04/04/2012 | Rückmeldung | PDF | drucken

Aadorf

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Polit. Gem. TG, Bez. Münchwilen (bis Ende 2010 Bez. Frauenfeld). Die seit 1996 bestehende polit. Gem. A. deckt sich räuml. weitgehend mit der Ende 1995 aufgehobenen Munizipalgem. A., welche die ehem. Ortsgem. A., Aawangen, Ettenhausen, Guntershausen bei Aadorf und Wittenwil umfasste. Nur Heiterschen und Jakobstal (ehem. Ortsgem. Wittenwil) wechselten per 1996 zur polit. Gem. Wängi. A. ist heute ein Industriedorf, zwischen Winterthur und Wil (SG) an der Lützelmurg gelegen. 886 Ahadorf. Ehem. Munizipalgem. A.: 1850 2'205 Einw.; 1910 3'224; 1960 4'106; 1990 6'880. Ehem. Ortsgem. A.: 1831 446 Einw.; 1850 736; 1910 1'524; 1960 2'258; 1990 3'850.

Von Bachwiesen stammen Streufunde aus der Bronze- und der Römerzeit. Flachgräber der Hallstattzeit lagen am Weg nach Elgg und westl. von Bruggwingert. Die Kirche (Alexander-Patrozinium, heutiger Bau von 1863-65), um 840 wohl auf ehem. Reichsgut gegr., wird 886 als Eigenkirche der Gf. im Linzgau erstmals genannt. Der ältere Friedhof (7./8. Jh.) an der Sonnhalde liegt weitab. Gf. Udalrich IV. richtete um 890 zur Pflege seiner Grablege und seines Gedächtnisses eine der Kirche angegliederte Kleriker-Gemeinschaft ein, übertrug diese aber bereits 894/895 dem Kloster St. Gallen. Als dessen Propstei ging sie um 1000 ein. Die Kollatur der als Pfarrei fortbestehenden Kirche kam spätestens 1304 an die Herren von Bernegg, nach 1318 an Hermann von Hohenlandenberg-Greifensee, 1349-50 an das Kloster Rüti (Inkorporation) und nach dessen Säkularisation 1525 an Zürich. Mitten durch die Pfarrei verlief ab 1427 die Hoheitsgrenze der Grafschaften Kyburg und Thurgau (heute Kt. Zürich/Thurgau). Der im Hoch- und SpätMA dominierende Grundherr in A., das Kloster St. Gallen, verkaufte nach wiederholten Verpfändungen 1413 alle grundherrl. Rechte samt Niedergericht dem nahen Kloster Tänikon. 1528-29 wurde die Reformation eingeführt. Im Zuge der Gegenreformation baute Tänikon ab 1608 in A. eine kath. Gem. auf, indem es seine zehn Schupflehenhöfe nur an Katholiken vergab. 1627 wurde mit Zürichs Einwilligung die Messe wieder eingeführt. Erst 1843 ging der Kirchensatz von Zürich an die beiden Kirchgem., und 1844/51 erfolgte die Teilung des Kirchenguts. Der simultane Gebrauch der Kirche durch Katholiken und Protestanten dauerte bis zum Bau einer ref. Kirche 1954-59. 1974 wurde die Kantonsgrenze zur Grenze zwischen den ref. Kirchgem. A. und Elgg. Die Kirchgem. A. verlor dadurch Hagenbuch, Egghof und Haggenberg an Elgg.

Die Offnung von 1469 hielt erstmals die Rechtsverhältnisse in der Dorfgem. A. fest. Diese begann sich bereits 1548 mittels eines Einzugsbriefs gegen Fremde abzuschliessen. Von der 2. Hälfte des 17. Jh. bis 1820 gab es keine Neuaufnahmen ins Bürgerrecht mehr. Die steigende Anzahl Ansassen im 19. Jh. führte 1871 zur Scheidung von Orts- und Bürgergem. (Korporation). In A. betrieb man Ackerbau in Dreizelgenwirtschaft, Hanf- und Flachsbau sowie Rebbau (Blüte im 17. Jh.), aber wenig Handwerk. Mit der im frühen 19. Jh. einsetzenden Intensivierung der Feldgraswirtschaft entstanden 1845 eine private, 1878 eine genossenschaftl. Käserei (bis 1984). Die Leih-, Viehleih- und Sparkasse Aadorf ging 1872-73 aus der Fusion zweier 1852 mit Garantie der Bürgergem. gegr. Spar- und Kreditinstitute hervor; ihr Konkurs 1910 schädigte die Bürgergem. schwer. Die gute Verkehrslage an der alten Landstrasse Zürich-St. Gallen, seit 1855 an der Bahnlinie und heute auch an der Autobahn A1 begünstigte die Industrialisierung stark. Zunächst entstanden an der Lützelmurg eine Spinnerei/Weberei (1825-1930) und die Sulzersche Rotfarb und Kattun-Buntdruckerei (1833-1923). 1870-1930 existierten zahlreiche Stickereibetriebe, 1928-84 eine Strickwarenfabrik. Heute bestehen Betriebe für Sport- und Lederbekleidung. Der Textilindustrie folgten Firmen der Metallbranche, die teilweise aus Gewerbebetrieben hervorgingen: die Rollladenfabrik Griesser (1882) sowie div. Unternehmen für Klima-, Sanitär-, Spül- und Fördertechnik. 1990 zählten 61% der Arbeitsplätze zum 2. Sektor.

1842 hatte die Zürcher Regierung die Grenzen der Zivilgem. Elgg bis an die Kantonsgrenze und damit in den Bann der traditionellen Flurnutzungs-, Kirch- und Schulgem. A. hinein vorgeschoben. Infolge der Industrialisierung an der Lützelmurg entbrannte 1861-69 der Streit um dieses Gebiet, das sog. Aadorfer Feld. Nachdem der Konflikt zugunsten Elggs entschieden war, dehnte sich A. nur noch nach Norden und Osten aus. Um den Industriering (19./20. Jh.) sind seit 1945 Wohnquartiere (Friedau, Unterwieden) entstanden. Der ehem. Dorfkern liegt damit heute am westl. Siedlungsrand.


Literatur
HS II/2, 103-106
– A. Knoepfli, Gesch. von A., 1987
– Meyer, Kirchgem., 93 f.
– K. Sulzer, Vom Zeugdruck zur Rotfärberei, 1991

Autorin/Autor: André Salathé