Liberalismus

Unter L. versteht man eine Geisteshaltung und Weltanschauung, die auf der Freiheit des Individuums und des Gewissens beruht. Im Französischen trat der Begriff 1818 während der Restauration auf. Er lässt sich auf versch. Bereiche des sozialen Lebens übertragen, inbesondere auf die Politik, Wirtschaft, Philosophie und Religion. Das Wort "liberal" ist hingegen viel älter und geht auf das späte 12. Jh. zurück. In einem allgemeineren Sinn bezeichnet es auch ein respektvolles und tolerantes Verhalten dem Anderen gegenüber.

Ab 1830 prägte der L. die schweiz. Gesellschaft. Seine Vorrangstellung stellten nach 1914 der 1. Weltkrieg, die Weltwirtschaftskrise und das Aufkommen totalitärer Ideologien in Frage. Die Ablehnung der Volksinitiative für die Totalrevision der Bundesverfassung von 1935 und die im selben Jahr verworfene Kriseninitiative markierten das Ende der heftigen Krise. Ab 1945 nahm der L. wieder eine führende Rolle in der Schweizer Gesellschaft ein, die er auch zu Beginn des 21. Jh. innehat.

Autorin/Autor: Jean-Jacques Bouquet / AHB

1 - Das 18. Jahrhundert

Der L. ist ein Kind der Aufklärung. Er postuliert für den Einzelnen das Recht und die Befähigung, sich seine Meinung selbst zu bilden und seine Tätigkeiten gemäss den eigenen Fähigkeiten frei auszuüben, wobei die Freiheit der anderen nicht beschränkt werden darf. Der L. ist untrennbar mit den Begriffen Verantwortung und Streben nach Glück im Sinn der angelsächs. Philosophen, v.a. John Lockes, verbunden. Er gründet im Naturrecht und vertritt ein optimist. Menschenbild. Damit steht er im Gegensatz zum Autoritätsprinzip und setzt anstelle des Gehorsams gegenüber dem Dogma die unabhängige krit. Prüfung.

In der Schweiz war es in erster Linie Jean-Jacques Rousseau, der in seinem "Contrat social" (1762) frühliberales Gedankengut verbreitete. Darin postulierte er die natürl. Freiheit, wollte sie aber mit dem Gesetz versöhnen (Gesetze). Dieser Entwurf enthielt auch die Forderung nach Gleichheit, ja sogar Demokratie. Der Mythos von Wilhelm Tell, von dem Friedrich Schiller 1804 eine Bühnenversion schuf, wurde wieder aufgegriffen, und auch die Entdeckung der Alpen als Hort der Freiheit - so priesen Albrecht von Hallers Gedichte die ideale Lebensform der einfachen und naturverbundenen Menschen - trug ihren Teil zur Stärkung frühliberaler Vorstellungen bei. Die wachsende Zahl der Druckerzeugnisse und die Verbreitung eines wissenschaftl. Geistes unterstützten die Entwicklung. Die Jugendbewegung zugunsten der polit. Erneuerung, an der auch Johann Kaspar Lavater teilnahm, sowie Ökonomische Gesellschaften und Gelehrte Gesellschaften (ökonom. Patrioten) stehen für die Verbindung von Freiheit und Vaterland, die 1761 in der Gründung der Helvetischen Gesellschaft ihren ersten Höhepunkt fand.

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2 - Von 1798 bis 1830

2.1 - Unter französischer Herrschaft

In der Helvetischen Revolution von 1798 wurde der L. theoretisch verfochten, auch wenn man ihn in der Praxis nicht immer umsetzte (Helvetische Republik). Während Lavater ein Opfer dieser fehlenden Bereitschaft wurde, leistete Philipp Albert Stapfer im Schulwesen Beachtliches. Henri Monod, Frédéric-César de La Harpe und Paul Usteri verteidigten ihrerseits bis 1830 "die von den Besten regierte Demokratie" - diese Argumentation der Leistungsfähigkeit übernahmen später die Anhänger des Juste-Milieu. Die Verfassung von 1798 proklamierte die Unveräusserlichkeit der natürl. Freiheit des Menschen, doch während die Gewissensfreiheit unbeschränkt galt, wurde die öffentl. Äusserung von Religionsmeinungen den Gesinnungen der Eintracht und des Friedens untergeordnet. Das war v.a. auf die kath. Kirche gemünzt. Für die Liberalen stellte sich somit das Problem, ob die Freiheitsrechte auch ihren polit. Gegnern zuzugestehen seien. Der Verfassungsartikel wurde von den konservativen Katholiken jedenfalls als klare Zurückstellung empfunden. Die Unterwerfung durch Frankreich und die Missbräuche der Besatzer liessen sich ebenso wenig mit der Idee der Freiheit vereinen. Während der Mediation erhielt die Presse einen Maulkorb.

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2.2 - Politische Theorie

Unter den liberalen Denkern des ausgehenden 18. und des beginnenden 19. Jh. war Benjamin Constant der wichtigste polit. Theoretiker. Eher antiaristokratisch als demokratisch gesinnt, wandte er sich in seinen "Principes de politique" (1815) gegen Rousseau, der mit seiner Leidenschaft für die Freiheit zwar den L. angekündigt, mit der Allmacht, die er der volonté générale zugestand, aber auch den revolutionären Totalitarismus vorweggenommen habe. Die Zustimmung der Mehrheit genügt nach Constant nämlich nicht, um alle Handlungen der Macht zu legitimieren. Denn die Freiheit ist der Triumph der Individualität sowohl über die Autorität, die mit Despotismus regieren will, als auch über die Massen, die eine Unterjochung der Minderheit durch die Mehrheit anstreben. Constant gehörte der Groupe de Coppet an, einem Freundeskreis, den Germaine de Staël, Gegnerin aller Tyranneien und v.a. Napoleons, 1789-1817 in ihrem Salon versammelte. Zur kosmopolit. Gruppe zählten u.a. Karl Viktor von Bonstetten, Jean Charles Léonard Simonde de Sismondi und die dt. Brüder August Wilhelm und Friedrich Schlegel. Für die Genfer Gemässigten des 19. Jh. (Etienne Dumont, Pierre-François Bellot, Jean-Jacques Rigaud, Antoine-Elisée Cherbuliez, Pellegrino Rossi) stellte sie einen wichtigen Bezugspunkt dar.

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2.3 - Die Restauration

Nach 1815 attackierten die Verfechter des L. den reaktionären Geist, die Dominanz der Heiligen Allianz und den engen Kantonspatriotismus. Schockiert über die Massnahmen gegen die Flüchtlinge und Presse (Presse- und Fremdenkonklusum), vereinigten sie sich in gemeinnützigen Gesellschaften (Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft), Studentenverbindungen, Schützenvereinen (Schützenwesen), in der philhellen. Bewegung (Philhellenismus) sowie in der 1819 erneuerten Helvet. Gesellschaft. Dieses Streben nach Freiheit und nationaler Einheit wurde stark von den ital. und v.a. dt. Vordenkern beeinflusst. Zahlreiche junge Schweizer aus der West- und der Deutschschweiz studierten an dt. Universitäten, und viele Mitglieder dt. Studentenvereine flüchteten nach Basel und Graubünden. Um 1825 bildete sich das Bewusstsein, einer eigenen Gruppe anzugehören, als Gelehrte, die nach mehr Freiheit im Innern und grösserem Widerstand gegen den Druck von aussen strebten, die Männer an der Macht als Konservative bezeichneten. Als krit. Gewissen des Landes verbreiteten Zeitungen wie die "Neue Zürcher Zeitung" von Johann Heinrich Füssli und Paul Usteri (ab 1821), der "Nouvelliste vaudois" (gegr. 1824), das "Journal de Genève" (gegr. 1826) und die "Appenzeller Zeitung" (gegr. 1828) die neuen Ideen. Ignaz Paul Vital Troxler galt in seinem Unterricht wie in seinen Schriften als einer der leidenschaftlichsten Vorkämpfer. Es wurden Stimmen laut, die für die Abschaffung der Zensur und die Senkung der Stempelsteuer eintraten.

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3 - Von 1830 zum Triumph von 1848

1830 erlebte der L. seinen Durchbruch (Regeneration). In zwölf Kantonen wurden das allg. Männerwahlrecht, die Gewaltentrennung, Öffentlichkeit der Ratsverhandlungen, persönl. Freiheit, Glaubens- (nicht aber Kultus-), Vereins-, Versammlungs-, Presse-, Handels- und Gewerbefreiheit sowie das Recht auf Eigentum und das Petitionsrecht eingeführt.

Zu den führenden Köpfen der liberalen Bewegung in den jeweiligen Kantonsbehörden zählten in Lausanne André Gindroz, François Pidou und v.a. Charles Monnard (die akadem. Trinität genannt), in Bern Karl und Johann Schnell sowie Xavier Stockmar, in Aarau Heinrich Zschokke, in Luzern die Brüder Eduard und Kasimir Pfyffer, in Zürich Conrad Melchior Hirzel, in St. Gallen Gallus Jakob Baumgartner, während im Thurgau der Spiritus Rector, Thomas Bornhauser, ausserhalb der Regierung blieb. 1847 war keiner dieser Männer mehr an der Macht. Sie alle fielen entweder dem Radikalismus oder dann der Rückkehr der Konservativen zum Opfer.

Die siegreiche Bewegung von 1830 zerfiel rasch in Radikale wie Troxler oder die späteren Bundesräte Jonas Furrer, Josef Munzinger, Stefano Franscini und Henri Druey sowie in Anhänger des Juste-Milieu. Erstere setzten die Betonung auf die Gleichheit, Letztere auf die Freiheit, denn in ihren Augen sollte die Macht einer natürl. Aristokratie, einer aufgrund ihrer Fähigkeiten gewählten Elite, und nicht der ungebildeten Masse zukommen. Auf Probleme stiess der L. in Fragen der Religion und bei der Revision des Bundesvertrags. Er wurde teilweise von der Gegenbewegung seitens der Katholisch-Konservativen (Freiburg, Luzern, Wallis) oder der ref. Konservativen wie im Zürcher Straussenhandel zurückgedrängt. Insbesondere die Bundesangelegenheiten führten zum definitiven Bruch zwischen den Liberalen (Liberale Partei) und den Radikalen (Freisinnig-Demokratische Partei). Für die einen bedeutete der Bundesvertrag einen Pakt, der ohne die Zustimmung aller nicht verändert werden durfte, für die anderen ein Gesetz, das die Mehrheit revidieren konnte und das dynamisch den Notwendigkeiten der jeweiligen Umstände Rechnung zu tragen hatte. Nach dem Scheitern des Rossi-Plans 1833 gerieten die Liberalen zwischen den Hammer der Revolution und den Amboss der Reaktion. Obwohl sie den Sonderbund missbilligten, wollten sie keine Gewalt zu dessen Auflösung anwenden.

Mit der Bundesverfassung von 1848 wurden die liberalen Prinzipien zur Staatsdoktrin. Die Verfassung verankerte die Handels- und Gewerbefreiheit und schuf die Binnenzölle (Zölle) ab. Politisch dehnte sie die Bestimmungen von 1830 aus und erklärte sie für alle schweiz. Bürger gültig. Sie garantierte die Freiheiten der Bürger und schob allen Versuchen der Kantone, die Rechte in den Bereichen der Niederlassung, der religiösen Unterweisung und der Eheschliessung zu beschneiden, einen Riegel vor. Diese Rechte wurden erst später auf die Angehörigen anderer Konfessionen ausgedehnt; so erhielten z.B. die Juden erst 1866 die Gleichstellung und 1874 das Recht der freien Religionsausübung.

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4 - Liberale Anliegen

4.1 - Erziehung

Das Schulwesen betrachteten die Liberalen als eines ihrer wichtigsten Betätigungsfelder. Während der Helvetik unternahm Stapfer grosse Anstrengungen zur Verbreitung aufklärer. Ideen. Er unterstützte die Institute von Johann Heinrich Pestalozzi und Philipp Emanuel von Fellenberg, deren emanzipator. Werk zugunsten des Kindes von Friedrich Froebel weitergeführt wurde. Pater Girard führte 1815 in Freiburg den wechselseitigen Unterricht ein, der jedoch auf den Widerstand der Konservativen und sogar einiger Liberaler stiess. Sie hielten die neue Lehrmethode für zu "mechanisch" und "von fremdländ. Inspiration". Freiburg schaffte sie 1823, der Kt. Waadt 1834 wieder ab. Die Eröffnung von Lehrerseminarien, Mittel- und Industrieschulen, die Umwandlung der Akademien von Bern und Zürich in Universitäten oder die Forderung nach der Gründung einer eidg. Hochschule waren weitere Manifestationen der liberalen Bewegung.

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4.2 - Wirtschaft

Binnenzölle und kleinl. Zunftordnungen behinderten lange Zeit eine dem techn. Fortschritt entgegenkommende freiheitlichere Wirtschaftsordnung. Solche Schwierigkeiten wurden umgangen, indem man die Industrie dezentral aufbaute. So entstand etwa in Glarus eine Baumwollspinnerei, die ihre Baumwollwaren nach ganz Europa exportierte. Ab 1798 entfaltete sich im wirtschaftl. Bereich der L. sehr erfolgreich. Die Kontinentalsperre von 1806-13 zwang die Unternehmen zusätzlich, Innovationsgeist zu entwickeln. Der ökonom. Aufbruch, begünstigt durch einen hohen Bildungsgrad, schlug sich in den Städten symbolisch in der Abschaffung der Baureglemente und im Abriss der Stadtmauern nieder. Er brachte einen Typ von Arbeitgebern hervor, die sich durch die hohen Ansprüche an sich selbst und an die anderen auszeichneten. Allerdings galt die Handels- und Gewerbefreiheit nie absolut (Marktwirtschaft). So verlangte der Staat für die Ausübung bestimmter Berufe Fähigkeitszeugnisse (Lehre). Ferner bestanden kant. (Salz) und eidg. (Schiesspulver bis 1998) Regalien. Der Getränkeausschank war beschränkt, der Absinth 1908-2005 verboten. Die Getreideordnung von 1929 verpflichtete den Bund, die Versorgung der Bevölkerung mit Brotgetreide sicherzustellen. 1941 gab sich der Bundesrat per Notrecht die Kompetenz, Gesamtarbeitsverträge für allgemein verbindlich zu erklären. 1947 wurden die Wirtschaftsartikel in die Verfassung aufgenommen. Sie erlaubten dem Bund, Massnahmen zugunsten einzelner Regionen oder bedrohter Wirtschaftszweige (v.a. der Landwirtschaft) zu ergreifen und Gesetze gegen Kartellabsprachen zu erlassen. Der Staat machte es sich ferner zur Aufgabe, die zykl. Schwankungen aufzufangen und das Funktionieren der Wirtschaft zu unterstützen (Keynesianismus). Doch manchmal wehrte sich das Stimmvolk - liberalen Überzeugungen folgend - gegen staatl. Regulierungen. Nach dem Krieg lehnte es 1952 z.B. eine Bewilligungspflicht für die Eröffnung von Gasthöfen ab und verwarf 1954 ein Gesetz, das Fähigkeitsausweise in einzelnen Gewerben vorsah. Auch die Behörden selbst machten sich für die Liberalisierung stark: 1993 wurde das Spielbankenverbot aufgehoben, 1998 das Telekommunikationsmonopol abgeschafft und das Postmonopol gelockert. Zu Beginn des 21. Jh. löste diese Politik zunehmend Widerspruch aus: 2002 wurde das Elektrizitätsmarktgesetz abgelehnt, und die Privatisierung der Swisscom stiess auf Widerstand.

In der Schweiz meldeten sich neben polit. Denkern auch Theoretiker des Wirtschaftsliberalismus zu Wort. Rossi beispielsweise sah im Wohlstand, der mit der Hebung der Moral verbunden war, das Ziel der polit. Ökonomie. Als Optimist vertrat er die Ansicht, der freie Wettbewerb fördere das Gewinnstreben und ermögliche es der breiten Masse, daran teilzunehmen. Er trat für den kleinen Eigenbesitz neben dem freien Zusammenschluss zum Grossbetrieb ein. Ein anderer Genfer, Sismondi, repräsentierte anfänglich den klass. Wirtschaftsliberalen im Smith'schen Sinne. Später differenzierte er seine Position: Der freie Wettbewerb bringe schreckl. Leid für diverse Bevölkerungsschichten, weshalb der Staat diese beschützen müsse. Mitte des 20. Jh. verknüpfte auch Wilhelm Röpke die Erneuerung des L. mit moral. Anliegen. Er plädierte dafür, die sterile Alternative zwischen dem Laisser-faire und dem Kollektivismus durch einen konstruktiven L. oder "ökonom. Humanismus" zu überwinden. Aufgrund seiner Vorstellung der moral. Aufrüstung, seiner Vorliebe für "gesunde" Demokratien wie die Schweiz oder die skandinav. und angelsächs. Länder sowie seiner Kritik an der Franz. Revolution gilt Röpke dennoch als Vertreter der polit. Rechten.

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4.3 - Neoliberale Tendenzen

Ab den späten 1930er Jahren verringerte sich der Gegensatz zwischen Wirtschaftsliberalismus und sozialen Forderungen, und zwar infolge des Friedensabkommens von 1937, des Abschlusses von Gesamtarbeitsverträgen, der Annahme von Sozialgesetzen und der Hebung des Lebensstandards in der Bevölkerung. Die vorsichtige Finanzpolitik der Grossunternehmen, die nur einen Teil ihrer Gewinne ausschütteten, trug dazu bei. Von 1980 an gebärdete sich der Kapitalismus aggressiver (Monetarismus). Financiers verlangten eine grosszügigere Politik gegenüber den Aktionären. Der Rentabilitätsgedanke rückte in den Vordergrund und führte zu Firmenfusionen und Stellenabbau sowie sehr hohen Gehaltszahlungen an erfolgreiche Manager. Während der Rezession der 1990er Jahre verstärkte sich diese Tendenz durch das Aufkommen von Arbeit auf Abruf, die Aufhebung des Beamtenstatus und den Leistungslohn, so dass die Begriffe Neoliberalismus und Ultraliberalismus einen negativen Beigeschmack bekamen. Trotz heftiger Kritik wurde das neoliberale Programm weit vorangetrieben. So wandelte man auch die Bundesbetriebe in gewinnorientierte Unternehmen um, und 2000 wurde das Nachtarbeitsverbot für Frauen aufgehoben.

Autorin/Autor: Jean-Jacques Bouquet / AHB

4.4 - Philosophie

War Constant einer der wichtigsten polit. Theoretiker des L., bürgte Alexandre Vinet für dessen Moral. Für ihn bildete die Freiheit das Mittel, ja die Voraussetzung für den Dienst an der Wahrheit. Von elitärer Gesinnung, verabscheute er Demagogie und Gewalt. Zu seinen philosoph. Ansichten zählte die Überzeugung, Freiheit sei nach Liebe in allen Sprachen das schönste Wort; sie auferlege Gehorsam gegenüber Gott und Widerstand gegenüber den Menschen. Die Gewissensfreiheit schloss gemäss Vinet die Kultusfreiheit mit ein, die sich nur durch die Trennung von Kirche und Staat und den Kampf gegen unmoral. Gesetze verwirklichen liess. Daher verteidigte er 1829 die dissidenten Protestanten sowie 1844 das Recht Luzerns, Jesuiten zu berufen, und bekämpfte die Todesstrafe. Ernest Naville zog die Freiheit dem Streben nach ihr vor, weshalb für ihn das Ergreifen wichtiger war als die Suche. Auch war sie seiner Meinung nach kein Gut an sich, sondern die Bedingung des Guten. In seiner "Philosophie de la liberté" (1849) schrieb Charles Secrétan die "absolute, unbegrenzte, unerschöpfl." Freiheit nur dem Schöpfer zu, der den Menschen aus Liebe zu einem Wesen formte, das seine moral. und religiöse Persönlichkeit selbst entwickeln konnte. Gegenüber dem Kapitalismus ging Secrétan deutlich auf Distanz und machte sich für ein soziales Christentum auf solidar. Basis stark. Bevor sich Troxler in die polit. Debatten stürzte, verteidigte er in seinen Schriften eine Naturphilosophie, in der die Anthropologie einen zentralen Platz einnahm. Ohne das Christentum zu verneinen, reduzierte er es zur religiösen Erkenntnis, dass die Welt und Gott im Menschen seien.

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4.5 - Religion

Innerhalb der ref. Kirche tauchte um 1830 das Konzept des L. auf. Es stützte sich auf die Überzeugung, dass der Protestantismus eine Religion der Freiheit (im Sinne des freien Bibelstudiums) und nicht der Autorität sei: Jeder Einzelne besass die Macht, die Lehre in Frage zu stellen. Mit Jean-Jacques-Caton Chenevière ging die liberale Bewegung gar soweit, die Glaubensbekenntnisse, die Dreifaltigkeitslehre und die Göttlichkeit Jesu abzulehnen (Apostolikumsstreit). Sie verhalf der Anwendung der hist.-krit. Methode auf die Hl. Schrift zur Anerkennung. Diese Richtung verkörperten Alois Emanuel Biedermann, Alexander Schweizer und Martin Werner. Ferner lösten der Wunsch, das religiöse Leben dem Einfluss des Staates zu entziehen, sowie Konflikte mit den polit. Behörden die Gründung von Evangelischen Freikirchen (Waadt 1847-1965) oder die Trennung von Kirche und Staat aus (Genf 1907, Neuenburg 1943).

Im Katholizismus stand der Hl. Stuhl dem L. lange Zeit unversöhnlich gegenüber. Die Päpste Gregor XVI. und Pius IX. setzten ihn 1832 bzw. 1864 auf die Liste der Irrtümer. Dennoch gab es unter den Gläubigen und auch im Klerus zahlreiche Anhänger der liberalen Ideen. Diese machte im 19. Jh. schätzungsweise einen Drittel der Katholiken aus. In der Schweiz lösten die Badener Artikel, die Frage der Klöster und ihrer Besitzungen, die Zahl der arbeitsfreien Festtage und die Rolle der Schulen immer wieder Konflikte aus. Die Verkündigung der päpstl. Unfehlbarkeit 1870 führte zur Entstehung von Vereinen liberal gesinnter Katholiken, die sich 1875 dazu entschlossen, sich als Christkatholische Kirche zu konstituieren. Die Reaktionen auf das 2. Vatikan. Konzil riefen neue Spannungen zwischen der Kirchenhierarchie und den liberalen Gläubigen hervor, u.a. die Affären um die Theologen Stephan Pfürtner (1971-74) und Hans Küng (1970-79), aber auch die Affäre um Bf. Wolfgang Haas (1988-97). Eine liberale Richtung existiert auch innerhalb des Judentums; Genf beherbergt seit 1970 die Communauté Israélite Libérale, Zürich seit 1978 die Jüd. Liberale Gem. Or Chadasch.

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4.6 - Politische Kritik am Liberalismus

Der L. wurde sowohl von der rechten als auch von der linken Seite in Frage gestellt. Für die Konservativen standen die Verteidigung der vorrevolutionären Verhältnisse und die Bewahrung der Ordnung über der Freiheit (Konservatismus). Letztere wurde je nach Sensibilität der Individuen, Region und Konfession unterschiedlich ausgelegt. In der Zentralschweiz sowie in anderen kath. Bergregionen mit ausgeprägter Gemeindeautonomie bedeutete die Freiheit nicht dasselbe wie beispielsweise für den ref., individualist. und vom röm. Recht geprägten Universitätsgelehrten Vinet. Aus konservativer Sicht war sie kein Prinzip, sondern ein Umstand des prakt. Lebens, das Recht, sich in der natürl. Ordnung der Dinge zu bewegen. Für die Linke brachte der L. zwar Freiheiten und gleiche Rechte, ohne aber die Bedingungen zu schaffen, die es allen ermöglicht hätten, davon zu profitieren (Sozialismus). Andere wiederum anerkannten den L. zwar als notwendige moral. Kraft, hielten sie aber für nicht ausreichend, um die polit. Demokratie mit der wirtschaftlichen zu vervollständigen.

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4.7 - Gesellschaftspolitik

Moralisch betrachtet, stehen sich L. und Rigorismus, Toleranz und Repression gegenüber. Die wichtigsten Reibungspunkte bildeten und bilden noch heute Themen wie die Scheidung, Partnerschaften ausserhalb der traditionellen Ehe wie das Konkubinat oder die homosexuelle Partnerschaft, die Abtreibung, die Stellung des Ehemanns gegenüber Frau und Kindern, die Verweigerung des Militärdienstes aus Gewissensgründen sowie der Drogenkonsum. Bei Letzterem fällt der Unterschied zwischen der liberalen Haltung der Deutschschweiz und der repressiveren der Westschweizer Kantone auf. Auch in der Ausländer- und Flüchtlingspolitik kommt ein eth. Aspekt zum Tragen, der einzelne dazu veranlasst, bis zum zivilen Ungehorsam zu gehen.

Aufgrund seiner Wirtschaftskonzeption wird der L. häufig der Rechten zugeordnet, obschon er historisch und philosophisch gesehen wegen seiner ablehnenden Haltung gegenüber Dogmen und seiner Vorstellungen über die menschl. Natur ebenso gut auf der Linken angesiedelt werden könnte. Er stellt folglich weniger eine Doktrin als vielmehr eine Geisteshaltung dar.

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Quellen und Literatur

Literatur
– A. Maillard, «Essai sur les ambiguïtés de la pensée libérale à l'époque de la Régénération (1830-1847)», in Ann. frib. 41, 1953, 135-159
– G. Panchaud, «Une offensive des libéraux "éclairés" au début du XIXe siècle: l'introduction de l'enseignement mutuel», in Nouvelles pages d'histoire vaudoise, 1967, 213-266
– G. Arlettaz, Libéralisme et société dans le canton de Vaud, 1814-1845, 1980
– P. Manent, Les libéraux, 1986 (Neuaufl. 2001)
Biogr. Lex. zur Gesch. der demokrat. und liberalen Bewegungen in Mitteleuropa 1, hg. von H. Reinalter et al., 1992, 205-224
– A. Dufour et al., Le libéralisme genevois, du Code civil aux constitutions (1804-1842), 1994
– A. Tanner, Arbeitsame Patrioten - wohlanständige Damen, 1995
"Jeter l'ancre dans l'éternité", hg. von D. Maggetti, N. Lamamra, 1997
Globalisation, néo-libéralisme et politiques publiques dans la Suisse des années 1990, hg. von A. Mach, 1999
– B. Weinmann, Eine andere Bürgergesellschaft, 2002
– E. Hofmann, F. Rosset, Le groupe de Coppet, 2005
– E. Grisel, Liberté économique, 2006

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