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Marxismus

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Beim M. handelt es sich um eine Sammelbezeichnung für die vom Werk von Karl Marx und Friedrich Engels ausgehenden Theorieansätze. Für diese ist eine materialist. Gesellschaftsanalyse kennzeichnend, wonach sich die Eigentums- und Machtverhältnisse (Produktionsverhältnisse) im dialekt. Prozess mit der Entfaltung der wirtschaftl. Produktivkräfte entwickeln und so die Gestaltung des polit., kulturellen und geistigen Lebens (Überbau) bedingen. Die im Hauptwerk "Das Kapital" (Bd. 1 1867, Bde. 2-3 1885-94 postum hg. von F. Engels) von Marx als analyt. Instrumentarium ausgebreitete Kritik der polit. Ökonomie verband sich mit einer Geschichtsphilosophie, die im Industrieproletariat das revolutionäre Subjekt erblickte, dessen Befreiung zur klassenlosen Gesellschaft die fortschrittshemmenden inneren Widersprüche des Kapitalismus aufheben würde. Der M. wurde in der szientist. Matrix des 19. Jh. zum Inbegriff eines "von der Utopie zur Wissenschaft" erhobenen Sozialismus. Eine spezifische schweiz. Schulbildung des M. - analog zum Austromarxismus - gibt es nicht. Die Rezeption wurde vielmehr durch die Einflüsse aus der internat. Arbeiterbewegung geprägt.

Als Sammel- und Gruppenbezeichnung entstand der Ausdruck M. im Zusammenhang mit den Auseinandersetzungen zwischen den Anhängern von Marx und jenen von Michail Bakunin in der Internat. Arbeiter-Assoziation (IAA, Internationale) nach 1864 sowie in der Programmdebatte der dt. Sozialdemokratie (SPD) in den 1870er Jahren. Zwar verfügte Marx in der IAA auch über Anhänger aus der Schweiz (Johann Philipp Becker). Die Rezeption seines wissenschaftl. Werks blieb aber vorerst gering und hinterliess, etwa bei Friedrich Albert Lange, keine besonderen Spuren. In der schweiz. Arbeiterbewegung setzte sie - beeinflusst von der Programmdebatte in der SPD und der mit Engels' Schrift "Anti-Dühring" (1878) einsetzenden Popularisierung und Verweltanschaulichung des M. - erst in den 1880er Jahren ein, wobei während der Zeit des dt. Sozialistengesetzes die Zürcher Volksbuchhandlung als Vertriebsstelle der Werke von Marx und Engels nach Deutschland diente. Die Popularisierung des M. in der schweiz. Arbeiterpresse durch Carl Vital Moor, Nikolaus Wassilieff, Otto Lang und Conrad Conzett führte zur selektiven Aufnahme von Versatzstücken. Erst in dem 1904 von Lang ausgearbeiteten Programm der Sozialdemokratischen Partei (SPS) dominierte eine sich an Karl Kautsky anlehnende marxist. Diktion, die freilich den schweiz. Verhältnissen der direkten Demokratie Rechnung trug. Die verstärkte, auch in der Arbeiterbildung geförderte Rezeption des marxist. Vokabulars in einer Phase des sich zuspitzenden Klassenkampfs (Klassengesellschaft) vor und während des 1. Weltkrieges diente v.a. als Code für die polit. Verortung innerhalb der Arbeiterbewegung und stellte keine Weiterentwicklung des M. dar. Sie wurde von jüngeren Parteiführern wie Charles Naine und Robert Grimm geprägt.

An den Universitäten spielte der M. kaum eine Rolle. Der in Bern lehrende Ökonom Naum Reichesberg wirkte durch die von ihm ab 1899 redigierten "Schweiz. Blätter für Wirtschafts- und Sozialpolitik" sowie durch sein dreibändiges "Handwörterbuch der Schweiz. Volkswirtschaft, Sozialpolitik und Verwaltung" (1901-11). Wie sein Kollege, der Philosoph Ludwig Stein, beeinflusste er namentlich osteurop. Studierende. Für die Rezeption des M. entscheidender waren Emigranten - zuerst jene in den Deutsche Arbeitervereine, dann zur Zeit des 1. Weltkrieges hauptsächlich russ. Intellektuelle wie Wladimir Iljitsch Lenin und Leo Trotzki. Letztere gewannen unter dem Eindruck der Oktoberrevolution 1917 und der Spaltung der SPS an Gewicht. Nicht nur die Kommunistische Partei (KP), die sich dem M.-Leninismus der Dritten Internationale verschrieb, sondern auch die SPS hielt 1920 an einer orthodox-marxist. Programmatik fest. Diese gab aber im Zug ihrer polit. Integration die marxist. Schlagwörter schrittweise auf. So verabschiedete sich der Gewerkschaftsbund 1927 vom proletar. Klassenkampf und 1935 strich die SPS die "Diktatur des Proletariats" aus dem Parteiprogramm. Eine 1933 von Trotzkisten gegr. Marxistische Aktion der Schweiz blieb bedeutungslos. Allerdings trug der Eintritt von Trotzkisten und ehem. Mitgliedern der KP dazu bei, dass in der SPS marxist. Positionen vertreten blieben. Solche wurden auch undogmatisch von Linkssozialisten und -intellektuellen rezipiert, etwa vom Theologen Leonhard Ragaz oder vom Kunsthistoriker Hans Mühlestein. Die Volkswirtschafter Manuel Saitzew (Univ. Zürich) und Edgar Salin (Univ. Basel) zeigten sich dem methodolog. Ansatz des M. gegenüber ebenfalls aufgeschlossen und begnügten sich nicht damit, bloss dessen Zerrbild zu widerlegen.

Mit dem Aufschwung der Linken nach dem 2. Weltkrieg, v.a. aber mit der 1944 gegr. Partei der Arbeit (PdA) stieg die Attraktivität des M. unter Intellektuellen. Davon zeugen die vom Basler Rechtsphilosophen Arthur Baumgartner und vom Kunsthistoriker Konrad Farner herausgegebene Zeitschrift "Sozialismus" sowie eine Reihe namhafter Dissertationen zu Marx' Theorie. Doch angesichts des Kalten Krieges war es schwierig, das analyt. Potenzial des M. und den Humanismus der Marx'schen Frühschriften gegenüber dem zur Legitimationsideologie des real existierenden Sozialismus kanonisierten dialekt. Materialismus zur Geltung zu bringen. Analog zu dessen Anspruch auf das Deutungsmonopol reduzierte der Antikommunismus in seinem Bestreben einer antitotalitären Demaskierung den M. auf die Position des Sowjetmarxismus.

Zwar reklamierte 1951 eine Erklärung der Sozialist. Internationale - die 1959 ins Programm der SPS übernommen wurde - den "krit. Geist des M." gegen den Kommunismus, der zum Dogmatismus erstarrt sei. Innerhalb der Linken wurden jedoch konkurrierende, linkssozialist. Interpretationen des M. (Krit. Theorie, Marx-Rezeption des franz. Existenzialismus und Strukturalismus, Selbstverwaltung) erst im Gefolge der Achtundsechziger Bewegung aufgenommen. Eine wichtige Rolle bei der Vermittlung spielten, neben Exponenten der dt. und der franz. Neuen Linken, nonkonformist. Intellektuelle wie der Zürcher Buchhändler Theo Pinkus oder Arnold Künzli, später Jean Ziegler und Urs Jaeggi. Diese neue Rezeptionswelle schlug sich in einer Zersplitterung der Linken nieder; in der 1969 als Abspaltung der PdA gegründeten trotzkist. Revolutionären Marxist. Liga, der POCH (Progressive Organisationen) und diversen maoist. Gruppen, die alle explizit marxist., sich z.T. widersprechende Positionen vertraten (Linksradikalismus). Daneben entstanden an Universitäten und Mittelschulen Theoriezirkel und Arbeitsgruppen. Lehrstühle für bekennende Marxisten blieben eine Ausnahme und versch. Berufungen wurden verhindert. Bisweilen galt für Marxisten ein fakt. Berufsverbot. Gleichwohl wurde der M. im Wissenschaftsbetrieb nicht mehr einfach ignoriert, sondern als Provokation und Anreiz zur Debatte wahrgenommen, so in der Beschäftigung mit der Krit. Theorie, im Dialog zwischen M. und Christentum oder in der sozialwissenschaftlich ausgerichteten, gesellschaftl. Konflikte als Klassenkampf thematisierenden Geschichtsschreibung.

Hatte die Neue Linke in den 1970er Jahren noch auf das in der Marx'schen Theorie verbürgte Subjekt einer revolutionären Arbeiterklasse gesetzt, so wandte sie sich im folgenden Jahrzehnt den Neuen Sozialen Bewegungen und der Zivilgesellschaft zu und fand dazu im Werk des ital. Marxisten Antonio Gramsci reiche Anregungen. Anstelle der Marxphilologie traten ein gegenüber anderen Ansätzen weniger dogmat. Theorieverständnis, ein verstärktes Interesse für Fragen des kulturellen Überbaus sowie ein vertiefter Umgang mit der Empirie, wofür die 1981 gegr. Zeitschrift "Widerspruch" steht. Seit dem Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus reden einige von einem sozialist. Theorienzerfall, während andere wie der Tessiner Ökonom Christian Marazzi darin gerade die Chance sehen, mit neuen Ansätzen die bestehenden Produktionsweisen und deren Auswirkungen auf die Gesellschaft zu analysieren.


Literatur
– R. Grimm, Gesch. der sozialist. Ideen in der Schweiz, 1931
– Gruner, Arbeiter
Widerspruch, 1983, Nr. 5
– D. Vogelsanger, Trotzkismus in der Schweiz, 1986
– Gruner, Arbeiterschaft 3
Hist.-krit. Wb. des M., hg. von W.F. Haug, 1994-
– M. Zürcher, Unterbrochene Tradition, 1995
– C. Marazzi, Fetisch Geld, 1999 (ital. 1998)

Autorin/Autor: Ruedi Brassel-Moser