Seengen

Polit. Gem. AG, Bez. Lenzburg, im Seetal am Nordende des Hallwilersees gelegen, bestehend aus dem Dorf mit den Kernen entlang des Bachs und Ausserdorf sowie den Siedlungen Eichberg, Schloss Hallwyl und Brestenberg. 924 Seynga. 1764 752 Einw.; 1831 1'628; 1850 1'528; 1900 1'353; 1920 1'267; 1950 1'445; 1970 1'512; 2000 2'526. Neben neolith. Streufunden kamen in S. zwei bronzezeitl. Ufersiedlungen, die Reste zweier röm. Gutshöfe und eine alemann. Gräbergruppe zutage. Im späten 12. Jh. wurden die ersten Bauten des Schlosses Hallwyl errichtet. Zwei Wohntürme im Dorf entstanden im 14. und 15. Jh. Die hohe Gerichtsbarkeit lag bei den Habsburgern bzw. ab 1415 bei Bern, die niedere bei den Herren von Hallwyl. Das Gericht S. umfasste auch Alliswil, Retterswil (bis nach 1430), Meisterschwanden, Leimbach (AG) und Egliswil (bis 1677). Daneben bestand ein Dinggericht für die Siedlung im Ausserdorf und für Tennwil, das Anfang des 15. Jh. im Niedergericht aufging. Die Dorfgemeinschaft (gebursami) tritt 1312 erstmals in einem Streit um Weiderechte in Erscheinung. Von 1462 datiert die schriftl. Fixierung des Dorfrechts. 1575 wurde ein Schützen- und Gemeindewirtshaus gebaut, 1686 ein Schulhaus. 1763 erhielt S. das Recht auf zwei Jahrmärkte. Der Steckhof Eichberg wurde vermutlich 1751 zur Gem. S. geschlagen, der Schlossbez. Hallwyl 1798.

Der Sprengel der 1185 erstmals erw. Mauritiuskirche umfasste neben S. auch Meisterschwanden, Tennwil und Alliswil, im 14. Jh. werden zusätzlich Egliswil, Hallwil und ein Teil von Boniswil genannt. Nach der Reformation kam Fahrwangen hinzu. Fahrwangen, Meisterschwanden und Tennwil bildeten 1817 eine eigene ref. Kirchgemeinde. Über die Patronatsrechte verfügten bis 1302 die Herren von Eschenbach, dann die Johanniterkomturei Küsnacht und nach deren Aufhebung der Kt. Zürich; 1837 gingen sie an den Kt. Aargau. Die erste Vorgängerin der Kirche stammte vermutlich noch aus dem FrühMA, Neubauten erfolgten um 1490 und 1820.

Wirtschaftlich dominierte die Landwirtschaft mit Getreidebau. Reben wurden 1302 erstmals erwähnt, ihre Fläche nahm seit dem 17. Jh. zu und betrug um 1800 etwa 25 ha. Trotz der Nähe des Hallwilersees blieb die Fischerei ohne Bedeutung. Ab der Mitte des 18. Jh. brachte die Baumwollverarbeitung zusätzl. Verdienst. Neben dem Vorderen und dem Hinteren Schloss Hallwyl gehörten im 17. und 18. Jh. auch das Herrenhaus Brestenberg und der Eichberg patriz. Familien. Die herrschaftl. Sitze, die Herkunft der Pfarrer aus Zürich und die Lage des Orts lockten schon im 18. Jh. Besucher aus der Oberschicht nach S. Daran knüpfte die 1844 gegr. Kuranstalt im Brestenberg an, die Gäste aus ganz Europa anzog. 1956 entstand das Tagungshaus Rügel der ref. Kantonalkirche Aargau. Die Landwirtschaft war noch lange von grosser Bedeutung: 1920 arbeiteten mehr Personen im 1. als im 2. Sektor, wobei eine starke Verlagerung auf die Milchwirtschaft erfolgte. Eine Käsereigenossenschaft ist 1866 bezeugt. Die Rebfläche schrumpfte von 47 ha 1857 auf unter 6 ha im Jahr 2010. Das Baumwollgewerbe wurde zu Beginn des 19. Jh. von der Strohverarbeitung abgelöst, zuerst für Fabrikanten aus Wohlen (AG), ab den 1850er Jahren auch für Seenger Betriebe. 1851 wurde die Armenerziehungsanstalt Friedberg (heute Sonderschule) eingeweiht, 1864 die Bezirksschule. 1866-1973 erschien die Zeitung "Der Seethaler". Seit den 1870er Jahren stagnierte die Wirtschaft, v.a. weil S. keinen Bahnanschluss erhielt und die Schifffahrt auf dem Hallwilersee seit 1888 keinen vollwertigen Ersatz bot. Die Strohindustrie verschwand wieder, der letzte Betrieb wurde 1933 in eine Werkzeugfabrik umgewandelt, die 2010 etwa 70 Personen beschäftigte. Mitte der 1970er Jahre setzte eine rege Wohnbautätigkeit ein, die bis 2010 fast zu einer Verdoppelung der Bevölkerung führte.


Literatur
– B. Frei, S., 1993

Autorin/Autor: Felix Müller (Brugg)