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Klingnau (Gemeinde)

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Polit. Gem. AG, Bez. Zurzach. Die am rechten Ufer im unteren Aaretal zwischen Klingnauer Stausee und Achenberg gelegene Kleinstadt erhebt sich auf einem Felsrücken, der früher, abgetrennt von einem Seitenarm der Aare, eine Insel bildete; sie besteht aus zwei Häuserzeilen, die den Kirchplatz linsenförmig umschliessen. 1239 Chlingenowe. Um 1400 500-600 Einw.; 1800 1'000; 1850 1'300; 1900 1'134; 1950 1'778; 2000 2'710. Ulrich von Klingen erwarb 1239 Boden vom Kloster St. Blasien, um die Stadt zu gründen, und einigte sich mit dem Abt über den Zuzug von Eigenleuten des Klosters. Die von Klingen beschenkten die Johanniter 1251-68 reich, so dass diese 1268 ihren Komtureisitz von Leuggern nach K. verlegten. Sie erhielten ein eigenes Stadttor. Walther von Klingen verkaufte 1269 die Stadt samt Umland seinem Cousin, dem Konstanzer Bf. Eberhard von Waldburg, der dort einen Vogt einsetzte. Zum bischöflich äusseren Amt K. gehörten nebst K. auch Koblenz, Siglistorf, Mellstorf, Döttingen und Zurzach. 1314 erhielt K. städt. Freiheiten. Jeweils am Johannitag fand unter dem Vorsitz des bischöfl. Vogts die Jahresgemeinde statt, auf der die Bürger den Kl. Rat, den Gr. Rat und das Stadtgericht wählten. 1416 kehrte der Komtur nach Leuggern zurück. In K. verwaltete bis um 1800 ein Schaffner die Güter der Kommende Leuggern-K. 1415-1798 stand K. als eines der drei äusseren Ämter der Grafschaft Baden unter der Herrschaft der Eidgenossen; der Landvogt zu Baden war Hochrichter. Im 17. Jh. wohnten zeitweise einige jüd. Familien in K., die Viehhandel betrieben. Der letzte Amtsuntervogt Joseph Häfelin verlor 1798 sein Amt. Als Ersatz für die Räte wählten die Klingnauer eine fünfköpfige Munizipalität. Im März 1803 dankte die Munizipalität ab, worauf die Gemeindeversammlung einen Ammann bestimmte. Das Wachstum der städt. Wirtschaft wurde wiederholt durch Katastrophen wie den Stadtbrand von 1586, bei dem 84 Häuser zerstört wurden, oder die Pestzüge von 1611 und 1635 unterbrochen. 1611 starben 226 Personen, etwa ein Drittel der Bevölkerung. Der Typhusepidemie von 1813-14 fielen in K. und Umgebung rund 3'000 Personen zum Opfer, v.a. Soldaten der gegen Napoleon durchziehenden Alliierten. Sie wurden in einem Massengrab auf dem kaiserl. Gottesacker im Norden der Stadt bestattet (österr. Soldatendenkmal).

Zur Zeit der Stadtgründung gehörte das Gebiet von K. zur Pfarrei Zurzach. Walther von Klingen vergabte 1256 der kilchen ze Clingnow Zinsen von urbanisiertem Land. 1265 entsandte das Stift Zurzach einen ständigen Pfarrverweser. 1360 umfasste die Pfarrei K. das Banngebiet der Stadt, die Kapelle von Koblenz und die Gotteshäuser in Döttingen und Würenlingen. In diesem Jahr verleibte Heinrich von Brandis, der Bf. von Konstanz, die Pfarrkirche dem Chorherrenstift Zurzach ein, das fortan die Pfarr- und Kaplaneipfründen verlieh. 1864 ging das Pfarrwahlrecht an die Pfarrei über, zwei Jahre später wurden die Rechte und Pflichten des Stifts Zurzach an der Kirche K. abgelöst. Die kath. Pfarrkirche St. Katharina (1491) wurde 1968-69 erneuert, die Loreto-Kapelle am Achenberg datiert von 1660-62. Die ref. Kirche besteht seit 1935.

Der Bau des Schlosses, ursprünglich Sitz der von Klingen, wurde 1240 begonnen. Bis 1269 entstand zusätzlich ein Wohnhaus, nach 1331 die äussere Ringmauer. In der 2. Hälfte des 14. Jh. liess der im Schloss längere Zeit residierende Bf. von Konstanz weitere Anbauten ausführen. Im ausgehenden 16. Jh. war das Schloss, Sitz der konstanz. Vögte, in so schlechtem Zustand, dass die Eidgenossen vom Bischof eine Renovation verlangten. 1804 ging das Schloss an den Kt. Aargau über, der es 1817 versteigerte. In der Folge wurde es von versch. Industriebetrieben genutzt und erst im 20. Jh. durch eine Stiftung übernommen. Im Jahr 1250 verlegte der Propst des Klosters St. Blasien seinen Amtssitz von Döttingen nach K. Das barocke Propsteigebäude in der Unterstadt, das dritte an der gleichen Stelle, wurde von Johann Caspar Bagnato 1746-53 errichtet und 1812 verkauft. Es dient heute als Schulhaus. Das östlich des Städtchens gelegene, 1269 gegr. Wilhelmitenkloster Sion bei K., das einzige des Ordens in der Schweiz, wurde 1725 dem Kloster St. Blasien inkorporiert.

Vor 1850 betrieben die Einwohner der Stadt neben Landwirtschaft und Handwerk auch Rebbau. Schon im 13. und 14. Jh. wurde der Klingnauer in grossen Mengen verkauft. 1780 verzeichnete K. ca. 115 ha Rebberge; Mitte des 19. Jh. bestanden acht Trotten. Die Verbreitung der Reblaus führte nach 1900 zu einem starken Rückgang, von dem sich der Weinbau erst nach 1930 wieder erholte. Erste industrielle Betriebe (Rohseideproduktion, zwei Webereien, Strohflechterei, Furnierfabrik) entstanden um 1840. Der Bau der Eisenbahnlinie Turgi-Koblenz 1859 gab der regionalen wirtschaftl. Entwicklung weiter Auftrieb und lockte eine Schuhfabrik (Bally) sowie einen Zigarrenkisten- und einen Kinderwagenhersteller nach K. Von der Jahrhundertwende bis in die 1980er Jahre konzentrierten sich mehrere Unternehmen der Schweizer Holz- und Möbelindustrie in und um K. (1975 496 Beschäftigte in 14 Betrieben, 1985 648 in 8); den vorläufigen Schlusspunkt dieser Entwicklung bildete 1965 die Gründung der De Sede AG. Eine Bereicherung der Firmen- und Branchenvielfalt war ab 1960 zu beobachten; bis 1989 liessen sich nicht weniger als 20 mittlere und kleinere Unternehmen in K. nieder. Neben Unternehmen aus der Holz- und der Metallverarbeitung siedelten sich High-Tech- und Engineeringfirmen an. 2000 stellte der 2. Sektor noch knapp die Hälfte der Arbeitsplätze in der Gemeinde. Der Lauf der Aare war 1885-1904 korrigiert worden, um die verheerenden Überschwemmungen zu bekämpfen. 1931-35 wurden die Kraftwerke Klingnau der Aarewerke AG errichtet und der See aufgestaut, der sich zu einem Überwinterungsplatz für Zugvögel entwickelte (seit 1989 kant. Schutzgebiet). 1987 erfolgte der Bau der Umfahrungsstrasse von K. und Döttingen.


Literatur
– O. Mittler, Gesch. der Stadt K., 1239-1939, 1947 (21967)
Clingenowe-K., 1989

Autorin/Autor: Christoph Herzig