Atheismus

Der Begriff A. taucht im späten 17. und beginnenden 18. Jh. vermehrt auf und wird zunächst primär polem. zur Charakterisierung von philosoph. Positionen verwendet, die das christl. Gottesverständnis in Frage zu stellen scheinen. Da bis weit ins 18. Jh. hinein die Überzeugung dominierte, dass zumindest die "natürl. Religion" durch Vernunft bewiesen werden könne, galt der "spekulative " oder "theoret." A. als philosoph. unhaltbar und als Versuch, einen unmoral. Lebenswandel zu rechtfertigen. In dieser Rückführung des "theoret." auf den "prakt." A. liegt sowohl die moral. Ächtung sog. Atheisten als auch die Mehrdeutigkeit des Begriffs begründet. Bis heute wird er oft mit religiösem Nonkonformismus bzw. Indifferentismus gleichgesetzt oder mit ganz unterschiedl. Tendenzen der Säkularisierung assoziiert. Im 18. Jh. manifestierte sich diese Mehrdeutigkeit u.a darin, dass der A. ebenso auf die radikale Religionskritik angewandt wurde wie auf den Deismus oder auf Spinozas Pantheismus, der genau wie die Begriffe Fatalismus oder Materialismus oft als Synonym von A. erscheint.

Dass es nicht zuletzt um Definitionsfragen ging, ist im A.-Streit um die religionsphilosoph. Auffassungen Johann Georg Fichtes am Ende des 18. Jh. belegt, der die Idee eines persönl. von der Welt unterschiedenen Gottes ablehnte und Gott mit der "moral. Weltordnung" identifizierte. Den "wahren Glauben" an das so verstandene "Göttliche" grenzte er vom "wahren A." bzw. vom "eigentl. Unglauben" ab. Trotzdem wurde Fichte des A. bezichtigt und aus dem Lehramt an der Univ. Jena entlassen. Seine Diagnose, wonach die Beschuldigung des A. ledigl. als Vorwand diente, ihn als Demokraten zu verfolgen, weist auf den engen Bezug zwischen Religionskritik und polit. Radikalismus hin, der auch den Junghegelianismus bis hin zu Karl Marx charakterisiert. Gemäss Ludwig Feuerbach werden die mystifizierenden Aussagen der Religion vom "positiven" A. angeeignet, welcher der Selbstentfaltung der menschl. Natur dient. Karl Marx führte diesen Ansatz fort, indem er die Religion als "verkehrtes Weltbewusstsein" deutete, das von der bürgerl. Gesellschaft produziert wird. Die Kritik der Religion mündete so in den Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch erniedrigt und geknechtet werde (Marxismus).

Anfangs der 1840er Jahre hielt der A. unter dem Einfluss des Junghegelianismus und der ersten Deutschen Arbeitervereine (Wilhelm Marr) auch in der Schweiz Einzug. Die radikale Religionskritik der franz. Aufklärung des 18. Jh. hatte hier kaum Unterstützung gefunden, sondern war primär als gesellschaftl. Gefahr bekämpft worden (Jean-Pierre de Crousaz, Albrecht von Haller, Charles Bonnet, Johann Kaspar Lavater). Selbst als sich nach der Julirevolution in Frankreich (1830) die polit. Auseinandersetzungen, insbes. auf dem Gebiet von Schulreform und Kirchenpolitik, intensivierten, war die von den Liberalen verteidigte Forderung nach Gewissens- und Kultusfreiheit bzw. nach der Trennung von Kirche und Staat nicht durch atheist. Grundüberzeugungen, sondern vielmehr aus der polit. Opposition gegenüber den kath.- bzw. prot.-konservativen Parteien motiviert. Nach der Niederlage der Zürcher Liberalen während des Straussenhandels radikalisierten sich jedoch die Angriffe auf die Konservativen unter dem Einfluss dt. Flüchtlinge, die in der Schweiz Asyl suchten und hier einen Streit um den A. ausfochten, der zeitweilig auch auf die Zürcher und Berner Politik übergriff. Schweizer Verlagsanstalten und Druckereien, die meist von und für dt. Emigranten betrieben wurden, avancierten zu eigentl. Zentren der revolutionären Propaganda im Vormärz. Neben der Buchdruckerei L.-Alexandre Michod in Vevey (später Lausanne) und dem Verlag von Samuel Friedrich Jenni in Bern spielte das 1840 von Ulrich Reinhart Hegner und Julius Froebel gegr. Literar. Comptoir (Winterthur) eine herausragende Rolle, das zahlreiche atheist. Werke von Junghegelianern wie Bruno Bauer und Arnold Ruge veröffentlichte. Diese wurden von den Konservativen z.T. verboten und auch in den Reihen der Radikalen kontrovers diskutiert. Gottfried Keller ergriff gegen die Atheisten Partei, bevor er während seines Studienaufenthaltes in Heidelberg 1848/49 Ludwig Feuerbachs Vorlesungen über das Wesen der Religion hörte und sich zum A. bekannte, mit dem er sich insbes. im "Grünen Heinrich" auseinandersetzen sollte.

So wenig sich die junghegelian. Religionskritik pauschal als atheist. kennzeichnen lässt, so problemat. ist auch die Auffassung, die Verpflichtung auf erfahrungswiss. Erkenntnis gehe mit dem A. einher (Positivismus). Dezidiert atheist. verstand sich dagegen der naturwiss. Materialismus, der nach der Auflösung der idealist. Systeme um die Mitte des 19. Jh. an Einfluss gewann. Mit dem Genfer Geologieprof. Carl Vogt und Jakob Moleschott, Prof. für Physiologie am Polytechnikum Zürich, wirkten zwei Hauptvertreter dieser Richtung in der Schweiz. Gegen Rudolf Wagner, der am bibl. Schöpfungsbericht und der Existenz der Seele festhielt, verteidigte Vogt im Materialismusstreit von 1854 die Evolutionstheorie und eine streng physiolog. Auffassung der Seele. Er forderte polit. die Freiheit des Glaubens sowie der Lehre und des Stud. und setzte sich als Rektor (1874-76) für die Reform der Univ. Genf ein. Einen gewissen Einfluss übte auch der Monismus Ernst Haeckels, der in der marxist.-leninist. Geschichtsschreibung dieser Richtung des atheist. Materialismus zugerechnet wird, obwohl sich Haeckel selbst explizit in die Nachfolge von Spinozas Pantheismus stellte. Der 1906 von Haeckel gegr. Dt. Monistenbund, dem auch Auguste Forel angehörte, lehnte freilich den christl. Dualismus des Natürlichen und Übernatürlichen ab, verteidigte die Autonomie des Individuums und forderte die Trennung von Kirche und Staat. Auf der Basis dieser Zielsetzung schloss sich der schweiz. Monistenbund 1913 mit dem schweiz. Freidenkerbund (Freidenker) und ähnl. orientierten Vereinen zum "Kartell freigesinnter Vereinigungen der Schweiz" zusammen, das sich für die Trennung der Kirche von Staat und Schule sowie für die Förderung von Kirchenaustritten einsetzte.

Mit seiner Kritik an Feuerbach, er habe die Religion nicht abschaffen wollen, sondern in menschl. Beziehungen wie Geschlechtsliebe, Freundschaft und Mitleid eine "neue, wahre Religion" gesehen, legte Friedrich Engels die Grundlage für die später in der Gesch. des Marxismus-Leninismus kanonisierte Unterscheidung zwischen dem "bürgerl. A." eines Feuerbach und dem "proletar. A." als notwendigem Bestandteil des dialekt. und hist. Materialismus. In der Schweiz blieb mit Anhängern des dialekt. Materialismus wie Johann Philipp Becker der A. in der Arbeiterbewegung vertreten, erhielt aber im frühen 20. Jh. zunehmend Konkurrenz durch den religiösen Sozialismus (Leonhard Ragaz).

Während der A. in den Staaten des "real existierenden Sozialismus" ein wesentl. ideolog. Programmpunkt blieb, wurde er in der Schweiz wie in der übrigen westl. Welt schon seit Beginn des 19. Jh. zunehmend vom Nihilismus überlagert, den Friedrich Heinrich Jacobi im Kontext des A.-Streits um Fichte zur Bezeichnung eines radikalisierten A. eingeführt hatte. Wie der Nihilismus erfuhr auch die Kritik am Christentum im Kontext von Friedrich Nietzsches Philosophie eine neue Wendung, mit der der Rahmen der älteren Atheismusdebatte gesprengt wurde. In Übereinstimmung mit seinem Freund Franz Camille Overbeck zielte er mit seiner umfassenden Kritik an der Dekadenz abendländ. Bildung und Kultur weniger auf die Bestreitung der Existenz Gottes als auf die Entmachtung der christl. Moral. Der Satz "Gott ist tot" stellt insofern keinen atheist. Lehrsatz dar, sondern bezeichnet das Ende der gesch. Epoche der moral. Weltauslegung, das sich mit der Heraufkunft des europ. Nihilismus ankündige. Wie sich Nietzsches Kritik an der christl. Moral nur noch unzureichend unter dem höchstens noch am Rande erw. Begriff des A. fassen lässt, so schliesst auch die von Sigmund Freud begr. und die auf ihr aufbauende bzw. sich kritisch von ihr distanzierende tiefenpsycholog. Analyse der Religion, die im Neomarxismus rezipiert wurde, nicht mehr direkt an die A.-Diskussion des 18. und 19. Jh. an.


Quellen
Einundzwanzig Bogen aus der Schweiz, hg. von G. Herwegh, 1. Tl., 1843 (Nachdr. 1989)
Appellation an das Publikum, hg. von W. Röhr, 1987
Literatur
– W. Bröker, Polit. Motive naturwiss. Argumentation gegen Religion und Kirche im 19. Jh., 1972
– E. Barnikol, Das Entdeckte Christentum im Vormärz, 21989
– W. Schröder, Ursprünge des A., 1998
– G. Minois, Gesch. des A., 2000, (franz. 1998)

Autorin/Autor: Simone Zurbuchen