Bräuche

B. bezeichnen auf überindividuellen Handlungsnormen beruhende Verhaltensweisen mit symbol. Charakter, die für Gruppen und Gemeinschaften bedeutsam sind. Brauchmässiges Verhalten zeichnet sich aus durch Regelmässigkeit, Traditionsbezug, begrenzte und wiederkehrende Handlungsabläufe in je gegebenen Situationen. B. funktionieren als formalisierte Verhaltensregelmässigkeiten, indem sie ausgewählte Teile des Alltagslebens einerseits instrumentell regulieren, anderseits Gruppen- und Gemeinschaftsordnungen zeichenhaft repräsentieren. Als Verhaltenscodes stehen sie in Handlungssystemen und Ordnungen ihrer Trägergruppen. Im Sinn seiner Bezugsgruppe ausgeübt, kann ein Brauch durchaus auch Handlung eines Einzelnen sein.

1 - Bräuche, Sitten und Gewohnheitsrecht

Besondere Merkzeichen der B. lassen sich im Vergleich mit anderen Handlungsmustern, z.B. Sitte oder Gewohnheitsrecht, ausmachen. Sitte und B. unterliegen, wenn sie nicht beachtet werden, unterschiedl. Sanktionen. Traditionellerweise regelt die Sitte, gleichsam als moral. Instanz, die Beziehungen zwischen den Geschlechtern sowie viele Umgangsformen zwischen den Mitgliedern von Familie, Verwandtschaft und Nachbarschaft. Vorstellungen über Anstand und Kleidung leitet sie ebenfalls und überwacht öffentl. Empfinden und öffentl. Moral. Sie fordert z.B. Hilfsbereitschaft bei Verunfallten, Unterstützung von nahen Verwandten, ein Minimum an sozialem Empfinden sowie Respekt im Umgang mit Religiösem und Heiligem.

Als "unumstössl. Selbstverständlichkeit" unterliegt die Sitte der sozialen Kontrolle stärker als der Brauch. Gegenüber dem Recht, welches seine Gebote und Verbote durch staatl. Instanzen erlässt und Verletzungen bestraft, beruft sich Sitte bei Sanktionen im Namen aller anonym auf die jeweilige öffentl. Meinung. Verletzt man die Sitte (z.B. Grabschändung, Tiermisshandlung, öffentl. Unzucht, Gotteslästerung), gehen die Sanktionen von offener Missbilligung bis zu Ächtung und Boykott. Anders ist es beim Brauch. Seine Nichteinhaltung (z.B. Geburtstagswünsche, Trinkgeld, Patengeschenke) wird minder sanktioniert oder übergangen.

In begriffl. Nähe zum Brauch steht der Ortsgebrauch. Sein Geltungsbereich ist im Obligationenrecht und im Zivilgesetzbuch festgehalten. Er berücksichtigt jenes gemeinschaftsorientierte Handeln, welches zwischen ortsüblichem Brauch und Recht anzusiedeln ist. Ergänzende Rechtsanerkennung finden hier bestimmte Erbregelungen, Unterhaltspflichten, Weg-, Wasser- und Nutzungsrechte, Kauf- und Tauschbestimmungen sowie weitere Usanzen, die etwa das Betreten von Wald und Weide, das Sammeln von wild wachsenden Früchten und Pilzen, Zinstermine, Haft- und Reuegeld usw. betreffen.

Gewohnheit wie Brauch schliessen Gewohnheitsmässiges ein, aber mit klaren Unterschieden. Zeitungslektüre im Zug, Mittagsschlaf oder Einschalten des Fernsehgeräts am Abend sind individuelle Gewohnheiten. Betriebsausflug, Frühjahrsputz, Grusserwiderung, Heiratsanzeigen, Krankenbesuche im Spital oder Beileidsbezeugung gehören zum Brauch. Mode (als mod. Verhalten) kontrastiert mit B. vielfältig. Wer mit der Mode geht, distanziert sich vom Gebräuchlich-Traditionellen, sucht das Neue und Andere, auch wenn (oder gerade weil) es kurzlebig ist. Symbol. Anteile kommen vermehrt ins Spiel: Mode drückt als Distinktionszeichen Distanz gegenüber bestimmten Gruppen aus, markiert aber gleichzeitig Zugehörigkeit zu anderen. Aus Moden können durchaus Traditionen werden: Lokale Trachten (oder Teile davon) lassen sich z.T. auf einstige oberschichtl. Modeschöpfungen zurückführen.

Spricht man heute von Brauchtum, sind wissenschaftliche und alltagssprachliche Verwendungen zu unterscheiden. Der Begriff "Brauchtum" gehört wissenschaftsgeschichtlich in den Kontext von im 19. Jh. gepflegten Mythologisierungen, Reliktforschungen und Ursprungstheorien. Anders die Alltagssprache: Sie versteht darunter die bewusste Pflege von B.n und Traditionen, einschliesslich ihrer vielfältigen Nutzung für neue Zwecke in der Gesellschaft der Gegenwart.

Autorin/Autor: Ueli Gyr

2 - Forschung

Bei der Aufgabe, volkskulturelle Handlungsnormen zu erfassen, verwendet die Brauchforschung diverse Verfahren. Ein solches besteht z.B. darin, typ. Brauchelemente zu bestimmen. Darunter figurieren Feuer und Licht (Jahresfeuer, Herdfeuer, Kerzen), Wasser und Erde (Wasserguss, Bäder, Taufe, Heimaterde), Lärm und Musik (Charivari, Schiessen, Läuten der Glocken, Krach, Lieder, Instrumentalmusik), Raum, Zeit und Zahl (Brauchorte, Jahres- und Lebenszyklen). Brauchelemente werden, je nach Konzeption, einem "Alphabet" universaler Gestaltungsformen zugeordnet oder in sozio-hist. Kontexten gedeutet.

Unter den typ. Brauchformen interessieren stilisierte Abläufe und Bewegungen (Umzüge, Tanz, Berühren, Schlagen), Wettkampf und Schauspiel (Kräftemessen, theatral. Inszenierung, Spiele), Mimik und Maskierung, Heischen und Bescheren, Essen und Trinken (Ess- und Trinksitten). Auch der Umgang mit allerlei Brauchrequisiten, Kultgeräten, Farben und sinnlich ansprechenden Symbolen (Fahnen, Bilder, Kleider, Masken, Wagen, Tragaltäre, Rechtszeichen) prägt das häufig dramaturgisch inszenierte Geschehen, etwa bei Festumzügen. Eine weitere Analyse zielt auf Gestaltungsprinzipien, um diese als Sinn gebende Modi einer "Sprache der B." auszulegen bzw. einer "Grammatik der B." zuzuordnen. Das archaische Prinzip, das Prinzip der Wiederholung und das Prinzip der Stilisierung (Ästhetik, Zeremonialisierung) dienen dieser Betrachtung. Sie lassen sich erweitern um das Prinzip der Auflockerung (Innovationen), der Parodie und Verulkung (spasshafte Interaktionen, "verkehrte Welt"), schliesslich um jenes der Technisierung und Kommerzialisierung (Werbung, Medien, Tourismus).

Die ältere Forschung wandte sich vorzugsweise den Erscheinungsformen von B.n zu. Sie verortete sie zumeist als Übergangsriten, für die Arnold van Gennep 1909 ein viel beachtetes Klassifikationsschema entwickelt hatte. Er fasste traditionell geprägtes Leben als eine Folge von Übergängen von einem Zustand in den anderen auf (räumlich, zeitlich, sozial), wobei alle wichtigen Ereignisse im Jahreslauf wie im Lebenslauf symbolisch markiert werden. B. übernehmen hier eine zentrale Identifikations- und Orientierungsfunktion, indem sie den Einzelnen wie die Gruppe (oder ganze Gemeinschaften) durchs Leben "begleiten" bzw. durch standardisierte Handlungsmuster kulturell entlasten. Solche Übergänge verlaufen nicht brüsk, sondern in bestimmten Phasen.

Zahlreiche Einzelabhandlungen und Monografien werden unter den Titeln "Jahreslauf" und "Lebenslauf" zusammengefasst. Einen Überblick legte Eduard Hoffmann-Krayer 1913 vor. Damit erfuhr die Schweizer Brauchlandschaft nicht nur eine umfassende Dokumentation, sondern erstmals auch eine Systematik. Sie ermöglichte die einfache Zuordnung von B.n in Lebenslauf und Lebenszyklus (Geburt, Taufe, Kommunion, Konfirmation, Verlobung, Hochzeit, Tod und Bestattung), von nicht-kalendar. Festen und B.n (in Lokalgesellschaften und Rechtspraxis, im Berufs- und Vereinsleben, bei Gedenkfeiern) sowie von kalendarisch fixierten Volksbräuchen im Jahreslauf.

Über Beschreibung und Dokumentation hinaus kommt die Brauchforschung dort, wo sie funktional verfährt. Hier werden B. über theoret. Konzepte angegangen, nach Zeichenhaftigkeit, sozialer Bedeutung und Prozesshaftigkeit befragt. Ausgangspunkt sind nicht mehr die Brauchstoffe und -elemente, sondern die Brauchträger/-innen in konkreter Handlungsgestaltung und -ausübung. Sie stammen aus ländl. Lebenswelten und Regionen, gehören städt.-bürgerl. Schichten an oder vertreten geschlechts-, alters- und interessenspezif. Gruppen, in Vergangenheit oder Gegenwart. Kollektive Äusserungen wie Repräsentation von Identität, Regelung von Interaktionen, Herstellen sozialer Balance, Kontrolle und Stabilisierung von Hierarchien, Kanalisierung von Protesten und Forderungen werden funktional ebenso wichtig wie die Überschreitung bestehender Normen. Es resultieren daraus sog. Ventilsitten (Essen, Trinken und Sexualität) oder die Übertretung von Gesetzen, z.B. bei der Ausübung von "Volksjustiz". Wie umfassend die Modellierung durch alltäglich und festlich erhöhte B. und Feiern ist, lässt sich an überlieferten Strukturen ebenso ablesen wie an neueren Entwicklungen. Geburt, Taufe, Kommunion, Konfirmation, Hochzeit oder Tod waren als curriculare Ereignisse in familiäre und dörfl. Lebensgemeinschaften weitaus stärker eingebunden als heute. Der B. prägende Einfluss der Kirche war erheblich, ungeachtet der Unterstellung von Geburt, Eheschliessung (Ehe) und Bestattung unter staatl. Aufsicht nach Zivilrecht.

Autorin/Autor: Ueli Gyr

3 - Bräuche im Jahreslauf

Die traditionellen Gruppen der jungen Ledigen, früher in Knabenschaften und Knabenvereinen zusammengefasst, vermochten sich in dieser Form nicht zu halten. An ihre Stelle traten andere Jugendgruppen und -vereinigungen, die die Zeit zwischen Pubertät und Erwachsenenstatus auf jeweils ihre Art zu bewältigen versuchten. Die Konfirmation als Feier kirchl. Mündigkeit hat sich inzwischen mehr zu einem "Geschenktag" entwickelt, und auch das als Reifeprobe beliebte Welschlandjahr (Sprachaufenthalt) für junge Deutschschweizerinnen hat an Attraktivität verloren. Die Hochzeitsfeier, nach wie vor ein symbolbesetzter Passageritus, verlagert sich zunehmend in den Bereich privater Usanzen. Sterben und die den Tod umgebenden Brauchpraktiken (Totenwache, Trauergeleit, Bestattungszeremonie, Leichenmahl, Trauerzeit, Totenmessen, Gedenktage) waren Ereignisse der Öffentlichkeit, während sich beim heutigen Sterben andere und privatere Formen etablieren.

Demgegenüber zeigen die B. im Jahreslauf mit all seinen Festen, Gedenkfeiern, Kirchweihen und Gelegenheitsanlässen mehr Resistenz, und es entwickelt sich hier auch mehr Raum für Innovationen. Saisonal wiederkehrende Ereignisse, Kirchenfeste, nationale, regionale und lokale Anlässe strukturieren eine vielfältige Brauchlandschaft. Diese gibt sich allgemein traditionell-konservativ, obgleich oft mit neuen Formen ausgestattet. Aufs Ganze gesehen nimmt sich die Brauchzeit im Winterhalbjahr intensiver aus, wo Festtage und gesellige Zusammenschlüsse sich häufen. Der Mittwinterzyklus kündigt sich mit lokalen Lichter- und Lärmbräuchen sowie mit Heischezügen an. Die Figur des St. Nikolaus hat sich säkularisiert. Sie ist ausser für erzieher. Zwecke längst auch für karitative und medienmässige Bedürfnisse verfügbar. Weihnachten als Tag der Bescherung ist erst unter luth. Einfluss entstanden, geschmückte Christbäume und Geschenke haben sich brauchmässig im Laufe des 19. Jh. durchgesetzt. Weihnachten gilt nach wie vor als familiäres Fest par excellence. Neue Akzente bringen der weihnächtl. Festtagstourismus als "Fluchtmodell", Silvester am Bildschirm sowie die öffentlich begangenen Neujahrsfeiern in den Städten.

Fasnacht und Fasnachtsbräuche beginnen -- nach süddt. Vorbild und Auftakt am Martinstag (11. November) -- in kath. Gebieten am Dreikönigstag (6. Januar) und enden am Aschermittwoch. Sie kennen Höhepunkte in der Innerschweiz (besonders in der Stadt Luzern) und im Tessin (Bellinzona) sowie überregionale Ausstrahlung in Basel. Anfang des 21. Jh. fasste die Fasnacht auch in Bern, Zürich und Genf Fuss, wo sie im Zuge der Reformation verboten worden war. Manche Silvester- und Fasnachtsbräuche mit ihren Lizenzen zur legalen Anarchie haben Ventilfunktion, sind gewissermassen legale Exzesse.

Die grossen Feste des Kirchenjahrs prägen den Frühlings- und beginnenden Sommerzyklus, oft durchsetzt von paraliturg. B.n. Im Osterkreis (Ostern) vermischen sich viele Brauchmotive, von Fasten- und Palmsonntagsbräuchen und Passionsandachten über Gründonnerstags- und Karfreitagsprozessionen (Mendrisio) bis hin zu den Osterspenden, die in Reliktform noch im Lötschental üblich sind. Osterbräuche um Eier und Osterhase sind als bürgerl. Erziehungsmittel entstanden, mit Teilelementen aus der "niederen Mythologie". Vor 1940 war der Osterhase in der Schweiz noch nicht überall verbreitet. Wettläufe in Verbindung mit Eierauflesen (Aargau, Westschweiz) und Ostereiermärkte in einzelnen Städten sind ebenfalls jüngeren Datums.

Während einstiges Maisingen (Westschweiz, Tessin), Maibäume und vermummte Maifiguren ("Maibär" in Bad Ragaz, le feuillu in der Genfer Landschaft) fast verschwunden sind, belebt sich die jährl. Traditionsausübung an Auffahrt (Bittprozessionen, Bannumritte, Banntage) und im Pfingstkreis mit Fronleichnam wieder. In Freiburg, wo man Fronleichnam (La Fête-Dieu) als Stadtfest begeht, im Lötschental, wo die Herrgottsgrenadiere aufmarschieren, oder in Appenzell und Düdingen, wo Trachtenfrauen die Prozession szenisch beherrschen, findet dies vermehrt vor tourist. Kulisse statt. Ähnliches gilt für ausgewählte Arbeits- und Festbräuche in einer rückläufigen alpinen Kultur, mit traditioneller Alpfahrt, Kuhkämpfen im Wallis, Alpsegen, Alp- und Schäferfesten (Gemmipass), Sennenchilbi und zeremonieller Alpabfahrt (Senn).

Teils mit festen, teils mit variablen Terminen schliessen Kinder- und Jugendfeste (Murten, Burgdorf, Zofingen, St. Gallen) und die im Sommer beliebten Gemeinde-, Quartier- und Seenachtsfeste an. Dass die Gedenkfeiern, welche jährlich an die grossen Schlachten erinnern (Näfels, Stoss, Murten, Sempach, Dornach), mehrheitlich in diese Zeit fallen, hat mit dem Datum des hist. Ereignisses zu tun (Schlachtjahrzeiten); andere folgen später (Morgarten- und Rütlischiessen, Escalade in Genf). Eine eigene Kategorie von Festbräuchen bilden die eidg. und kant. Feste grosser Vereine, allen voran der Schützen (Schützenwesen), Turner (Turnbewegung), Hornusser, Schwinger (Nationalspiele der Schweiz), Sänger und Blasmusiken (Musikvereine). Ihre Stützkraft zugunsten einer traditionell ausgerichteten nationalen Festkultur wirkt ungebrochen, ebenso wie jene der Bundesfeier. Ein modernes Element zeichnet sich mit der Zürcher Street Parade ab, mit der sich die Technobewegung seit 1992 ihr eigenes Jahresfest gibt.

Autorin/Autor: Ueli Gyr

4 - Bedeutungswandel der Bräuche

Die Ausformung von B.n prägt nicht allein die Festkultur, sondern auch Ausschnitte von Alltagsleben und Berufswelt. Die bäuerliche und alpine Brauchkultur hat seit dem 2. Weltkrieg viel an Vitalität verloren, was mit dem sozialen Wandel und dem strukturellen Rückgang des Bauernstandes zusammenhängt. Traditionelle Brauchgestaltung rund um Dienstbotentermine und Viehmärkte, aber auch symbol. Akte bei Hausbau (Aufrichte) und bei einzelnen Handwerkszweigen (Zünfte) verlieren sich zunehmend, Neues kommt aber dazu. Im Gegensatz zum durch die Industrialisierung veränderten "Volksleben" ist der Brauchaspekt in der modernen Arbeitswelt wenig erforscht. B. haben sich aber ebenfalls in Unternehmens- und Bürokultur herausgebildet, auch sie mit rituell wiederkehrenden Elementen (Betriebsausflüge, Betriebsfeste, Weihnachtsessen, Geburtstage, Beförderung, Jubiläen, Pensionierung usw.).

Bestrebungen, alte B. durch gezielte Pflege vor dem Untergang zu retten, setzten im ausgehenden 18. Jh. ein. Die Alphirtenfeste in Unspunnen (1805, 1808) mit Steinstossen, Schwingen, Alphorn und Jodel belegen eine solche frühtourist. Folklorisierung exemplarisch (Tourismus). Brauchpflege wurde später von organisierten Vereinigungen betrieben, so vom Schweizer Heimatschutz, der sich von 1906 an auch für Trachtenerhaltung und Brauchbelebung einsetzte. Eine solche strahlte auch von der Geistigen Landesverteidigung vor dem 2. Weltkrieg aus, während sich das als Abteilung des Schweiz. Bauernverbandes 1930 gegr. Schweizer Heimatwerk der Verbreitung regionaler Gebrauchs- und Brauchkunst annahm.

Die Brauchgeschichte verweist vielerorts auf Phasen von Verrohung und Auswüchsen. Nicht wenige B. wurden durch Verbote bekämpft oder stillgelegt, um später in "domestizierter" Form wieder aufzutauchen. Folklore im Sinne des Folklorismus -- unter diesem Begriff werden die neu belebten bzw. ausserhalb früherer Sinnzusammenhänge funktionierenden, publikumswirksamen Unterhaltungsbräuche zusammengefasst -- dient vielen Funktionen. Dabei erweisen sich Folklorisierung und Modernisierung, wechselseitig aufeinander bezogen, als aufschlussreiche Prozesse. Sie eröffnen therapeutisch-symbolbesetzte Fluchtwege in eine neu aufbereitete Vergangenheit und bilden gleichzeitig Elemente moderner Lebensstile.

Starke Gestaltungsimpulse und Verbreitungshilfe empfingen die "neuen" B. in den letzten Jahrzehnten durch Tourismus, Massenmedien und Werbung, letztere oft mit Folklore spielend. Sie belegen, dass B. wandelbar sind und ihr Wesen mithilfe der Kriterien "echt" und "ursprünglich" nicht adäquat erschliessbar ist. Viele B. haben überhaupt nur dank künstl. Revitalisierung überlebt. Einzelne Lokalanlässe entwickelten sich auf diese Weise zu Grossveranstaltungen, z.B. das Pferderennen in Saignelégier, die Winzerfeste in Vevey (Fête des Vignerons), Neuenburg und im Tessin, das Klausjagen in Küssnacht (SZ), die Räbechilbi in Richterswil und der Zibelemärit in Bern.

Während sich brauchgeprägtes Handeln an den wichtigen Wendepunkten und Übergängen im Lebenslauf und in der Arbeitswelt in der Tendenz eher individualisiert und privatisiert, nimmt die Bedeutung von Jahresbräuchen (besonders Festbräuchen) im öffentl. Gesellschaftsleben zu. Die Verwaltung und Nutzung von B.n liegt heute zunehmend in der Hand von Vereinen, Medien, Tourismusorganisationen, Museen, Schulen, öffentl. Transportunternehmen (SBB, Schiffsbetriebe) sowie weiteren daran interessierten Kreisen (Gastronomie, Souvenirmarkt, Ethnodesign, Kunsthandwerk und polit. Parteien). Für einzelne B. der Gegenwart typisch scheint die Verjüngung der Trägergruppen: Die Brauchausübung erfolgt in einer Art "Miniausgabe" auch durch Kinder (Kinderumzüge, Schnabel-Geissen in Ottenbach, Maibär in Bad Ragaz, Silvesterkläuse in Urnäsch).

Die für die Erforschung von B.n zuständige Wissenschaft, die Volkskunde, sieht ihre Aufgabe u.a. darin, traditionelle und moderne Formen und Funktionen gleicherweise zu erfassen und jeweilige Bedeutungen kontextual zu bestimmen. Besonders interessant wird dabei das komplexe Zusammenspiel von Archaik und Moderne, wo sich neue Formen mit alten Substanzen vermischen und innovatorisch wirken. Für viele Festbräuche existiert ein spezifisch helvet. Brauchfundament mit eigenen Merkmalen: Alpenmythos (Hirtenvolk), demokrat. Tradition und Wehrhaftigkeit liefern Strukturpläne, die einen Grossteil der schweiz. Volksbräuche durchdringen.

Autorin/Autor: Ueli Gyr

Quellen und Literatur

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