten den Hauptsitz ihrer Firma nach F. und bauten die sog. Rotfarb zu einem Grossbetrieb aus, der um 1865 gegen 600 Personen beschäftigte. Nach der Betriebsschliessung 1881 richteten die Gebrüder Brauchlin aus Wigoltingen eine Schuhfabrik ein (1890-1931); seither wird das Areal von Industrie, Gewerbe, Verwaltung und Vereinen genutzt. Auf der linksufrigen Ebene im Murgbogen wurden bis um 1850 Tücher gebleicht; danach betrieb Michael Maggi die dortige Neumühle. 1867 übernahmen Friedrich von Martini und Heinrich Tanner die Mühle und verlegten die 1860 gegründete Maschinenbauanstalt ins Bleicheareal. Mit der Herstellung von Falz- und Heftmaschinen, Stickmaschinen, Gasmotoren, Schrauben, Gewehren, Automobilen u.a. erlangte die Firma Martini bis zu ihrem Verkauf 1906 internat. Ansehen; aus ihr gingen das Eisenwerk F. (1908-83), die Autofabriken in F. (bis 1916) und Saint-Blaise (bis 1934) sowie die noch heute bestehende Buchbindereimaschinenfabrik in Felben-Wellhausen hervor.

Um 1900 war die Munizipalgemeinde mit über 1'400 Fabrikarbeitsplätzen ein regionales Industriezentrum; allein Brauchlin und Martini beschäftigten zusammen ca. 750 Personen. Mehr als 100 Beschäftigte zählten die drei Textilfabriken Altermatt, Zwicky und Murkart. Bedeutende Wachstumsbranchen waren die Nahrungs- und Genussmittelindustrie (z.B. 1897 Konservenfabrik Sulzberger, heute Hero) sowie die Metall verarbeitende Industrie. Auch im 20. Jh., als in Langdorf (auch F.-Ost) und in Kurzdorf neue Industriequartiere entstanden, konnte sich der 2. Sektor (1941: 66%; 1980: 47%; 2000 26%) noch lange behaupten. Überregionale Bedeutung erlangten Verlag und Druckerei Huber, die Schleifmittelfabrik SIA, der in der ehemaligen Walzmühle (1832-72) produzierende Aluminiumwarenhersteller Sigg, die Metallbaufirma Tuchschmid, die Chemiefirma Tanner (1887-1991), die Baumer Electric (seit 1952) und die Zuckerfabrik (seit 1963). Zum industriellen Aufschwung trugen neben der Wasserkraft der Murg auch die Bahnlinien Zürich-Romanshorn (1855) und F.-Wil SG (1887) bei. Mit dem Bau des Gaswerks (1878), des Wasserwerks (1885-89) und des Elektrizitätswerks (1907) wurde eine moderne städt. Infrastruktur geschaffen, in die Kurz- und Langdorf einbezogen waren, während Herten, Horgenbach und Huben ihren bäuerl. Charakter bis weit ins 20. Jh. hinein bewahrten.

Wichtige Impulse erhielt F. durch den von der Bürgergemeinde finanzierten Bau der Kaserne (1862-65) und den eidg. Artilleriewaffenplatz in der Thurebene (Grosse Allmend). Die Einwohnerzahl der Munizipalgemeinde wuchs 1860-70 um knapp ein Drittel, und für Handwerk und Gewerbe war die Armee ab diesem Zeitpunkt ein regelmässiger Auftraggeber. Angesichts der hohen finanziellen Belastung verkaufte die Bürgergemeinde die Kaserne 1886 der Eidgenossenschaft, 1931-33 wurde das Gebäude erweitert. Dieses wurde durch die Kaserne Auenfeld ersetzt, deren Bau in fünf Etappen zwischen 1983 und 2000 erfolgte. Die wirtschaftl. Bedeutung des in jüngster Zeit vom Stellenabbau betroffenen Waffenplatzes (Armeereform), der trotz gelegentl. Konflikte, z.B. anlässlich seiner Erweiterung 1953, im Allgemeinen auf Wohlwollen stiess, spiegelt sich u.a. im quantitativ bedeutenden Gastgewerbe.

Trotz beachtl. Fabrikindustrie und obwohl sich das kant. Arbeitersekretariat seit 1909 in F. befindet, galt die Stadt nie als Arbeiterstadt; anders als in Arbon, Kreuzlingen oder Weinfelden wurde in F. kaum je gestreikt. Neben dem starken Gewerbe und der Präsenz der Armee lag dies v.a. an der Funktion als Kantonshauptort. Die ab 1803 aufgebaute kant. Verwaltung war so klein, dass sie bis zum Bezug des 1868 von Johann Joachim Brenner erbauten Regierungsgebäudes in bestehenden Gebäuden wie der ehemaligen Landschreiberei und dem Schloss (1803-67 und seit 1955 in kant. Besitz) untergebracht werden konnte. Bei der Einrichtung von kant. Anstalten wie dem Spital (Münsterlingen), dem Lehrerseminar (Kreuzlingen), der Kantonalbank (Weinfelden) und dem Elektrizitätswerk (Arbon) wurde der Hauptort vorerst nicht berücksichtigt. Dennoch lebten in F., dem Sitz der Regierung und der Gerichte, eine stattl. Zahl von Juristen, Lehrern, Ärzten und Pfarrern, wozu auch Vereine wie die Gemeinnützige Gesellschaft, Institutionen wie die thurg. Hypothekenbank (1852) und die Kantonsschule (1853) sowie die Kirchen beitrugen. Diese stärkten das bürgerl. Element, sodass F. zumeist fest in freisinniger Hand war. Nicht zuletzt dank der ital. Zuwanderer gewannen um 1900 allerdings Demokraten, Grütlianer und Katholiken an Einfluss. Letztere setzten 1906 mit dem Neubau der St. Nikolauskirche (Albert Rimli) ein markantes Zeichen ihres erstarkten Selbstbewusstseins. Die Vormacht des Freisinns bzw. des sog. Bürgerblocks wurde einzig in den Gemeindewahlen von 1946 gebrochen, als die Christlichsozialen vorübergehend mit der SP kooperierten.

Das Bevölkerungswachstum zwischen 1950 und 1970 führte zur Erschliessung neuer Quartiere (bzw. zum räuml. Zusammenwachsen der Stadt mit den ehemaligen Ortsgemeinden) und erforderte einen Ausbau der Infrastruktur: 1952 trat die Bauordnung und der Zonenplan in Kraft (1968 Revision), 1959 wurde der Sportplatz gebaut, 1969 die Kläranlage, 1972 die Kunsteisbahn, 1973 das Hallen- und Freibad und 1974 erfolgte der Anschluss an die Erdgasversorgung. Gleichzeitig wurden zahlreiche neue Schulhäuser erstellt. Bei der Integration der Zuzüger sowie im öffentl. Leben allgemein spielten die Vereine eine wichtige Rolle; zu nennen sind die Quartiervereine, die zahlreichen Sport- und Musikvereine und Kulturveranstalter wie die Konzertgemeinde oder der Theaterverein. Die ausländ. Zuzüger kamen bis um 1970 vorwiegend aus Italien, nach 1980 aus Portugal und dem ehemaligen Jugoslawien; sie organisierten sich z.T. in eigenen Heimat- und Kulturvereinen. Überregionale Beachtung fanden regelmässig stattfindende Grossanlässe wie das Pferde-Pfingstrennen (seit 1919), der Militärwettmarsch (seit 1934), das Motocrossrennen (seit 1960) und das Open-Air-Konzert (seit 1987) sowie das 1987 in der umgenutzten Fabrik eröffnete Kulturzentrum Eisenwerk.

Ab 1980 tätigte die Gemeinde mit der Einführung des Stadtbusbetriebs, dem Bau bzw. der Renovation von Altersheimen, der Zusammenlegung der Werkbetriebe und der Sanierung von Freizeitanlagen beträchtliche Investitionen. Das anhaltende Bevölkerungswachstum deutet darauf hin, dass "die Stadt im Grünen" angesichts zunehmender Mobilität, die sich beruflich nach Winterthur und Zürich, kulturell auf die Zentren Zürich, St. Gallen und Konstanz ausrichtet, weiterhin attraktiv ist.

Autorin/Autor: Gregor Spuhler, Beat Gnädinger

Quellen und Literatur

Literatur
– J.A. Pupikofer, Gesch. von F., 1871
– E. Leisi, Gesch. der Stadt F., 1946
Kdm TG 1, 1950, 46-189
INSA 4, 71-162
– D. Berke, H. Ruprecht, F., 1991
F. in alten Drucken, 1996
– B. Gnädinger, G. Spuhler, F., 1996
Hist. Städteatlas der Schweiz: F., 1997
– A. Hux, Von der Lateinschule zur Oberstufe, 2002
– A. Hux Die kath. Pfarrei F., 2004