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Kaiserstuhl

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Polit. Gem. AG, Bez. Zurzach, sowie einerseits ehem. bischöfl.-konstanz. Amt mit Rechten primär rechts des Rheins und anderseits ehem. Amt der Gemeinen Herrschaft Grafschaft Baden mit Rechten primär links des Rheins.

1 - Gemeinde

Die am linken Rheinufer an der Grenze zwischen den Kt. Aargau und Zürich gelegene Zwergstadt mit Rheinbrücke nach Hohentengen (Baden, D) umfasst auf nur 32 ha Gemeindebann die steil zum Fluss abfallende, aber sehr gut erhaltene ma. Altstadt in Dreiecksform, die von Einzelbauten gebildete Vorstadt (Haus zur Linde 1764, Kapelle um 1530) sowie das neue Wohnquartier mit Bezirksschulhaus (1974) westlich der Umfahrungsstrasse. 1837 395 Einw.; 1850 448; 1870 332; 1900 366; 1950 408; 2000 434. Name und Gemeindewappen gehen auf die Frh. von K. zurück (1227-34 domino Arnoldo de Keiserstul, 1236 de Kayserstule), deren Sitz wohl die den Flussübergang auf dem rechten Rheinufer bewachende Burg K. war (ab 1359 auch Rötelen genannt). Der Verkauf entfernter liegender Güter beidseits des Rheins an das Kloster Wettingen durch Rudolf von K. und seine Frau Adelheid von Tengen 1254/55 ermöglichte den Ausbau der linksrhein. Siedlung, an der auch Lütold VII. von Regensberg beteiligt war. Stadtmauer und oberer Turm (nach einem Brand 1360 auf die heutige Höhe aufgestockt) sind archäologisch um 1260 datiert. K. wird 1279 als Stadt im Besitz Lütolds IX. von Regensberg erwähnt. 1294 verkaufte dessen Sohn es mit Brücke, Burg und weiteren Rechten in den umliegenden Dörfern an Bf. Heinrich II. von Konstanz. Bis 1798 wurde K. von bischöfl.-konstanz. Vögten auf Schloss Rötelen verwaltet, dessen niederes Gericht die Stadt bis zum gescheiterten Abfall 1402-06 an sich zu ziehen suchte. Der eigenständige Rechtsbereich umfasste aber nur das Gebiet innerhalb der Stadtmauern und vor dem oberen Tor sowie die Flurgerichtsbarkeit im sog. Ehefaden beidseits des Rheins, in dem sich auf dem linken Rheinufer die Äcker und Gärten, auf dem rechten auf fünfmal grösserer Fläche Reben und Wiesen der Bürger konzentrierten. Die Bürgerschaft (eigenes Siegel 1310) wählte den Schultheissen (1287 bezeugt), den achtköpfigen Rat und das gleich grosse Gericht aus ihrer Mitte im Beisein des bischöfl. Vogtes, der fast immer ein Fremder war. Weitergehende städt. Rechtsansprüche wurden in den Verträgen von 1526, 1535, 1578 und 1687 zurückgewiesen. 1365-66 und 1384-85 diente K. dem aus Konstanz vertriebenen Bischof als Zufluchtsort. Die Stadt war vor 1324 und 1371-86 an Fremde verpfändet, die Burg 1359-1403 an Einheimische. Eine Privilegiengewährung erfolgte nach Einzug einer Kriegssteuer 1374. Die bischöfl. Herrschaft wurde durch den Übergang der Landeshoheit von Habsburg an die gemeineidg. Grafschaft Baden 1415 entscheidend geschwächt. Infolge seiner Lage an der konfessionellen Grenze stellte K. einen wichtigen Brückenkopf für die kath. Orte dar; in den beiden Villmergerkriegen 1655/56 und 1712 wurde der Ort von Zürich besetzt. Die gezielte Verlagerung des rheinquerenden Landverkehrs auf benachbartes zürcher. Gebiet führte zum Rückgang der Zolleinnahmen; von der Schifffahrt auf dem Rhein profitierte K. kaum, da es kein Stapelrecht besass. Der durch Weinbau und Viehzucht, durch das Kreditwesen sowie in bischöfl. Ämtern und fremden Diensten dennoch erzielte Wohlstand zeigt sich in stattl. Häusern (Gasthaus zur Krone um 1550, Amtshaus des Klosters St. Blasien 1563 und 1612, Marschallhaus 1764). Die regionale Zentrumsfunktion ging 1798 durch die Abtrennung der rechtsrhein. Gebiete beim Übergang an den Kt. Baden verloren. Nach der Zerstörung der Brücke durch die Franzosen 1799 blieb der Grenzverkehr fast zwei Jahrzehnte aus.

Die Pastoration erfolgte im 15. Jh. durch zwei Kapläne an der Stadtkirche St. Katharina (erw. 1366 als Kapelle), durch den Leutpriester (erw. 1255) und zwei Kapläne an der Pfarrkirche in Hohentengen sowie bis 1467 durch die Dominikaner, die ein Terminhaus in K. besassen. Der Armen- und Krankenpflege dienten das 1471 bezeugte Siechenhaus auf Fisibacher Boden und das von Stadt und Spitalbruderschaft getragene Spital (1484, Neubau 1778, heute Altersheim). 1530 bestand vorübergehend eine ref. Mehrheit. 1700 wurde die Dreifaltigkeitspfründe gestiftet. Ab 1818 amtierte ein Pfarrverweser in K.; 1824 wurde die Stadt mit Fisibach von Hohentengen faktisch, 1842 auch rechtlich abgetrennt. Zu der neuen röm.-kath. Pfarrei gehören auch die Katholiken des zürcher. Weiach.

Hochwasser beschädigten 1817 und 1876 die Rheinbrücke (Neubauten in Stahl 1890 und Beton 1985). Die Einrichtung des Postbüros 1816 und der Pferdepostlinie nach Baden stärkten noch einmal das städt. Selbstbewusstsein, das in der Gründung der Bezirksschule (1836, mit Unterbrüchen bis heute) und der Sparkasse (1837-1916) gipfelte. Nach 1850 ging der Wohlstand zurück; die zehn beim Stadtbrand von 1861 vernichteten Häuser in der Rheingasse wurden nicht mehr aufgebaut. Die 1876 eröffnete Station Weiach-K. an der Bahnlinie Koblenz-Winterthur wurde 1995 durch einen neuen Bahnhof in K. ersetzt. 1870-1911 erfolgte der Aufbau einer modernen techn. Infrastruktur (Telegraf, Telefon, Strom vom Kraftwerk Beznau). Industrie siedelte sich kaum an (vorwiegend Textilindustrie, 1913 Stickerei mit 33 Beschäftigten). Die Arbeits- und Einkaufsmöglichkeiten nahmen ab den 1970er Jahren ab, ebenso zwischenzeitlich die Bevölkerungszahlen.

Autorin/Autor: Franziska Wenzinger Plüss

2 - Ämter

Das ältere bischöfl.-konstanz. Amt K., auch als Obervogtei oder Vogtei Rötelen bezeichnet, umfasste die ab 1294 vom Schloss aus verwalteten Ortschaften und niederen Gerichte in K., Hohentengen, Herdern und Lienheim (Letzteres hälftig bis 1540 mit der Burg Weisswasserstelz Lehen des Klosters Reichenau) sowie in Weiach (1295). Die Orte waren auf drei Hochgerichte aufgeteilt, nämlich ab dem 15. Jh. auf die eidg. Grafschaft Baden, auf den gräfl.-sulz. Klettgau und auf das zürcher. Neuamt. 1798 wurde das Amt aufgehoben.

Das jüngere Amt K. gehörte zur Grafschaft Baden. Zu ihm zählten die 1415 nicht eroberten bischöfl.-konstanz. Gerichtsherrschaften K. ohne Weiach und Schwarzwasserstelz (Fisibach). Abgeleitet aus dem bis dahin habsburgischen hohen Gericht setzten die Eidgenossen in den Verträgen von 1450, 1520 und 1578 gegen den Willen des Bischofs linksrheinisch alle landesherrl. Rechte durch, hinzu kam in den rechtsrheinischen, zur Neutralitätszone erklärten Dörfern das Mannschaftsrecht.

Quellen und Literatur

Literatur
– K. Schib, «Hochgericht und Niedergericht in den bischöfl.-konstanz. Gerichtsherrschaften K. und Klingnau», in Argovia 43, 1931, 1-79
– F. Wenzinger, «K.: kirchl. Leben in einer spätma. Kleinstadt», in Argovia 104, 1992, 85-163 (mit Bibl.)

Autorin/Autor: Franziska Wenzinger Plüss