Kommunismus

Der Begriff K. umfasst seit der Russ. Revolution von 1917 eine Herrschaftsform, eine polit. Bewegung und eine Weltanschauung, die eng mit der modernen Arbeiterbewegung verknüpft sind. Im weiteren Sinne meint K. alle Zielvorstellungen, polit. Aktivitäten und Gesellschaftsmodelle, welche die Verwirklichung sozialer Gleichheit ohne Privateigentum zum Inhalt haben. Im Deutschen ist der Begriff Kommunist erstmals Anfang der 1840er Jahre belegt. Wichtig für die Begriffsgeschichte waren die heftigen, ambivalenten Reaktionen auf den amtlichen antikommunist. Bericht über den K. in der Schweiz aus der Feder des Zürchers Johann Caspar Bluntschli (1843). K. lässt sich im Französischen bis auf die Franz. Revolution zurückverfolgen, wo er sich auf das gemeinsame Nutzungsrecht an einem Kollektivbesitz bezog. Obwohl im utop. Schrifttum des 16. und 17. Jh. theoretische und im Täufertum prakt. Vorläufer auszumachen sind und der utop. Sozialismus gewissermassen als eine Vorform fungiert, wird der Begriff erst 1848 durch das "Kommunist. Manifest" von Karl Marx und Friedrich Engels geschichtsphilosophisch abgestützt und als polit. Programm ausformuliert (Marxismus). Zu jener Zeit figuriert K. bereits im polit. Vokabular als Kampfansage an die bestehende Bürgerliche Gesellschaft. Bis zur Oktoberrevolution 1917 gerät er jedoch zunehmend ins Abseits. Die sozialdemokrat. Parteien rekurrieren kaum mehr auf ihn (Sozialdemokratische Partei), und auch der späte Marx verwendete ihn nur noch als Bezeichnung für die angestrebte Gesellschaftsformation, die den Kapitalismus überwunden und aufgehoben haben würde.

Es war Lenin, der mit seinem ausgeprägten semant. Sinn den Begriff in den "Aprilthesen" von 1917 wieder aufnahm und 1918 die Umbenennung der Partei in kommunist. Partei Russlands (Bolschewiki) erzwang. Erst mit der Gründung der Kommunist. Internationale (KI) von 1919 kam K. als Bezeichnung für polit. Organisationen im Westen in Gebrauch. Die aus der linksradikalen Gruppe Forderung, auch Internat. revolutionäre Sozialisten der Schweiz genannt (Linksradikalismus), konstituierte kommunist. Partei der Schweiz (später Altkommunisten) dürfte als eine der ersten den Namen für sich in Anspruch genommen haben. Die sozialist. Jugendorganisation der Schweiz, welche der Kommunist. Jugendinternationale beitrat, nahm eine entsprechende Namensänderung 1920 vor. Einen festen Stellenwert im Schweizer Parteiensystem bekam der Begriff dann mit der Gründung der Kommunistischen Partei (KP) 1921, einer Fusion zwischen einem Teil der sozialdemokrat. Linken und den Altkommunisten. Die in Verbundenheit mit den russ. Bolschewisten gewählte Benennung wie auch der Beitritt der KP zur KI signalisierten den Anschluss der neuen Partei an die Oktoberrevolutionäre. Die Zeichen wurden denn auch von den Gegnern in genau diesem Sinne verstanden: Fortan galt K. als identisch mit Bolschewismus. Die Schweizer Kommunisten optierten zugleich für eine an den Bolschewiki orientierte Programmatik und Doktrin, Strategie, Organisationsstruktur und Werthaltung. Zu den zu jener Zeit noch mit der Sozialdemokrat. Partei geteilten Zielsetzungen gesellten sich die Forderung nach Verstaatlichung der Produktionsmittel und der proletar. Klassenkampf (Klassengesellschaft) gegen die bürgerl. Gesellschaft sowie die leninist. Organisationsprinzipien, die auf einer voluntarist. Parteitheorie, einer quasi militär. Disziplin und einer strikten Zentralisierung fussten.

Die anfänglich noch an gewissen internen Verhandlungsmechanismen partizipierenden Parteien der KI entwickelten sich mit der Durchsetzung des sowjet. Führungsanspruches mehr und mehr zu Befehlsempfängern der Moskauer Zentrale. Der zum Teil gewaltsame Anpassungsprozess der kommunist. Parteien über ihre Bolschewisierung und Stalinisierung, dessen Höhepunkt Ende der 1920er Jahre lag, vollzog sich zwar nicht reibungslos. Doch nach seinem Abschluss zu Beginn der 1930er Jahre konnte am sowjet. Deutungsmonopol über den Inhalt des K. nicht mehr gerüttelt werden. Die nun als Marxismus-Leninismus bezeichnete Lehre war auf einige simple Formeln zusammengeschrumpft. Das kommunist. Weltbild ging in einem geschlossenen System der Gesellschafts- und Geschichtstheorie mit endgültigen Prinzipien auf (sog. Historischer und Dialekt. Materialismus).

Neben diesen zunehmend autoritären Zügen wies der K. aber auch eine utop. Komponente auf, die insbesondere im sozialen Aufbruch nach dem 1. Weltkrieg und während der Wirtschaftskrise eine gewisse Attraktivität ausübte. Die Vorstellung einer vom Krieg befreiten Welt wirkte neben den Forderungen nach einer gerechten Verteilung der gesellschaftl. Ressourcen und nach breiteren demokrat. Entscheidungsbefugnissen wie ein Magnet auf die Anhänger des K. Die Mitgliedschaft in einer kommunist. Organisation erfüllte des weiteren die Funktion einer polit. Religion mit sinnstiftenden und sozialintegrativen Elementen. Die zahlreichen kommunist. Organisationen, welche versch. Zielgruppen ansprachen (Frauen, Jugendliche, Arbeitslose, Gewerkschaften usw.) und eine grosse Bandbreite von Aktivitäten abdeckten (Freizeit, Kultur, Weiterbildung usw.), bildeten eine eigene Lebenswelt, deren Kohäsion umso grösser war, als die gesellschaftl. und polit. Marginalisierung der kommunist. Parteien ausserhalb der Sowjetunion im Lauf der 1920er Jahre anwuchs.

Der Einfluss des K. in der Schweiz lässt sich nicht an den geringen Mitgliederzahlen und dem schwachen Stimmenanteil der KP bemessen, zumal diese der parlamentar. Demokratie keinen grossen Stellenwert einräumte. In den 1930er Jahren übte die Partei v.a. in zwei Bereichen eine starke Anziehungskraft aus. Zum einen zeitigte die propagandist. Idealisierung der Sowjetunion Wirkung. Das sog. Vaterland aller Werktätigen zog ebenso Intellektuelle und Künstlerinnen aus aller Welt wie stellenlose Arbeiter und Ingenieure in seinen Bann. Doch viele Zeitgenossen nahmen weder die menschl. Kosten noch die Unterdrückung jegl. Opposition wahr, welche die ab 1929 mit dem ersten Fünfjahresplan forcierte Industrialisierung und die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft mit sich brachten, sondern nur die machtvoll inszenierten Erfolge in der Form grandioser Produktionssteigerungen und Monumentalbauten. Erst die Liquidierung der polit. Gegner und das Auftreten einer offensichtlich allgegenwärtigen Verschwörungsspsychose während der Moskauer Schauprozesse (1936-38) brachten eine Ernüchterung. Zum anderen gelang es der Sowjetunion im Span. Bürgerkrieg, sich anfänglich als engagierteste Verteidigerin der Republik zu profilieren, was das durch die Moskauer Prozesse entstandene negative Bild relativierte und viele von der Abkehr vom K. abhielt.

Doch v.a. die internationalen polit. Ereignisse verspielten dem K. die restl. Sympathien. Mit dem Misserfolg der franz. Volksfrontregierung, dem Münchner Abkommen von 1938, dem Sieg Francos 1939 und der Unterzeichnung des Hitler-Stalin-Paktes im selben Jahr setzte eine mehrjährige Phase der Randexistenz und schliesslich der Illegalität ein. Als die KP 1940 gesamtschweizerisch verboten wurde, soll sie nur noch etwa 350 Mitglieder gezählt haben; anlässlich ihrer Gründung hatte sie über 6'000. Eine Wiederbelebung brachte das kommunist. Engagement in der Résistance und der Kampf der Roten Armee gegen den Nationalsozialismus. Gekoppelt mit dem sozialpolit. Aufschwung ab 1943-44 begünstigte diese Konstellation auch die Neugründung der Partei der Arbeit (PdA), die eine gewisse Kontinuität mit den alten Kadern und Mitgliedern der KP aufwies. Die Geschichte des K. blieb in der Nachkriegszeit eng verknüpft mit der Entwicklung der zusehends dogmatischeren PdA. Die Partei isolierte sich durch die verstärkte Anbindung an die Sowjetunion und distanzierte sich erst nach deren Einmarsch in Prag 1968 vom "Grossen Bruder". Den antiautoritären Aufbruch der Studierenden und der Jugend in jenen Jahren konnten die Schweizer Kommunisten nicht für ihre Bewegung nutzen (Progressive Organisationen), trotz der Renaissance des K. als Weltbild der Neuen Linken und - begünstigt durch die Globalisierung seit den 1990er Jahren - jüngerer linksradikaler Splittergruppen. Es ist zweifelhaft, ob die nach dem Fall der Mauer 1989 und der Implosion der Sowjetunion 1991 repositionierte PdA als polit. Kraft links von der SP eine Zukunft hat.

Der K. hat als eine der grossen polit. Strömungen das 20. Jh. entscheidend mitgeprägt. In den wenig entwickelten Ländern der ehemaligen Sowjetunion hat er zweifellos als Schrittmacher der Industrialisierung und der gesellschaftl. Modernisierung gedient. Als totalitäres Herrschaftssystem hat er aber auch Archaismen und ein polizeiliches Kontrollsystem produziert, welche diese Gesellschaften immensen Humankosten unterworfen und sie in ihrer Entfaltung gehemmt haben. Im Westen, wo er stets nur polit. Bewegung und Ideologie blieb, ist sein hist. Stellenwert schwieriger einzuschätzen. Es muss zwischen Absicht und Wirkung, zwischen seiner Rolle als Feindbild (Antikommunismus) und seiner Anziehungskraft, zwischen seinen Deklarationen und seinen konkreten Interventionen im polit. Alltag unterschieden werden.


Literatur
– E. Joos, Parteien und Presse im Kt. Schaffhausen, 1975
– H.U. Jost, Die Altkommunisten, 1977
– J.-M. Rossignol, Le Parti suisse du Travail en Suisse romande, Ms., 1978
– W. Gerster, Die Basler Arbeiterbewegung zur Zeit der Totalkonfrontation zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten, 1980
– P. Stettler, Die Kommunist. Partei der Schweiz 1921-1931, 1980
– W. Schieder, «K.», in Geschichtl. Grundbegriffe 3, hg. von O. Brunner et al., 1982, 455-529
– B. Schneider, Schweizer Auswanderer in der Sowjetunion, 1985
– C. Uhlig, Utopie oder Alptraum?, 1992
– B. Studer, Un parti sous influence, 1994
– P. Huber, Stalins Schatten in die Schweiz, 21995
– B. Studer, Sous l'œil de Moscou, 1996
– A. Petersen, Radikale Jugend, 2001

Autorin/Autor: Brigitte Studer