17/12/2013 | Rückmeldung | PDF | drucken

Tell, Wilhelm

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Legendärer Held der Befreiungstradition, dessen Wirken erstmals im "Weissen Buch von Sarnen", einem Kopiarbuch um 1470, und im "Lied von der Entstehung der Eidgenossenschaft" ("Tellenlied" um 1477) fassbar ist. Die Geschichte T.s fand Eingang in die Chroniken von Melchior Russ, Petermann Etterlin (erstmals gedruckt 1507) und Heinrich Brennwald und war damit gelehrten Kreisen bekannt. Ihre für Jahrhunderte gültige Fassung erhielt sie durch Aegidius Tschudi, der sie auf das Jahr 1307 datierte und sie als wichtiges Element der Befreiungstradition zwischen dem Rütlischwur und dem Burgenbruch einbettete. Tschudis "Chronicon Helveticum" wurde jedoch erst 1734-36 publiziert. V.a. über Josias Simlers "De Republica Helvetiorum libri duo", dessen Werk 1576 erstmals erschien und immer neu aufgelegt wurde, erreichte Tschudis Fassung bis ins 18. Jh. hinein ein breites Publikum.

Dass im 16. Jh. die Geschichte T.s weit über die gelehrte Welt hinaus bekannt war, bezeugen Abbildungen auf allen denkbaren Bildträgern sowie Gedenkstätten im öffentl. Raum. Die Tellskapelle zwischen Sisikon und Flüelen am Vierwaldstättersee, in Erinnerung an den Sprung T.s aus Gesslers Schiff, ist bereits im frühen 16. Jh. belegt. Eine Tellskapelle wurde ebenfalls 1582 in Bürglen (UR), dem angebl. Wohnort T.s, erbaut, 1638 diejenige bei der Hohlen Gasse. Von 1583 stammt ein erstes Denkmal in Altdorf (UR). Zur Verbreitung der Tellsgeschichte trugen die volkstüml. Theateraufführungen in der Innerschweiz bei. Als ältestes dieser Stücke in der Tradition der Fasnachtsspiele gilt das "Urner Tellenspiel", das um 1512 belegt ist und bis ins 18. Jh. mindestens zwölf Druckauflagen erfuhr. In unzähligen Flugschriften wurde auf T. rekurriert, der nun als Stifter der eidg. Freiheit angesehen wurde. Im 17. Jh. trat T. in den Hintergrund, und zwar einerseits, weil die eidg. Mythen während der konfessionellen Konflikte erodierten und an sinnstiftender Kraft verloren, andererseits, weil sich nun auch die Untertanen in ihren Aufständen gegen die Obrigkeit auf T. und die Urschweizer Befreiungstradition beriefen, so 1653 im Bauernkrieg (Drei Tellen). Die Beschwörung T.s im polit. Diskurs beschränkte sich in der 2. Hälfte des 17. Jh. mit wenigen Ausnahmen auf die kath. Innerschweiz.

Das Verhältnis der frühen Aufklärer gegenüber T. blieb ambivalent: Der erwachende neue Patriotismus konnte auf die Befreiungsgeschichte und damit auf T. nicht verzichten, doch wurden Zweifel an der Historizität der Person T.s - die vereinzelt bereits im 16. und 17. Jh. geäussert worden waren - im Kreis der Gelehrten immer lauter. Nicht wenige verurteilten überdies den Tyrannenmord als unpassende Episode innnerhalb der Gründungsgeschichte der Eidgenossenschaft. Dennoch kam es zum Skandal, als Uriel Freudenberger und Gottlieb Emanuel von Haller 1760 anonym die Schrift "Der Wilhelm T., ein dän. Mährgen" veröffentlichten und darin behaupteten, die Geschichte T.s sei der nord. Sagenwelt entnommen. Diese Sichtweise erwies sich, zumindest für die breite Öffentlichkeit, als unannehmbar. Die Schriften Johann Kaspar Lavaters und Johannes von Müllers leiteten Ende des 18. Jh. eine neue Tellbegeisterung ein. Die patriot. Gesellschaften, allen voran die Helvet. Gesellschaft, entwickelten einen eigentl. Tellkult. Dabei kam es zu einer Akzentverschiebung: Sie stellten auf unzähligen Bildern weniger den Tyrannenmörder als den aufopfernden Vater und tugendhaften Bürger ins Zentrum.

Von nun an liefen die Diskussionen um T. auf zwei Ebenen: Die Frage nach der Historizität blieb den Fachleuten vorbehalten, die immer mehr an der hist. Figur T. zweifelten, weil sie nicht mit der urkundl. Überlieferung zur Entstehung der Eidgenossenschaft in Einklang gebracht werden konnte. Spätestens mit den Arbeiten Joseph Eutych Kopps nach 1845, der sich im Gegensatz zu von Müller auf urkundl. Überlieferungen stützte und entsprechend die volkstüml. Elemente der Befreiungstradition wie T. oder den Rütlischwur verwarf, liess sich dieser Sachverhalt nicht mehr ausblenden.

Gleichzeitig wurde T. im ausgehenden 18. Jh. unabhängig von der Frage nach seiner hist. Existenz zum Freiheitshelden nicht nur der Schweiz, sondern der Revolutionen in Nordamerika und Frankreich. Er wurde zum Vorkämpfer für die Menschenrechte und zum universellen Symbol des Freiheitskampfs hochstilisiert. Die Tellbegeisterung erlebte zu Beginn der Franz. Revolution einen ersten Höhepunkt. Auch die Helvet. Republik (1798-1803) machte von der Symbolfigur reichlich Gebrauch, etwa als General Guillaume Brune 1798 eine der drei Republiken, in die er die Eidgenossenschaft aufteilen wollte, Tellgau nannte.

Das Bild T.s im 19. und 20. Jh. prägte jedoch keiner so nachhaltig wie Friedrich Schiller mit seinem Drama "Wilhelm T." von 1804. Als Quelle dienten ihm Tschudi und von Müller. Schiller verknüpfte die Befreiungsgeschichte mit dem Mythos des unverdorbenen und tugendhaften Bergvolks, das sich den Ränkespielen einer dekadenten Zivilisation zu erwehren wusste. Diese Darstellung stiess in der Schweiz auf begeisterte Zustimmung. Der kosmopolit. T. der Revolutionsjahre verblasste: T. war nun untrennbar mit dem nationalen Alpenmythos verschmolzen (Alpen). Schillers T. wurde zum beliebten Volksstück, zum eigentl. Nationalschauspiel. Szenen aus dem Drama gehörten bald zum Repertoire des Laientheaters. In Altdorf und Interlaken werden seit 1899 bzw. 1912 regelmässig Tellspiele durchgeführt. Jede literar. oder künstler. Aneignung der Tellgeschichte wurde von nun an auch zur schöpfer. Auseinandersetzung mit Schillers T.

Neben der abstrakten Allegorie der Helvetia personifizierte T. im Bundesstaat die Schweiz, deren Wehrwillen und Bürgertugenden. Daran erinnerten das 1856 in Lugano der Öffentlichkeit übergebene T.-Denkmal von Vincenzo Vela, das 1895 in Altdorf eingeweihte Denkmal von Richard Kissling sowie das 1902 vor dem Bundesgericht in Lausanne aufgestellte Werk von Antonin Mercié. Als Personifikation des redl. Bürgers im Kampf gegen die Arroganz der Macht wurde T. auch zum gängigen Sujet der Karikatur, der Polemik und der polit. Propaganda aller Stossrichtungen. Als 1891 der Beschluss gefasst wurde, die Bundesfeier auf den 1. August zu legen, war dies ein Entscheid für die urkundl. Überlieferungsgeschichte der Eidgenossenschaft. Entsprechend trat die Befreiungstradition in den Hintergrund: Rütli, T. und Burgenbruch wurden offiziell ins Reich der Sage verwiesen. Versuche, die Befreiungstradition in den Zusammenhang des Bundesbriefs von 1291 zu stellen und wenigstens die Möglichkeit eines "hist. Kerns" von T.s Geschichte zu postulieren, überzeugten letztlich nicht, auch wenn im Zuge der Geistigen Landesverteidigung die Nationalmythen bis in die 1960er Jahre hinein eine Renaissance erlebten. 1924 führten die PTT auf den Postautobergstrecken ein Dreiklanghorn ein, dessen Motiv der T.-Ouvertüre aus Gioacchino Rossinis Oper entnommen worden war. 1931 wurde in Anspielung auf T. die Armbrust als Schweizerisches Ursprungszeichen eingeführt. In Bürglen (UR) entstand 1966 das T.-Museum. Seit dem letzten Drittel des 20. Jh. verliert T. an Bedeutung, da mittlerweile auch in weiten Bevölkerungskreisen unbestritten ist, dass es sich um eine legendäre Figur handelt.


Literatur
– R. Labhardt, Wilhelm T. als Patriot und Revolutionär 1700-1800, 1947
– L. Stunzi, T., 1973
– B. Stettler, «Tschudis Bild von der Befreiung der drei Waldstätten und dessen Platz in der schweiz. Historiographie», in QSG, NF VII/3, 1980, 9-192
– U. Windisch, F. Cornu, T. im Alltag, 1988 (franz. 1988)
– J.-F. Bergier, Wilhelm T., 1990 (franz. 1988)
– G.P. Marchal, Schweizer Gebrauchsgesch., 2006, 255-303
Gfr. 160, 2007 (Themenh.: Die Erfindung des Wilhelm T.)
Guillaume T. et la libération des Suisses, hg. von J.-D. Morerod, A. Näf, 2010

Autorin/Autor: François de Capitani