17/11/2011 | Rückmeldung | PDF | drucken | 

Egnach

Dieser Artikel wurde für die Buchausgabe des HLS mit Bildern illustriert. Bestellen Sie das HLS bei unserem Verlag.

Polit. Gem. TG, Bez. Arbon. Die weitläufige Streusiedlung umfasst die Siedlungszentren E. am Bodensee, Neukirch und Steinebrunn an der Strassenverbindung Amriswil-Arbon sowie 61 Weiler und Höfe. 1155 Egena. 1850 3'344 Einw.; 1860 (nach Abtrennung von Frasnacht) 2'622; 1900 2'755; 1910 3'166; 1950 3'301; 2000 4'153. E. dürfte im 9. Jh. zum Konstanzer Hochstift gehört haben und von der bischöfl.-konstanz. Obervogtei Arbon verwaltet worden sein. Auch das Kloster St. Gallen kam in E. zu Grundbesitz, was zu konkurrierenden Rechtsansprüchen zwischen Abt und Bischof führte (Vertrag 854). Im SpätMA war E. ein bischöfl.-konstanz. Besitzschwerpunkt, was die Kehlhöfe in E., Erdhausen und Wiedehorn (Urbar 1302) belegen. Nach der Eroberung des Thurgaus durch die Eidgenossen 1460 traten die neuen Landesherren den bischöfl. Ansprüchen entgegen. Während die Niedergerichtsbarkeit bis 1798 in den Händen des Bischofs blieb, verlor er 1509 die Hochgerichtsbarkeit an den eidg. Landvogt im Thurgau. Mit der Offnung 1544 erhielt E. ein eigenes niederes Gericht. Kirchlich gehörte es stets zur Pfarrei Arbon. 1515 wurde in der Jakobskapelle in Erdhausen eine Messpfründe eingerichtet, ab 1588 wurden ref. Gottesdienste abgehalten. Die Galluskapelle in Steinebrunn verblieb - nach einer langen Periode der Schliessung - den Katholiken. Die seit 1528 mehrheitlich ref. Einwohner konnten 1727 in Neukirch (vorher Mosershaus) eine Kirche bauen und bildeten fortan die ref. Kirchgem. E. Die kath. Einwohner gehören seit 1872 zur kath. Kirchgem. Steinebrunn. E. war in 13 "Rotten" eingeteilt, die neben der militär. Ausbildung auch Gemeindeaufgaben übernahmen. 1803 wurde die Munizipal- und Ortsgem. E. (Kreis E.) gebildet, Versammlungsort war Neukirch. 1857 trennten sich die Rotten Feilen und Frasnacht (Inner-E.), die an der Bildung der neuen Kirchgem. E. nicht beteiligt waren, von E. ab. 1858 kamen Lengwil und Ballen von der Gem. Roggwil (TG) hinzu. 1870 wurden die räumlich ident. Orts- und Munizipalgem. E. zur Einheitsgem. E. verschmolzen.

Bereits im 18. Jh. setzte der Feldobstbau ein, was dem Gebiet um E. den Namen "Mostindien" eintrug. Um 1850 wurde der traditionelle Ackerbau durch Vieh- und Milchwirtschaft (zahlreiche Käsereien) abgelöst. In E. blühten versch. Zweige der Textilproduktion, im frühen 19. Jh. der Leinwandhandel, um 1900 die Handstickerei und im 20. Jh. die mechan. sowie die Schifflistickerei. Die Eröffnung der SBB-Bahnlinie Romanshorn-Rorschach 1869 und der Bodensee-Toggenburg-Bahn 1910, die beide durch das Gemeindegebiet führen, brachte neue wirtschaftl. Möglichkeiten (1900 Gründung einer Mosterei- und Obstexportgenossenschaft). 2000 stellte der 1. Sektor ca. ein Fünftel, der 2. ca. ein Drittel der Arbeitsplätze in E. Trotz einiger Industriebauten und Wohnquartiere hat E. infolge intensiven Obstbaus seinen ländl. Charakter bis heute behalten.


Literatur
– A. Vögeli, Die evang. Kirchgem. E., 1977
– E. Tanner, Entwicklung, Funktion und Probleme einer Streusiedlung am Beispiel der Gem. E., Diplomarbeit Zürich, Ms., 1983
– W. Koch, Die 68 Höfe, Weiler und Dörfer der Gem. E., 1996

Autorin/Autor: Verena Rothenbühler