Romanshorn

Polit. Gem. TG, Bez. Arbon. Das verstädterte Dorf am Bodensee umfasst u.a. die Weiler Holzenstein, Hotterdingen, Reckholdern, Riedern und Spitz, von denen die meisten mit R. zusammengewachsen sind. 1803 wurden die Orts- und die Munizipalgemeinde R. gebildet, die sich 1870 zur Einheitsgemeinde R. vereinigten. 779 Rumanishorn. 1831 1'218 Einw.; 1850 1'408; 1900 4'577; 1950 6'648; 1980 7'893; 2000 9'076. R. war wohl bis Ende des 7. Jh. von Romanen besiedelt. 779 vergabte Waldrata ihren Besitz in R. dem Kloster St. Gallen. Im SpätMA war die Vogtei R. zeitweise im Besitz der von Landenberg (bis 1367). 1455 verkaufte Abt Kaspar von Landenberg den Landbesitz der Stadt St. Gallen, doch die Gotteshausleute erzwangen die gerichtl. Aufhebung des Verkaufs. Das Gericht R. erhielt 1469 von Abt Ulrich Rösch eine Offnung. Bis 1798 besass das Kloster St. Gallen das Mannschaftsrecht, die Appellation und die Huldigung (meist in Täschlishusen bei Häggenschwil); die übrigen Hoheitsrechte gehörten der Landgrafschaft Thurgau.

779 wurde in R. eine Kirche erwähnt. Der 1275 bezeugte Leutpriester hatte eine Pfründe von 16 Pfund inne. 1480 inkorporierte St. Gallen die Kirche (1504 vergrössert). 1525 trat R. geschlossen zur Reformation über. Die eidg. Schirmorte bestimmten 1588, dass der ref. Salmsacher Pfarrer auch R. versehe. R. blieb bis zur Bildung der Kirchgemeinde R.-Salmsach eine Filiale. 1567 setzte der Abt einen kath. Priester ein. Die Katholiken erhielten 1586 das Pfarrhaus und die Pfrundgüter zugesprochen. Durch weitere Begünstigungen nahm die Zahl der Katholiken zu (1588 2 Fam., 1711 36 Fam.). 1829 erfolgte die Renovation der Kirche. Die Reformierten erhielten 1911, die Katholiken 1913 ein neues Gotteshaus (Simultaneität aufgelöst). Wirtschaftlich dominierte der Getreide-, Garten- und Obstbau. Neben Forstwirtschaft und Fischerei wurde bis 1902 auch etwas Weinbau betrieben. Die Dampfschiffe, die ab 1824 verkehrten, legten ab 1832 in R. an (vorher in Uttwil). Erst als der Kt. Thurgau 1840-44 einen Hafen baute und die Postkurse nach Schwaben über R. führten, begann R. zu wachsen. 1855 wurde die Bahnlinie Zürich-R. eröffnet und 1856 ein Telegrafenkabel über den See verlegt. Der Trajektverkehr (Eisenbahnfähren) von Lindau nach R. wurde 1869 aufgenommen, 1945 durch Autofähren erweitert und 1976 eingestellt. 1869 bzw. 1871 nahm die Nordostbahn die Linie Rorschach-R.-Konstanz in Betrieb. 1910 erfolgte die Eröffnung der Bahnstrecke nach St. Gallen. Die günstige Lage zog nach 1850 Gewerbe und Industrie an. Die 1836 gegr. Firma Fatzer stellte anfänglich Schnüre und Seile her. 1895 verlegte sie sich auf die Drahtseilproduktion. 1985 verarbeitete die Firma u.a. 2000 t Stahldraht (85 Beschäftigte). Aus der Apotheke von Max Zeller, der ab 1864 den berühmten Zellerbalsam verkaufte, entwickelte sich die Firma Max Zeller Söhne AG. Der pharmazeut. Betrieb beschäftigte 2008 knapp 100 Mitarbeiter. Das 1892 eröffnete Lager der Eidg. Alkoholverwaltung besass um 1980 ein Fassungsvermögen von 30 Mio. Litern Alkohol (bis 1998). 1904 wurde in R. die Firma Voigt gegründet, die pharmazeut. Produkte weltweit tätiger Firmen ausliefert (2008 ca. 250 Mitarbeiter). Weitere namhafte Unternehmen sind u.a. die Firmen Biro (Kunststoffe), die Maschinenfabrik Hydrel (u.a. Hydraulik, Pneumatik) sowie die Asco Kohlensäure AG. Die Kantonsschule R. nahm 1969 ihren Betrieb auf. 1970 eröffnete der von kant. Frauenverbänden gegr. Verein Thurg. Sprachheilheim (ab 1976 Thurg. Sprachheilschule) ein Haus. R. entwickelte sich nach 1945 zu einer Wohngemeinde, doch gab es 2005 rund 5'300 Arbeitsplätze im Ort, 58% davon im 3. Sektor.


Literatur
– M. Tobler, 1200 Jahre R., 1979
– G. Hilty, «War R. eine rom. Siedlung?», in Annalas 106, 1993, 164-173
– C.H. Köpfer, R. - leben mit der Bahn, 2004
40 Jahre Kantonsschule R., 2009 (KBTG)
– H. Schlieper, Eisenbahntrajekte, 2009, 98-124

Autorin/Autor: Erich Trösch