12/10/2011 | Rückmeldung | PDF | drucken | 

Nationalpark

Schweiz. Naturreservat im Unterengadin mit einer Fläche von 172 km2. Der im 18. Jh. aufkommende Mythos der Alpen führte im 19. Jh. einerseits zu Belastungen und teilweiser Zerstörung der Landschaft, andererseits zu einem Verständnis für den Naturschutz. Die überbordende Bautätigkeit um 1900 liess die Naturschützer Alarm schlagen. 1907 ersuchte die Genfer Société de physique et d'histoire naturelle den Bundesrat, u.a. Naturschutzgebiete in den Alpen auszuscheiden. Gleichzeitig lancierte die Schweiz. Naturforschende Gesellschaft (SNG) unter ihrem Basler Präs. Fritz Sarasin das Projekt eines N.s. Für das Reservat sollten strenge Schutzvorschriften gelten und Erholungs- und Vergnügungsfunktionen für das Publikum ausgeschlossen werden (im Gegensatz zum N.-System in den USA). Die SNG schloss 1909 den ersten Pachtvertrag mit der Gem. Zernez für das Val Cluozza ab, und zur Bezahlung der Pacht und weiterer Kosten wurde im gleichen Jahr der Schweiz. Bund für Naturschutz (seit 1997 Pro Natura) gegründet. Laut Beschluss vom 1.8.1914 oblag dem Bund ein Teil der Verantwortung. Er erhielt ferner die Ermächtigung, Pachtverträge abzuschliessen und für die Pachtsumme aufzukommen. Erster Oberaufseher des N.s wurde 1914 Steivan Brunies. Im Reservat schützt man die Tier- und Pflanzenwelt vor jedem menschl. Einfluss und die Veränderungen werden wissenschaftlich beobachtet. 1961-2000 veränderte sich die Grösse des N.s nicht mehr. Eine privatrechtl. Stiftung in Zernez baute 1968 ein N.-Haus als Informationszentrum, das 2008 durch das neue Nationalparkzentrum ersetzt wurde. 1981 übertrug das Parlament die Trägerschaft einer öffentl.-rechtl. Stiftung unter der Aufsicht der eidg. Nationalparkkommission. Im Gegensatz zur Gründungszeit führten der Verkehr auf der Ofenpassstrasse und die Spöl-Wasserkraftwerke zu neuen Beeinträchtigungen der Landschaft. Nicht zuletzt deswegen verfolgten die N.-Behörden 1996-2000 den Plan, ein grösseres Gebiet um den N. als teilgeschützte Umgebungszone zu bestimmen und einzelne wertvolle Landschaften in die Kernzone zu integrieren. Nachdem die Stammgem. Zernez die vorgesehene Umgebungszone aber abgelehnt hatte, wurden die Erweiterungspläne nicht weiter verfolgt. Einzig die Seenhochgebirgslandschaft von Macun (Gem. Lavin) wurde 2000 in den N. integriert. Auf Initiative der Pro Natura entstanden ab 2000 Projekte für regionale Naturpärke, wovon zwei, Locarnese/Vallemaggia (2002) und Parc Adula (2003) die Planung eines Ns. vorsehen.


Literatur
– S. Brunies, Der Schweiz. N., 1914
– D. Burckhardt, «Die Wiege des Naturschutzes stand in Basel», in Verh. der Naturforschenden Ges. in Basel, 1992, 5-45
– D. Lab, Les arguments de création de Parc national suisse (1914) par les mouvements de protection de l'environnement [...], Master Genf, 2006

Autorin/Autor: Martin Bundi