Bad Zurzach

Polit. Gem. AG, Hauptort des Bez. Zurzach. Der Flecken liegt auf einer Schotterterrasse am Rhein. Um 700 Urtzache, um 830 Zuriaca, franz. früher Zurzac. Bis 2006 Zurzach. 1510 ca. 500 Einw.; 1780 1'024; 1850 948; 1900 1'287; 1950 2'401; 2000 3'899.

1 - Von der Urgeschichte bis zur römischen Zeit

Die Funde aus dem Neolithikum (Silexartefakte, Steinsäge und Doppelhockergrab), der Mittelbronzezeit (Grube mit Lehmverputzstücken von Bauten, Keramikfragmente, Schwert aus zerstörtem Körpergrab) und der Spätbronzezeit (drei Urnengräber um 1050 v.Chr.) erlauben keine konkreten Schlussfolgerungen über die Siedlungsverhältnisse. Auch die ca. acht Gräber aus dem 4. Jh. v.Chr. sind diesbezüglich nur bedingt aussagekräftig.

Auf eine allfällige eisenzeitl. bzw. "kelt." Siedlung weist nur der vorröm. Ortsname Tenedo hin, der in der "Tabula Peutingeriana" zusammen mit der Strassenverbindung Vindonissa (Windisch)-Tenedo-Iuliomagus (Schleitheim)-Brigobannis (Hüfingen, Baden, D) bezeugt ist. Die Strasse ins Gebiet der oberen Donau, die bei B. den Rhein überquerte, folgte wohl einer alten prähist. Verbindung. Mit dem rechtsrhein., von ca. 20-15 v.Chr. belegten röm. Militärlager Dangstetten dürfte auch auf dem linken Flussufer - auf Bad Zurzacher Gemeindegebiet - ein Brückenkopf angelegt worden sein. Ab 10 n.Chr. wurde eine Folge von Kastellen im Gebiet des heutigen Bahnhofs als Stützpunkt für die Eroberung des Decumatenlands errichtet. Um diese bildete sich ein Kastellvicus; im Westen schloss sich ein Gutshof an (mit früher Holzbauphase). Gräber aus der Militärzeit wurden bislang nicht entdeckt.

Mit der Verlegung der Grenze weg vom Rhein nach Norden verliess das Militär kurz nach der Mitte des 1. Jh. n.Chr. B. Der Kastellvicus im Westen bestand mit einer kleinen Badeanlage noch einige Zeit weiter; die zivile Siedlung entwickelte sich jedoch in bescheidenem Ausmass in der mittleren Kaiserzeit entlang der Strasse gegen Süden, längs der ausserorts auch die Gräber angelegt wurden. Die jüngsten Bestattungen datieren aus dem 4. Jh. n.Chr. Auch wenn die röm. Nekropole danach nicht mehr benutzt wurde, blieb das Wissen um sie wach, was die Verenalegende und die Memorialbauten um das Verenamünster bezeugen. Als Vicus ist die Zivilsiedlung nicht inschriftlich belegt.

Die Rückverlegung der Reichsgrenze an den Rhein nach den Alemanneneinfällen um die Mitte des 3. Jh. n.Chr. veränderte das Siedlungsbild von B. grundlegend. Rheinaufwärts, ca. 700 m südlich vom alten Kern, baute das Militär ein Doppelkastell (Kirchlibuck und Sidelen), das die Strasse zur Rheinbrücke (dendrodatiert um 308-318 sowie um 368-376) umschloss. Der rechtsrhein. Brückenkopf lag bei der Kirche von Rheinheim (Baden, D). Im Kastell auf dem Kirchlibuck wurde im 5. Jh. eine kleine Kirche mit einem Taufbecken errichtet.

Autorin/Autor: Katrin Roth-Rubi

2 - Vom Frühmittelalter bis zum 21. Jahrhundert

Um 740/750 entstand um das Grab der Verena ein wohl auf noch keine Regel fixiertes Monasterium. 881 überantwortete Ks. Karl III. dieses seiner Gemahlin Richardis zur Nutzung. Nach Karls und Richardis' Tod gelangte das Klösterlein vor/um 900 an das Kloster Reichenau. 1265 verkaufte Reichenau das aus dem Monasterium hervorgegangene Stift, den Hof Zurzach und die Pfarrkirche aus Geldmangel an den Bf. von Konstanz. Zurzach bildete mit Rietheim, Rekingen und Mellikon ein eigenes Amt. 1415 verloren die Bf. von Konstanz die Hochgerichtsbarkeit an die Eidgenossen; von da an bis 1798 gehörte Zurzach zur Grafschaft Baden.

Um die Verenakirche bildete sich im Süden der röm. Siedlung ein Strassendorf, das vom HochMA an zu einem Flecken heranreifte, begünstigt durch die seit dem 9. oder 10. Jh. bezeugte Wallfahrt und die Lage an einer Fernverkehrsroute. Im 10. und 11. Jh. ist eine Rheinfähre zu fassen. Zwischen 1269 und 1275 errichtete der Bischof eine Holzbrücke, die im 14. Jh. vom Fluss weggerissen und durch eine bis Anfang des 20. Jh. betriebene Fähre ersetzt wurde. Die Wallfahrt und die Verkehrslage förderten den Aufstieg der zwei Zurzacher Jahrmärkte an Pfingsten und am Verenatag (1. September), die spätestens ab dem 12./13. Jh. abgehalten wurden; der erste urkundl. Beleg stammt aus dem Jahr 1363. Die Jahrmärkte entwickelten sich im 16. Jh. zu den bedeutendsten Messen im oberdt. Raum, sanken vom Dreissigjährigen Krieg an allmählich wieder zu eher regionalen Anlässen herab und gingen im 19. Jh. wegen der veränderten Verkehrssituation ein. Auch wegen der Jahrmärkte liess Bern noch im 3. Viertel des 18. Jh. eine Abzweigung von der neuen Strasse nach Zürich von Hunzenschwil über Brugg nach B. zu einer Chaussee ausbauen.

Das Recht, Wochenmarkt zu halten, erhielt der Flecken 1433. B. zeigte zwar in der Bauweise (Rathaus, Kaufhaus, Spital, jedoch keine Mauer) bis zu einem gewissen Grad ein städt. Gesicht, führte aber im MA und in der frühen Neuzeit kein eigenes Siegel, genoss keine Gerichtsprivilegien und unterstand einem Dorfrecht (1550, mit Anklängen an das Kaiserstuhler Stadtrecht). Ein Ratskollegium ist ab 1429 bezeugt. Im 18. Jh. waren in B. Bäcker, Metzger, Schumacher, Gerber, Strumpfwirker, Schiffer und Fischer ansässig, die auch von den Jahrmärkten profitierten.

Spätestens ab dem 11. Jh. bestanden die Stiftskirche St. Verena und die Pfarrkirche St. Maria nebeneinander. Die Pfarrkirche wurde 1517 neu gebaut. In B. hatten sich die Einwohner bis 1529 mehrheitlich der Reformation zugewandt. Nach 1531 kehrte rund die Hälfte der Einwohner zum alten Glauben zurück; die Pfarrkirche wurde fortan paritätisch genutzt, wobei die Reformierten unter Benachteiligungen zu leiden hatten. Erst nach dem 2. Villmergerkrieg wurde der Bau einer ref. Pfarrkirche möglich; er erfolgte 1716-17.

B. war 1798-1803 Hauptort des Distrikts Zurzach des helvet. Kantons Baden bzw. seit 1803 des aarg. Bezirks Zurzach. 1876 erhielt es Anschluss an die Linie Winterthur-Bülach-Koblenz der Schweiz. Nordostbahn. 1906-07 wurde die Brücke über den Rhein gebaut. Die Industrialisierung begann in B. mit Jakob Zuberbühler, der ab 1872 ein Weissnäherei- und Stickereiunternehmen und ab 1900 eine Schuhfabrik aufbaute. Er liess die Villa Himmelrych, das heutige Schloss B., im Jugendstil erstellen. Das ehem. Stickereigebäude übernahm die Unterwäschefirma Triumph, die noch Anfang des 21. Jh. in B. ihren Hauptsitz unterhielt. Nach der Entdeckung der Salzlager wurde 1915 die Schweiz. Sodafabrik eröffnet. Diese gelangte 1922 an die Solvay AG, die bis 2004 in B. produzierte. Auf der Suche nach Salz stiess man 1914 auch auf das Thermalwasser; die 1955 erneut gefasste Quelle wird seither durch die Thermalquelle AG ausgebeutet. Ausbauten des Bades liessen das Bäderviertel anwachsen und B. entwickelte sich zu einem Kurort mit mehreren Hotels. Die 1957 gegr. Mineralquellen AG vermarktete das Bad Zurzacher Wasser. 1973 wurde die Rheuma- und Rehabilitationsklinik eröffnet. 1991 entstand das Weiterbildungszentrum für Physio- und Ergotherapeuten. 2003 erfolgte der Zusammenschluss mit der Badener Rehabilitationsklinik Freihof und der Höhenklinik Braunwald zur RehaClinic. Das Thermalbad zählte in den späten 1980er und den 90er Jahren jährlich rund 800'000 Badeeintritte und die Hotellerie einschliesslich der Kliniken ca. 180'000 Logiernächte.

B. verfügt über eine Ober-, eine Sekundar- (1817), eine Bezirks- (1835) sowie eine kaufmänn. Berufsschule (1910). 1989 wurde der 1,2 km lange Tunnel der Nordumfahrung eingeweiht. Mit einigen Nachbargemeinden betreibt B. das regionale Schwimmbad (1968), die Kreisschule, einen Friedhof (1969) und die Abwasserreinigungsanlage (1977). Auch der Zivilschutz ist im Gemeindeverband organisiert. Als Bezirkshauptort beherbergt B. das Bezirksamt (1803), das Bezirksgeometerbüro, das Bezirksgericht (1804), das Bezirksgefängnis, das Grundbuchamt und einen Posten der Kantonspolizei sowie als soziale Institutionen die Amtsvormundschaft, den schulpsycholog. Dienst, die Berufs-, die Jugend- und Familien-, die Sucht- und eine unentgeltl. Rechtsberatung. Das von der Hist. Vereinigung des Bez. Zurzach (1925 gegr.) mitgetragene Bezirksmuseum vermittelt seit 1947 einen Überblick über die Lokalgeschichte (seit 1987 im Höfli).

Autorin/Autor: Christoph Herzig

Quellen und Literatur

Literatur
– K. Roth-Rubi et al. «Beitr. zum Bez. Zurzach in röm. und frühma. Zeit», in Argovia 108, 1997, 1-191
Gesch. des Fleckens Zurzach, hg. von H.R. Sennhauser et al., 2004.