30/11/2007 | Rückmeldung | PDF | drucken

Lengnau (AG)

Polit. Gem. AG, Bez. Zurzach, bestehend aus den Haufendörfern L. und Unterlengnau im Surbtal sowie den Weilern Degermoos, Husen, Himmelrich und Vogelsang. Vom 17. bis zum 19. Jh. grössere jüd. Gemeinde. 798 Lenginwanc. 1799 950 Einw.; 1850 1'761 (davon 525 Juden); 1900 1'119; 1950 1'355; 2000 2'287. Röm. Gutshof. Die landesherrl. Rechte waren zwischen dem Bf. von Konstanz und den Habsburgern (Amt Siggenthal) bzw. ab 1415 dem Landvogt von Baden (Amt Ehrendingen) strittig, gingen aber bis zum späten 15. Jh. gänzlich an die Eidgenossen über. Niedergerichtsherr war seit 1269 die Deutschordenskommende Beuggen, wobei der bischöfl.-konstanz. Vogt von Klingnau vor 1400 mitbeteiligt war. Husen unterstand niedergerichtlich der Johanniterkommende Leuggern. Die kath. Pfarrei L., vermutlich Eigenkirche der Freien von Regensberg, die 1269 mit der Herrschaft von diesen an Beuggen überging, umfasst neben L. die Gem. Freienwil. Die Kirche St. Martin wurde 1977 unter Einbezug des barocken Chors und des Käsbissenturms neu erbaut. Die Reformierten sind seit 1940 nach Tegerfelden kirchgenössig. Vorher war ihre Zuteilung unklar. Wegen der bäuerl. Kunden, der nahen Zurzacher Messe und des Markts in Baden siedelten sich spätestens ab 1622 jüd. Händler an, die niedergerichtlich dem Landvogt unterstanden. Ab 1776 waren L. und das benachbarte Endingen die einzigen Ortschaften der Eidgenossenschaft, in denen sich Juden niederlassen durften. Die christl. Bevölkerung versuchte wiederholt, die Juden zu vertreiben. 1802 kam es im "Zwetschgenkrieg" sogar zu einem Pogrom. Die jüd. Korporation verwaltete sich selbst und schuf sich 1750 eine erste und 1847 eine zweite Synagoge, die das Dorfbild heute noch prägt. Nach der Verankerung der Niederlassungs- (1866) und der Kultusfreiheit (1874) in der Bundesverfassung verliessen bis etwa 1920 die meisten Juden die Gemeinde. Die Angehörigen der jüd. Korporation wurden nicht in die Ortsbürgergemeinde L. aufgenommen, sondern per Dekret der 1879 gebildeten Ortsbürgergemeinde Neu-L. zugeteilt. Diese wurde 1983 mit der Ortsbürgergemeinde L. vereinigt und ihre Güter an eine Stiftung übertragen. Gleichzeitig wurde die (christl.) Innerortsgemeinde, Eigentümerin eines kleinen Teils von Wald und Flur, in eine Korporation umgewandelt. 1903 wurde das Schweiz. Israelit. Altersheim L. eröffnet. Während die christl. Einwohner hauptsächlich Landwirtschaft (Ackerbau, erst ab dem 19. Jh. vermehrt Viehwirtschaft) betrieben, handelten die Juden, denen Grundbesitz untersagt war, mit Vieh oder hausierten. L. ist seit 1921 durch eine Postautolinie und durch die 1953 fertiggestellte Surbtalstrasse mit Baden verbunden. 1968 wurde eine Gewerbezone ausgeschieden, die in den folgenden Jahrzehnten rund 80 Betriebe anzog. Seit den 1970er Jahren entstanden versch. Ein- und Mehrfamilienhausquartiere.


Literatur
– B. Meier et al., Das Surbtal im SpätMA, 1995
L.: 1200 Jahre, 1997

Autorin/Autor: Andreas Steigmeier