20/10/2010 | Rückmeldung | PDF | drucken

Arbon

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Polit. Gem. TG, Hauptort des Bez. A. Bis 1998 Orts- und Munizipalgem. Letztere umfasste die Ortsgem. A. und Frasnacht, somit das Gebiet der neuen polit. Gem. Die Kleinstadt liegt auf einem halbinselförmigen Sporn am Südufer des Bodensees. Ihr ma. Kern schliesst an den spätröm. Kastellbez. mit Schloss und Kirche an. A. wurde im 19. Jh. zum Fabrikort und ist heute wichtigstes Industriezentrum des Oberthurgaus. Der Ortsname Arbona ist verm. kelt. Ursprungs. Um 280 Arbore Felice, ältester schriftl. Beleg im "Itinerarium Antonini", 771 in pago Arbonense. Ehem. Munizipalgem. A.: 1850 927 Einw.; 1870 1'919; 1888 3'073; 1910 10'299; 1941 8'570; 1970 13'122; 1990 12'415. Ehem. Ortsgem. A.: 1824 645 Einw.; 1870 1'396; 1888 2'500; 1910 9'598; 1941 7'897; 1970 12'227; 1990 11'043.

1 - Vorrömische Zeit

Unmittelbar südl. des Städtchens A. erstreckte sich in vorgesch. Zeiten die heute vollst. verlandete Seebucht rund 700 m ins Landesinnere. 1885 wurden in der sog. Bleiche, am Südrand dieser Bucht, Siedlungsreste aufgedeckt, die Jakob Messikommer als neolith. erkannte. Im gleichen Jahr wurden unter seiner Leitung umfangreiche Sondierungen durchgeführt. Eine kleinere Grabung folgte 1925. Die Entsumpfung des Gebiets zwischen Bleiche und Obersteinach führte 1944 zur Entdeckung einer frühbronzezeitl. Siedlungsstelle, die in der Folge durch Karl Keller-Tarnuzzer unter Mithilfe poln. Internierter weitgehend untersucht worden ist. Spätere Grabungen in den 1980er und 90er Jahren trugen zur Klärung der siedlungsgesch. Verhältnisse in der Bleiche bei. So steht heute fest, dass wenigstens zwei Siedlungshorizonte der sog. Pfyner Kultur (1. Hälfte 4. Jt.) vorhanden sind. Eine weitere Dorfsiedlung ist zwischen 3384 und 3370 v.Chr. datiert, also in die bis dahin kaum erforschte Übergangszeit zwischen Pfyner und Horgener Kultur. Grosse wiss. Bedeutung kommt ebenfalls der 1944 entdeckten frühbronzezeitl. Station zu. Eine Neubeurteilung der Funde und Befunde spricht für 2-4 Siedlungsphasen zwischen ca. 1700 und 1500 v.Chr. Was die Hauskonstruktionen anbelangt, so wird heute ebenerdige Pfostenbauweise vertreten. Die durchschnittl. Hausgrundfläche betrug 23 m². Bronzefunde, die 1921 bei Baggerarbeiten im Bereich des alten Hafens gemacht worden sind, deuten zudem auf eine spätbronzezeitl. Siedlung hin. Keramik- und heute nicht mehr lokalisierbare Grabfunde belegen eine latènezeitl. Siedlungstätigkeit.

Autorin/Autor: Albin Hasenfratz

2 - Römische Zeit

Die Gesch. der Ansiedlung Arbor Felix lässt sich vorläufig nur für die spätröm. Zeit näher beschreiben, als das Kastell A. ein Element der Grenzverteidigung des Röm. Reichs war. Der Zeitraum von der röm. Eroberung bis etwa 300 n.Chr. ist dagegen nur durch spärl. Münz- und Keramikfunde dokumentiert. Nach diesen und Aufzeichnungen aus dem 19. und frühen 20. Jh. bestand eine kleinere, zivile Siedlung im Bereich des heutigen Bergliquartiers, westl. des ma. Stadtkerns. Neuere Beobachtungen und Funde in dieser Gegend fehlen zwar, doch gehören 1991 an der Hilternstrasse entdeckte Kalköfen ebenfalls in die Kaiserzeit. Die Lage einer ersten röm. Siedlung auf dem flachen Hügelrücken über dem See war wohl von strateg. und verkehrstechn. Überlegungen bestimmt, doch fehlt bis heute im Raum A. der Nachweis für die vermutete röm. Strasse zwischen Pfyn und Bregenz (A). Besondere Bedeutung hatte das spätröm. Kastell, das in der "Notitia Dignitatum" als Stützpunkt einer Kohorte von Pannoniern genannt ist. 378 n.Chr. zog gemäss Ammianus Marcellinus Ks. Gratianus über A. gegen Osten. Nachdem dieses Kastell lange im Bergliquartier vermutet worden war, wurden erst 1957 auf der Westseite des Schlosses die Fundamente eines Turms entdeckt. Darauf konnten bei Grabungen (1958-62, 1973, 1986, 1990) weitere Teile des Kastells im Bereich des Schlosses und der Martinskirche freigelegt werden: Demnach umfasste es rund 10'000 m² auf der Ostspitze des Stadthügels und reichte bis an das Seeufer. Bis heute sind kurze Abschnitte der urspr. wohl etwa 350 m langen und 2,2-2,5 m dicken Wehrmauer mit Halbrund- und Vierecktürmen im Westen, Norden und Süden nachgewiesen. Im Osten ist dagegen vom Verlauf der Mauer nur wenig bekannt. Teile einer Toranlage wurden im Bereich der Nordmauer aufgedeckt. Gegen Westen wies die unregelmässig angelegte Festungsanlage einen Wehrgraben auf. Von der Innenbebauung waren bis 1986 nur wenige Reste von einfachen Gebäuden zum Vorschein gekommen. Unter der Martinskirche fand sich das Badegebäude der Festung, das als Basis für die sich bis heute folgenden Kirchenbauten diente. Zumindest ein Teil der Bewohner des Kastells wurde im Gräberfeld im Bergli beigesetzt, das bis ins 7. Jh. weiter benutzt worden ist. Das spärl. Fundmaterial aus dem 4. Jh. erlaubt keine sicheren Aussagen über die Erbauungszeit der Festung, doch ist eine Entstehung im späten 3. oder frühen 4. Jh. wahrscheinlich.

Autorin/Autor: Hansjörg Brem

3 - Frühmittelalter bis 1798

Nach dem Abzug der röm. Grenztruppen um 401 blieb in A. eine zivile galloröm.-rät. Bevölkerung. Dies erklärt die Bremsung und Verlagerung der alemann. Besiedlung um A. im 6. Jh., die Ortsnamen Frasnacht und Feilen (Gem. Roggwil), die auf eine rom.-ahd. Bilingualität vor 800 hinweisen, und die Christengem. im frühen 7. Jh., die Gallus im castrum Arbonense antraf. Sie wurde vom Priester Willimar betreut, dessen geistl. Oberhaupt wohl der Bf. von Konstanz war. Die weltl. Gewalt repräsentierte der tribunus Arbonensis Talto. Seine Amtsbezeichnung macht ein Weiterwirken röm. Verwaltungstradition wahrsch., denn bereits im 4./5. Jh. hatte ein im Kastell A. stationierter tribunus dem dux der Provinz Raetia unterstanden.

Die Herausbildung von Gebietseinheiten war Folge einer Ausbauperiode seit dem frühen 7. Jh. Dabei übernahmen die fränk. Herrschaft, das Bistum Konstanz und später das Kloster St. Gallen entscheidende Funktionen. Mitglieder der Waltram-Sippe hatten als fränk. Königsbeamte seit Beginn der Ausbauperiode die Macht in A. inne. Nach Einführung der fränk. Grafschaftsverfassung um die Mitte des 8. Jh. zählte die Waltram-Sippe weiterhin zur Führungsgruppe, wenn auch mit geringerer Machtfülle, und trieb den Landesausbau weiter voran. Ein Hinweis, dass dieser zwischen alemann. Neusiedelland und altem rom.-churrät. Einflussbereich voranschritt, ist die vielgestaltige Namensschichtung im 744 erstmals belegten Arbongau. Der Begriff "Arboner Forst" (forestus Arbonensis) dürfte ebenfalls mit dem Landesausbau in Zusammenhang stehen.

Mit der Einführung der Grafschaftsverfassung fiel der Arboner Kastellbez. -- wohl aus königl. Hand -- an die Konstanzer Bischofskirche. Der Bf. wurde weltl. Herr der Burg A., des Arbongaus und der Arboner Kirche. In den folgenden, langen Fehden zwischen dem Bf. von Konstanz und dem Kloster St. Gallen erwiesen sich die Arboner als bischofstreu.

Die bischöfl. Grundherrschaft bestand verm. schon im 9. Jh. aus den fünf Kelnhöfen A., Egnach, Erdhausen, Wiedehorn (beide Gem. Egnach) und Horn. Durch die Binnenkolonisation vermehrten sich bis zum 13. Jh. die Höfe und das Kulturland. Hinzu kamen Einkünfte aus dem umfangreichen Besitz der St. Martinskirche. Der Landungs- und Stapelplatz steigerte den Stellenwert A.s als bischöfl. Verwaltungszentrum. Eine darin eingesetzte Ministerialenfam. nannte sich von A. Ihre mit der Zeit erworbenen Besitzungen und Rechte, darunter Burg und Stadt A. sowie die Kirchenvogtei, kaufte der Bf. von Konstanz 1282 und 1285 zurück.

In der Urkunde Friedrichs I. Barbarossa von 1155, die den Arboner Forst umschreibt und alle Konstanzer Besitzungen und Rechte verzeichnet, fehlt die Stadt A. noch. Sie wurde in der 1. Hälfte des 13. Jh. mit einem ca. 8 ha umfassenden Mauerring, Stadttoren und Stadtgraben angelegt. In der Offnung von 1255, der ältesten Urkunde der Stadt, sind die Pflichten der Bürger gegenüber dem Bf. festgehalten, der Markt und die niedere Gerichtsbarkeit, zudem Vogt, Ammann, Meier und Cellerar als Beamte aufgeführt. 1262-64 bzw. 1266 residierte hier der minderjährige Konradin, Hzg. von Schwaben, als Mündel des Bf. Eberhard von Waldburg. Als Dank für die Gastfreundschaft stellte er den Arbonern 1266 das Privileg aus, Recht, Gericht und Bann innerhalb der Stadtmauern selber auszuüben.

1322-34 liess Bf. Rudolf von Montfort die verfallene Burg wieder aufbauen. Die Herrschaft A. wurde immer wieder an Adlige und reiche Bürger anderer Städte -- so an die von Wolfurt (1365-82), Ulrich Payer von Hagenwil (1382-1422) und Rudolf Mötteli von Ravensburg (1422-41) -- verkauft oder verpfändet. Die Bf. behielten indes die Oberhoheit über die Stadt, und in der 1. Hälfte des 15. Jh. wurde mehrmals das Recht des Bf. bzw. seines in A. residierenden Vogts bestätigt, den Ammann aus den Reihen der Bürger von A. zu bestimmen. Der Zwölfer- bzw. Gemeinderat wurde dagegen von 25 Arboner Bürgern gewählt. 1441 fiel die Herrschaft A. wieder an das Hochstift, dem eine Erweiterung seiner Arboner Herrschaftsrechte gelang: Kg. Friedrich III. verlieh ihm den Seewinkel zwischen A. und Horn, und 1463 erwarb der Bf. Horn im Tausch gegen Goldach. Damit hatte die Obervogtei A. den Umfang erreicht, der bis 1798 unverändert blieb. A. und Horn machten das Stadtgericht A. aus, wo der Bf. die Landeshoheit besass. Nach der Eroberung des Thurgaus 1460 stand Egnach als eigenes Gericht unter eidg. Landeshoheit. Die bischöfl.-konstanz. Obervogtei A. wurde zu einer Exklave. 1499 verlangten die Eidgenossen vom Bf. das Mannschaftsrecht über A. Ob sich Arboner am Schwabenkrieg beteiligt haben, ist unbekannt, doch beanspruchten die Eidgenossen angesichts der bischöfl. Zugeständnisse auch die Landeshoheit über A. Das Hochstift verteidigte diese jedoch nicht zuletzt deshalb erfolgreich, weil Konstanz und A. über den Bodensee unmittelbar miteinander verbunden waren. Auf dem Seeweg kamen beim grossen Stadtbrand von 1494 auch die Einw. von Buchhorn (Friedrichshafen, D) zu Hilfe.

Im frühen 16. Jh. liess Bf. Hugo von Hohenlandenberg das Schloss A. als bischöfl. Nebenresidenz zu seiner heutigen Form ausbauen. Das Verhältnis der Bf. zur Bürgerschaft A.s blieb nicht unbelastet, u.a. weil sich 1528 die Mehrheit der Reformation angeschlossen hatte. 1605 wurde der ref. Stadtschreiber wegen Treulosigkeit angeklagt, danach versahen nur Katholiken diese Funktion. Erst im Diessenhofener Traktat von 1728 wurde die Verteilung der Stadtämter gemäss der im Thurgau geltenden Parität festgelegt. 1789 wurden neben dem bischöfl. Obervogt der einheim. Untervogt, der Gerichtsschreiber und zwölf Stadträte (Stadtammann, Stadtschreiber, Spitalmeister, Umgelter, Armenpfleger, Spendmeister, Kirchenpfleger, Säckelmeister, Mühlemeister, Baumeister, Gredmeister [Stapelhaus-Aufseher], Zoller) aufgeführt. Von der Mitte des 18. Jh. an hatten sie ihren Amtssitz im Rathaus an der Südwestecke der Stadtmauer. Sie unterstanden dem bischöfl. Hof zu Meersburg, wo auch die Hofkammer als oberste Verrechnungsstelle residierte.

Im ehem. Kastellbez. entstand Ende des 13. Jh. die Galluskapelle in rom. Stil über einem verm. karoling. Vorgängerbau. Um 1770 fand eine barocke Restaurierung statt. Die Kapelle war bis 1782 Begräbnisstätte von Arboner Vögten und Gönnern der Kirche. Die Pfarrkirche St. Martin trat an die Stelle einer rom. Basilika. Ihr 1490 erbauter Chor wurde beim Neubau des Schiffs 1786-89 um einen Meter verkürzt. Die letzte Innenrenovation erfolgte 1986. Der 1457 in Holz und Stein verm. als bürgerl. Wehrturm errichtete freistehende Glockenturm erhielt 1895 seine heutige Form, erst 1911 eine direkte Verbindung zur Kirche, und wurde 1997 renoviert. Die nach dem Stadtbrand von 1390 erbaute und 1424 erstmals erw. Johanneskapelle im ma. Stadtkern wurde 1491 vom Bf. von Konstanz neu geweiht. In krieger. Zeiten diente sie als Ersatz für die ausserhalb der Mauern stehende St. Martinskirche. Während der Gegenreformation hielten die Reformierten zeitweise ihre Gottesdienste darin ab. Im 17. Jh. wurde sie profaniert.

Das Kirchspiel A. umfasste um 900 Egnach, Steinebrunn, Roggwil, Steinach, Untereggen, Goldach und Mörschwil, die sich über die Jahrhunderte von der Arboner Kirche lösten. So bauten die Egnacher 1727, die Roggwiler 1746 ihre eigene Kirche. 1528 trat A. fast ausnahmslos zum neuen Glauben über, und 1532 wurde eine parität. Kirchgem. gegründet. Dennoch kam es zu längeren konfessionellen Auseinandersetzungen. So befahl 1593 Bf. Andreas von Österreich den ref. Arbonern, zum alten Glauben zurückzukehren oder A. zu verlassen. Es folgten langwierige Briefwechsel zwischen dem Bf., den Eidgenossen und der Arboner Bürgerschaft. 1682 teilten die Arboner den Friedhof in einen kath. und einen ref. Abschnitt. Das von Zürich, Bern und dem Bf. 1728 ratifizierte Diessenhofener Traktat brachte mit der formellen Gleichstellung von Katholiken und Reformierten in A. eine gewisse Beruhigung. Die Übergriffe in die Rechte der Reformierten durch den Obervogt und den kath. Stadtammann gingen aber weiter. Die St. Martinskirche blieb bis 1924 parität. Ortskirche.

Lebensgrundlage der Einw. A.s war bis in die frühe Neuzeit die Landwirtschaft, v.a. Acker-, Obst- und Weinbau, ergänzt durch Handwerke und die Marktfunktionen. Besondere Bedeutung hatte der Anbau von Flachs, der zu Leinwand gewoben wurde. Zunächst orientierte sich A. verm. am Konstanzer Leinwandhandel, vom SpätMA an im Wesentlichen an St. Gallen, das dem kleinen Leinenort mit Bleiche (1546) den Zugang zum Fernhandel verschaffte. Nach dem Dreissigjährigen Krieg erlebte das Leinwandgewerbe einen Aufschwung und eine Erweiterung durch die Färberei (1676) und das Mangen. Im Gewerbe gut vertreten waren Rot- und Weissgerbereien sowie bis weit ins 18. Jh. hinein Messerschmiede; nachgewiesen sind auch (Ader-)Lasseisenmacher. Im 18. Jh. bestand zudem eine Ziegelhütte.

Als Folge des Pfälz. Erbfolgekriegs vertrieb ab 1692 eine Kolonie von Handelsherren meist süddt. Herkunft (u.a. von Furtenbach, Albrecht, Mayr, von Albertis) von A. aus ihre billige "Schwabenleinwand". Dank schweiz. Handelsprivilegien in Frankreich und der lokalen Handels- und Gewerbefreiheit nahm A. einen spektakulären Aufschwung zum bedeutenden Leinenort. Die Tuchherrenpaläste des 18. Jh. legen davon Zeugnis ab. Das Aufkommen der Baumwolle, die Franz. Revolution mit der Zerstörung des Handelsplatzes Lyon, das Aussterben der Arboner Kaufmannsfam., Konkurse und Interessenlosigkeit nachfolgender Generationen führten gegen Ende des 18. Jh. zum Niedergang.

Autorin/Autor: Kurt Buenzli

4 - 1798 bis zur Gegenwart

Die fürstbischöfl. Landeshoheit in A. endete 1798 mit dem Einmarsch franz. Truppen. Von seinen schweiz. Besitzungen durfte das Hochstift keine Einkünfte mehr beziehen. Obervogt Karl Franz Ignaz Wirz von Rudenz verliess A. im Mai 1798, kehrte zwar mit den im Mai 1799 einrückenden österr. Truppen wieder zurück, musste aber im Okt. 1799 endgültig Abschied nehmen. Das Hochstift Konstanz wurde 1803 aufgelöst, womit die fürstbischöfl. Herrschaftsrechte in A. erloschen. Der Bf. von Konstanz bzw. der Bistumsverweser blieb noch bis 1815 geistl. Oberhirte der Arboner Katholiken. Im neu gegr. Kt. Thurgau waren A. und Horn in der Mediationszeit (1803-15) zu einer Gem. vereinigt, der eine elfköpfige Behörde mit einem Gemeindeammann und zwei Statthaltern vorstand. Die ehem. bischöfl. Besitzungen in A. -- u.a. Schloss und Schlossgut -- wurden 1805 versteigert. Durch die Restauration wurden Horn und A. wieder getrennt, stimm- und wahlberechtigt waren nur noch Ortsbürger. In den Hungerjahren 1816-17 liess der Gemeinderat Suppenverteilungen vornehmen und verbilligt Saatkartoffeln verkaufen. Der Führer der Thurgauer Liberalen, Thomas Bornhauser, wirkte 1831-51 als Pfarrer in A. Unter seinem Einfluss entstand 1833 die parität. Primar- und Sekundarschule.

Mit der Kantonsverfassung von 1869 wurden die Orts- und die 1857 gebildete Munizipalgem. A. alleinige Trägerinnen der Gemeindegewalt. Der Besitz der Bürgergem. innerhalb der Stadt -- u.a. Rathaus, Stadtplätze und Ringmauer -- ging an die Ortsgem. über. Ab 1873 amtete ein fünfköpfiger Ortsverwaltungsrat als vorberatende, vollziehende und beaufsichtigende Behörde. 1898 wurde die Sitzzahl auf sieben, 1907 gar auf 15 erhöht, 1922 wieder auf elf reduziert. 1928-57 stellten die Sozialdemokraten den Gemeindeammann. Ihre Mehrheit im Ortsverwaltungsrat erreichte 1946 den Höhepunkt (fünf SP-, drei PdA-, zwei FDP-Mitglieder, ein Mitglied der Konservativen Volkspartei). Seit 1933 verfügt die Ortsgem. weder über eine Gemeindeversammlung noch (trotz versuchter Einführung) über ein Parlament -- eine Einmaligkeit in der Schweiz.

1945 erwarb die Ortsgem. A. das Schloss, das nach versch. Ausbauetappen als Kultur- und Bildungsstätte (u.a. Hist. Museum) dient. Im Westen der Stadt sind neben der gewerbl. Berufsschule (1977) im Stacherholz 1963 eine Sekundar-, 1972 eine Primarschule sowie eine Sportanlage entstanden. 1985 wurde der Seeparksaal (mit Mehrzwecksaal) in Betrieb genommen, 1991 das Schwimmbad am See neu eröffnet. Seit 1993 entlastet eine Umfahrung die Innenstadt.

An der Industrialisierung partizipierte A. mangels Wasserkraft vorerst zögernd. 1801 existierten neben den Leinwandhandelshäusern eine Tuchhandlung, eine Bleiche und die Eisenhandlung von Franz Xaver Stoffel. Die aufkommende Baumwollindustrie führte zur Gründung einer Baumwollbandweberei, von Stoffdruckereien und 1822 der Seidenbandweberei im Schloss durch Franz Xaver Stoffel und seine Söhne. Diese war mit z.T. über 200 Arbeitskräften jahrzehntelang von grosser Bedeutung; sie stellte 1907 den Betrieb im Schloss ein.

1819 begann der Ausbau der Strassen A.-Frauenfeld und A.-Schaffhausen. Erst 1898 folgte die Verbindung nach St. Gallen. 1834 wurde mit dem Abbruch der alten Stadtbefestigung begonnen. Angesichts der ungünstigen Landungsverhältnisse lehnte A. 1840 den Bau des thurg. Hafens am Bodensee zugunsten von Romanshorn ab. Der Bau des Hafendamms 1892 ermöglichte es erstmals Dampfschiffen, in A. anzulegen. Die 1869 eröffnete Bahnlinie Rorschach-Romanshorn (1925 elektrifiziert) riss eine tiefe Lücke in den Arboner Weinberg. Im Industrialisierungsprozess verschwand der Rebbau in A. fast vollständig.

Hatte sich die Einwohnerzahl A.s bereits 1850-80 verdoppelt, so übertraf sie im enormen industriellen Aufschwung bis zum 1. Weltkrieg die Grenze von 10'000 Einw. Die Firmen von Arnold Baruch Heine (1911 2'200 Beschäftigte) und Saurer (1911 1'500 Beschäftigte) wurden zu den grössten thurg. Fabriken und rangierten 1905 personalmässig unter den 20 grössten Schweizer Unternehmen. 1910 waren 35,8% aller Berufstätigen A.s in der Stickerei, 27,7% in der Metall- und Maschinenindustrie beschäftigt. Weitere Betriebe nahmen am Aufschwung teil, namentl. die Stickereien Stauder & Cie. (1911 120 Beschäftigte), Jean Hardegger (200) und Jakob Müller-Schär (66), der Stickmaschinenhersteller Karl Bleidorn (75), der Apparatebauer Heinrich Vogt-Gut (83), die erste schweiz. Velofabrik von Gustav Adolf Saurer (23) und in der Holzbearbeitungsbranche Burkhard Zöllig (81).

Neben den Industriekomplexen entstanden vor dem 1. Weltkrieg grössere Quartiere (Bergli, Neuquartier) für Angestellte und Arbeiter. Standen 1801 148 Wohnhäuser in A., so waren es 1912 über 1'000 Gebäude. Das Bevölkerungswachstum und der hohe Ausländeranteil (1910 48%) trugen zu Spannungen bei, die sich u.a. 1902 in einem mehrtägigen Krawall entluden. Die Ursachen sind v.a. in den missl. Wohnverhältnissen der Unterschicht zu suchen.

Im wirtschaftl. Niedergang nach dem 1. Weltkrieg verzeichnete A. 1921 einen Höchststand von 600 Arbeitslosen. 1926 endete die Firma Heine infolge der Stickereikrise in der Liquidation. Arbeitsbeschaffungsmassnahmen führten zur Erweiterung des Hafendamms (1919), zur Errichtung eines Teils der Quaianlagen (1922) und zum Bau des Strandbads (1930-33). 1924 war die ref. Kirche auf dem Bergli vollendet (Innenrenovation 1987). Adolph Saurer hatte der evang. Kirchgem. den Bauplatz geschenkt, nachdem 1916 erstmals auf Initiative der Katholiken -- mit der zugewanderten Arbeiterschaft hatte sich deren Zahl 1880-1910 von 708 auf 5'326 erhöht -- eine Trennung diskutiert worden war. 1911 löste sich das kath. Horn von A., 1920 folgten die Horner Protestanten. 1937 wurde in A. das kath. Vereinshaus eingeweiht.

Zum wirtschaftl. Aufschwung nach dem 2. Weltkrieg trug wesentl. die Firma Saurer bei, deren Personalbestand jedoch ab Beginn der 1980er Jahre mangels Innovation und infolge Missmanagements wieder schrumpfte. Ende des 20. Jh. waren in A. Industrieunternehmen wie die Arbonia-Forster, grössere Betriebe der Branchen Maschinen, Apparate, Druck, Lebensmittel, Verkehrsmittel, Holz und Leder sowie Dienstleistungs- und Handelsfirmen vertreten. Die Arbeitgebervereinigung A. (AVA) zählte 60, der Arboner Gewerbeverein 200 Mitglieder. 1990 waren bei einer ausgeglichenen Pendlerbilanz 5'291 Personen in A. erwerbstätig, davon 1% im 1., 55% im 2. und 44% im 3. Sektor.

Eine jahrhundertealte Tradition im gesellschaftl. Leben A.s verkörpert der Martini-Markt. Ihren festen Platz haben auch der Fasnachtsumzug und Maskenbälle versch. Vereine. Im Sommer locken das Seenachtsfest und seit kurzem Openair-Filmvorführungen Tausende nach A. Aktiv sind Musikvereine, Orchester und Chöre. Als Jugendbegegnungsstätte dient eine umgebaute Fabrik am See.

Autorin/Autor: Kurt Buenzli

Quellen und Literatur

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Literatur