• <b>Selbstmord</b><br>Die Leiche des Dominikaners Andrea Zamometic, der im November 1484 tot in Basel aufgefunden worden war, wird am 12. Januar 1485 hinausgeschleppt, damit sie, wie es damals üblich war, in ein Fass gepackt und in den Rhein geworfen werden konnte. Darstellung aus der "Luzerner Chronik" von  Diebold Schilling,  1513 (Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern, Sondersammlung, Eigentum Korporation Luzern). Zamometic, Erzbischof von Krajina, hatte sich gegen Papst Sixtus IV. aufgelehnt, war exkommuniziert und mit kaiserlicher Zustimmung in Basel in Haft gesetzt worden (deshalb trägt er nur eine Dominikanerkutte). Vor der geplanten Auslieferung nach Rom fand man ihn im November 1484 erhängt in seiner Zelle.

Selbstmord

Den Lehren des Kirchenvaters Augustinus folgend, wurde der S. im MA als Sünde deklariert und dem Mord gleichgestellt; er galt als Verstoss gegen die göttl. Ordnung, welcher zu ahnden war. Das Umfeld des Selbstmörders wurde von der Obrigkeit einem Gerichtsverfahren unterzogen, um die Ursache des Suizids aufzudecken. Zentral war die Frage, ob der Selbstmörder vor seiner Tat noch Reue gezeigt hatte oder nicht. Gelang der Fam. der Nachweis, dass die Tat aus "Melancholie" geschehen war, blieb ihr zumindest im frühneuzeitl. Zürich die Enteignung ihres Vermögens oder die Zerstörung ihres Hauses erspart. Bis ins 16. Jh. wurde die Leiche des Selbstmörders wie ein lebender Verbrecher hingerichtet, d.h. aufgehängt, gerädert oder enthauptet (daher werden wiederkehrende Selbstmörder in den Volksüberlieferungen oft als kopflose Reiter geschildert). Zur Beseitigung des Leichnams existierten in der frühen Neuzeit unterschiedl. Bräuche, denen gemeinsam war, dass sie keinen christl. Zeremonien folgten und der Leichnam "ehrlos" bestattet wurde. Durchgeführt wurde die Bestattung durch den Scharfrichter und nicht etwa durch einen Priester. In Basel warf man Selbstmörder bis ins 18. Jh. in Fässern verpackt in den Rhein. Dieses als "Rinnen" bezeichnete Ritual sollte den sündigen Körper aus seiner bisherigen Gesellschaft entfernen. Auch weitere diskriminierende Bestattungsrituale, wie etwa das bis ins 18. Jh. überall praktizierte Verscharren der Selbstmörder ausserhalb des Friedhofs oder sogar der Stadtmauern, zielten darauf ab, die soziale Ordnung der christl. Gemeinschaft wiederherzustellen. Diskriminierende Bestattungsformen der Selbstmörderleichen lebten bis ins frühe 20. Jh. fort. So zäunte man in Bern und Umgebung Gräber mit einem niedrigen Eisengitter ein, um der weit verbreiteten Angst zu begegnen, der Selbstmörder könne als Wiedergänger aus seinem Grab steigen.

<b>Selbstmord</b><br>Die Leiche des Dominikaners Andrea Zamometic, der im November 1484 tot in Basel aufgefunden worden war, wird am 12. Januar 1485 hinausgeschleppt, damit sie, wie es damals üblich war, in ein Fass gepackt und in den Rhein geworfen werden konnte. Darstellung aus der "Luzerner Chronik" von  Diebold Schilling,  1513 (Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern, Sondersammlung, Eigentum Korporation Luzern).<BR/>Zamometic, Erzbischof von Krajina, hatte sich gegen Papst Sixtus IV. aufgelehnt, war exkommuniziert und mit kaiserlicher Zustimmung in Basel in Haft gesetzt worden (deshalb trägt er nur eine Dominikanerkutte). Vor der geplanten Auslieferung nach Rom fand man ihn im November 1484 erhängt in seiner Zelle.<BR/>
Die Leiche des Dominikaners Andrea Zamometic, der im November 1484 tot in Basel aufgefunden worden war, wird am 12. Januar 1485 hinausgeschleppt, damit sie, wie es damals üblich war, in ein Fass gepackt und in den Rhein geworfen werden konnte. Darstellung aus der "Luzerner Chronik" von Diebold Schilling, 1513 (Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern, Sondersammlung, Eigentum Korporation Luzern).
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Im 19. Jh. setzte sich im Kontext der sich ausbildenden modernen Psychiatrie das Verständnis von S. als Folge geistiger Krankheit durch. Die wissenschaftl. Erklärungsansätze brachten Suizid mit Alkoholismus, körperl. Erkrankung, Beziehungsproblemen oder Armut in Verbindung. Männer, unverheiratete Männer und Frauen sowie ältere Menschen wurden als besondere Risikogruppen betrachtet. Die Zunahme der Suizidraten wurde - u.a. von Emile Durkheim - als Folge der Modernisierung, Urbanisierung, Industrialisierung sowie Säkularisierung interpretiert. Für diese These spricht, dass zum Ende des 19. Jh. das hoch industrialisierte und urbane La Chaux-de-Fonds vor den ref. Zentren Lausanne, Genf, Zürich, Winterthur, Bern und Biel die Selbstmordstatistik anführte. Im 20. Jh. gipfelte die Medikalisierung des S.s in der Ausbildung einer eigenen wissenschaftl. Disziplin, der Suizidologie. In den seit dem ausgehenden 20. Jh. im Zusammenhang mit Sterbehilfe und Freitod geführten Debatten über die Art und den Zeitpunkt der Beendigung des eigenen Lebens spielt die Schweiz eine wichtige Rolle. Ein Bundesgerichtsurteil hielt 2006 fest, dass es ein Menschenrecht sei, über die Art und den Zeitpunkt des eigenen Ablebens zu entscheiden. Damit erhielt die Suizidhilfe, wie sie z.B. die Organisationen Exit (1982 gegr.) und Dignitas (1998 gegr.) leisten, eine rechtl. Grundlage. Diese beschaffen eine tödl. Substanz, welche der Suizidwillige ohne Fremdeinwirkung einnimmt. Im Kt. Waadt akzeptierte das Stimmvolk 2012 den Gegenvorschlag der Regierung zu einer Initiative von Exit über den begleiteten Suizid in Alters- und Pflegeheimen. Der Kanton erhielt daraufhin als erster der Schweiz ein Sterbehilfegesetz.

Erst seit einigen Jahren befassen sich Kultur-, Medizin- und Rechtshistoriker sowie Vertreter der hist. Anthropologie mit der Geschichte des S.s, wobei der Forschungsschwerpunkt bis anhin auf der frühen Neuzeit liegt. Zahlenmaterial über die S.e in der Schweiz liegt seit dem Einsetzen der Todesursachenstatistik 1876 vor. Seit diesem Zeitpunkt ist auch eine vergleichende Perspektive möglich, welche den Schluss zulässt, dass die Schweiz konstant eine der höchsten Selbstmordraten der Welt aufweist - die karge Forschungslage für die Schweiz ist angesichts dieses Umstands erstaunlich.

Die hist. Forschung in der Schweiz geht v.a. den Ursachen nach, weshalb die Selbstmordraten von Stadt und Land, aber auch von kath. und ref. Gebieten unterschiedlich ausfallen. Hohe Selbstmordraten sowie eine prominente gesellschaftl. Diskussion des Phänomens lassen sich in der Vormoderne v.a. in den ref. Städten Genf und Zürich beobachten. Als Erklärung führen Historiker an, dass säkulare Prozesse, die durch die Reformation ausgelöst wurden - etwa die Einsetzung einer höchsten, allmächtigen Autorität, die Stärkung des Gewissens, die Zähmung der Gefühle oder die Abwertung übernatürl. Erklärungen -, das Denken und Fühlen der betroffenen Bevölkerung prägten.


Literatur
– E. Waldstein, Der S. in der Schweiz, 1934
– A. Schnegg, «Justice et suicide sous l'Ancien Régime», in MN 69, 1982, 73-94
– M. Schär, Seelennöte der Untertanen, 1985
HRG 4, 1616-1619
– M. Porret, «"Je ne suis déjà plus de ce monde": le suicide des vieillards à Genève aux XVIIe et XVIIIe siècles», in Le poids des ans, hg. von G. Heller, 1994, 67-94
HistStat
– V. Ajdacic-Gross, Suizid, sozialer Wandel und die Gegenwart der Zukunft, 1999
– J.R. Watt, Choosing Death: Suicide and Calvinism in Early Modern Geneva, 2001
– A. Steinbrecher, Verrückte Welten: Wahnsinn und Gesellschaft im barocken Zürich, 2006
– F. Botti, L'eutanasia in Svizzera, 2007
– B. Tag, Sterbehilfe in Deutschland und in der Schweiz, 2008
– P. Zihlmann-Märki, "Gott gebe das wir das Liebe Engelein mit Freüden wieder sehen Mögen": eine kulturgeschichtl. Untersuchung des Todes in Basel, 1750-1850, 2010
– M. Canevascini, Le suicide comme langage de l'oppression, Diss. Lausanne, 2012

Autorin/Autor: Aline Steinbrecher