Fortschritt

Der Begriff F. bezeichnet zunächst allgemein einen relativen Bewegungsverlauf in Zeit und Raum. Im 18. Jh. ist er zu einem geschichtsphilosoph. Universalbegriff geworden, in dem der gesellschaftl. Wandel verdichtet, zum Ziel und zum Subjekt der Geschichte stilisiert worden ist.

Seit der Antike wurden Verbesserungen und Erneuerung mit dem Bild des Fortschreitens ausgedrückt, doch dieses blieb auf einzelne Bereiche (Wissenschaft, Reichsentwicklung) bezogen und in ein zykl. Geschichtsverständnis eingebunden. Die christl. Eschatologie enthielt zwar die Vorstellung einer linearen zeitl. Ausrichtung, diese blieb aber durch ihren Jenseitsbezug von der realen Geschichte getrennt. Erst in der Aufklärung entstand die Vorstellung von Geschichte als einem immanenten Prozess aufwärts gerichteten F.s. Greifbar wird dies etwa bei Isaak Iselin, dessen Werk "Über die Geschichte der Menschheit" (1764) den geschichtl. F. in Analogie zum menschl. Reifungsprozess begriff. Die Reformprogrammatik der ökonom. Gesellschaften des 18. Jh. diagnostizierte und propagierte F.e in versch. Bereichen. Dabei war der Begriff F. eine neben anderen Prozessmetaphern wie "Verbesserung", "Vervollkommnung", "Aufklärung", "Veredelung" und "Hebung". Dieser idealist. Fortschrittsgedanke war getragen von moralisch-philanthrop. Motiven und entfaltete sich vor dem Hintergrund der wissenschaftl. und techn. Neuerungen. Projiziert auf die Menschheitsgeschichte wurde er zu einem rationalist. Fortschrittsglauben, der in Condorcets "Tableau des progrès de l'esprit humain" (1793) seinen prägnantesten Ausdruck fand (Positivismus, Rationalismus). Die Geschichte wurde damit schlechthin zur Verwirklichung eines F.s, der in den dialekt.-hegelian., evolutionist. und positivist. Denkmodellen des 19. Jh. gewissermassen zum selbsttätigen Subjekt des Prozesses erklärt wurde.

Demgegenüber steht die Fortschrittskritik eines Jean-Jacques Rousseau. Er erklärte die Fähigkeit zur Vervollkommnung des Menschen, die "perfectibilité", zur differentia specifica, hielt aber schon 1751 dem F. von Wissenschaften und Technik den Verlust der natürl. Unschuld und Gleichheit entgegen. Ähnlich unterschied Johann Heinrich Pestalozzi den "Vorschritt" in "tausenderlei Wissen und Können" von einem sittl. "F., zu dem sich die Gesellschaft wirklich zu erheben vermag".

Dem Inhalt nach mit einem herkömml. Schranken sprengenden Begriff der Freiheit verbunden, spielte der Ausdruck F. in der Helvetik in der polit. Publizistik keine eigenständige Rolle. Unter dem Eindruck des Industrialisierungsprozesses verband sich im frühen 19. Jh. der in versch. Bereichen perzipierte F. zu einem Gesamtkonzept, wie beim Ökonomen Christoph Bernoulli, wenn er 1825 die F.e in der Industrie in die "engste und unverkennbarste Beziehung zu den F.en der Kultur überhaupt" setzte. Damit bündelte sich die Pluralität von F.en zum Kollektivsingular F. So stellte sich "die Entwicklung der menschl. Gesellschaft", wie es 1852 der nationalrätl. Bericht zum Eisenbahnbau formulierte, als "Bild grossartiger Bewegung, ungehemmten F.s" dar (Industrielle Revolution).

Zum Partei- und Kampfbegriff wurde der F. v.a. in der Regeneration, die auch als "Zeit des so geheissenen F.s" (Johann Anton von Tillier) in die Geschichtsschreibung einging und in der die Liberalen und die Radikalen als "Fortschrittspartei" bezeichnet wurden. Polit. und wirtschaftl. Handeln wurde in dieser Sicht zum Vollzug eines im Voraus angelegten Prozesses, an dessen Spitze man sich zu stellen hatte. F. wurde zum Perspektivbegriff, der je nach Position in die eine oder andere Richtung zielte, und damit auch zum Legitimationsbegriff für polit. Handeln.

Die Erfahrung des F.s löste aber auch Gegenbewegungen aus. Während offene Unruhen wie der Maschinensturm von Uster 1832 vereinzelt blieben, formierten sich Volksbewegungen wie im Züriputsch 1839 gegen die Protagonisten eines allzu forsch empfundenen F.s. Daneben erhoben sich auch kulturpessimist. Stimmen, die in Frage stellten, ob mit dem materiellen auch ein geistiger und kultureller F. verbunden sei. So wandte sich etwa Alexandre Vinet 1846 gegen jenen Materialismus, der den Menschen auf einen "denkenden Magen" reduziere: "Wenn das der F. ist, dann wollen wir nicht fortschreiten."

In der 2. Hälfte des 19. Jh. wurde der Begriff F. vom polit. Schlagwort zum Universalbegriff der Epoche (Modernisierung), der in Welt-, Landes- und anderen Ausstellungen inszeniert und sichtbar gemacht wurde, aber auch programmatisch in Titeln von Zeitungen und Zeitschriften zum Ausdruck kam. Während der F. als Programmwort des Freisinns und später der Sozialisten politisch umstritten blieb, hatte der Konservatismus dem F. in Wissenschaft und Industrie ausser antimodernist. Rhetorik wenig entgegenzusetzen. In der Demokrat. Bewegung und der aufkommenden Arbeiterbewegung wurde der Akzent auf den "socialen F." verlagert, der die Früchte der Arbeit vermehrt auch für die unteren Schichten reklamierte. Dabei zeichneten sich zunächst zwei Fortschrittsentwürfe ab: der grütlianische eines F.s als "Volksbefreiung durch Volksbildung" und der genossenschaftliche einer gleichberechtigten Teilhabe an den Produktionsmitteln und am Ertrag von Produktion. In der Arbeiterbewegung setzte sich später ideologisch die marxist. Konzeption durch, die als programmat. Ziel die Beseitigung des Kapitalismus als "Hindernis des wirtschaftlichen F.s" (Programm SP 1904) forderte, den es zu realisieren galt. In der Zwischenkriegszeit gingen zuerst die Gewerkschaften, später auch die SP zu einem pragmatischeren, an einem fordist. Modell der Hochlohnpolitik orientierten Fortschrittskonzept über, der die Organisation und Planung in den Vordergrund rückte (Technokratie).

Die Strahlkraft des F.s als "feste(m) Glauben an eine Weltordnung, die unvermeidlich und durchaus unaufhaltsam aufwärts mit der Menschheit geht" (Carl Hilty, 1875) - schon damals in Frage gestellt von Skeptikern wie Jacob Burckhardt oder Johann Jakob Bachofen, der 1869 von einem "F. dem Ende zu" gesprochen hatte - erhielt durch den 1. Weltkrieg einen erhebl. Dämpfer. Die Bündelung von wirtschaftlichem, sozialem und kulturellem F. zerfiel. "An die Stelle des Fortschrittsglaubens tritt immer mehr der Glaube an die Produktion" (Sigfried Giedion). Aber auch lebensweltl. Schattenseiten sonst positiv gewerteter Errungenschaften des F.s wurden thematisiert, so im Zusammenhang mit der Elektrizität die "Krankheit Nervosität". Dem Vertrautheitsverlust wurde mit der Erfindung der Tradition begegnet. Auch dem Automobil als zentralem Symbol für F. und Beschleunigung im 20. Jh. wurde anfänglich grosse Zurückhaltung entgegengebracht.

Kaum bestritten blieb der auf wissenschaftl.-techn. Innovation konzentrierte F., der in der Landi 1939 in versöhnl. Verbindung mit der nationalen Tradition inszeniert wurde. Die Dynamik des Wirtschaftswachstums mit steigendem Massenkonsum nach dem 2. Weltkrieg sowie die Realisierung von sozialen Reformen und grossen Infrastrukturaufgaben rückten in den 1950er und 60er Jahren den F. wieder als parteiübergreifenden, technokrat.-unpolit. Leitbegriff in den Vordergrund. Dieser Konsens wurde zwar durch einen modernitätskrit. Subdiskurs bisweilen hinterfragt; dem verbreiteten Glauben an die Unverbrüchlichkeit und Planbarkeit des F.s tat das allerdings kaum Abbruch. Die weitgehende Einigkeit über das Fortschrittsparadigma löste sich erst seit den 1970er Jahren mit der Thematisierung der "Grenzen des Wachstums" auf. Dabei waren es neben Naturschützern gerade auch die "Progressiven" der polit. Linken, die in Bewegungen gegen Atomkraftwerke und gegen andere Grossprojekte die Fortschrittskritik am stärksten artikulierten. Ziel dieser Bestrebungen war "kein blinder Widerstand gegen den F., aber Widerstand gegen den blinden F.". Die Erfolge der Anti-AKW-Bewegung relativierten die Vorstellung eines irreversiblen F.s wie 1986 die Umweltkatastrophen von Tschernobyl und Schweizerhalle. In den aktuellen Debatten über Zukunftstechnologien und qualitativen F. ist F. als Wert- und Zielbegriff weitgehend verabschiedet worden.


Literatur
– U. Im Hof, Isaak Iselin und die Spätaufklärung, 1967
– H. Lüthy, Der entgleiste F., 1974
– R. Koselleck, «F.», in Geschichtl. Grundbegriffe 2, hg. von O. Brunner et al., 1975, 351-423
– J. Tanner, F. Müller, «... im hoffnungsvollen Licht einer besseren Zukunft», in Solidarität, Widerspruch, Bewegung, 1988, 325-367

Autorin/Autor: Ruedi Brassel-Moser